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die Entwertungstendenz gegenüber der Partnerin beobachten können, die unter Konstruktion von Misstrauen, Eifersucht, Herrschsucht, ethischen Prinzipien und Forderungen die Herabsetzung der Frau einleiten soll.

Ein weiterer Traum zeigt den Wettlauf recht drastisch. „Ich bin mit dem Zug gefahren und sah beim Fenster hinaus, ob der Hund noch mitläuft. Ich dachte, er habe sich zu tot gelaufen, sei unter die Räder gekommen. Es war mir leid um ihn. Dabei fiel mir ein, dass ich jetzt einen anderen Hund hätte, der aber plump ist.“ Mit seinem alten Freund und Rivalen ist er oft um die Wette Rad gefahren und blieb meistens zurück. Jetzt, wo sein Freund sozial schlechter gestellt ist wie er, „kann ihm der Freund nachlaufen“, wie man in Wien sagt, wenn man sich mit seiner Überlegenheit brüstet. Die Verwandlung in einen Hund ist ein Produkt der Entwertungstendenz und ziemlich häufig. Bei einem Falle von Dementia praecox beobachtete ich, dass der Kranke allen Hunden die Namen bedeutender weiblicher Personen gab. Der Hund stellt auch seine zukünftige Braut vor, die ihm ja auch den Vorrang streitig macht. Ihr Tod würde ihn von seiner Furcht befreien, ebenso wäre er frei, wenn sie einem zweiten Bewerber, wie sein Misstrauen ihm öfters zuflüstert, Gehör schenkte, wenn sie unter die Räder käme. Wenn dieser Fall eingetreten wäre, täte es ihm leid. Im Traum setzt er diesen Fall als eingetreten und antizipiert seine Trauer. Der „plumpe Hund“ ist ein Mädchen, die ihn durch ihr Entgegenkommen um diese Zeit degustiert hatte, mit der er auch fertig geworden ist.

Seine Abneigung gegen Personen, die ihm „über“ sind, ist grenzenlos und prinzipiell. Eines Nachts träumte er: „Unser Gesangverein gab ein Konzert. Der Platz des Dirigenten war leer“. Der Verein, dem er angehörte, musste einmal ohne den Dirigenten singen, weil dieser den Zug versäumt hatte. Diese Situation scheint ihm die geeignetste: wir brauchen keinen Dirigenten! Solcher Art ist die gewohnheitsmässige Geberde in allen Situationen, in denen nicht er der Dirigent ist. —

Wie bei männlichen Nervösen entspringt auch bei weiblichen der Masturbationszwang der Tendenz, einer Entscheidung auszuweichen und dadurch „oben“ zu bleiben. In den Masturbationsphantasien der Mädchen findet man das Weib oft in der Rolle des Mannes. Auch die Lage, die dabei eingenommen wird, ist zuweilen die des Mannes. Bei Männern dient die Masturbation 1. dem Beweise, dass man allein bleiben könne, 2. zum Vorwand und zur Verhinderung des Sexualverkehrs, den man wegen der Überlegenheit der Frau fürchtet, ist also der Sicherungstendenz entsprungen. Bringt die Situation die Notwendigkeit stärkerer Sicherungen herbei, so tritt Impotenz oder die entwickelte Neurose auf, nicht etwa als Folge des Verzichts auf die Masturbation, sondern als verstärkte Sicherung. — Die Masturbationsphantasien bei Nervösen haben oft einen masochistischen oder sadistischen Einschlag, je nach der Phase des männlichen Protestes, deren Darstellung sie dienen.

Unter den vorbereitenden Handlungen und neurotischen Bereitschaften, die der Sicherung nach „Oben“ dienen sollen, nehmen die Neugierde, der Forschertrieb, die Neigung alles sehen zu wollen, der „Voyeurtrieb“ der Autoren eine hervorragende Stellung ein. Diese Regungen sind immer der Beweis einer primären

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Alfred Adler: Über den nervösen Charakter. J.F. Bergmann, Wiesbaden 1912, Seite 157. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:AdlerNervoes1912.djvu/165&oldid=- (Version vom 31.7.2018)