Reisebriefe 4

Textdaten
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Autor: Alexandre Weill
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Titel: Reisebriefe 4
Untertitel:
aus: Die Grenzboten (1841/1842), 1. Jg., Band 1, S. 220–221
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1841
Verlag: Herbig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Band 1: SUUB Bremen = Commons
Kurzbeschreibung:
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Reisebriefe.
von
A. Weill.
4.
[1]


Paris.     

Doch, lassen Sie mich ernst und aus vollem Herzen sprechen. Ja, sie ist wieder auferstanden, die neue Hoffnung der zukünftigen Sonne Deutschlands, trotz aller Kleinlichkeiten, trotz aller Ironie. Ich dachte es lange, daß die Rollen beider Nationen gewechselt sind. Deutschland war lange genug an das Kreuz der Völker geschlagen. Schon seit Jahrhunderten ist es der Jesus der Menschheit; es erfand die Freiheit des Gedankens, andere kosteten ihn; es erfand die Freiheit des Worts, andere sprachen es aus; es erfand das Pulver, andere schössen damit. Es ist Zeit, daß es sich neu organisirt, sich fest zusammenschließt, um die leeren Spalten auszufüllen, und sei's auch mit Werg oder schlechtem Mörtel. Der neue Kitt ist die Industrie, die Eisenbahnen, die Landwehr, der Zollverein. Ehe man die Welt umarmt, muß man erst sich selbst kennen und seine Kraft messen. Doch das Nationalitätsprinzip allein, beruht auf Egoismus, der Franzosenhaß, auf Unkenntniß der Sendung dieses Volkes. Frankreich hat Deutschland wohl gethan. Bei der Vorsehung der Geschichte gibt es keine Nationaleitelkeitcn. Frankreich hat Deutschland aus seinem Schlaf geweckt; es packte es an der Brust, bis es sich in Bewegung setzte, um etwas für sich zu thun, es mußte es mit Schwerthieben zwingen, sein eigenes Feld zu bearbeiten, und deßwegen sollte Deutschland Frankreich nur dankbar sein. Ja, der Zollverein selbst, ist eine Continentalidee Napoleons.

Ich habe Deutschland, wie gesagt, ganz baumwollen gefunden, aber das ist ein Glück für dasselbe, wenigstens für den Moment. Hat es der Zollverein ganz vereinigt, kömmt ein einziges Münzsystem für ganz Deutschland, bringen es die Eisenbahnen immer näher zusammen, und mit ihnen, die intellektuellen Kräfte, schmilzt ein Landwehrsystem ganz Deutschland zu einer Armee um und zerschmettert den Adelstolz der Offiziere, bekömmt Deutschland eine Nationalflagge und eine Flotte, so ist Vieles, und Viel zugleich für die Zukunft geschehen. Die Männer, die dies erwirkten, werden ermüdet sich ausruhen, aber die Söhne solcher Thaten werden schon wüthig in die Fußstapfen der Väter treten. Hier fällt alle Ironie weg. Behalten wir das Große immer im Auge, und bespötteln wir nur das Kleine. — Aber noch steht Deutschland nicht auf diesem Punkt, noch ist das Vertrauen zwischen scheinbar verschiedenen Tendenzen nicht hergestellt. Noch sind die öffentlichen Sitten Deutschlands die nicht, die eine große politische Nation konstituiren. Noch hat der Mensch seinen Werth als Mensch nicht, noch schätzt man ihn nach seinem Titel und seiner thierischen Geburt, noch ist die Heirath in Deutschland eine Spekulation, noch fühlt das Weib nur als ein Weib, nicht als Mensch, nicht als Deutsche zuerst, noch ist die Erziehung nicht national oder rein humanistisch, noch feinden sich die verschiedenen Religionen an, als wären sie nicht alle sterbliche Menschen eines Vaters, noch hat der Schriftsteller nicht das Bewußtsein seiner wahren Mission, noch räumt ihm die Gesellschaft die Stelle nicht ein, die ihm, durch das unverjährende Recht des Geistes gebührt, aber das Alles wird und muß sich zum Bessern gestalten, und wir alle tragen dazu bei. Diejenigen, die die Gegenwart verdammen, so wie die, die sich mit der Zukunft trösten. Es ist genug, wenn man an die Sendung einer Nation glaubt, um ihrer Wahrheit sicher zu sein. Die Dinge, die da kommen, werden nicht vorausgesagt, weil sie kommen, sondern sie kommen, weil sie voransgefühlt wurden. Erkennen wir ernst an, daß es in einem Staate keine individuelle Axe gibt, die sich um sich selbst dreht. Handel, Kunst, Literatur, Poesie, Diplomatie, Gewerbe, Gesetzgebung, Sitten, Musik, Tanz, Leben und Sterben, alles dies ist eine Perlenschnur tausendartiger Spezialitäten, die in eine Einheit zusammenschlagen. Wäre Gott nicht, die Philosophie hätte ihn als Einheit der Kraft erfinden müssen. Darum muß uns nichts klein sein, nichts geringfügig. Andere sind nur groß, weil wir bis jetzt klein waren, andere heilig, weil wir profan. Doch ist's besser, wir machen Alles groß. Alles heilig, als Andere mich klein und profan. Deutschland soll groß und heilig werden! Weil wir Alle dies wünschen, darum wird es sich auch erfüllen.


AnmerkungenBearbeiten

  1. Siehe Grenzboten No. 2. 4, 5.