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XXXVIII.
29. Juli.
Beatrix,
Jungfrau, Märtyrin.


 Beatrix war die Schwester zweier Märtyrer zu Rom, der Heiligen Simplicius und Faustinus. Als ihre Brüder im Jahre 303 ihr Leben um Christi willen gelaßen hatten, zog sie die Leiber derselben aus dem Fluße Tiber und bestattete sie. Darauf begab sie sich zurück in die Stille und lebte mit einer römischen Matrone, Lucina, in der innigsten Vereinigung und unabläßiger Anrufung Gottes. Da sie aber endlich doch entdeckt wurde, gelangte sie zu demselben Glücke, wie ihre Brüder, und trug die Krone der Märtyrer davon. Einer ihrer Verwandten, der nach ihren Gütern lüstern war, wurde ihr Ankläger. Sie aber betheuerte von Anfang an muthig und unwandelbar, daß sie sich durch nichts in der Welt dahin würde bringen| laßen, Götter von Holz und Stein anzubeten. Ihr Urtheil und Lohn für solch Bekenntnis war, daß sie in ihrem Gefängnisse erdrosselt werden sollte. So wurde sie eine wahre Beatrix oder Beata, das heißt eine Selige, denn selig sind die Todten, die im HErrn sterben. Es gibt einen großen Haufen frommer Frauen, welche den Namen Beata oder Beatrix tragen. In dem Heiligenlexicon von Stadler und Heim finden sich nicht weniger, als vier unter dem Namen Beata und fünfunddreißig unter dem Namen Beatrix aufgeführt. Unter diesem Haufen sind manche, deren Lebensläufe länger als der unserer Beatrix gerathen würden. Dennoch aber muß man gestehen, daß die Schwester der Heiligen Simplicius und Faustinus von Rom mit andern römischen Märtyrern der ältesten Zeit etwas gemein hat. Diese Märtyrer sind nemlich gedrungene kräftige Gestalten, welche wie durch eine Meisterhand mit wenigen Strichen vor unsere Augen gemalt sind, und von denen man, trotz der kurzen Nachricht, die man hat, dennoch sagen muß, ihr Leben sei wohlgethan, ihr Lauf glorreich geschloßen. So ist es bei Beatrix. Ihre Brüder sind Märtyrer. Sie erweist ihnen im Leben und im Tode| schwesterliche und christliche Treue, und folgt dann ihrer glorreichen Spur. Sie ist nicht wie andere Märtyrer, welche nach der Märtyrerkrone jagten; sie bietet sich dem Richter nicht dar, sie flieht ihn; aber da der Beruf an sie kommt, zu leiden, zeigt sichs, daß sie fertig ist und bereit, tüchtig, willig und freudig, ein Opfer Deßen zu werden, der für sie geopfert ist. Sie begräbt die Leiber der Brüder, und wird selbst durch gleichen Liebesdienst begraben; die Genoßin ihrer himmlischen Freuden in der Andacht, Lucina, erweist ihrem Leibe die Freundschaft, die sie den Leibern anderer erwiesen hat. Wenn es darauf ankäme, durch das Begräbnis hingeopferter Christen den Tod zu finden, so würden heutzutage gewis viele auch an Vater und Mutter kein Unrecht zu begehen, sondern nur das rechte Maß eines Christen einzuhalten glauben, wenn sie „die Todten ihre Todten begraben“ (?) ließen und sich das zeitliche Leben erhielten. So aber dachte das Alterthum nicht, sondern wie wir es schon im Büchlein Tobias lesen, so hielt es jedermann für ein gutes, dem HErrn gefälliges Werk, die Leiber der Heiligen zu begraben, und wer dabei sich selbst opferte, hatte das gute Gewißen, in seinem Berufe zu sterben.| So dachte Beatrix, und die gedrungene römische Erscheinung, die wir an ihr haben, verliert daher nicht an Maß und Haltung und nicht an Glanz deshalb, weil der Anlaß zu ihrem Leiden das Begräbnis ihrer Brüder war.




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