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wären noch auffälliger,[1] wenn sich nicht mit so starkem Übergewicht die menschliche Psyche als hauptsächlichstes Sicherungsorgan in den Kreis der Korrelationen und Kompensationen eingeschoben hätte. Nunmehr treten die massgeblichsten Sicherungstendenzen nicht mehr als Organvarietäten, sondern in erster Linie als psychische Eigenarten hervor. Immerhin bleibt ein genügend nachweisbarer Zusammenhang bestehen, und wir können aus Organvarietäten, Stigmen und Degenerationszeichen derselben auf vermehrte kompensatorische Einrichtungen des Gehirns und ausgebreitete Sicherungstendenzen in der Psyche schliessen. Ist doch das Wesen und die Tendenz aller psychischen Vorgänge von Versuchen des Vorbauens und von Vorbereitungen zur Mehrwertigkeit voll, so dass man sich der Anschauung nicht verschliessen kann, Seele, Geist, Vernunft, Verstand sind für uns Abstraktionen jener wirksamen Linien, auf denen der Mensch über seine Körperfühlsphäre hinausgreift, seine Grenzen erweitern will, um sich eines Stückes der Welt zu bemächtigen und sich vor drohenden Gefahren zu sichern. Die Mangelhaftigkeit der selbsttätigen Organe, hinauf gezaubert auf die sicheren Wege des Erkennens, Verstehens, Voraussehens!

Im Tierreich noch ersetzt zum Teil ein feingearbeiteter, technischer Apparat, was dem Menschen die Erkenntnis leistet. Die feine Witterung des Hundes wird überflüssig oder dienstbar gemacht; was an Giftpflanzen der Geschmacksapparat weidender Rinder vermeiden lässt, davor sichert den Menschen sein verstehendes Auge. Aber die gleiche Tendenz ist es und bleibt ewig bestehen, den Kampf der Vorfahren um die Erhaltung ihres Lebens durch feiner abgestufte, variierte Organe, sowie durch verfeinerte Kunstgriffe der Psyche zu erleichtern.

Und so ist es uns gestattet, derlei empfindlichere, periphere Apparate, ihre besondere Physiognomie und Mimik als Zeichen eines angegriffenen Organes, als verräterische Spuren einer überkommenen Organminderwertigkeit anzusehen. Dies gilt auch für die besondere Ausbildung der Geschmacksempfindung beim Menschen, für die grössere Reizempfindlichkeit der Lippen- und Mundschleimhaut, zu der sich meist eine grössere Ansprechbarkeit des Gaumens, des Schlundes, meist auch des Magens und des Verdauungstraktes gesellt. Physiognomisch stellt sich dies Bild des minderwertigen Mundes dar in der Form beweglicherer, feinerer, oft vergrösserter Lippen, meist leichter Deformationen der Lippen, der Zunge (lingua scrotalis Schmidt), des Gaumens, zu denen sich oft Degenerationszeichen an diesen Teilen, vergrösserte Tonsillen oder der ganze Status lymphaticus gesellen. Zuweilen freilich bleibt bei aller Minderwertigkeit eine Höherbildung im Sinne der Kompensationstendenz aus, und es fehlt selbst die Hyperästhesie. Recht häufig sind Reflexanomalien; gesteigerter Rachenreflex, aber auch Herabsetzung desselben gehören zu demselben Bilde. An Kinderfehlern beobachtet man: grössere Inanspruchnahme der Mundpartien, Berührungen


  1. Die psychische Sicherung beim Menschen mit ihren Bereitschaften und Charakteren ähnelt so sehr den sichernden Variationen im Tierreich, dass die Phantasie der Kinder, der Nervösen, der Dichter, ja auch die Sprache oft diese Analogie benützt, um gleichnisweise eine psychische Geberde, eine Bereitschaft, einen Charakterzug durch das Sinnbild eines Tieres verständlich zu machen, in Wappen zum Beispiel, in dichterischen Gleichnissen, in Fabeln und Parabeln. S. auch Erckmann-Chatrian, Der berühmte Doktor Matthieu, Goethes Reinecke Fuchs, Gemälde und Karikaturen.
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Alfred Adler: Über den nervösen Charakter. J.F. Bergmann, Wiesbaden 1912, Seite 58. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:AdlerNervoes1912.djvu/66&oldid=- (Version vom 31.7.2018)