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die neurotischen Umwege, sich einer endgültigen Niederlage, einer Entscheidung zu ungunsten seiner Männlichkeit zu entziehen. Das Messen mit anderen Männern setzte nun verstärkt ein. Er ertappte sich beispielsweise in einer psychischen Situation, wo er mit einer Gesellschaft bei Tische sitzend, bevor noch jemand ein Wort gesprochen hatte, bereits lauerte, was er entgegnen sollte, wie er dem Sprechenden unrecht geben könnte. Sprach er über ein Buch, über ein Theaterstück, eine Gesellschaft, über einen Ort, so drang stets seine herabsetzende Kritik in schärfster Form durch. Und so war es auch zu erwarten, dass er in jeder ärztlichen Behandlung nach einer kurzen Einleitung die Charakterzüge des Misstrauens, des Geizes, der Entwertung, oft kunstvoll in einander verschlungen zum Ausdruck brachte. Dies nicht etwa im Sinne der Liebesübertragung Freuds, sondern weil seine festgefrorene psychische Geste, seine Attitude der Angriff, die Herabsetzung des anderen waren und bei näherer Betrachtung zum Vorschein kommen mussten. Dazu kam noch ein verschärfendes Moment. Seine Absicht, wenn er den Arzt aufsuchte, konnte ja nicht sein, pure et simple von seiner Impotenz befreit zu werden, da er dadurch in das Chaos seiner Befürchtungen gestürzt worden wäre. Er wollte vielmehr den Beweis seiner Unheilbarkeit oder einen Weg finden, auf dem er ohne Furcht vor einer Niederlage potent sein konnte. Um zum ersten Ziel zu gelangen, war die Entwertung des ärztlichen Könnens Vorbedingung. Den Weg aber konnte er nur finden, wenn er die Furcht vor der Frau bis zu ihren Quellen zurückverfolgt hatte, bis zum Gefühle seiner Unmännlichkeit, in dem sich das Gefühl seiner Minderwertigkeit konkretisiert hatte. Einer seiner Träume aus der Zeit vor Beendigung der Behandlung zeigte diesen Sachverhalt sehr genau. Ich muss vorher kurz bemerken, dass ich wesentliche Bestandteile der Breuer-Freudschen Deutungstechnik benütze, den Traum aber als die Spiegelung eines abstrahierenden, simplifizierenden Versuches auffasse, aus einer mit einer Niederlage drohenden Situation durch Vorausdenken und Ausprobung der Schwierigkeiten an einem dem Patienten eigentümlichen Schema einen sichernden Ausweg für das Persönlichkeitsgefühl zu finden. Deshalb wird sich auch in jedem Traume das signifikante Schema der gegensätzlichen Apperzeptionsweise: „Männlich-weiblich“ und „oben-unten“ als jedem Menschen ursprünglich anhaftend, beim Nervösen aber verstärkt wieder finden. Die zutage tretenden Einfälle und Erinnerungen müssen erst in dieses Schema eingereiht werden, um den Sinn des Traumes zu ergeben, der nicht — oder nicht prinzipiell — einen infantilen Wunsch zu erfüllen hat, dessen Aufgabe es vielmehr ist, einleitende Versuche zu begleiten, die unter Reduktion auf ein kleineres Mass das Soll und Haben des Patienten in dessen neurotischer Art zugunsten des Persönlichkeitsgefühls zur Verrechnung bringen. Der Traum lautete: „Ich handle mit alten Sachen in Wien oder in Deutschland oder in Frankreich. Ich muss aber neue Sachen kaufen und sie abwaschen, weil dies dann billiger kommt. Dann sind es wieder alte Sachen“.

Die neuen Sachen bedeuten ein neues, potentes Genitale im Gegensatz zu den „alten Sachen“, seiner Impotenz, die noch niemand geheilt hatte. Hier schimmert der Gedanke an ein neues Leben, an die Möglichkeit einer Erlangung der Potenz durch. Die Worte, „weil dies

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Alfred Adler: Über den nervösen Charakter. J.F. Bergmann, Wiesbaden 1912, Seite 71. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:AdlerNervoes1912.djvu/79&oldid=- (Version vom 31.7.2018)