Schneeweißchen und Rosenroth

Textdaten
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Autor: Johann Heinrich Lehnert
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Titel: Schneeweißchen und Rosenroth
Untertitel:
aus: Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise, S. 18–25
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1829]
Verlag: J. G. Hasselberg
Drucker: Gebrüder Unger
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg = Commons
Kurzbeschreibung:
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[18]
4.
Schneeweißchen und Rosenroth.

Eine arme Wittwe lebte in einem kleinen Hüttchen, und vor dem Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, wovon das eine weiße und das andere rothe Rosen trug. Und sie hatte zwei Kinder, die glichen den Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen und das andere Rosenroth. Sie waren aber beide so fromm und so gut, so arbeitsam und unverdrossen, als noch jemals zwei Kinder auf der Welt gewesen sind. Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenroth; das sprang lieber in den Wiesen und Feldern nach Blumen und Sommervögeln, während Schneeweißchen daheim bei der Mutter saß, und ihr etwas vorlas, oder ihr im Hauswesen half. Sie hatten aber doch einander sich so lieb, daß, wenn sie zusammen gingen, sie sich an den Händen faßten, und sagten: „Wir wollen uns niemals verlassen!“ Und die Mutter sprach dann: „Was die Eine hat, das soll sie mit der Andern theilen.“

Oft waren sie allein im Walde, wenn sie rothe Beeren sammelten; aber kein Thier that ihnen etwas zu Leide, sondern war ganz vertraulich mit ihnen. Manches Häschen nahm ein Kohlblatt aus ihren Händen, das sie ihm mitgetheilt hatten, und manches Rehkälbchen kam, und wollte bei ihnen grasen. Kein Unfall betraf sie, und wenn sie sich verspäteten, und die Nacht sie überfiel, so faßten sie sich einander an, und schliefen, bis der Morgen kam, und die Mutter wußte das, und hatte keine Sorge um sie.

Einmal, als sie so im Walde erwachten, sahen sie ein fremdes, schönes Kind, schneeweiß gekleidet, das sich vor sie hingesetzt hatte, damit sie in der Dunkelheit ja keinen Schritt weiter thäten, weil sie sonst in einen Abgrund hinabgefallen [19] wären. Es stand auf, sah sie freundlich an, sprach aber nicht, und ging dann in den Wald hinein. Als sie nach Hause kamen, erzählten sie der Mutter von dem lieblichen Kinde, das sie gesehen hätten; die Mutter aber sagte ihnen, das wäre der Engel gewesen, der sie behüte und für sie wache.

Die beiden Mädchen halfen der Mutter, so viel sie konnten, und machten ihr manche stille unverhoffte Freude. Sie hielten das Hüttchen so rein, daß es eine Lust war, anzusehen. Im Sommer besorgte Rosenroth das Haus, und alle Morgen, wenn die Mutter aufwachte, stand ein schöner Blumenstrauß vor ihrem Bette, und von jedem Bäumchen eine Rose. War es weiter, so zündete Schneeweißchen das Feuer auf dem Heerde an, und hing den Kessel an den Feuerhaken; der Kessel aber war von Messing, und so rein, daß er wie Gold glänzte. Abends, wenn die Flocken fielen, sagte die Mutter: „Geh’ hin, Schneeweißchen, und schieb’ an der Hausthür den Riegel vor!“ und dann setzten sie sich an den Heerd; die Mutter nahm die Brille, und las aus einem großen Buche vor, und die beiden Mädchen spannen und näheten; neben ihnen aber lag auf dem Boden ein Lämmchen, und hinter ihnen auf einer Stange saß ein weißes Täubchen, und hatte seinen Kopf unter die Flügel gesteckt.

Nun begab es sich eines Abends, als sie beisammen saßen, daß jemand an die Thüre pochte, als wollte er eingelassen seyn. Da sprach die Mutter: „Mach auf, Rosenroth, es wird ein Wandrer seyn, der Obdach sucht!“ Rosenroth ging, und schob den Riegel weg; aber es war kein Mensch, der eintrat, sondern ein schwarzer Bär streckte seinen dicken Kopf zur Thüre herein. Rosenroth schrie laut auf, und sprang zurück; das Lämmchen blökte, das Täubchen flatterte auf, und Schneeweißchen versteckte sich hinter der Mutter Bette. Aber der Bär fing an zu [20] sprechen, und sagte: „Fürchtet euch nicht, ich thue euch nichts zu Leide, ich will mich nur ein wenig an eurem Feuer wärmen!“ – „So leg’ dich nur da hin!“ antwortete die Mutter, und rief die Kinder, und sprach: „Schneeweißchen! Rosenroth! kommt nur her, der Bär thut euch nichts, er meint’s ehrlich.“ Da kamen die Kinder herbei, und das Lämmchen und das Täubchen verloren auch die Furcht, und näherten sich. Nach einem Weilchen sagte der Bär: „Seyd doch so gut, ihr Kinder, und klopft mir den Schnee aus meinem Pelzwerk heraus.“ Sie holten den Besen, und kehrten den Bär ab, der streckte sich hin, und brummte ganz vergnügt. Sie wurden endlich recht vertraulich mit einander; sie zauseten sein Fell mit den Händen, oder setzten ihre Füßchen auf ihn, und walgerten ihn hin und her; oder holten eine Gerte, und schlugen damit auf ihn los. Der Bär ließ sich dies Alles gefallen, nur wann sie’s gar zu arg machten, rief er: „Laßt mich nur am Leben,

Schneeweißchen, Rosenroth,
Schlägst dir den Freier todt!“

Als Schlafenszeit war, und die Mutter mit den Kindern zu Bette ging, sagte jene zum Bär: „Du kannst in Gottes Namen da am Heerd liegen bleiben, so bist du vor dem Wetter geschützt.“ Am andern Morgen, als es Tag war, ließen ihn die Kinder wieder hinaus, und er trabte, über den Schnee fort, in den Wald.

Von nun an kam der Bär jeden Abend zu der bestimmten Stunde, und legte sich an den Heerd, und sie waren so gewöhnt an ihn, daß des Abends nicht eher zugeriegelt wurde, als bis der schwarzbraune Gast angelangt war.

Als das Frühjahr herangekommen, und draußen Alles grün war, sagte der Bär eines Morgens: „Nun muß ich fort, und darf den ganzen Sommer nicht wieder kommen.“ Da fragte Schneeweißchen: „Wo gehst du hin?“ – [21] Und der Bär antwortete: „Ich muß in den Wald, und meine Schätze vor den Zwergen hüten; im Winter, wenn die Erde hart gefroren ist, müssen sie unten bleiben, und können nicht durchbrechen; aber jetzt steigen sie heraus, suchen und stehlen, und was sie einmal in ihre Höhlen getragen haben, das kommt so leicht nicht wieder an den Tag.“

Da öffnete ihm Schneeweißchen die Thüre, und als der Bär sich hinausdrängte, blieb er an einem Thürhaken hangen, und ein Stück von seiner Haut riß auf, und da war es Schneeweißchen, als hätte es Gold durchscheinen gesehen; aber es wußte es nicht recht, weil der Bär eilig fortgelaufen war.

Nach einiger Zeit sagte die Mutter: „Geht, Kinder, und sammelt Reisig, unser Vorrath ist bald zu Ende.“ Da gingen die Kinder, und als sie draußen im Walde waren, sahen sie einen großen Baum, der gefällt auf der Erde lag, und an dem Stamme, zwischen dem Grase, sprang etwas auf und ab; sie konnten aber nicht unterscheiden, was es war. Sie traten näher hinzu, und sahen einen Zwerg mit einem alten und verwelkten Gesicht und einem ellenlangen Bart, der schneeweiß war. Aber das Ende des Barts war in eine Spalte des Baumstammes eingeklemmt, und der Kleine sprang hin und her, wie ein Hündchen an einem Riemen, und wußte nicht, wie er sich helfen sollte. Er glotzte die Mädchen mit seinen rothen, feurigen Augen an, und rief: „Was steht ihr da; könnt ihr nicht herbeikommen, und mir Beistand leisten?“

„Was hast du denn angefangen, du kleines Männchen?“ fragte Rosenroth.

„Neugierige Geschöpfe!“ antwortete der Zwerg. „Den Baum habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz zum Kochen zu holen, bei einem dicken Klotz verbrennt gleich das Bischen Speise, das unser einer braucht. Ich hatte einen [22] Keil hineingetrieben, aber das verwünschte Holz muß zu glatt gewesen seyn, da sprang er wieder heraus, und der Baum fuhr wie der Blitz zusammen, und ich konnte nicht geschwind wieder zurück, da ist das Ende von meinem schönen Bart stecken geblieben.“ Da lachten die Mädchen. „Ja, ja, ihr habt gut lachen mit euren albernen, glatten Milchgesichtern,“ sagte der Zwerg, „pfui, wie garstig seyd ihr! Kommt, und helft mir doch.“ Die Kinder zogen nun an den Bart, aber umsonst, er steckte zu fest. „Ich will laufen, und Leute holen!“ sprach Rosenroth. „Ei was!“ schnarrte der Zwerg; „wer wird gleich Leute herbei rufen, das wäre mir gelegen; wißt ihr keinen bessern Rath?“

„Warte,“ sprach Schneeweißchen, „ich will dir helfen!“ Da nahm sie ihre Scheere aus der Tasche, und schnitt das Ende des Barts ab. Als der Zwerg sich frei fühlte, griff er nach einem Sack Gold, der unter dem Baume lag, und brummte: „Ihr dummen Gänse, schneidet mir ein Stück von dem prächtigen Barte ab, lohn’s euch der Kuckuck!“ Bei diesen Worten schwang er den Sack auf seinen Rücken, und ging fort, ohne den Kindern Dank zu sagen, oder sie nur einmal anzusehen.

Ein ander Mal wollten Schneeweischen und Rosenroth ein Paar Fische zum Abendessen mit der Angel fangen. Als sie sich dem Bache näherten, sahen sie, daß etwas, wie eine Heuschrecke, in großen Sprüngen nach dem Wasser zu hüpfte, als wolle es hinein. Sie liefen herzu, und erkannten den Zwerg. „Was hast du vor?“ fragte Rosenroth. – „Seht ihr denn nicht? der verwünschte Fisch zieht mich in’s Wasser!“ – Der Kleine hatte geangelt, und der Wind seinen Bart in die Angelschnur verflochten; da hatte unglücklicher Weise ein großer Fisch angebissen, und der Zwerg war nicht mächtig genug, ihn heraus zu ziehen; sondern der Fisch behielt die Oberhand, [23] und zog den Zwerg zu sich. Zwar hielt sich dieser an allen Halmen und Binsen fest, aber es half nichts, er mußte dem Fische folgen, und einen Sprung nach dem andern machen.

Die guten Kinder kamen noch zu rechter Zeit, und hielten den Kleinen fest: denn ein wenig später, so lag er im Wasser, und es war um ihn geschehen. Sie versuchten, den Bart von der Angelschnur frei zu machen; aber es war nicht möglich, so sehr waren beide in einander verwirrt. Es blieb nichts anders übrig, als daß sie die Scheere wieder hervorholten, und den Bart abschnitten; dabei ging aber ein kleiner Theil desselben verloren. Als der Zwerg das sah, schrie er sie an: „Ihr Lorche! ist das Manier, einem das Gesicht zu schänden? Erst habt ihr mir den Bart unten abgestutzt, jetzt schneidet ihr den schönsten Theil davon weg; ich darf mich ja vor den Meinigen nicht sehen lassen! So wollt’ ich, daß ihr laufen müßtet, bis ihr die Schuhsohlen verloren hättet!“ Dann griff er nach einem Sack Perlen, der da im Schilfe lag, und schleppte ihn, ohne weiter ein Wort zu sagen, fort, und verschwand hinter einem Stein.

Abermals, nicht lange darnach, schickte die Mutter die beiden Kinder nach der Stadt, um Zwirn und Nadeln, Schnüre und Bänder einzukaufen. Als sie auf einer Haide anlangten, auf welcher hier und da große Felsenstücke lagen, sahen sie einen großen Vogel in der Luft, der langsam in Kreisen sich über ihnen schwang, und dann sich immer tiefer senkte, bis er endlich vor einem Felsen niederstieß. Gleich darauf hörten sie ein ganz erbärmliches Geschrei. Sie liefen herbei, und sahen mit Erstaunen, daß der Adler den wohlbekannten Zwerg gefaßt hatte, welcher eben aus einer Oeffnung im Stein hervorgestiegen war, und daß er ihn forttragen wollte. Die mitleidigen Kinder packten gleich das [24] Männchen fest, und zerrten sich so lange mit dem Adler herum, bis er seine Beute mußte fahren lassen.

Als der Zwerg sich vom ersten Schrecken erholt hatte, sprach er: „Konntet ihr mich auch nicht säuberlicher angreifen! gerissen habt ihr an meinem Röckchen, daß es Löcher bekommen hat an mehr als Einer Stelle.“ Da nahm er einen Sack mit Edelsteinen, und schlüpfte wieder in seine Höhle. Die Mädchen waren schon an seinen Undank gewöhnt, setzten ihren Weg schweigend fort, und verrichteten in der Stadt ihre Geschäfte.

Als sie beim Heimkehren wieder auf die Haide kamen, überraschten sie den Zwerg, der wohl gedacht hatte, es würde so spät niemand mehr des Weges gehen. Er hatte sich ein reinliches Plätzchen ausgesucht, und seinen Sack mit Edelsteinen ausgeschüttet. Da lagen sie rings herum, und weil die Abendsonne darüber hin schien, schimmerten sie so prächtig in allen Farben, blau, roth, grün und gelb, daß die Kinder stehen blieben, und sie betrachteten.

„Was steht ihr da, und habt Maulaffen feil!“ schrie der Zwerg ärgerlich, und wollte sie weiter ausschelten, als er etwas brummen hörte, und in dem Augenblick auch ein Bär aus dem Walde hervortrabte.

Erschrocken sprang der Zwerg auf, und wollte entfliehen; aber er konnte nicht mehr zu seinem Schlupfwinkel gelangen; der Bär war schon zu nahe. Da rief er in der Herzensangst: „Lieber Herr Bär, verschont mich, ich will Euch alle meine Schätze geben, alle die Edelsteine, die da liegen. Was habt Ihr an mir kleinen Kerl; Ihr spürt mich nicht einmal in Euern Zähnen, aber die beiden Mädchen da, das ist ein zarter Bissen, fett wie die Wachteln! Die freßt in Gottes Namen!“ Der Bär kümmerte sich aber um seine Worte nicht, und gab dem boshaften Geschöpfe [25] einen einzigen Schlag mit der Tatze; er fiel nieder, und regte sich nicht mehr.

Die Mädchen waren fortgesprungen; aber der Bär rief ihnen nach: „Schneeweißchen! Rosenroth! fürchtet Euch nicht, bleibt stehen, und wartet, ich will mit Euch gehen.“ Sie erkannten sogleich die Stimme ihres alten Freundes, und blieben stehen. Da lief er herzu, und als er bei ihnen war, fiel die Bärenhaut von ihm ab, und ein prächtiger, ganz in Gold gekleideter, Königssohn stand vor ihnen, und erzählte, er sey verwünscht worden, und erst durch den Tod des bösen Zwergs erlöst.

Und Schneeweißchen ward seine Gemahlinn, und Rosenroth mit dem Bruder des Königs vermählt, und ward eben so reich: denn sie erhielt das Gold, die Perlen und Edelsteine, die der Zwerg in seine Höhle zusammengetragen hatte.

Und die alte Mutter zog nun zu ihren Töchtern, und lebte recht zufrieden und glücklich. Die beiden Rosenstöckchen hatte sie aber mitgenommen, und sie standen vor ihrem Fenster, und trugen jedes Jahr die schönsten Rosen – weiß und roth.