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Titel: Regentage im Gebirge
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aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 702–705
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: mit Bild von L. Bechstein
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Regentage im Gebirge.
Originalzeichnung von L. Bechstein in München

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Regentage im Gebirge.

Der Herbst neigt sich seinem Ende zu und bald werden die letzten Nachzügler jenes Heeres, welches Sommer auf Sommer ein sich in die waldgrünen Thäler des baierischen Gebirges ergießt, aus diesem verschwunden sein, um am warmen Ofen, bei der brodelnden Tasse Thee und bei der duftenden Cigarre immer wieder die schönen Erinnerungen durchzukosten, welche die reiche Beute des Sommerausfluges bilden und über den Frost und die Langeweile des in die Zimmer bannenden Winters hinweghelfen müssen.

Ja, es ist schön im Gebirge! Wer diese reine, frische, Mark und Muth stärkende Luft je eingeathmet hat, wer je durch die thaufrischen Thäler und Schluchten gewandert ist oder die steilen, sonnenbeschienenen, waldgeschmückten Höhen erklommen und mit trunkener Seele auf alles unter ihm Seiende geblickt hat – vergißt es nimmermehr. Und wer dächte nicht immer wieder an jene herrlichen blauen Mondnächte zurück? Wie mit Silber übergossen stehen die Bergwände, aber über den schweigenden Thälern liegt [704] ein geheimnißvoller blauer Duft und die schwarzen Wälder blicken ernst auf die Dörfer und Gehöfte zu ihren Füßen, die sie wie ein schützender Kranz umgeben und in denen kein Laut, kein Ton die wunderbare Ruhe der Nacht stört. Nur der unermüdliche Brunnen rauscht, geschwätzig wie immer, und in seiner sprudelnden Fluth blitzt das Silberlicht des hoch im Blauen schwebenden Mondes.

Glücklich, wem nur solche Erinnerungen in der Seele haften, wer es nicht miterlebt hat, wenn der Himmel sich öffnet und seinen unerschöpflichen Wasserreichthum auf die Berge und in die Thäler und in die ungepflasterten Dorfstraßen gießt. Doch nein, auch das muß erlebt sein, man muß den Schrecken mitempfunden haben, der Einen überkommt, wenn plötzlich hoch oben auf einem wegen seiner Aussicht berühmten Bergrücken, zu dem man in der heitern Frühe des Morgens hinaufgeklettert ist und auf dem man sich nun der behaglichsten, wohlverdienten Ruhe hingeben will, der verhängnißvolle Ruf laut wird:

„Es tröpfelt!“

Ein entsetzter Mund hat die beiden Worte gerufen und im Nu springt die ganze Gesellschaft, welche anmuthig auf einem Wiesenfleck zwischen fichtengekrönten Felsenwänden gelagert war, in die Höhe und so viel Hände nur frei sind – man hatte sich eben daran gemacht, die aus dem stattlichen Rucksack des Führers geholte Kalbskeule zu zerschneiden und einer der Flaschen, welche weise Vorsicht auf die nur Quellwasser bietenden Höhen mitgenommen, den Hals zu brechen – so viele Hände strecken sich aus, die Wahrheit der eben gewordenen Ankündigung zu erproben.

Es tröpfelt wirklich. Eine trübe Fläche, deren eintöniges Grau nur durch einzelne tiefer ziehende, dunkler gefärbte Wolken unterbrochen ist, schiebt sich langsam am Himmel hin und dort hinter dem zackigen, kahlen, zerklüfteten Gebirgsstock zieht es schwarz und drohend herauf. Ein leichter kühler Wind bläst aus der Schlucht im Winkel und streicht über die Spitzen des Nadelholzes, die aus der Klamm unten heraufragen und fast die Füße unserer auf einer schmalen Terrasse befindlichen Vergnügungszügler berühren.

Diese sehen sich rathlos in die erschrockenen Gesichter, schon aber hat der Führer das einzig Räthliche begonnen und zusammengepackt, was er nur erraffen und in seinen weiten Rucksack schieben konnte. Er hatte den Regen angekündigt, man hatte ihm nicht geglaubt; jetzt prophezeit er, daß der Regen anhalten werde, und jetzt glaubt man ihm, das Schäkern und Lachen ist verstummt, das Tröpfeln, das die Gesellschaft aufgescheucht, ist schon zu einem leichten Regenschauer geworden. Im Nu greift man zu Plaids und Ueberziehern, die man kaum erst von sich geworfen, und Alles macht Miene, einer gescheuchten Gemsenheerde gleich, den Felsen entlang eilfertig den Pfad hinabzustürzen, den man eben erst mühsam heraufgeklonmmen.

Der Führer ruft ein gewichtiges Halt! Zwar hüllen sich die Berge mehr und mehr in den verhaßten grauen Schleier, der auch die ferne Ebene, auf die hier ein weiter Blick gegönnt war, dem Auge entzieht – aber ist das Hinabsteigen in das Bett der Klamm an und für sich schon nicht ohne Schwierigkeiten auszuführen, wie viel mehr jetzt, da die rings den Boden locker bedeckenden Steine, naß und schlüpfrig geworden, dem hastigen Fuß nicht mehr den gewünschten Halt bieten. Jeder Schritt muß mit Bedacht gethan werden, jede unzeitige Eilfertigkeit kann den Sturz in die Tiefe zur Folge haben. Dabei füllt das ahnungsvolle, unendliche Rauschen des niederströmenden Regens rings die Luft und schwere Zweige beugen sich widerspenstig da und dort über den schmalen Weg. Kein Geländer schützt vor dem Abgrund, der sich zur Rechten öffnet und in dessen Tiefe, dem Auge unsichtbar, der tobende Wildbach braust, auf der andern Seite aber steigt die Felsenmasse in die Höhe, und die Wenigen, welche mit einem Bergstocke versehen sind, wissen ihn hier in der ungewohnten Lage nicht zu gebrauchen.

Am bedauernswerthesten sind die Damen! Sie haben offenbar zum ersten Male ihren kleinen Fuß auf den Rücken des Gebirges gesetzt und ihn darum mit einer Stiefelette bekleidet, deren Glanzleder wohl für das schimmernde Trottoir Berlins, aber nicht für den regenerweichten, geröllreichen Boden einer altbaierischen Gebirgsklamm berechnet ist. Mit Mühe schürzen sie die regenschwere Last des faltenreichen, schon da und dort Spuren scharfkantiger Ecksteine oder spitziger Dornen zeigenden Gewandes empor, und doch sollen die schmalen Hände zugleich den für eine Regenfluth im Gebirge lächerlich kleinen Entoutcas tragen, der höchstens dem winzigsten aller Hüte, die je in eine schöne Mädchenstirn hereingeschoben waren, zum Schutze dienen kann.

Um die Aussicht kümmert sich längst kein Blick mehr, sie ist verschwunden; aber an den zerrissenen Felsenwänden rieselt es in breiten Rinnen immer mächtiger herunter, ein Quell um den andern erschließt seine unendlichen Wasser, der aus der Klamm aufgejagte kalte Wind schüttelt die niederhängenden Zweige – Alle athmen auf, da man nach stundenlangem Herabsteigen wenigstens in den Thalgrund gelangt ist und, den Wald verlassend, nun den kürzeren Weg über die Wiesen nehmen kann. Beim Heraustreten sieht man die Berge fast bis zu ihrem Fuß von grauen, langgestreckten Wolken verhangen – ein trauriger, für die nächsten Tage Unheil verkündender Anblick. Doch für jetzt drängt nur die Gegenwart und dort führt über den Wildbach ein Steg, durch dessen Benützung man bis zum nächsten Dorfe gewiß eine halbe Stunde Zeit gewinnt.

Umsonst! der vorher laut gepriesene Steg erweist sich als ein Balken, kaum einen Fuß breit, und unter ihm schäumen die Wasser des schon merklich geschwollenen Baches. Der feuchte, dunkle Balken glänzt in tausend Tropfen, aber gerade dieser unheimliche Glanz schreckt die zaghaften Gemüther der Damen, und seufzend entschließt man sich den Umweg zu machen, zu welchem ein ziemlich breiter, reichlich von Lachen und Morästen unterbrochener Fahrweg zwingt. Doch auch er führt zu dem ersehnten Dorfe, zu dem Wirthshause, dessen anmuthige Schilderung der Führer immer wieder unternommen hat, wenn der Muth zu sinken drohte.

Doch halt! Zwar der Wirth steht freundlich grinsend auf der gastfreundlichen Schwelle, aber neugierig auslugende Gesichter zeigen, daß schon längst andere Heerschaaren eingefallen sind und sicher vom Besten, was das einstöckige Haus zu bieten vermag, Beschlag genommen haben; es wird Mühe kosten, in der raucherfüllten Wirthsstube, in den schmalen Betten der Gastzimmer und auf dem Heu des Dachbodens ein Plätzchen zu finden.

Glauben Sie, daß der Regen anhalten wird? Dies ist die einzige Begrüßung, die man hier hört, und die Umschau auf die vielen Gesichter in der Runde bietet wenig erfreuliche Momente; denn ach, für den ersten Abend kann wohl ein Ländler oder Schuhplattlertanz, den man in der niedrigen Bauernstube zu sehen bekommt, entschädigen, aber dann? Morgen wird Alles, was nur an Sommerfrischlern in den einzelnen Häusern des Dorfes und in seiner Umgebung untergebracht ist, sich zum Wirthshause drängen, und Alle werden mit der verdrießlichsten Miene von der Welt nur davon zu erzählen wissen, wie die herrlichsten Ausflüge, die sie gerade für diesen Tag, gerade für diese Woche sich vorgenommen, nun zu Wasser geworden sind.

Klingelt es, wie das jetzt fast in jedem baierischen Wirthshause üblich geworden ist, um elf Uhr zur „Table d’hôte“, dann treten die Stammgäste mit sicherem Schritt, eingenetzte Touristen, die schüchtern die belegten Couverte und die umgelegten Stühle umkreisen, herein; „liebenswürdige“ Mädchen folgen nach unter den Fittigen der Gouvernante. Dazu endloses Kindergewimmel, endlose Grüße und Complimente.

Nach der Table d’hôte treten die individuellen Bedürfnisse in den Vordergrund. Der Zeitungstiger, der auch auf dem Lande nicht von Politik läßt, stürzt auf die neuen Blätter los und verschlingt schon am hellen Mittag die Augsburger Abendzeitung. Der Banquier geht heim und legt sich in seinen Amerikaner, um über die Papiere gleichen Namens nachzudenken; die Mädchen ziehen die Stickerei aus der Tasche und lassen sich über ihren Fleiß den Hof machen.

Wenn jedoch ein Regentag auf dem Lande correct verlaufen soll, dann muß am Nachmittag „tarokt“ werden. Da man hier nicht an die Etiquette gebunden ist, die uns in Städten peinigt, so ist die Partie oft bunt zusammengesetzt und zeigt ein pikantes Gemisch von Hochgeborenen, Wohlgebornen und Eingebornen. Selbst das schwache Geschlecht wird zur Betheiligung gezogen, wenn im wörtlichen Sinne Noth an den Mann geht. Es giebt ja auch Tarok-Amazonen.

Solch’ eine oberländische Spielpartie ist beinahe ein niederländisches Genrebild. An dem Tisch das schweigsame Drei- oder Viergespann; unter dem Tisch der langbeinige schnarchende Hundeköter, dazu das Fallen der Karten, das Rasseln der Sechser, die Seufzer der Verlierenden. Grauer Himmel liegt vor den Scheiben, blaue Tabakwölkchen füllen die Stube. Auf den Gesichtern aber [705] waltet jene seltsame Mischung von Eifer und Langeweile, wie sie eben nur schwermüthige Regentage zuwege bringen.

Andere wieder ziehen jenes seltsame, mit Schadenfreude gemischte Vergnügen vor, von der trockenen Altane aus zuzusehen, wie noch fortwährend nasse Mitmenschen ankommen, die einen in der duftenden Lederkutsche, die andern auf eigenen Füßen – Alle als die geschlagenen Truppen des Vergnügens. Solch’ eine Procession sieht aus, als ob sie für die sieben Werke der Barmherzigkeit hergerichtet wäre, aber die heutige Welt hat kein Erbarmen mehr.

Gewöhnlich wird es gegen Abend ein wenig heller, und dann benützt man die lichten Zwischenräume dieses wahnsinnigen Regens zur Schlußpromenade. Männlein und Weiblein spazieren hintereinander, als ob sie eben aus der Arche Noah entschlüpft wären; Fräulein schwingen sich mit Zartgefühl über die Pfützen; die Buben aber üben das Horazische ire in medias res, indem sie mitten in den Schmutz springen. Ganze Karawanen begegnen sich also in der Dämmerstunde und ihr gemeinsames Thema ist, daß es morgen hoffentlich besser wird. Auch der Wirth ist dieser Meinung, und hat sich deshalb einen zerbrochenen Barometer gekauft, der ein für alle Mal auf Schön Wetter zeigt. Daher sein Name: Trostbarometer.

Nun muß noch der Abend überstanden werden. Für diejenigen, welche zu Hause, das heißt in den Bauernhäusern bleiben, welche ihnen für die Sommerzeit ein an Comfort nicht eben reiches Gelaß geboten haben, beginnen um halb acht Uhr die Mysterien des Schlafrocks und der Pantoffeln, sie organisiren in der gemieteten Bauernwohnung ein rudimentäres Souper mit Familienleben. Die zinnernen Teller des Hausherrn fühlen sich nicht wenig geschmeichelt, daß sie zur Aushülfe gezogen werden, desgleichen die Trinkgefäße, welche auf Rosen und Vergißmeinnicht wandeln. Denn dieser fromme Spruch, in Blumensprache geschrieben, fehlt selten auf den Tassen einer ländlichen Hauseinrichtung. Schlag acht Uhr wird der jüngste Sprößling in einer Commodeschublade oder in dem großen Koffer zu Bett gebracht, dann kommt die Friedenspfeife des Papa und das mütterliche Strickzeug.

Ganz anders ist es bei denen, die „ausgehen“. Da sind in dem langen Wirthshaussaal die Tische dicht besetzt, Kopf an Kopf, Köpfchen an Köpfchen. Und namentlich die Mienen der letzteren haben sich nun doch schon ein wenig aufgeheitert, denn heute hat man in der Wirthsstube eine Clavierruine entdeckt, wie sie im bairischen Gebirge schon ziemlich häufig zu finden ist, und was bedarf es mehr? „U. A. W. G.“ – „und Abends wird getanzt“! Man kennt sich, man braucht sich, man liebt sich sogar stellenweise, also ist diese Idee formell zulässig und materiell begründet. Schnell werden die Tische bei Seite gerückt, und da Niemand anfangen will, weil die Einen zu alt und die Anderen zu jung sind, so fängt Alles auf einmal an. Mit Schrecken gewahren die Schlummernden der untern Etage diese sociale Revolution. Sie hören schreien. „Parisienne, Polkamazur’, Vis-à-vis, Cotillon!“ und dies letzte Wort ist ihr Todesstoß. Die Honoratioren aber, welche an ihrem unantastbaren conservativen Ecktisch sitzen, schauen mit Staunen auf den gottlosen Jubel der Stadtkinder.

Und so kann nun die Mitternacht herankommen, bis die Mütter schläfrig und die Töchter vernünftig werden. Der Vater mag treiben, so viel er will: nur mit Widerstreben eilt man von dannen, da man schon unter der Thür zurückprallt vor dem wüsten Lärm der Regennacht. Auf den engen Dorfwegen, zwischen den perfiden Spitzzäunen wird nach Hause geklettert; die kleine Handlaterne verlischt auf halbem Wege und der Galant, der die Damen begleitet, benutzt mit Vergnügen den Nothstand, um den Arm der Dulcinea zu erhaschen. Endlich knarrt die Hausthür und die feuchten Schatten sind hinter derselben verschwunden.

Alles ist zur Ruhe gegangen.

„Horch nur, wie es gießt,“ sagt die Mutter zum Vater und dieser schüttelt den Kopf und spricht:

„’S ist doch infam hier auf dem Lande.“

„Horch nur, wie es gießt,“ sagt die ältere Schwester zur Kleinen, aber diese schüttelt den Kopf und spricht:

„’S ist doch famos hier auf dem Lande.“

Und sie hat Recht: es ist herrlich auf dem Lande, es ist herrlich in den Bergen und trotz Regen und Regenwetter werden wir die Fahrt zu ihnen wiederum wagen, sobald die Lüfte auf’s Neue warm und Wald und Wiese auf’s Neue grün geworden sind; die Sonne aber wird siegreich auf Wald und Wiesen, auf Bergen und Höhen liegen und wir werden unendlich froh und glücklich sein.