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Andreas Ulrich Mayer, Gerard van Swieten: Abhandlung des Daseyns der Gespenster, nebst einem Anhange vom Vampyrismus

Rache hier beisetzen sollte. Nur soviel will ich mit wenigen sagen, daß, was die Poeten von dem Proteus erdichtet haben, bei diesem Gespenste zur Wahrheit geworden sey. Bald erscheinet er als ein Mönche, bald als ein Bergknapp, bald stellet er einen Jäger, bald ein sehr kleines Männlein vor, und bald ist er ein Pferd, oder ein Krott, und bald ein Hirsch, ein Hahn, ein Rab. Doch hat er allezeit so viele Leutseligkeit und gesellschaftliches Wesen, daß er die Gestalte eines Thiers niemal erwählet, er werde dann erzürnet, oder verspottet. Aber wehe dem Spottenden, wenn sein Zorn gegen ihn entbrinnt. Er erschrecket durch seine thierische Gestalt. Er führet auf irrige Wege. Der Himmel muß sich in schwarze Wolken verhüllen, und durch Blitz, Donner, und einen häufigen Platzregen selbst seinen Unwillen zeigen. So gar in dem heissesten Sommer strafet er durch die strengste Kälte die ihm angethanene Unbilde. So gewiß, nach meinen Begriffen, bei diesen sich ergebenden Vorfallenheiten ist, daß Riebenzahl die Kraft Wunder zu wirken haben müsse; so ungewiß ist bei den Gelehrten sein Ursprung und die Meinung, ob er ein guter oder böser Geist seye. Einige sagen, daß er von einem Mönchen, der glaubte, daß dieses Gebirg nicht bewohnet würde, dahin verbannet worden, damit er keinen Menschen mehr schaden könnte, und daß diese Begebenheit in der Grafschaft Roußilon, welche die Franzosen und Spanier Rousewall nennen, geschehen seye. Andere sind mit einem berühmten schlesischen Chymicus der Meinung, daß in Frankreich einer von der Familie Rousewall wegen seinem unersättigen Geiz, und zur Bestrafung desselben, von GOtt als Hütter der Schätzen auf dieses Gebirg seye gesetzet worden. Die ausnehmende Politesse, seine Artigkeit, Maniern und Unterhaltlichkeit im Gespräche sollen Bürge seyn, daß Riebenzahl ein Franzos, und weil er niemand schadet, ein guter Geist seye. Diese letztere Meinung verdienet auch den größten Beifall; indem

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Andreas Ulrich Mayer, Gerard van Swieten: Abhandlung des Daseyns der Gespenster, nebst einem Anhange vom Vampyrismus. , Augsburg 1768, Seite 127. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Abhandlung_des_Daseyns_der_Gespenster.djvu/127&oldid=- (Version vom 14.2.2021)