Textdaten
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Autor: Woldemar Kaden
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Titel: Rom im Rausch
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aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 114–118
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Rom im Rausch.

Von Woldemar Kaden.0 Mit Originalzeichnungen von Salvatore de Gregorio.


Neugieriger Reisender: „Ist das nicht Maskeraden-Spott?
Neugieriger Reisender: Soll ich den Augen trauen?“
Neugieriger Reisender: „Ist das Goethe, „Walpurgisnacht“.

Paul Heyse schrieb im Jahre 1879 eine Novelle „Romulusenkel“. Veranlassung dazu hatte ihm das moderne Rom in Frack und Cylinderhut gegeben, das mit dem der Väter, wie es der Dichter vor fünfundzwanzig Jahren kennen gelernt, und dem der „Großväter“ vom Ende des vorigen Jahrhunderts, wie Goethe es geschaut und geschildert, nur wenig Aehnlichkeit noch hat und aus diesem Grunde unserem Dichter und uns nicht mehr recht behagen will.

Diese frisirten Enkel leben fast ausschließlich von der Tradition der Väter, Großväter und Urahnen, aber die echte römische Weise ist dahin, dahingegangen mit dem weltlichen Besitz des Papstes, mit dem letzten ritterlichen Räuber der pontinischen Sümpfe. Die Königsstadt Rom, die Kapitale Italiens ist eine Stadt geworden (Hut ab!), eine vornehme Stadt, mit einem großstädtischen Gesicht, geradlinig, geregelt, mit französischer Schminke geschminkt, und ihre Freuden und Leiden gleichen wie ihre Straßen und Verkaufsläden denen von Wien, Berlin, Frankfurt und Köln fast auf ein Haar. Selbst die Ruinen sehen gar nicht mehr so ursprünglich römisch aus. Die originellen römischen Figurenbilder sodann, die noch immer auf unseren Ausstellungen erscheinen, sind meist zu „konventionellen Lügen“ geworden, wie die Begeisterungshymnen der Dichter, die nach Originalen im Volke suchen, deren es vor dreißig, vierzig Jahren, wo Wilhelm Waiblinger, Wilhelm Müller u. A. in Rom sich begeisterten, noch die Fülle gab, die aber jetzt schon mit der Laterne müssen gesucht und in Wahrheit nur von schwärmenden Damen gefunden werden.

Nur zweimal im Jahre spukt so etwas wie der alte Geist durch die Menge: in den Oktoberfesten und zum Karneval. Aber – der römische Karneval, den wir seit Goethe’s Vorgang in unzähligen Schilderungen kennen gelernt haben, ist im Laufe der Jahre, und besonders seit 1870 ein so anderer geworden, daß wir, wenn wir mit den aus jenen Schilderungen gewonnenen Voraussetzungen ihn zu genießen kommen, denselben kaum wieder erkennen werden. Ein Glöckchen, ein bunter Lappen nach dem andern ist von seinem Narrengewande abgefallen, er fängt an im Sande der politischen und socialen Prosa zu verlaufen; wenige Jahre noch, und die Geschichte des römischen Karnevals wird uns anmuthen wie ein „Märchen aus alten Zeiten“, das da anfängt wie alle Märchen: „Es war einmal …“

Es war einmal ein Prinz, der hieß Karneval. Er war aus ältestem Blute und stand bei dem Volke in großem Ansehen. Niemand aber wußte, wo er das Jahr über wohnte, man erzählte nur, daß er von Zeit zu Zeit unter dem Volke sich zeigte, wenn dieses zu Guitarrenspiel, zu Tanz und Morra in den baumumschatteten Osterien am Monte Testaccio oder vor der Porta del Popolo sich zusammenfand. Da erschien er und übte den lustigen Zechern und tanzlustigen Mädchen und Weibern neue Weisen und Witze ein und weckte die Seele zu toller Lustigkeit. Acht Tage aber vor den großen Festen (wo man dem weltlustigen Fleische, der carne, Valet sagen mußte) erschien er auf einmal, von keinem Komité berufen, triumphirend inmitten der Stadt mit dem bunten Gepränge eines Narrengefolges, in grellfarbigem Anzuge, die Schellenkappe auf dem schwarzlockigen Haupte, den Thyrsus der Lust und die übermüthige Pritsche statt des Scepters in der Hand, und das Volk jubelte ihm wie einem alten angestammten Herrscher zu, und die Obrigkeit beugte sich vor ihm und fügte sich seinen Gesetzen, welche die Freiheit, die absolute Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (die lieblichen Schwestern nicht zu vergessen) proklamirten.

Eine fieberhafte Thätigkeit entwickelt sich nun in allen Sälen, Kellern, Werkstätten und Bottegen; die Schneider und Schuster, die Putzmacherinnen, die Bäcker, Konditoren und Gastwirthe haben alle Hände voll zu thun; die armen stillen Gärten mit ihren Rosen, Reseden und Kamelien, die Wiesen, Felder und Wälder der Campagna, wo unter dem süßen Athem des Lenzes die Anemonen und Veilchen soeben sich erschlossen, werden von hundert Händen geplündert, ganze Wagenladungen von Blumen [115] kommen in die Stadt, und tausend Hände winden sie zu Sträußchen und vornehmen Bouquetts; die Musiker probiren ihre Instrumente, der Staub wird von den ältesten Guitarren gefegt, und die Leierkasten setzen neue Tanzwalzen auf.

Die Hôtels, Gasthäuser und „Cafe mobiliate“ füllen sich mit blonden und rothhaarigen „Barbaren“, und gleichzeitig strömt das stattliche Landvolk der Albaner-, Sabiner-, Herniker- und Volskerberge in malerischen Trachten schaarenweis zu allen Thoren der heiligen Stadt herein, die in diesen Tagen die Heiligkeit an den höchsten Nagel des Vatikan hängt, um einmal recht als weltliche Thörin sich auszutoben.

Es kann losgehen!

Vorher aber, o Wanderer aus Norden, laß dir rathen, deine deutsche Ernsthaftigkeit, dein Spießbürgerthum und alle griesgrämige Anschauung ebenfalls an jenen Nagel zu hängen, sonst genießest du nichts und schreibst am Ende gar wie Goethe am 21. Februar 1787 die unfreundlichen Worte in das Tagebuch: „Den Karneval in Rom muß man gesehen haben, um den Wunsch völlig loszuwerden, ihn je wieder zu sehen.“ Auf das Wie des Genießens kommt es an, o Freund! Und um richtig zu genießen, müßte man denn eben aus seiner deutschen Haut herausschlüpfen und ein Südländer, ein Römer werden.

„Der Römer,“ sagt Wilhelm Müller, der die Römer und – Römerinnen so gut verstand, „hat einen vortrefflichen Takt im Genusse, hingegeben und rücksichtslos, und doch immer bewnßt und anständig. Wir armen Nordländer! Wenn wir einmal den Wein der Freude in vollen Zügen kosten, so steigt er uns in den Kopf und wir schlafen oder zanken und prügeln uns. Der Römer genießt ihn mit dem täglichen Brote, und je mehr er trinkt, desto besser er ihm schmeckt.“

„Gönn’ ihm, nordischer Freund, die beneideten Freuden, und schelte
0 Keinen um flüchtigen Rausch, keinen um menschliches Glück.“

Ja, ein Rausch ist es, der sich jetzt des gesammten Volkes bemächtigt, und zwar nicht ein flüchtiger, der vom Abend zum Morgen verfliegt, sondern einer, der acht lange Tage vom Morgen bis zum Abend und dann die Nacht hindurch andauert. Acht Tage des übermüthigsten ausgelassensten Tosens und Tobens, Singens, Schreiens, Musizirens, Danzens und Zechens! Und zwar ohne je zu ermüden, ohne das Anzeichen der Sättigung oder des Ueberdrusses im Auge, in der Bewegung, in der Stimme.

Es ist zwei Uhr. Der langersehnte Kanonenschuß ist gefallen. Der Korso in seiner ganzen Länge, vom Obelisken des Platzes bis zum venetianischen Palaste und bis zum Kapitol hinab, muß jetzt von Karren und Lastwagen und allem Gefährt, das kein hochzeitlich Gewand trägt, geräumt werden, und wer philisterhafte Angst vor dem Gedränge im Herzen, oder einen schwarzen Rock oder einen vornehmen Cylinder trägt, drängt sich gleichermaßen in die Seitenwege hinein.

Denn jetzt strömt sie herbei, die tolle Fluth, brandend an den Palastreihen zur Rechten und Linken, Welle auf Welle, verschlingend und von der nächsten verschlungen, gedrängt und drängend, eine bunte kompakte Masse; aus der Höhe geschaut, eine bewegliche Mosaik von Menschenköpfen, in der das Individuum, das doch so gern durch auffallende Tracht, Masken und Gebahrung sich bemerklich machen möchte, nicht mehr zu bemerken ist. Aus dieser Bestrebung des Einzelnen, von Tausenden und aber Tausenden wiederholt, nachgeahmt und fortgepflanzt, entsteht ein so augenberückendes Treiben, ein so sinnbethörendes Gewirr, daß die Blicke des unbetheiligten Zuschauers wie die eines Trunkenen zu starren beginnen und erst nach und nach zum Sehen kommen.

Dann aber ist es ein prächtiges Bild, das sich auf der Straße und auf allen Balkonen entwickelt, und die römische Frühlingssonne funkelt und blitzt in die bunten Farben hinein und vergoldet selbst den aufwirbelnden Staub der von den Fenstern aus der Höhe auf alles Vorübergehende hinabgeschleuderten Confetti oder Coriandoli, die von den Hufen der Pferde oder den geschäftigen Menschenfüßen zerstampft werden. Denn der Confettikrieg ist die Hauptsache. Mit brausendem Jubelgeschrei übermüthiger Belagerer oder Belagerter wird er geführt und Hunderte von Centnern dieser schneeigen Gipskügelchen wirbeln, von Schaufeln und Händen geschleudert, durch die Luft, und helles Gelächter begleitet jeden wohlgezielten Wurf. Die Wagen, die in zwei langen Reihen, einer dicht hinter dem andern, langsam auf- und abfahrend, gleich dem Zuge der Kinder Israel das Volksmeer theilen, sehen bereits aus wie Müllerwagen und ihre Insassen wie Mühlknappen. Lange weiße Schutzmäntel, graue breite Filzhüte und Gesichtsmasken aus Draht tragen die Meisten aber auch an Kostümen und Kleidern der übrigen charakterlosen oder Charakter-Masken ist wenig zu verderben: derbe Stoffe, derber Schnitt, viel alter Plunder, viel Buntpapierwaare. Der Pulcinella, der Harlekin oder Bajazzo, hat seine Rolle noch lange nicht ausgespielt, in ungezählten möglichen und unmöglichen Exemplaren taucht er an allen Ecken und Enden auf; hier sogar als echter neapolitanischer „Signor Cetrolo“ auf der Hochzeitsreise von Neapel nach Rom begriffen, seine überspannte perfide junge schlanke Sposa am Arme eines echt neapolitanischen Stutzers, diese Drei und ihr verwandtschaftliches Gefolge werden durch eine Deputation der Quiriten mit Adresse, Radieschenbouquetts, Tamburo- und Mandolinenklängen empfangen und begrüßt und in eine der öldunstdurchschwängerten Kantinen zum rothen Castelliwein, zu Sang und Saltarello geschleppt.

Draußen aber fluthet und tost es weiter, und was man anfangs einer Steigerung nicht für fähig hielt, ist in stetigem Crescendo, vom musikalischen f zum ff, zum fff und noch weiter gewachsen. Und doch ist Maß in aller Tollheit, die Ausgelassenheit wird nie zur Rohheit, der kühnste Scherz nie zur Beleidigung, eine gewisse stolze Würde, der freie Anstand kommt dem Römer nie abhanden, und das mag besonders der Damenwelt zu Gute kommen, die, obgleich heute eben Alles erlaubt ist, von der Prinzessin bis zur verdächtigsten Trasteverinerin, sich frei und ungekränkt unter der Menge bewegen darf. Freilich übelnehmen darf Niemand etwas; auf einen kecken Spaß gehört eine kecke Antwort oder ist lustiges Lachen die beste. Die fremde Dame im feinen Zweispänner, die im hellen Zorn nach dem räubermäßig verkleideten Burschen, der, ihren Wagen von rückwärts her erkletternd, der Schönen einen großen Krautstrauß an den Busen stecken wollte, mit ihrem Sonnenschirm schlägt, ist verloren. Hunderte von lachenden, schreienden, johlenden Feinden nehmen den Wagen in die Mitte, weißer Staub umwirbelt ihn, er füllt sich in wenig Minuten mit Confetti, mit zerrupften und zertretenen Sträußen, und die böse Belagerung dauert noch vor der Hôtelthür fort.

Die graziös lächelnde Schönheit aber, die dem Volke echte Zuckerconfetti, Blumen und Kußhände zuwirft, wird von tausend Händen und Stimmen gefeiert. Die Wagen der Nobili halten unter ihrem Balkone und ein reizendes Blumenbombardement beginnt, dem die Schar der Gassenjungen nur zu gern assistirt, denn ein Bouquett, das, sein Ziel verfehlend, aus die Straße fällt, ist ihre Beute, die am nächsten Brunnen vom Gipsstaube gesäubert und Kauflustigen um wenige Soldi überlassen wird. „Fiori, fiori, belli fiori!“ Blumen! Blumen! ist der allüberall ertönende Ruf, der Blumenhandel an diesem Tage das blühendste Geschäft! Und in der That, wer hätte den Muth, die schönen Römerinnen mit den großen siegesgewissen Augen, den kußverheißenden Lippen, den schwarzen Haaren und junonischen Nacken mit schnödem Gips zu begrüßen? Nur ein Blumengruß ist hier am Platze, nur die Blumensprache die artigste.

Ein schönes Bild, ohne Zweifel das anziehendste, ist ein mit schönen Römerinnen besetzter Balkon, von dessen Balustrade lichtblaue oder purpurrothe Teppiche herniederhangen, über die sich die schlanken Mädchenleiber zum Blumenwurfe nach vorüberziehenden Bekannten beugen oder getroffen lachend, leicht wie eine Feder zurückschnellen, um mit frischgefüllten Blumenkörbchen wieder hervorzutreten. Die helle Sonne dazu, der blaue Himmel, die althistorischen vornehmen Paläste – ein schönes unvergeßliches Bild.

„Blumen fliegen auf und nieder;
Ist es nicht, als strömten junge
Neckisch kecke Liebesgötter
Einen Regen hier von Rosen,
Dort von Veilchen in die Straße;
Nicht, als schleuderten sie lachend
Im Triumph auf Tausende
Zartverwundende Geschosse?“

Von all den andern Bildern, von all den fliehenden Gestalten nur Eines festzuhalten, will uns nicht gelingen. Hundertmal werden wir angelockt, hundertmal im nachbrandenden Strudel mit hinweggerissen; das kommt und schwindet, fast wesenlos, und wenn wir allein gekommen, bleiben wir auch allein, trotz der uns umgebenden Menge, trotz der allgemeinen Gleichheit und Brüderschaft. [116] Wir sehen tausend verschiedene Figuren, eine Procession ohne Ende, und haben am Ende doch nichts gesehen, und den bunten Wechsel mit Feder und Stift festzuhalten will weder dem Dichter noch dem Maler gelingen, sie geben ein Nacheinander, wo doch die Gleichzeitigkeit ihre Hauptwirkung thut.

„Don Niccolo“ vor dem Laden der Wildbretthändler.

Einen hohen, ja den höchsten Reiz für den Römer hat der Karneval verloren durch das Verbot der „Barberi“. Seit zwei Jahren hat auf hohen obrigkeitlichen Befehl, weitere Unglücksfälle zu verhüten, das Wettrennen der Barberi aufgehört. Die Barberi sind zur Mythe geworden. – Früher donnerte am bestimmten Tage ein Kanonenschuß vom Obelisken her, und die Kutschen verschwanden vom Korso, und das Volk bildete zu beiden Seiten desselben ein dichtes Spalier. Dann sprengten die päpstlichen Dragoner die Straße herab und machten die Bahn frei bis zum Venezianischen Platz hinab. Jetzt klopften die Herzen, jetzt reckten die Hälse sich, jetzt stand Alles auf den Zehen ... sie mußten kommen, die wilden Rosse der Campagna, die ohne Sattel und Zaum, in ungezügelter Freiheit um die Ehre ihrer Besitzer liefen. Und sie kamen: donnernder Hufschlag, Wiehern, Schnauben, ein wildes Gewirr von Köpfen, Schweifen und Mähnen, lautes anfeuerndes Gebrüll des Volkes, Beifallsklatschen, das wie Kleingewehrfeuer mit den dahinjagenden Rossen die Straße entlang läuft und - das Spiel ist vorüber, ein letzter Rest der römischen Rennen antiker Zeit im Circus Maximus, ein Rest auch des päpstlichen Roms, wo neben den Vierfüßern auch die Zweifüßer zum Wettrennen angehalten wurden.

In früheren Zeiten mußten nämlich die Juden zur Karnevalsbelustigung laufen, um die Wette laufen wie die Barberi, und zwar nackt. So sah sie Michel Montaigne im Jahre 1581, und in dem Tagebuche eines römischen Kanzlisten vom Jahre 1583 (16. Februar) liest man die erbauliche Stelle: „Am Montag fand der gewöhnliche Wettlauf der acht nackten Ebräer statt, begünstigt von Wind, Regen und Kälte, wie es diese Treulosen, maskirt vom Koth und begleitet vom Hohngeschrei der Menge, verdienten.“ Der „Spaß“ ward aber noch größer, als der Karnevalsvorstand auf den Gedanken kam, die zweibeinigen Renner vorher zu überfüttern und betrunken zu machen.

Diese Schmach dauerte bis 1668. Am 28. Januar 1668 bestimmte Clemens IX. Rospigliosi durch ein Breve, daß die „Corsa degli Ebrei“ aufzuhören habe.

Auch von den alten Masken, wie sie Goethe noch gesehen, sind heute viele verschwunden, und die übrig gebliebenen treten so zahlreich wie früher nicht mehr auf; und was vom niederen Volke noch sich maskirt, verbindet damit meist den Zweck, die Zinsen seines im abnehmenden Monde stehenden Kapitals durch allerhand Spaßmacherei vor den Bänken der Fleischer, Bäcker, Wildbrett-, Frucht- und Weinhändler in kleinen und kleinsten Münzen einzutreiben. Diese „Don Niccolo“ entwickeln bei aller Gravität eine Zungenfertigkeit, die uns Nordländer in Erstaunen setzt, obwohl wir von dem Wortgeplätscher keine Silbe verstehen. Das originellste Karnevalsleben, von dem kein Dekret noch etwas hat hinwegschneiden können, finden wir aber, und besonders am Abend, in den Kneipen, „Osterien“, wie sie der Römer benennt. Hier, beim Wein, wird der alte Römergeist lebendig, hier wirbelt die Lust so voll und toll, daß uns zahmen Menschen angst und bange wird.

Wir schleichen hinaus. Eine laue Frühlingsluft umfängt uns. Schreien, Rufen, Räderrollen, abgerissene Musikklänge überall. Eben werden auf dem Korso die ersten Gasflammen entzündet, helle Laternen schimmern an den zahlreichen Kutschen, und nun beginnt er, der Irrlichtertanz. Dicht vor uns zuckt ein Flämmchen auf, drüben ein anderes, ein drittes, viertes ... eins, zwei ... ein Dutzend auf dem Balkone, ebenso auf einem andern; es ist ein beständiges Aufblitzen geworden, eine Wolke

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Karneval in Rom:0Hochzeitsreise des Signor Cetrolo aus Neapel.

[117] von Johanniskäfern scheint in die Straße hereingeweht zu sein; aus dem letzten Dachfensterchen schimmern die zuckenden Flämmchen, tauchen auf, verschwinden. Aus Hunderten sind bald Tausende geworden, aus blitzenden Tropfen ein leuchtender Strom, eine Milchstraße von Lichtern, ein Sternenhimmel. Keine Hand erscheint ohne ein Lichtchen, und diese Hände fahren auf und fahren nieder und hinter allen erscheint ein lachendes Gesicht, angestrahlt von dem gelben Flammenschein. Welche Lust in diesen Gesichtern der glattwangigen Knaben, der schwarzbärtigen Männer, der übermüthigen Frauen und Mädchen! Die Narrheit hat ihren Höhepunkt erreicht, das ist der Moccoli-Abend, an ihm wird der Prinz Karneval zu Grabe getragen, nachdem man ihm im wörtlichsten Sinne das Lebenslicht ausgeblasen. Nach diesem Lebenslicht, dem Moccolo, hascht Jung und Alt in wirbelnder Hast, es auszulöschen mit Kraft der Lungen, mit tappenden Händen, wehenden Taschentüchern, mit Stöcken, Stangen, Fahnen und Blasebälgen, im offenen Sprung oder durch schleichende Hinterlist. „Es ist gestorben, das Moccolo! Welche Schande, ohne Moccolo!“ Geschrei, Gelächter, Angstrufe aus dem gar zu argen Gedränge ... Die ganze Walpurgisnacht wird lebendig, und nirgends besser als hierher passen die Verse des Mephistopheles:

„Das drängt und stößt, das rutscht und klappert!
Das zischt und quirlt, das zieht und plappert!
Das leuchtet, sprüht und stinkt und brennt!
Ein wahres Hexenelement!“

„Moccoli“.

Mit diesem sinnbethörenden Gebrülle aus tausend Kehlen, denen acht lustbewegte Tage den süßen Schmelz doch schon einigermaßen genommen, mit dem Erlöschen des letzten Moccolo hat die Freude für diesmal ein Ende. Die ganze bunte Zauberwelt, die unser Auge erfreut, nimmt die gestaltenlose ernste Nacht unter ihren grauen Mantel. Morgen ist Aschermittwoch, die soll dich an den Tod erinnern nach dem lustigen Schattenspiel des kurzen Lebensrausches.

Die Gaslaternen blinzeln zu dem tiefblauen Himmel hinan, im tiefen Schatten liegen die Seitengäßchen ... Schritte verhallen in der Ferne, hier noch ein verspäteter Wagen, ein Liebespaar unter einem Thorbogen ... ernst, fast bedrohlich schauen die altersschwarzen Ruinen über den Platz herein ... ein Duft von Gras und Kraut haucht von der Campagna herüber. War es ein Traum?

Der Lumpensammler hat sein Werk begonnen, er hält eine reiche Ernte: bunte Kleiderfetzen, Spitzenreste, abgerissene Schleifen und Bänder, halbverbrannte Taschentücher und unzählige Wachskerzenstümpfchen füllen seinen Korb. Wenn es ihm von Werth wäre, er könnte auch manches Herz finden, das im Gedränge an irgend eine „Here“ verloren gegangen ist.

Ist dieser Lumpensammler aber ein Pessimist, so seufzt er am Ende seiner Arbeit und spricht: „Ach, in ein paar Jahren giebt es keinen römischen Karneval mehr!“



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