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erwartet ihn „die Freude im Himmelreich“, eine Erfüllung seiner Leitlinie.

Eine meiner Patientinnen „strafte sich“ nach dem Tode ihrer 72jährigen Mutter, mit der sie zeitlebens in Hader gelebt, und der sie mit Recht Vorwürfe machen durfte, durch heftige Reuegefühle wegen lieblosen Benehmens und durch Schlaflosigkeit. Ihre Reuegefühle trugen den Charakter der Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Die Analyse ergab, dass sie ihre moralische Überlegenheit einer Schwester gegenüber beweisen wollte. Die Schwester war verheiratet, meine Patientin stand in Versuchung, eine „sie erniedrigende“ Liaison mit einem verheirateten Manne einzugehen. Dadurch wäre sie nach ihrer Auffassung der Schwester gegenüber gesunken. Gelegentlich des Todes ihrer Mutter führte der männliche Protest eine Situation herbei, die sie wieder nach oben brachte, die stärkere Ergriffenheit durch das traurige Ereignis.

In der Kulturgeschichte wie in der Neurose artet die Bussfertigkeit nicht selten bis zur Geisselung, Flagellation aus. Aus Rousseaus Bekenntnissen und aus privaten Mitteilungen gesunder und neurotischer Personen, ebenso auch aus guten Kinderbeobachtungen (z.B. Asnaurow's) wissen wir, dass Schläge bei manchen Personen imstande sind, sexuelle Erregungen hervorzurufen. Dies das reale Moment, somatisch fassbar, das im Naturell solcher Individuen vorzufinden ist, und das auch die Auswahl der Busse leitet. Mir gaben Patienten an, dass sie die Schläge auf das Gesäss in der Kindheit angenehm empfanden, wenngleich ihnen das Geschlagenwerden fürchterlich war. Im späteren Leben der Neurotiker ist die Flagellation analog der Masturbation und allen anderen Perversionen ein sichtbarer Ausdruck der Furcht vor dem sexuellen Partner. Folgende Mitteilung verdanke ich einer Patientin, die wegen heftiger Migräne in meine Behandlung kam: sie hatte einige Jahre vor der Kur Tagesphantasien, in denen sie von einem Mann, der mit ihr verheiratet war aber nicht ihrem wirklichen Gatten glich, bei einem Ehebruch ertappt und gezüchtigt wurde. Als Fortsetzung dieser Phantasie folgte eine heftige Selbstgeisselung, bis sie erschöpft zusammenbrach. Diese Geisselung führte starke sexuelle Emotionen herbei. In der Analyse stellte sich heraus, dass die Frau ihren Mann — in neurotischer Weise — hasste, und in diesem Hasse gerne zu einem Ehebruch geschritten wäre, um ihn zu erniedrigen. Nun war sie zu alt geworden, um in der Liebe Geltung zu finden, — früher hinderte sie der männliche Protest. — Kurz bevor sie an die Flagellation dachte, spielte sie mit Ehebruchsphantasien, nicht ohne sich vor einer Verwirklichung zu sichern. Die Entdeckung durch den Mann, die Prügel und die autoerotische Befriedigung stammen aus der antizipierenden Sicherungstendenz und sind ein Spiel der Phantasie; letztere betont besonders stark die Furcht vor dem Mann. Die Ersetzung ihres Gatten durch einen anderen ist Wirkung der Entwertungstendenz und gleichwertig ihren Ehebruchswünschen: ihr Gatte soll erniedrigt werden, ein anderer wäre besser. Fortsetzend desavouiert sie diese gelegentliche Annahme durch den Ehebruch gegen den andern. Mit dem Schwinden der Jahre hörte die Flagellation auf. Aber die Entwertungstendenz richtete sich heftiger gegen ihren Mann und gegen alle Menschen. Sie bekam Migräne, wenn sie befürchtete, ihre herrschende Rolle irgend jemandem gegenüber einzubüssen. Und ihre Erkrankung ermöglichte ihr eine völlige Zurückziehung aus der Gesellschaft. Innerhalb der Familie wurde sie durch

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Alfred Adler: Über den nervösen Charakter. J.F. Bergmann, Wiesbaden 1912, Seite 184. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:AdlerNervoes1912.djvu/192&oldid=- (Version vom 31.7.2018)