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wurde“. Diese Ausdrucksweise verrät mit grosser Deutlichkeit die Höherschätzung des männlichen Geschlechtes, welche die Mädchen dem Vater näher bringt, was leicht als sexuelle Verliebtheit in den Vater und als zum „Inzestkomplex“ gehörig missdeutet wird. Die Entwickelung unserer Patientin nahm den gleichen Verlauf. Sie setzte sich ganz den Vater zum Vorbild und war, besonders als sie die Mutter auf einer Lüge ertappte, inbetreff von Wahrhaftigkeit und Pünktlichkeit bestrebt, sich diese väterlichen Eigenschaften beizulegen.[1] Sie erinnert sich auch, dass der Vater es oft bedauernd hervorhob, dass sie kein Knabe geworden sei, und dass es sein Wunsch war, sie solle studieren. In dieser Situation entwickelte sich naturgemäss ein Persönlichkeitsgefühl, in welchem ehrgeiziges Streben nicht fehlen durfte. Dagegen fiel allen und ihr selbst ihre übermässige Schüchternheit auf, die viele ihrer Vorsätze zum Scheitern brachte. Diese Schüchternheit findet sich ungemein häufig in der Vorgeschichte der Neurotiker. Sie ist identisch mit dem Gefühl der Unsicherheit, sobald sich dieses im Verkehr mit anderen Personen geltend macht. Erröten, Stottern, gesenkte Blicke, Absperrung von der Gesellschaft Erwachsener, Erregung vor Prüfungen und Lampenfieber begleiten oft den Versuch der Annäherung oder die Anknüpfung von Beziehungen zu fremden Personen. Dabei wird man in der Regel Verschlossenheit und Unzufriedenheit beobachten können. Die Analyse ergibt als Quelle dieser Art von Unsicherheit, mit der sich gewöhnlich auch ein starkes Schamgefühl verbindet, ein meist organisch bedingtes Gefühl von Minderwertigkeit, Organminderwertigkeiten, die sich psychisch geltend machen, Kinderfehler, starke psychische Bedrückung von seiten der Eltern oder Geschwister und zuletzt auch wirkliche oder vermeintliche Weiblichkeit, die frühzeitig in starkem Gegensatz zu einem männlichen Glied der Familie (Vater, Bruder) gerät. Die Analogie, nach der in kindlicher Weise die mannigfachsten Empfindungen der Verkürzung, Herabsetzung, Minderwertigkeit apperzipiert werden, ist dann gewöhnlich die der symbolisch zu verstehenden Kleinheit des Penis, sind Kastrationsgedanken und Gedanken von einer weiblichen Rolle im Geschlechtsverkehr, von Befruchtung und Schwängerung, aber auch von Verfolgung, Gestochen- und Verletztwerden, Fallen und Untensein. Alle diese Fiktionen treten in Tagträumen, Halluzinationen, Träumen auf, sofern sie nicht durch Fiktionen des männlichen Protestes völlig abgelöst werden und drücken ein Gefühl der Verkürztheit aus, das sich in dem Gedanken Bahn bricht: „ich bin weiblich!“ wogegen das Persönlichkeitsgefühl nach „Oben“ drängt und die männliche Proteststellung erzwingt.

Von unserer Patientin ist bloss zu hören, dass sie frühzeitig vom Geschlechtsverkehr Ahnungen hatte, zu einer Zeit, wo sie mangels grösserer Erfahrung mit der Endgültigkeit der Geschlechtsrolle noch nicht gerechnet hat. In solchen Fällen dürfen wir stets auf Schüchternheit, Schamhaftigkeit und Zweifel gefasst sein, im späteren Leben auf Furcht vor der Prüfung und vor Entscheidungen in jeder Form, Charakterzüge, die sich analytisch dahin auflösen lassen, man könnte


  1. Was die Autoren Nachahmungstrieb oder Identifizierung nennen, ist immer das Aufgreifen einer Schablone behufs Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls.
Empfohlene Zitierweise:
Alfred Adler: Über den nervösen Charakter. J.F. Bergmann, Wiesbaden 1912, Seite 135. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:AdlerNervoes1912.djvu/143&oldid=- (Version vom 31.7.2018)