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von diesem hohen Standpunkte durch ein Fenster in das Gemach. Beim Anblick ihres gemarterten Herrn ergriffen Schmerz und Wuth die alte Frau dergestalt, dass sie mit schmetternder Stimme in die Sakristei hineinrief: „Seid nur getrost Herr, und haltet Euch noch einen Augenblick, schon rennen die Bauern mit Heugabeln und Spiessen zusammen, Euch zu helfen und die schwedischen Strolche aufzuhängen.“ Mit diesen Worten rutschte die Alte vom Sattel des Rosses hernieder, raffte sich aber schnell wieder auf und floh nach dem Pfarrhause. Voller Entsetzen stürzten die Schweden aus der Sakristei, und ohne weiter an Geld und Kirchenschmuck zu denken warfen sie sich, nur an die wüthenden Bauernhaufen denkend, auf die Rosse und jagten zum Dorfe hinaus. Der gerettete Devel aber umarmte gerührt die alte Frau und hielt sie hoch und werth bis an ihren Tod. Auf der Stelle, wo man ihn gemartert, liess er sich auch begraben und als man 1719 den Grund zu einer neuen Kirche grub, fand man seinen Leichnam noch ganz unverwest, und legte ihn in ein neues Grab.

Die alte kleine baufällige Kirche Forchheims wurde am Sonntag Jubilate 1719 zum letzten Male von der Gemeinde benutzt, indem man bis zur Vollendung des neuen Gotteshauses ausserhalb des Kirchhofs einen grossen hölzernen Schuppen zur Abhaltung des Gottesdienstes und Vollziehung der übrigen kirchlichen Amtsverrichtungen erbaute. Es dauerte indessen nicht länger als sieben Jahre, ehe die neue Kirche eingeweiht werden konnte, indem eine grosse Theurung die Mittel der Gemeinde dergestalt erschöpft hatte, dass nur zwei Maurergesellen bei dem Bau beschäftigt werden konnten, worüber es natürlich bei den Nachbargemeinden nicht an Spott und Spässen fehlte. Für den Ausbau der Kirche aber sorgte ein braver Kaufmann in Leipzig, Gotthard Sehuberth, aus dem Forchheimer Filialdorfe Haselbach gebürtig, welcher zu diesem Zwecke ein Capital von 1500 Thalern hergab, dem seine Wittwe später noch eine bedeutende Geldsumme für Anschaffung des Altars, der Kanzel, des Taufsteins und der heiligen Gefässe hinzufügte. Am dritten Osterfeiertage 1726 wurde die schöne, geräumige und lichtvolle Kirche, welche sich durch ein sehr melodisches Geläute und eine Silbermannsche Orgel auszeichnet, fröhlich eingeweiht. – Das Patronat über die Kirche besitzen beide Rittergutsbesitzer von Ober- und Niederforchheim in Gemeinschaft.

Zu dem Rittergute gehören die Dörfer Niederforchheim, Oberhaselbach und Wernsdorf nebst Antheilen von Oberseida und Lippersdorf. Die Anzahl der Einwohner des Gerichtssprengels beträgt ungefähr 1600 Personen, und das Areal an Feld, Wiesen, Waldungen, Gärten und Teichen gegen 1070 Scheffel. Wiesen und Felder sind vortrefflich und die Waldungen sehr gut bestanden. Der Drachenwald, welcher zum Theil zu Niederforchheim gehört, war einstmals seiner Ausdehnung wegen sehr berühmt, ist aber in neueren Zeiten bedeutend verkleinert worden, so dass er nirgends mehr über eine halbe Stunde tief ist. Unter den Bauergütern zeichnen sich viele durch Grösse und Schönheit aus, wie denn Forchheim überhaupt unter die wohlhabendsten Dörfer dieser Gegend gehört. – Erwähnenswerth ist noch die grosse etwa eine Viertelstunde vom Rittergute entfernt liegende Torfstecherei, deren Schuppen und Vorrathsgebäude mit der zugleich dort befindlichen Ziegelbrennerei einem kleinen Dorfe gleichen, und woselbst jährlich an drei Millionen Stück Torf theils gestochen, theils gestrichen werden, wodurch viele Bewohner Forchheims – da die Leinweberei, der Hauptnahrungszweig der Parochie, bei dem Mangel an Absatz und missglückten Flachserndten jetzt sehr darnieder liegt – während der Sommermonate den nothwendigen Verdienst und Unterhalt finden. Uebrigens besitzt Forchheim ein Postamt, und durch die äussert belebte Strasse nach Carlsbad einen regen Verkehr.




Oberrabenstein.

In einem freundlichen, fruchtbaren mehr weit als tief gebildeten Thale, das sich höchst anmuthig von der Stadt Chemnitz nach Westen hindehnt und von dem Rabensteiner Bache durchflossen wird, erhebt sich auf einem Punkte wo das Thal alle seine Naturschönheiten concentrirt, ein rings von Wasser umschlossener steiler Felsen, von dessen Gipfel aus dunklen Fichtenzweigen die altehrwürdige Burg Rabenstein auf die lachende Gegend herniederschaut. Das uralte Schloss verdient nach dem Interesse seiner Lage und Ansicht nicht den letzten Platz unter den sächsischen Rittersitzen, ist aber vielleicht unter allen der kleinste, denn es besteht blos aus einem zwei Stockwerke hohen, nur fünf Fenster breiten Wohnhause, an welches sich ein gewaltiger Thurm als Zeuge längst vergangener Jahrhunderte anschliesst, umrankt von baumstarkem Epheu, der ihn gleichsam noch für ein zweites Jahrtausend zusammenhalten zu wollen scheint.

Zu mehr Gebäuden hat die Oberfläche des isolirten Felsens keinen Raum; kaum dass noch einige Fichten Platz fanden, ihre flachen Wurzeln in den Steinboden einzusenken. Das Schlösschen bildet den Mittelpunkt eines ziemlich engen Bergkessels, dessen jähe, zum Theil bewaldete Höhen nur an drei Punkten durchbrochen sind, im Thale aber liegen weithin gestreut die freundlichen Häuser des stundenlangen Fabrikdorfes Rabenstein, dessen oberster Theil, der das Dorf Oberrabenstein bildet, theils im Grunde, theils am Abhange des Thalkessels, und endlich auch theilweise auf der Höhe selbst liegt, und in alten Zeiten die Schlossgasse, oder wie auch jetzt noch bisweilen Gasse, genannt wurde.

Die Burg Oberrabenstein, in alten Urkunden auch bloss Stein (Lapis) genannt, ist der alte Stammsitz der ehemaligen Herrschaft Rabenstein, welcher Name nicht von dem deutschen Worte Rabe, sondern von dem

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Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen IV. Section. Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins, Leipzig 1856, Seite 2. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_IV.djvu/012&oldid=- (Version vom 5.3.2017)