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Derselbe hatte wenig Glück in Neundorf. Das Gut hatte Seidel nach damaligen Verhältnissen zu theuer gekauft und die Kriegsdrangsale brachten diesen sonst so vortrefflichen Mann in Verlegenheit. Das Gut musste wieder nothwendiger Weise verkauft werden und im Jahre 1821 ward Herr Johann Gottlieb Golle auf Kleingera, ein naher Anverwandter Seidels, damit beliehen, ein vortrefflicher Landwirth und ausgezeichneter Familienvater.

Leider genoss er die Freude, das Gut Neundorf wieder in die Höhe gebracht zu haben, nicht lange und starb viel zu früh für die Seinigen und für seine Gerichtsuntergebenen.

Ihm folgten im Jahre 1833 seine beiden Söhne, Herr Franz Ludwig und Herr Carl Friedrich Golle und nach dem Tode des ersteren wurde im Jahre 1835 Herr Carl Friedrich Golle alleiniger Besitzer von Neundorf, der solches jetzt noch immer hat.

Durch den Letztgenannten ist der bereits von seinem sel. Vater begonnene Neubau im Rittergute vollendet, der grösste Theil der Seitengebäude abgetragen und an der Stelle desselben neue, grosse Wohn- und Wirthschaftsgebäude errichtet; auch der ganze Schlosshof bedeutend erweitert worden. Sämmtliche Gebäude sind nach 3 Seiten zu umgeben von einem grossen Obst-, Gemüse- und Blumengarten, in welchem sich auch ein neu erbautes Gewächshaus und schöne Anlagen befinden.

Ueberhaupt gehört dieses Rittergut dem Umfange nach zu den grössten, dem Boden und dem Klima nach zu den fruchtbarsten im ganzen Voigtlande.

Getreide und Kartoffeln werden hier in bester Qualität erbaut, ja sogar Obst in reicher Menge.

Der gegenwärtige Besitzer hat auch in der neuern Zeit das Rittergut Syrau, 11/2 Stunde von Plauen an der Plauen-Pausaer Strasse und 1/2 Stunde vom Anhaltpuncte Mehltheuer an der Leipzig-Hofer Eisenbahn gelegen, acquirit, und hier ist eine bedeutende Bierbrauerei, wo ein Bier gebraut wird, welches dem Plauischen Bier nicht nachsteht.

Nicht unerwähnt kann hier das zu Neundorf gehörige Vorwerk Strassberg bleiben, ein Ort, der seiner anmuthigen Lage wegen von Plauen aus als Spaziergang häufig besucht ist.

Strassberg war früher ein besonderes Gut. Heinrich der Oberhofrichter von Plauen, (dessen Enkelin, Namens Elisabeth, des Grafen Otto von Arnshauck Tochter sich im Jahre 1300 mit dem Markgrafen Friedrich mit der gebissenen Wange vermählte und die Mutter des im Jahre 1310 gebornen Friedrichs des Ernsthaften und demnach die Stammmutter des gesammten Hauses Sachsen der Ernstinischen wie der Albertinischen Linie ward;) hat 1276 das Gut Strassberg, nebst der daselbst befindlichen Mühle und einigen andern Gütern dieses Dorfes, so wie der Hälfte des Forstes bei Kronschwiz seiner Gemahlin Kunigunde zum Leibgeding geschenkt. Unter Genehmigung der Herren von Weida und Gera überliess es letztere im Jahre 1295 dem Dominikaner-Nonnenkloster Kronschwitz bei Weida, welches von Jutta, Burggräfin von Altenburg, der Gemahlin Heinrich des Marianer von Gera, im Jahre 1233 gestiftet worden war. In der ersten Hälfte des 15ten Jahrhunderts wurde zwar durch Heinrich II. Burggrafen zu Meissen und Herrn zu Plauen der Besitz des Gutes und Dorfes Strassberg dem genannten Kloster Kronschwiz widerrechtlich entrissen, aber durch Churfürst Ernst und Herzog Albert von Sachsen im Jahre 1466 demselben wiederum restituirt.

So blieb das Dorf und Gut im Besitze vom Kloster Kronschwiz bis zur Zeit der Reformation.

Nach Einziehung aller Klostergüter nach der Reformation wurde im Jahre 1533 auch das Gut Strassberg dem Kloster Kronschwiz genommen und unter Sequester gestellt.

Im Jahre 1543 wurde der Sequesterations-Notar Anton Pestel vom Churfürst Johann Friedrich für treu geleistete Dienste mit dem Gute Strassberg beliehen, nach dessen Tode aber dem Gute Neundorf einverleibt, bei welchem es bis auf die heutigen Zeiten verblieb.

Bald nach dieser Einverleibung wurde von Joachim Reibold die jetzige Kirche zu Strassberg neu, auf einen Berg, die Burg genannt, erbaut. Sie ist sehr fest und von Grund aus massiv und wird nach allen Seiten hin weit gesehen. An der, der Orgel und der Kanzel gegenüberstehenden Wand hängt das Brustbild des eben erwähnten Ferdinand Philipp von Reibold.

Die Kirche hat ein bedeutendes Vermögen. Dieselbe ist umgeben von einem Gottesacker, auf welchem sich auch unter der Sacristei ein Erbbegräbniss der Besitzer von Neundorf befindet. Auf diesem Friedhofe werden die Todten von Strassberg und resp. von Unterneundorf begraben. Doch müssen für die Verstorbenen des erst genannten Dorfes die Leichengebühren auch an Plauen nach dem daselbst üblichen geringsten Satze bezahlt werden; da in früheren Zeiten alle Verstorbenen des Kirchspiels auf den Gottesacker zu Plauen begraben wurden.

Eingepfarrt sind hierher: Strassberg, Unterneundorf und Kobitzschwalda. Doch hat das Rittergut Unterneundorf auch eine herrschaftliche Kapelle in der Haupt- und Stadtkirche Plauen.

Das Dorf Oberneundorf, welches mit dem Rittergute Unterneundorf nicht zu verwechseln ist und zum grössern Theile früher zu Unter-Neundorf gehörte, ist nach Plauen eingepfarrt.

Die Kirche ist Filial von Plauen und der zweite Land-Diaconus von Plauen stets hier Pfarrer.

Die Collatur steht dem Pfarramte zu Plauen zu.

Zu Ende des 17ten und zu Anfang des 18ten Jahrhunderts wurde vom Herrn Philipp Ferdinand von Reibold und von dessen Gemahlin der Versuch gemacht, eine eigene Pfarrei in Strassberg zu errichten, so dass man auch schon den Grund zu einem neuen Pfarrgebäude daselbst, wovon die Spuren jetzt noch vorhanden sind, am Fusse des Kirchberges der Schule gegenüber zu legen angefangen hat.

Die Schule zu Strassberg, deren Collatur dem Besitzer des Rittergutes Neundorf zusteht, ist im Jahre 1647 vom Obersteuereinnehmer Hans Christoph von Reibold gegründet.

Eingeschult sind die Orte Strassberg, Unterneundorf, Kobitzschwalde und Oberneundorf. Der früher hier angestellt gewesene Schullehrer Vogel wurde später nach Theuma versetzt und hat hier vor einigen Jahren sein 50jähriges Amtsjubiläum gefeiert.

Empfohlene Zitierweise:
Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen V. Section. Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins, Leipzig 1859, Seite 98. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_V.djvu/149&oldid=2972233 (Version vom 7.1.2017)