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Bergamt aufgegangen. Das Hauptgeleite, dessen das Album noch erwähnt, besteht schon seit 36 Jahren nicht mehr. (Die eben da vorkommenden Scheffel Aussaat sind nicht etwa Dresdener, sondern alte Oelsnitzer und somit grösere Scheffel. Und zum Ende des Artikels bemerken wir auch sogleich, das der Swantewith nur auf einer Vermuthung des Concipienten beruhet).

Die Höhe, welche das Schloss krönt, haben sonst doppelte Gräben von dem nordwärts noch höher ansteigenden Gebirge gesondert. Den südlichen Fuss netzt das von Hartmannsgrün kommende Bächlein. Dem Thurme giebt das Album ein zu hohes Alter; diese Art runder, röhrenförmiger, unten eingangloser, überaus dickwandiger Thürme (denn hier ist die Mauer 6 Ellen stark), als Verliess und Warte benutzt, gehört dem 12. und 13. Jahrhundert an.

Der deutlich genug seine Bedeutung aussprechende Name der Burg ist dennoch von einigen ältern Schriftstellern sehr falsch ausgelegt worden: bald als Wogastsberg, bald als Boxberg. In letzterer Beziehung berief man sich auf die Herren v. Boxburg, welchen die Wunsiedler Pflege oder das „Böckler Land“ gehört hat. Man weis aus deren Geschichte, dass die drei lüderlichen Brüder Eberhard, Heinrich und Ludwig 1320 oder 1321 Wunsiedel an ihren Landesfürsten, den brandenburgischen Markgrafen Friedrich, verkaufen mussten. Vermöge des Friedens vom J. 1547 blieb Wunsiedel zwar dem Fürsten Heinrich V. v. Plauen, fiel ihm aber überredet vom frühern Amtshauptmann Johann Ochs, sehr bald ab, und musste daher zum zweiten Male erobert werden. 1556 übernahm es der Kaiser selbst, überliess es aber 1557 dem Markgrafen Georg Friedrich.

Eine völlig grundlose Sage machte ehedem den Claudius Drusus Nero, Sohn des Tiberius Nero, und der Livia Drusilla, also Stiefsohn des K. Augustus, zum Erbauer Voigtsbergs, weil er nämlich irgendwo als „Advocatus“ vorkommt, was man mit „Voigt“ für identisch nahm. Wie aber schon letzteres höchst problematisch, so ist das vom tapfern Drusus angeführte Heer des Kaisers Tiberius nie über die Saale herüber gekommen; somit konnte Drusus nicht Voigtsberg bauen, das auch wirklich keine Spur eines römischen Bauwerks zeigt. Peccenstein, der so viele geschichtliche Irrthümer verbreitete, wollte sogar das Jahr der Erbauung – 21 n. Chr. – wissen, und vor dem Eingange der „Fürstenstube“ fand man sonst an der Wand die ziemlich alte lateinische und die jüngere Inschrift:

Castra locans Drusu hic praetorie nomina monti Fecit. Posteritas servat et illa sibi.

Drusus, der edle römisch Voigt,
Erbauet diesen Berg in Noth,
Da er Krieges in Teutschland pflag,
Voigtsherg heist er noch diesen Tag,
Darnach ward auch von ihm genannt
Diese Gegend, und heisst Voigtland.

Infolge dieses Irrthums hat man Voigtsberg lateinisch Mons Drusi, sonst aber Mons Praefe[c]ti, Mons Advocatorum, Castrum Alisonis (d. h. Elsterburg) genannt. Nicht völlig so albern, wohl aber eben so irrig nahm Dresser an, die Römer hätten um das Jahr 300 Advocados, Vögte, hierhergesetzt. Andere nahmen es für jene Wogastiburg, wo die Slawen um das Jahr 930 den Franken eine arge Schlappe beibrachten. 1272 erscheint Voigtsberg unter dem Namen Fautzburg; denn statt Voigt schrieb man auch Faut, wie man hier und da einen Bettelvoigt noch jetzt den Feht nennt. Ist dies aber die erste Nennung der Burg, so ist doch ein Vorkommen derselben viel älter; denn K. Philipp von Schwaben datirte 1199 eine Urkunde „apud Olsniz“, worunter Voigtsberg eben so gemeint ist, wie unter „apud Altenburg“, das Schloss Pleisen. Albinus giebt an: in dortiger Gegend sei es überhaupt gewöhnlich gewesen, die Burgcommandanten Vögte zu nennen, und Planer hält die hiesigen Vögte für die Erbherren dieser Lande. Dies ist jedoch, sobald wir der Ebersteiner Grafen gedenken, unrichtig, man müsste denn in beiderlei Herren (mit Einschluss der Säcke von Gatzenhof) die Linien eines Geschlechtes erkennen wollen, weshalb denn auch die Voigtsberger Vögte das Ebersteiner Geschlecht beerbt hätten. Von letzterer Annahme sind dagegen diejenigen weit entfernt, die – Albert Kranz an der Spitze – Reuss für den Familiennamen halten. der vom Namen der Stadt Greiz herkomme, die anfangs Ruzze, Russe geheissen habe. Man sieht jedoch unerinnert, dass dann die Heinriche nicht würden „Reuss“ oder „der Reusse“ genannt, sondern „von Reuss“ heissen, was doch nie und nirgends im Mittelalter der Fall gewesen.

Das frühere Amt Voigtsberg, eines der grössten im Lande, kam im allgemeinen überein mit den nunmehrigen vier Gerichtsamtsbezirken Oelsnitz, Schöneck, Markneukirchen und Adorf. Es war aber auch hinsichtlich der Zahl seiner unmittelbar-königlichen Unterthanen sehr bedeutend, indem es nicht nur in seinen eignen fast zahllosen Erbgerichts-Ortstheilen, sondern auch über sehr viele Patrimonialgerichts-Unterthanen die Obergerichte übte. Wenn hierüber viele Bücher das Nähere besagen, so erscheint dagegen es nicht überflüssig, des Amtes Stärke im Jahre 1588 aus dem damaligen Aemterverzeichniss anzugeben. Es enthält die eben genannten 4 Städte, 62 Dörfer und Dorftheile mit 1571 Angesessenen, 44 Ritter- und 3 Lehnpferde, das Kammergut Voigtsberg, 4 Teiche und viel wilde Fischerei, starke Waldungen nebst dem Nutzen von der Holzflösse nach Halle (Leipzigs wird hierbei nicht gedacht,) 100 m. fl. Pacht für das Geleite, 7 für die Bretmühle, 620 Dresdener Scheffel Zinsgetreides oder 388 alte Oelsnitzer Scheffel. Damals hatten die Amtsunterthanen nur 118, im 18ten Jahrhundert hingegen 2491/6 Hufen, ohne die 231/6 der Stadt Oelsnitz. In den Amtswäldern gewann man 1818 an Pech 2321/5 Ctr. – 1821 unterlagen dem Amte 15 Dörfer und 42 Dorftheile mit 6953 Consumenten. Einbezirkt waren überdiess 4 Städte, 44 Rittergüter, 27 Wald-, Lehn-‚ Hammer- u. a. Freigüter. Die beiden Amtslandrichter bewohnten damals Voigtsberg und Adorf. – Alles eigentlich Geographische, sowie die Ressort-, Gränz-, Gewerks- u. a. Verhältnisse, die Nachrichten über Perlmuschelhägung, Instrumenten-Fertigung etc. wird man hier nicht suchen. Merkwürdig ist aber noch der Reichthum an Papiermühlen, deren für jede Quadratmeile des Amtes eine vorhanden ist. – Die Statsforsten im frühern Amtsbezirke betrugen 1850 20866 Acker oder 21/10 Quadratmeile. Der Bergbau wird zwar noch hier und da auf Eisenstein, Kupfer, Kobalt und Flösse (d. h. Basalt) getrieben; er ist aber gegen jenen des Mittelalters unbedeutend. Früher gewann man auch Zinn, und 1791 arbeiteten im ganzen Voigtlande auf 18 Gruben 119 Mann; da sie aber nur für 8663 Thlr. Mineralien ausbrachten, so betrug der Aufwand fast das doppelte des Gewinnes. – 1779 fanden sich hier erst 5439 Wohnparteien, 1858 dagegen in den heutigen 4 Amtsbezirken 47757 Seelen, woraus man auf die Fortschritte der Landwirthschaft schliessen möge; hierzu gehört wesentlich die geordnetere Wiesenwässerung, die zwar an sich seit Jahrhunderten schon im sächsischen Gebirge beliebt ist. Des Bodens Unterlage sind Thon und Glimmerschiefer, Granit und Gneus, Grünstein und die Grauwackenformation; in Amte Schöneck giebt es nur Thonschiefer, der auch 1/5 im Amte Markneukirchen, 2/3 im Amte Oelsnitz, sowie in dem meist hierher gehörigen Klingenthaler Bezirke, und fast 1/2 im Amte Adorf ausmacht. Im Klingenthalischen herrscht der Granit zu 2/9 im Adorfischen zu 1/5.

Unter den Amtshauptleuten (anfangs nur Amtleute genannt) finden wir auf Voigtsberg zuerst den Ritter Matthias Schlick v. Lazan zu Elnbogen, Sohn eines Adorfer Erbrichters, später Nachfolger seines Bruders Kasper als Elnbogner Burggraf, als jener Oberstcanzler zu Prag geworden. Beide gelangten in den Herrenstand, und begründeten das später so illustre Geschlecht der Schlicke, Grafen zu Passaun (d. h. Bassano) und Weisskirchen, der Besitzer vieler Herrschaften im westlichen Theile Böhmens. Ferner Konrad von Techau, welcher jedoch wohl eher ein Tettau war. Dann Heinrich Reuss auf Greitz, der jedoch hier einen „Untervoigt“ (den Hanns von Weischlitz) besoldete. Es folgten Hanns v. Obernitz, Hanns v. Wolffersdorf, und 1465 Konrad Metzsch auf Mylau, welcher dann als Rath zum König von Ungarn ging. Nun folgte Hermann v. Weissenbach auf Schönfels, zuvor Amtshauptmann zu Schellenberg und kurfürstlicher Rath, jüngster Sohn des Otto v. W. auf Weissbach und Schönfels, Vater des ersten Erb-Reichsritter in diesem Geschlechte, Otto genannt, des Altenburgischen Amtshauptmanns Wolf auf Altschönfels und des erst 1550 gestorbenen Ritters Hanns auf Crimmitzschau und Thurm: demnach dreier damals berühmter Männer, welche wahrscheinlich im Schlosse Voigtsberg geboren worden. Dann folgte Thimo v. Hermannsgrün auf Thosfell, der Freiher Friedrich v. Reitzenstein auf Blankenberg an der Saale (einem bis 1815 sächsisch gewesenen Gute, endlich als letzter von denen, welche hier (d. h. nicht in Plauen) residirten, Markward von Tettau, dessen nächste Amtsfolger Georg v. d. Planitz, seit 1546 Wolf von Gräfendorf und seit 1551 Jobst v. Zedtwitz gewesen sind. Als Amtsschösser aber (d. h. Justiz-, Verwaltungs- und Rentbeamte) waren hier: zu Metzsches Zeiten der reisige Knecht Hanns Klebsattel, 1527 und 1542 Leonhard Engelschall, 1550 Hanns Postel, 1567 Sebastian Fischer, dann Hanns Zürner, 1625 Thomas Schmidt, bis 1660 Johann Flessa v. Seilbitz (d. h. Fleissen von Selbitz in Bayern) Besitzer von Raschau, und Johann Riedel. Die Reihe der prädicirten Amtleute aber eröffnete Heinrich Gentzsch auf Magwitz und Freiberg.

Die hohe und mittle Jagd hatte im 17. Jahrhundert das Amt der Stadt Oelsnitz gegen die Hälfte der zu erlegenden Hirsche und Rehe, und gegen ein Viertel der Bären und Schweine überlassen.

Selbstverständlich war die Herrschaft Voigtsberg viel kleiner, als das nachmahlige Amt, dem immer mehr kleinere Herrschaften und schriftsässige Güter einbezirkt wurden. Sie kam 1383 bei der Wettinischen Erbtheilung ausschliesslich an Wilhelm den Einäugigen.

Bis 1447 hatte sie später der schon erwähnte Amtshauptmann Schlick von Lasan gegen 3415 rhgfl. (7700) Thlr. im Pfandbesitze.

Die v. Voigtsberg darf man nicht für die Besitzer, sondern nur für die Erbcastellane der Burg halten; so 1302 den Ritter Eberhard v. Voitisberg mit seinen Brüdern Ludwig und Heinrich.

Das Wappen der Herrschaft, ein 3seitiger Schild, zeigte den deutsch-königlichen einköpfigen Adler.

Zur Besitzesgeschichte gehört noch jener Otto v. Bergaw – nach Jahn ein Lobdeburger, besser aber wohl ein Berk von der Duba (jetzt Böhmisch-Aicha genannt) – welcher Voigtsberg in oder doch bald nach der Zeit Heinrich’s des Langen besass, es aber (wie Jahn sich ausdrückt) an König Johann von Böhmen verkaufte, von welchem es dann an die Plauischen Vögte (sc. zurück) kam. Dieser Besitz war nämlich jedenfalls nur eine Verpfändung, und die Urkunde von 1327 sagt auch wirklich, früher sei Otto von Perkaw, jetzt aber Heinrich v. Plauen in die Pfändung eingetreten. Letzterer musste jedoch die Burg dem Konrad v. Milin (s. oben) zur Obhut anvertrauen, bis Böhmen und Meissen wegen der Hoheit über Voigtsberg sich würden verglichen haben. Bei dem (ihnen demnach wohl ungünstigen) Entschied beruhigten die Markgrafen sich nicht, und nun sprach die vögtische Dynastie 1347 kaiserliche Hilfe an. Gleichwohl hing, wie man aus dem Egerischen Vertrage ersieht, die Sache noch lang in der Schwebe bis endlich Herzog Albert 1482 Voigtsberg beim Böhmenkönig Wladislaw

Empfohlene Zitierweise:
Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen V. Section. Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins, Leipzig 1859, Seite 40. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_V.djvu/359&oldid=- (Version vom 7.1.2017)