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werden. Es handelt sich oft um die subtilsten Äusserungen. Soll ich noch hinzufügen, dass die ausgebreitetste Erfahrung und Kenntnis bezüglich der Entwertungstendenz gerade hinreicht, um nicht überrascht zu werden, und dass grosses Taktgefühl, Verzicht auf die überlegene Autorität, stets gleich bleibende Freundlichkeit, wachsames Interesse und das besonnene Gefühl einem Kranken gegenüberzustehen, mit dem kein Kampf zu führen ist, der ihn aber jederzeit beginnt, zum Erfolge unumgänglich nötig sind?

Bei einem stotternden Patienten erwies es sich als nötig, ihm in einer Zeichnung die Lage des Kehlkopfes klar zu machen. Anstatt die Zeichnung mit nach Hause zu nehmen, wie er vorhatte, um sie nochmals zu überlegen, liess er sie bei mir auf dem Tische. Am nächsten Tage verspätete er sich um eine Viertelstunde, suchte zuerst das Klosett auf, erzählte von einem anderen Patienten, der sich über mich beklagt hatte und berichtete nach anfänglichem Schweigen einen Traum, der folgendermassen lautete:

„Es war mir, als ob ich eine Zeichnung betrachtet hätte. Von einem Kreis ging ein Zylinder aus, der nicht gerade, sondern seitwärts verlief.“

Die Deutung ergab, dass es sich um die Zeichnung des Kehlkopfes handelte, auf der der Kehlkopf gerade nach unten gezeichnet war. Patient polemisiert im Traume mit mir, als wollte er sagen; wie wäre es aber, wenn mein Arzt unrecht hätte ? — und zeigt mir dadurch seine misstrauische Stellung, die Furcht hintergangen zu werden, zugleich aber auch die gegen mich gerichtete Entwertungstendenz, die sich in seinen unbewussten Massnahmen des Vergessens, der Verzögerung, der tendenziösen Berichterstattung, des Schweigens und endlich in einem probeweisen Versuch im Traum, mir Unrecht zu geben, geäussert hat. Man kann mit Recht erwarten, dass der Patient sein Stottern zum gleichen Zweck verwendet und gegen mich verwenden wird. Trotz vieler Gegensätze zwingt er mich in die Rolle eines ehemaligen Lehrers, den er oft korrigierte, damit er mit seinen alten Bereitschaften gegen mich vorgehen kann.[1] Dies ging aus seinen Bemerkungen zum Traume hervor, und des Ferneren noch, dass seine Krankheit von ihm aufgegriffen und festgehalten war, um sich die Überlegenheit über seinen Vater zu sichern und so diesen zu entwerten.

Eine Patientin, die mir wegen Depression, Suicidgedanken, Weinkrämpfen und lesbischen Neigungen zur Behandlung zugewiesen war, wurde von mir wegen Verdachts einer Genitalaffektion nach kurzer Behandlung zu einem Gynäkologen geschickt, der ein grosses Myom entfernte, und sich von dieser Operation eine Heilung der Neurose versprach. Nach der Operation reiste die Patienten in ihre Heimat und schrieb mir von dort, sie habe nun erkannt, dass der Gynäkologe mit seiner Meinung recht gehabt habe. Hoffentlich würde ihm die Operation bei einer Gräfin, von der sie in der Zeitung gelesen habe, besser gelingen als bei ihr. Bald darauf erschien sie bei mir, polemisierte gegen eine meiner Arbeiten, die sie sich irgendwie verschafft hatte, erklärte mir ihr ungeheures Interesse für meine Behandlung, erzählte, dass ihr Zustand der gleiche sei wie vor der Operation und verschwand. Aus dem Stück ihrer Krankheitsgeschichte, das sie


  1. Junktim zum Zweck einer tendenziösen, herabsetzenden Affektäusserung.
Empfohlene Zitierweise:
Alfred Adler: Über den nervösen Charakter. J.F. Bergmann, Wiesbaden 1912, Seite 132. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:AdlerNervoes1912.djvu/140&oldid=- (Version vom 31.7.2018)