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aus harmlosen körperlichen Empfindungen und Fehlurteilen der Kindheit, die sie im Bedarfsfalle besonders hoch werten und wegen etwaiger Lustempfindungen in einem sexuellen Gleichnis apperzipieren. Dem Psychologen ist es nicht erlaubt, denselben Standpunkt einzunehmen, etwa die gleiche Apperzeptionsweise als entgültig festzuhalten oder reale Sexualkomponenten an Stelle einer Fiktion einzusetzen, wie es der Patient tut. Seine Aufgabe wird vielmehr darin bestehen, diesen Orientierungsversuch des Nervösen als oberflächlich zu entlarven, als fiktiv zu zerstören und das Minderwertigkeitsgefühl abzuschwächen, das krampfhaft nach Richtungslinien treibt, um die Durchsetzung des männlichen Protestes auf Umwegen zu erzwingen.

Das apperzipierende Gedächtnis, das unser Weltbild so ungeheuer beeinflusst, arbeitet also wie mit einem Schema, mit einer schematischen Fiktion, und dieser Fiktion entspricht auch die Auswahl und Modellierung unserer Wahrnehmung, unserer Erfahrung, ebenso auch das Training aller unserer angeborenen Regungen und Fähigkeiten, bis sie in geeignete psychische und technische Fertigkeiten und Bereitschaften umgewandelt sind. Die Arbeitsweise unseres bewussten und unbewussten Gedächtnisses und sein individueller Aufbau gehorchen dem Persönlichkeitsideal und seinen Maßen. Von diesem konnten wir zeigen, dass es als leitende Fiktion bestimmt ist, das Lebensproblem zu stellen und anzugehen, sobald das Minderwertigkeits- und Unsicherheitsgefühl zu einer Kompensation drängt. Dieser fixierte Leitpunkt unseres Strebens, der keinerlei Realität besitzt, ist für die psychische Entwickelung unbedingt entscheidend, denn er ermöglicht uns, im Chaos der Welt Schritte zu machen, wie das Kind es tut, wenn es gehen lernt und einen Endpunkt fest dabei im Auge behält. Noch fester fasst der Nervöse seinen Gott, sein Idol, sein Persönlichkeitsideal ins Auge und klammert sich an seine Leitlinie, verliert dabei die Wirklichkeit aus dem Auge, während der Gesunde stets bereit ist, dieses Hilfsmittel, diese Krücke aufzugeben und unbefangen mit der Realität zu rechnen. Der Neurotiker gleicht in diesem Falle einem Menschen, der zu Gott aufschaut, ihm seine Wege empfiehlt und nun gläubig harrt, wie der Herr es lenken werde; er ist ans Kreuz seiner Fiktion geschlagen. Auch der Gesunde kann und wird sich seine Gottheit schaffen, sich nach oben gezogen fühlen, wird aber nie die Wirklichkeit aus dem Auge verlieren, und mit ihr seine Rechnung machen, sobald es aufs Wirken und Schaffen ankommt. Der Nervöse steht demnach unter der hypnotischen Wirkung eines fiktiven Lebensplans.

Dass aber in jedem Falle der ausserhalb Raum und Zeit gesetzte Punkt des Persönlichkeitsideals wirksam bleibt, geht aus der Richtung der Aufmerksamkeit, des Interesses, der Tendenz hervor, die jedesmal die Auswahl nach Gesichtspunkten treffen, die von vorneherein gegeben sind. Die Zwecksetzung in unserem psychischen Verhalten und die von ihr geschaffenen Bereitschaften machen es aus, dass Handlungen eingeleitet und in einer bestimmten Distanz abgebrochen werden, dass, wie Ziehen hervorhebt, willkürliche wie unwillkürliche Impulse stets nur auf die Erreichung eines bestimmten Effektes gehen, dass wir, wie auch nach Pawlows Darlegungen, eine durchwegs intelligente Funktion der Organe annehmen müssen. Alle diese Erscheinungen sind von derart zwingendem Eindruck, dass seit jeher Philosophen und Psychologen

Empfohlene Zitierweise:
Alfred Adler: Über den nervösen Charakter. J.F. Bergmann, Wiesbaden 1912, Seite 36. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:AdlerNervoes1912.djvu/44&oldid=- (Version vom 31.7.2018)