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Die herrschaftliche Oeconomie ist längst schon in das Vorwerk Obermylau verlegt, dessen grosse schöne Gebäude auf dem hohen Platteau nächst der Eisenbahn die Gegend sehr zieren.

Dabei befindet sich ein Dörfchen mit 17 Häusern und hier wohnt der Gutsherr.

Zubehör des Ritterguts sind noch Schönbrunn, ein Drittel von Waldkirchen, diejenige Hälfte von Schneidenbach, über welche sonst das Ordensgericht zu Reichenbach die freiwillige Gerichtsbarkeit übte, die kleinere Hälfte von Rotzschau, 5 Nummern in Lambzig, 2 in Ober- und 3 in Unterheinsdorf. Der 1737 gestorbene Christian Ludwig E. v. d. Planitz besass ausser Mylau auch Lengefeld, Grün, Weissensand, Plohn, Auerbach untern Theils, Sorga und Hohengrün. Es fehlte ihm demnach zur alten Herrschaft Mylau wesentlich nur noch Reichenbach und Netzschkau.

Die Stadt Mylau, welche in der Tiefe den ganzen Schlossberg wie einen Kranz umzieht, erfreute sich früher vieler vom Kaiser Karl IV. verliehenen Privilegien.

So gewährte er dem Orte mit Schöneck gleiche Steuerfreiheit. Daher gab die Stadt bis in unsere Zeiten herab nur die zur Landsteuer (16 Pfennige vom Schock) später hinzugefügte Schocksteuer und dieselbe Accise, hatte auch im Frieden Quartier-Freiheit und erhielt 70 Klaftern Flossholz um geringen Preis. Vom Kaiser schrieb sich auch die frühere Observanz her, dass vor Sonnenaufgang am Ostermorgen, wenn der Gerichtsherr anwesend war, der Bürgermeister diesen im Schlosse besuchte, sein Gewehr abdrückte, einen funkel neuen Groschen auf den Tisch legte, und ohne ein Wort zu sprechen wieder fortging. Hiernach kommt man zu der Ueberzeugung die Commungrundstücke seien Sonnenlehn gewesen.

Die städtische Flur begreift nur 2584/9 Acker und trägt am Wege zum Reichenbacher Bahnhofe den neuen Gasthof zum deutschen Haus, der uns an den Deutschorden erinnert.

Unterhalb der Stadt grenzt das grosse Gebäude der Spinnerei, welche auf Baumwollengarn bis 1836 die stärkste in Sachsen war.

Ihr Begründer Bruckner beschäftigte 1801 bei 24704 Feinspindeln 427 Menschen. Zu gleichem Behufe hatte er 1808 auch den vordern oder westlichen Theil des Schlosses gepachtet und mit 42 Feinspinnwagen erfüllt.

Für die Vorspinnerei erkaufte er die Walkmühle und dann baute er seit 1811 jenes 112 Ellen breite, 4 Etagen hohe Riesengebäude für 80 Spinnwagen, dabei ein Schulhaus, die Krempelei, die Schlosserei so dass er jährlich 1/5 Million Pfd. Garn liefern konnte. Aber schon 1836 hatte er nur noch 16032 Feinspindeln im Umgange und jetzt besteht das theils vom Flusse, theils mit Dampf betriebene Werk nicht mehr.

Der um Stadt und Gegend hochverdiente Gotthelf August Brückner, welcher auch schon 1821 Bobbinetstühle aus England nach Sachsen überbrachte, starb in Mylau im Mai 1857.

Dagegen aber gab es schon 1846 in und bei der Stadt 5 kleinere Wollspinnereien; 1851 lieferten die beiden Schillbachischen Jacob und Paul, Schreiterer, Kupfer und Cyriak Kammgarn; später haben Kretzschmar und Schmidt (welche 1855 abbrannten) Reissmann und Träger, Feller und Merkel, Forberg und Jahn dergleichen etablirt; aber mehrere Spinnereien sind auch wieder entschlafen. So auch ward das Trieb- und Druck-Etablissement von Beaumont und Hense 1859 insolvent, ist aber wieder zu einer Handdruckerei von einem Berliner in Angriff genommen, und das Missgeschick von Reichenbachs Fabricken hat auch auf Mylau traurig eingewirkt.

Dagegen hat das starke Banquiergeschäft von Robert Georgi, einst Finanzminister jetzt Mitglied der II. Ständekammer und des königl. Stadtgerichtshofs, auch Comthur des Albrechtsordens, anerkannt als einen der intelligentesten Kaufleute Deutschlands sich in allen Zeiten blühend erhalten. Der am 22. Nov. 1855 eröffneten Kinder-Rettungs- und Erziehungs-Anstalt schenkte er ein eignes Gebäude.

Die Bevölkerung der Stadt Mylau ist in den letzten 3 Jahren um 12 Procent gestiegen, wovon eine Folge das schnell angewachsene Fabrikwesen und die im Norden befindliche Eisenbahn ist. Mylau zählt in 311 Häusern 3729 Seelen. –

Netzschkau. (S. 120 d. A.) Das Genadissawa der Alten, welches die schönburgischen Herren Friedrich M. auf Crimmitzchau und Friedrich V. auf Glauchau 1324 dem deutschen Orden zu Reichenbach verkauften, so genannt vom slawischen Namen eines Adlerhorstes.

Das Gut hat sein grosses Hauptgehöfte am nördlichen Rande des Ortes: dessen Südseite bildet meist das Schloss, welches wohl nicht eine Burg genannt werden kann: vielmehr stellt es sich nur wie den Palast einer Burg aus dem spätern Mittelalter dar, so dass es an den alten Theil des Schlosses Hinter-Glauchau erinnert. Seine zahlreichen Ziergiebel gleichen jenem der Leubnitzer Kirche bei Dresden, welcher vor 400 Jahren errichtet worden. An das sehr breite Hauptgebäude stossen gleichfalls 3 Etagen hoch 2 kurze Flügel davon der südwestliche die 1629 eingebaute Schlosskirche enthält, worinnen wegen Baufälligkeit schon seit 1814 nicht mehr Gottesdienst gehalten wird.

Das vor dem heutigen Schlosse auch eine wirkliche Burg hier gewesen, beweisst der niedrige Rest eines jener bekannten runden Verliessthürme, worinnen später Archiv und Gefängnisse und ein Salon angebracht worden sind.

In das Schloss wurde aus Schönfels die sonst berühmt gewesene Sammlung Bose’scher Portraits gebracht und noch heute findet man hier alte Waffen und andere Anticoglien.

Früher hatte das Gut auch ein Vorwerk in Foschenroda, wegen dessen es noch bis in die neueste Zeit dem Mylauer Pfarrer Decem zu geben hatte.

In der Mylauer Herrschaft ist aber Netzschkau nicht blos ein Vorwerk oder Nebengut gewesen, was man schon daraus abnehmen kann, dass auf der hiesigen Burg ein eigner Untervoigt, Heinrich Panriss gesessen hat und im 15. Jahrhundert und zwar 1492 besass es Kaspar Metzsch und Hiob Metzsch verkaufte es 1579 an die von Reibold.

Die übrigen Besitzer sind im Album richtig benannt. Nur von den letztern Besitzern des Gutes fehlen zwei: denn von der verwittw. Gräfin Schulenburg kam es zunächst an einen Doctor Agal, der es noch 1846 als Mannlehn besass, damals aber verkaufte derselbe es an Franz Moritz Bruckner und erst von diesem gelangte es an Herrn Opitz der es der heutigen Besitzerin, der Fürstin Maria Clementine v. Schönburg, Gemahlin des Erlauchten Grafen Heinrich v. Schönburg-Rochsburg, Schwester des 1859 vorstorbenen Fürsten Otto Victor abtrat. –

Des Ritterguts 3 Oeconomien sind nach 7576 Einheiten besteuert. Eine derselben ist das, eigentlich als selbstständiges Rittergut zu betrachtende Vorwerk in Limbach; die zweite ist der Schwarzhammer, ein gleichfalls ursprünglich selbstständiges Canzleilehn und anfangs ein vollständiges Eisenhüttenwerk, jetzt ein kleines Vorwerksgut nebst herrschaftlicher Mühle, 1/2 Stunde nordwestlich von Netzschkau, am linken Gölzschufer und unterhalb des Salige (eine alte wüste Mark) romantisch gelegen.

Die Gölzsch begrenzt hier die Flur gegen jene des hochgelegenen Greizer Ortes Reinsdorf, dessen stattliche Kirche die Gegend schmückt. Die Herrschaft besitzt auch den alten Gasthof zu Netzschkau sowie Brauerei, Ziegelei und grosse Holzungen.

Mit Ausnahme zweier Häuser, welche dem deutschen Hause zu Reichenbach erbgerichtlich unterworfen waren, unterlag die Stadt dem hiesigen Rittergute. Hierzu kommen Foschenroda. und Buchwald, Theile von Brockau (8 Nummern) von Lambzig (ebenfalls 8) von Rotzschau (die grössere Hälfte) von Waldkirchen (etwa ein Drittel) und hinsichtlich der Lehn ein Theil von Mylau. Die Prärogative alter Schriftsassen erhielt das Gut 1741 zugesprochen, die 3 verbundenen Güter haben aber die Allodialqualität.

Von der Eisenbahn bezog das Gut 2083 Thlr. Entschädigung, ein Theil des Ortes 4600 Thlr. Einem Theile des letztern hat der starke Brand am 2. September 1850 ein neues schöneres Ansehen gegeben.

Bergbau treibt die sächsische Eisenhüttengesellschaft auf „Rogners Hoffnung“ unweit der Cementmühle, die unterhalb der Ueberbrückung an der Gölzsch steht. Bei der Ueberbrückung sind unter mehreren Häusern auch die Eichmühle und eine Restauration.

Die berühmte Gölzschthalbrücke verleiht viel Interessantes. Ein Blick von ihrer Mitte herab ins untere Gölzschthal ergötzt fast eben so sehr, als jener im Elsterthale.

Von dem 137 Ellen 5 Zoll den Flusspiegel überragenden, 1013 Ellen langen Riesenbau der Brücke selbst zu sprechen, verbiedet des Gegenstandes Reichhaltigkeit, es möge hier genügen, dass vom tiefsten Grunde an gerechnet der Bau sogar 1621/2 Elle erreicht, also mit dem Dresdner Kreuzkirchthurme wetteifert; dass er seinen grossartigsten Anblick von den Greizer Höhen bei Reinsdorf uns gewährt. Hinsichtlich der Höhe wird dieser Brücke künftig am nächsten die Tarnbrücke bei Moissac in Frankreich kommen, welche 75 Meters hoch wird; dann folgt jene zu Freyburg in der Schweiz. Die Niagarabrücke vor dem Falle ist zwar bis zum Flussbette von gleicher Höhe mit der Gölzschbrücke, hat aber weder so tiefen Grund, noch so viel Höhe oberhalb des Wasserspiegels.

Der Ort, welchem 1492 von K. Friedrich III. Stadtrecht ertheilt wurde, zählte 1834 in 170 Häusern 1594 Consumenten, jetzt hat derselbe 233 Häuser mit 2760 Einwohnern: Deren Zahl ist nicht blos vermöge der Eisenbahn, sondern zugleich durch das Fabrikwesen so gewaltig angewachsen. Doch ist der Wohlstand hierbei nicht gross, noch weniger sicher geworden.

Die Häuser von No. 201 bis 207 stehen nicht in Netzschkau selbst, sondern in Lauschgrün. Ausser der Ziegelei stehen auch vereinzelt die Dotzauersche Papiermühle und Ketzels-Mühle bei der Ueberbrückung.

Die Spinnerei von Ludwig und Zimmermann ward kürzlich insolvent. Im Jahre 1831 wurde eine Ausnäheschule, am 1. Januar 1857 eine Postexpedition eröffnet.

Neuensalz. (S. 7 d. A.) Im 15. und 16. Jahrhundert gab es hier 2 Rittrgüter, davon 1428 das eine „Hans Rabe zum Salze“ das andere Wilhelm von Tettau besass. Dem Sebald v. Tettau kaufte 1583 eins dieser Güter Joachim v. Tettau ab, und auf Bernhard v. Tettau folgte Konrad Vollrath v. Watzdorf, welcher es 1633 besass.

Die hiesige Linie derer v. Tettau besass 1542 ausser[WS 1] Neuensalz auch Syrau, Kauschwitz, Mechelgrün und Schillbach: überhaupt aber hatte der voigtländische Zweig ausser der Herrschaft Schwarzenberg mit dem Nebengute Breitenbrunn, auch Arnoldsgrün, Bösenbrun, Bergen, Eschenbach, Marieney, Ober- und Unterlosa, Planschwitz, Schönbrunn, auch im Meissnischen Reinhardtsgrimma, Heidenau und Mügeln bei Pirna. –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: auser
Empfohlene Zitierweise:
Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen V. Section. Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins, Leipzig 1859, Seite 22. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_V.djvu/341&oldid=3588182 (Version vom 26.12.2019)