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hat Bergen nicht aufzuweisen, selbst die Kirche, um welche der Friedhof angelegt ist, bietet, mit ihrem altväterischen, unregelmässig gebauten Thurme dem Auge nichts Ausgezeichnetes dar; aber die drei Glocken auf dem alten Kirchthurme ergötzen, so oft sie ertönen, die Ohren durch ein überaus schönes, harmonisches Geläute.

Wann und durch wen die hiesige Kirche gegründet worden, welche Schicksale dieselbe im Laufe der Zeit erfahren hat, darüber fehlen die geschichtlichen Nachrichten. Nach mündlichen Traditionen ist sie eine der ältesten Kirchen des Voigtlandes und schon lange vor der Reformation erbaut. Die katholischen Kapläne zu Falkenstein haben der Sage nach den Gottesdienst in derselben mit verrichtet.

Ausserdem sind im Orte zwei Mühlen, die eine die obere, die andere die untere Mühle genannt. Erstere hat neben der Mahlmühle, aus zwei Mahlgängen bestehend, noch eine Schneidemühle und mit der letztern, ebenfalls aus zwei Mahlgängen bestehend, ist noch eine Oelmühle verbunden. In früherer Zeit soll auf der nämlichen Stelle, wo jetzt die untere Mühle steht, ein Eisenhammer gangbar gewesen sein. Wenigstens bürgt für diese Sage das Auffinden von Schlacken in der Nähe jenes Ortes.

Der Triebbach, welcher die beiden Mühlen in Bewegung setzt, ist ein klares, kaltes und schnellfliessendes Bergwasser (daher jedenfalls der Name Trieb von treiben) also zum Aufenthaltsorte und zum Gedeihen der Forelle besonders geeignet. Zu Zeiten ist auch jetzt noch grosser Reichthum an dieser Fischart vorhanden.

Die Fischerei in demselben gehört, so weit die Bergner Fluren reichen, einzig und allein dem Rittergute Bergen.

Die Pfarr-, sowie die Schulstelle in Bergen gehört zu den besseren des Voigtlandes. In die Schule zu Bergen sind auch die Kinder aus dem Harzberge, der Gansgrün, dem Streuberge, dem Steinigt und dem untern Jägerswalde gewiesen.

Die Einwohner Bergens, angeblich 750 an der Zahl, nähren sich theils vom Ackerbau, theils vom Tagelöhnen, Nähen und Klöppeln.

Auch einige Handwerker haben sich ausser den Steinmetzen hier niedergelassen, wie z. B. ein Fleischer, drei Schneider, einige Zimmerleute, Maurer und Weber, ein Hufschmied und zwei Wagner.

Die Wohnungen der Landleute ziehen sich in einem Halbkreise um eine massige Anhöhe herum, auf welcher die Kirche, nebst Pfarr- und Schulwohnung, liegen.

Hier findet man unter den Landleuten die voigtländische Genügsamkeit zu Hause. Der Mittagstisch besteht jeden Tag in der Woche meist aus Kartoffeln, und doch ist aus den Kartoffeln zu jeder Mahlzeit ein anderes Gericht bereitet. Hier, Unzufriedener mit Welt und Menschen, lerne und beobachte mit wie Wenigen eine Familie leben und auskommen kann, und wie froh und heiter, wie bescheiden und anspruchslos diese Menschen dabei leben!

Das nach Bergen eingepfarrte und mit dem Rittergute verbundene Trieb hat ausser mehreren Kleinhäuslern auch bedeutende Bauerngüter, zu denen viele und schöne Waldungen gehören. Durch Trieb führt die alte Strasse nach Falkenstein. und dann bleibt Bergen rechts liegen.

Bergen mit Trieb gehört seit Einführung der neuen Gerichtsordnung zum Gerichtsamte Falkenstein.

(M. G.)     



Empfohlene Zitierweise:
Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen V. Section. Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins, Leipzig 1859, Seite 180. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_V.djvu/272&oldid=- (Version vom 7.1.2017)