Textdaten
Autor: Johann Gottfried Herder
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Persepolis
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Dritte Sammlung) S. 301–366
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1787
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Gotha
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Zerstreute Blaetter Band III 301.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[301]
IV.
Persepolis.

Eine Muthmaassung.

[303] Ich kann es voraussetzen, daß den meisten meiner Leser die prächtigen Alterthümer von Persepolis bekannt sind, die in so vielen Reisebeschreibungen zum Theil mit großer Genauigkeit abgebildet worden. Kämpfer, Chardin, le Bruyn und noch neulich Niebuhr, ein Reisender, der an Sorgfalt und Wahrheitliebe wenige seines Gleichen hat, a)[1] haben die Abbildung derselben immer genauer zu machen gesucht und der Letzte insonderheit hat darauf den treuesten Fleiß verwendet. Wie kommts aber, daß diesen Beschreibern [304] noch keine Erklärer nachgefolgt sind, die über die Bedeutung so zahlreicher Figuren in ihrem Zusammenhange einige nähere Untersuchung angestellt und darüber wenigstens Vermuthungen geäußert hätten? Mich dünkt, diese Alterthümer sind der Betrachtung nicht weniger werth, als jene Aegyptischen und Griechischen Reste, über welche doch beinah eine Bibliothek geschrieben worden; und die ungeheure Anzahl von 1300 Figuren sollte doch, wie ich glaube, uns von ihrer Bedeutung mehr errathen lassen, als eine Hieroglyphenschrift auf den Aegyptischen Obelisken. Ich lege nichts als eine Vermuthung dar, der ich Bestätigung oder Berichtigung wünsche. Sobald in einer schweren Sache nur der Anfang gemacht ist, werden mehrere gereizt, die Mängel zu verbessern und den unbetretenen Weg, aus welchem Einer auch nicht weit kam, weiterhin zu versuchen.

[305]
*     *     *

Das Erste, was uns beim Eingange dieser prächtigen Ruinen aufstößt, sind die zweierlei riesenhaften Thiere, die vor der Treppe an den beiden Seitenpfeilern hocherhaben ausgehauen sind. b)[2] Der Graf Caylus, c)[3]der überhaupt diese Denkmale zu sehr durch ein Aegyptisches Fernglas sah, bemerkt in ihnen nur die Aehnlichkeit mit den Aegyptischen Sphynxen, mit welchen sie doch eigentlich wenig gemein haben: denn die beiden Thiere, die auswärts sehen, d)[4] sind offenbar das erdichtete Einhorn, ein Fabelthier, das in ganz Orient bekannt ist; die beiden, die auf zwei andern Pilastern ostwärts nach dem Berge hin sehen, e)[5] hätten zwar mehrere Aehnlichkeit mit dem aegyptischen Sphynx; sie sind [306] aber dennoch, wie wir gleich sehen werden, gleichfalls von eigenem Asiatischen Gepräge.

Jedermann ist nämlich bekannt, daß der asitische Bergrücken oder das Gebürge Kaf der alten Fabeltradition, das große Dshinnistan, d. i. der Sitz und das Vaterland tausend erdichteter Geschöpfe sei, die auf ihm wohnen. Hier ist das Reich der Peris und Divs; hier wohnt der Vogel Kaf, Simurgh oder Anka, der alle Sprachen spricht und solange gelebt hat, daß er die Erde siebenmal mit neuen Geschöpfen besetzt gesehen; hier sind jene unzählichen Wundergeschichten des Tamuras, Feriduns, Rustem, Afrasiab u. a. vorgegangen, durch welche Drachen und Ungeheuer, der Racksche, Soham, Uranabat, Eschder, u. f. bezähmt worden: f)[6] Sagen die längs dem [307] asiatischen Gebürge hingehn und mit Farben, die sich nach dem Charakter der Völker und Gegenden verändern, vom Kaspischen bis zum Weltmeer reichen. Es wird sich anderswo eine Gelegenheit darbieten, von diesen alten Geschöpfen der menschlichen Einbildungskraft ausführlicher zu reden; hier bemerken wir nur, daß weder das Einhorn, noch das andre geflügelte Fabelthier auf den Ruinen Persepolis aus Aegypten geholt, sondern völlig asiatischen Ursprunges sei; welcher Ursprung uns auch seine Bedeutung weiset.

Aus den Gedichten mehrerer morgenländischen Völker nämlich ist bekannt, daß sie die Bilder der Thiere vorzüglich zu Bildern der Menschen und Völker wählen, weil in der Sprache der ältesten Welt sowohl Tugenden als Laster, und jede vorzügliche Eigenschaft unsres Geschlechts nicht besser als durch eine Gestalt der Thiere ausgedruckt werden konnte. Die Thiergestalten, unter welchen Jakob seine Söhne und Moses die [308] Stämme seines Volks bezeichneten, g)[7] sind hievon Eins der ältesten Beispiele; und das sogenannte Einhorn (Reem) ist schon unter diesen Bildern. Der Moabitische Segensprecher, Bileam, braucht es zweimal, um die Stärke des Volks, das er wider seinen Willen segnen mußte, zu bezeichnen; h)[8] und in dieser Bedeutung wird es auch in dem alten Buch Hiob gebraucht, als das Symbol einer unbezwinglichen Stärke. i)[9] Durch alle morgenländischen Dichter geht diese Bezeichnung; und eben in dem hebräisch-chaldäischen Propheten, der den Gegenden von Persepolis am nächsten lebte, in Daniel, finden wir nicht nur diese Manier erdichteter Thiergestalten, als Sinnbilder der Völker, am ausgezeichnetsten; sondern Er hat sie auch den künftigen Sehern seiner [309] Nation gleichsam vestgesetzt und zum Muster gegeben. Ihm ists ganz gewöhnlich, Reiche als Thiere zu sehen; und gerade erblickt er Thiere, wie sie auf diesen Mauern stehen: einen Löwen mit Adlersflügeln, einen Bären mit Elephantenzähnen, einen geflügelten Leoparden, ein gehörntes Thier mit zertretenden Füssen und zermalmenden Zähnen, Widder, Böcke mit langen Hörnern; und alle diese Bilder setzt er jedesmal in so veränderter, fabelhafter Composition zusammen, als es der Sinn erforderte, der durch sie angezeigt werden sollte. k)[10] Da nun Daniel die beste Zeit seines Lebens unter dem Medischen Darius bis auf den Cyrus der Perser gelebt hat, da er außer Palästina erzogen war, und in ihm Alles einen ausländischen, und zwar gerade den [310] Geist dieser Gegenden athmet: so könnte uns, auch nur aus diesem einzigen Datum, die Bedeutung solcher Compositionen nicht fremde bleiben. Wir wüßten also, was es ungefähr heißt, wenn in andern Feldern dieser Ruinen der Löwe das Einhorn hinterwärts anfällt; l)[11] oder wenn Helden und Könige Thiere dieser Art beym Horn fassen und durchbohren. m)[12] Es war die gewohnte Staats-Zeichensprache dieser Gegenden. Geschöpfe solcher Art bedeuten solche Völker, solche Königreiche; und der Hauptbegriff des Symbols, von dem wir reden, war unaufhaltsame, fürchterlich-zusammengewachsene Stärke, welche Nation es auch gelten sollte.

Wenn also das Einhorn, der Natur der Sache und der Bildersprache in Orient zufolge, Stärke des Staats anzeigt; was wird das andre, das geflügelte Thier bedeuten? Ohne Zweifel [311] Staats-Weisheit. Es hat ein Menschenangesicht und außer seinen Flügeln ein Diadem auf dem Haupt; wahrscheinlich also nichts als eine Ableitung jenes weisen, vornehmen Fabelthiers auf dem Gebürge Kaf, das so viele Sprachen spricht und eine hohe Herrschaft über die Erde führet. Will man es den Persischen Sphynx nennen, so ist es wenigstens nicht der Aegyptische Sphynx: denn es ist aus ganz andern Veranlassungen, in andern Regionen erwachsen. Es ist keine weibliche Figur, wie der Sphynx in Aegypten war; sondern ein bärtiger Mann: das Diadem ist auf seinem Haupt: man siehet ihn auf keinem Felde dieser Ruinen im Streit, daß er irgend von einem Thier angefallen, oder von einem Menschen getödtet werde u. f. Er ist also dem Einhorn in seinen Attributen ganz entgegen; und da an sprechenden Thieren dieser Art Asien reich ist, so daß sich ihre Mährchen bis unter die Mongolen, ja zu den Tungusen hin verbreiten: [312] so dünkt mich, sind die Symbole an diesen beiden Figuren so klar gegeben, wie bei irgend Einem Gesicht Daniels, Esra oder der Apokalypse. Der Schmuck, den beide Thiere an sich haben, ist in der Tradition gegründet und wird in jeder Beschreibung der Morgenländer von ihnen reichlich wiederholet. Noch jener Al-Borak, auf welchem Mahomed in den Himmel fuhr, war ein Thier dieser Art, größer als ein Esel, kleiner als ein Maulthier. Er hatte ein Menschengesicht und Pferdesgebiß: die Mähne seines Halses war von feinen Perlen, umstralt mit Licht, und alle seine andern Glieder bis auf seinen Schweif waren mit Edelgesteinen aller Gattung gezieret. Er hatte Adlersflügel und eine menschliche Seele: er verstand was man sprach, er konnte aber nicht sprechen und antworten: mit Perlen und Edelgesteinen war er bezäumt und umgürtet. n)[13] - Mahomed und seine Nachfolger [313] erfanden dies Bild nicht; sondern es war in hundert andern Erzählungen als gemeine Tradition gegeben. In den apokryphischen Büchern der Ebräer, z. B. im vierten Buch Esra, o)[14] liegen eben dergleichen sprechende Thiergestalten zum Grunde und auch noch in der Apokalypse sind die beiden Symbole des starken und des weisen oder listigen Thiers nach dem Zwecke des Buchs aus der alten Tradition känntlich. p)[15] Wir haben also allen Grund, bei unsern Ruinen diese beiden Bilder als Symbole der Macht und königlichen Weisheit, beide aber als Staatsbilder, anzunehmen. Die Stärke bewahrt die äußere, die Weisheit die innere Pforte des Palastes; jene ist auswärts, diese nach innen gekehret - -


Man fodre nicht, daß ich aus andern Schriften, z. B. aus dem Zend-Avesta alle Stellen [314] der Fabelthiere, die hieher gehören, sammle. Da diese letztgenannten Bücher aus einer viel spätern Zeit sind, als in welcher Persepolis erbauet worden: so können sie nichts als liturgische Commentare dessen seyn, was hier in viel ältern einfachern Bildern dastehet; und das sind sie reichlich. Jedermann, der sie durchlaufen hat, weiß, wieviel z. B. jener vernünftige Stier, der König der Thiere, im Zend-Avesta gelte; was gleichergestalt jener Esel in Ferackhand, mit sechs Augen, neun Mäulern, zwei Ohren und Einem Horn, der von himmlischer Speise lebt, und jener Vogel, der die Sprache des Himmels spricht, in ihm bedeute. q)[16] Man sieht, daß diese Liturgieen auf alte Landestraditionen gegründet; größtentheils aber, insonderheit im spätesten Buch Boundehesch, schon so zum System geordnet sind, daß sie zwar bekräftigen und erläutern, nicht aber als ursprüngliches Fundament dienen mögen. Und [315] so werde ich sie auch fernerhin in dieser Erläuterung gebrauchen.


Gnug, weder das Einhorn, noch der persische Sphynx r)[17] sind Aegyptischen Ursprungs; sie sind auch nicht auf Aegyptische Art gebildet. Sie liegen nicht, wie der Aegyptische Sphynx vor einem Tempel, sondern stehen in der Mauer des Pallasts, nicht einwärts, sondern erhoben gearbeitet, so daß ihre Köpfe, da sie noch unverletzt waren, und ihr halber Leib aus dem vesten Marmor herausstand. Auch ist der Tritt dieser Thiere belebter, als er bei den Aegyptischen Thierbildern, selbst bei denen auf der Isischen Tafel je gefunden wird. Große Denkmale der alten [316] Zeit, auch nur ihrer Gestalt nach: denn die Entfernung vom vordersten bis zum hintersten Fuß eines Thiers beträgt 18 Schuh, und es ist aus dem härtesten Stein mit großem Fleiß gearbeitet.

*     *     *

Von den Thieren also als Bewahrern dieses Pallasts steigen wir zu den menschlichen Figuren, deren ungeheuer viel sind; indessen ist die Hauptfigur ihrer aller känntlich gnug und oft wiederholet. Es ist der gehende oder stehende Mann, s)[18] mit dem längsten Bart unter allen tausend Figuren, der offenbar einen Vornehmen, (er sei nun Priester oder König) vorstellt und zu dem die andern zahlreichen Reihen wallfahrten. Er ist von ansehnlicher Länge, hervorragend über die, die hinter ihm stehen und den Wedel [317] und Fächer über ihn halten. Mit einem persischen goldnen Turban ist er geschmückt, und über ihm schwebt eine himmlische Gestalt, die allenthalben mit ihm gehet; t)[19] auch wenn sie nur mit einer Abkürzung über ihm schwebet. u)[20] Die schönste Stellung ist die, da diese Person steht und mit der himmlischen Gestalt spricht; auf jenem prächtigen Grabmahl, das zwar nicht mit diesem Pallast zusammenhangt, offenbar aber dieselbe herrliche Vorstellungsart befolget x)[21] Wir fragen also: wer ist die himmlische Gestalt, die über dem Haupt oder vor dem Angesicht des edlen Sterblichen schwebet? wer ist dieser erhabene Mann selbst? und wer sind die zahlreichen Heere, die zu ihm wandern? Sind diese drei [318] Fragen aufgelöset: so sind auch die Ruinen erkläret.

I. Die schwebende Gestalt hält Hyde für ein Bild der Seelenunsterblichkeit oder vielmehr für ein Symbol der Auffahrt Gustasps auf den Berg Dummavand; y)[22] eine Muthmaassung, die von keinem einzigen Umstande des Symbols unterstützet wird. Nach Kämpfer, Chardin, le Brun u. f. schwebt die Figur auf dem Grabmal dem Sprechenden entgegen, nicht von ihm weg, wie Hyde sie abgebildet hat; z)[23] und in allen andern [319] Vorstellungen auf den Mauern Persepolis ist sie gerade über dem Haupt des lebenden, gehenden, sitzenden, Gerichthaltenden Königes. Also ist diese Gestalt nothwendig das Sinnbild der persischen Gottheit, so daß kein Zweifel darüber seyn kann. Auf dem Grabmahl hat sie die Sonne, ihr irdisches Sinnbild, am Ende der Wand hinter sich: der Altar mit dem heiligen Feuer stehet in einiger Entfernung vor Dem, der mit der Gottheit spricht; aber sein Auge ist weder auf die Sonne, noch auf den brennenden Altar gerichtet; er spricht mit der Gestalt, die vor ihm schwebet. Daß in der Persischen und in jeder alten Religion Morgenlandes dergleichen Gespräche zwischen heiligen Personen und der Gottheit geglaubet wurden, bedarf keines Erweises; der halbe Zend-Avesta ist voll solcher Gespräche, denen ich, wenn die Redenden in ein Bild gestellt werden sollten, kein einfacheres als dieses zu geben wüßte. a)[24]

[320] Denn wie wird das höhere Wesen hier vorgestellet? Als eine bekleidete menschliche Gestalt, die unter der Brust in Flügel und Schwungfedern sich verlieret, das Symbol trägt seine Bedeutung offenbar mit sich. Daß die Menschen für die Gottheit keine edlere als die menschliche, und die Morgenländer insonderheit die königliche Gestalt gekannt haben, beweisen die Religionen aller Völker; da nun aber der untere Theil unsres Körpers am meisten den Bedürfnissen unsres irdischen Daseyns bestimmt ist: so kam es darauf an, ihn bei höheren Wesen zu verhüllen oder durch Symbole zu verwandeln. In Indien steigen einige Götter und Göttinnen aus Blumen hervor und zeigen sich auf dem Kelch derselben mit dem Obertheil ihres Körpers. Bei den Ebräern war Gott entweder ganz unanschaubar, (auch jene Aeltesten auf Sinai sahn nur Himmel unter seinen Füßen, d. i. den glänzenden Schemel seines Thrones; b)[25][321] oder als Jesaias ihn erblickte, war er ein fast verhülleter König. Der Saum seines Kleides füllete den Tempel, selbst die Seraphim, die um ihn stehn, bedecken ihre Füße mit Flügeln; und als späterhin Ezechiel, außerhalb Judäa, den Gegenden Persepolis näher, diese Erscheinung sah, war sie der persischen, die wir vor uns haben, sehr ähnlich. Der Unanschaubare schwebte über vier Thiergestalten. c)[26] wie hier auf Adlersfittigen der nur Oberhalb-Anschaubare schwebet. Daß diese Fittige ein Symbol der Schnelle und Stärke sind, bedarf keines Erweises: d)[27] mit Adlersfluge ist der Erscheinende da und übet allenthalben die Macht des Königes der Gefieder. Die Sonne hinter ihm ist nur sein Bild; und wo auf diesen Ruinen die Gottheit selbst nicht erscheint da erscheinen diese Schwingen, das [322] Symbol ihrer unsichtbaren Gegenwart und leisen, schnellen, mächtigen Wirkung. c)[28]

Und diese Gestalt hat einen Ring in der Hand, so wie sie auch mit einem Ringe f)[29] gegürtet ist; was will dieser Ring sagen? Er ist bei allen morgenländischen Nationen das Bild der Zeit oder der Ewigkeit, zu deren Symbol man nichts als den Cirkel, Ring, Reif, oder eine in sich zurückkehrende Schlange oder endlich die Kugel wußte. Nun ist selbst noch aus Zend-Avesta bekannt, daß die Zeit ohne Gränzen (le tems sans bornes) das erste Principium der ganzen Perser-Theologie gewesen, und wenn dieser Idee ein Attribut gegeben werden sollte, konnte ihr wohl ein anderes als dieses gegeben werden? Er, der mit dem Ringe der Ewigkeit umgürtet ist, hält den kleinen Ring, die Zeit, in seiner Hand; welches letzte Symbol [323] wie wir bald sehen werden, noch eine nähere Beziehung auf Den hat, der hier mit der Gottheit redet. So wäre also dies Bild erklärt, und ich muß sagen, daß die Vorstellung desselben auf diesen Gräbern *)[30] eine Hoheit und einfältige reine Pracht hat, die vielleicht einzig ist in einem so alten Denkmale. Die Vorstellung ist simpel und erhaben; die Verzierungen sind im größesten Geschmack, gegen welche manches andre hochgefeierte Denkmal nur wie eine Hütte erscheinen würde. Prächtige Säulen, Reihen von Menschen und Thieren tragen die einfache Vorstellung zweier Redenden, die nichts als die Sonne und Altar neben sich haben, eines schwebenden Gottes und eines vor ihm stehenden Menschen.

2. Wir kommen zur Hauptperson dieser Gebäude, die bald stehend, bald sitzend, immer aber ausgezeichnet, geehrt von Menschen und von der Gottheit begleitet, vorgestellt wird; wer [324] ist dieselbe, ein König oder ein Priester? Die ganze Vorstellung zeigt, daß es kein bloßer Priester seyn könne. Auf der Façade der Gräber, von welcher wir eben geredet haben, hat er einen Bogen in der Hand, welches Attribut allein schon entscheidend wäre. Außerdem hat er allenthalben einen Turban auf dem Haupt, wie ihn die schwebende Gestalt und nur wenige andre Personen, offenbar die Vornehmsten, haben. Er verrichtet kein priesterliches Geschäft, selbst da der Altar vor ihm ist, von welchem er entfernt stehet; wohl aber verrichtet er königliche Geschäfte. Er sitzet und richtet das Volk: g)[31] der lange Königsstab ist in seinen Händen: sein Stuhl ist königlich geschmückt und die vor ihm stehen, nahen sich demselben nur in der Entfernung; h)[32] auch ist der ganze Zug zu ihm offenbar kein Opferzug mit Opfergeräthe, sondern ein Zug [325] der Unterthanen und Diener des Königes, und war der Diener aus allen Ständen, der Unterthanen aus allen Provinzen. Edel unterscheidet sich die Gestalt des Königes an Einfalt, Größe und männlichem Ansehen: vom weibischen Gepränge der spätern Perserdespoten ist er noch weit entfernt. Seine goldne gerade Tiare ist wie der Kopfschmuck seiner obersten Diener; nur die Tiaren niedrerer Diener sind faltig. Ein Zweig wird, nach der bekannten Sitte Orients, über seinem Haupt gehalten; wahrscheinlich ein heiliger Zweig, mit welchem vielleicht das Barsom in dem spätern Feuerdienst der Perser i)[33] eine Verwandschaft haben möchte; denn die Person, die ihn hält, ist auf der Einen Tafel wahrscheinlich ein Priester k)[34] Die vor ihm stehen, beten ihn nicht an, sondern stehen gerade, Mann und [326] Weib; l)[35] lauter Kennzeichen von der Einfalt alter Zeiten. Das Merkwürdigste in seiner Hand ist eine Art von Gefäß, wie eine Blume gestaltet mit einem Kelch und zwei Knospen. m)[36] der hinter seinem Stuhl steht, hat auch ein solches Gefäß, aber kleiner und ohne Knospen. Es muß etwas Wesentliches seyn, denn es findet sich bei allen Vorstellungen dieser Person, sie gehe oder sitze; außer wo sie auf dem Grabmal mit der schwebenden Figur redet. Wahrscheinlich wird uns also dies Gefäß, dieser Becher in Blumengestalt eine Belehrung über Den geben, der hier vorgestellt wird; vielleicht auch den Schlüssel zur Eröfnung des Sinnes aller Figuren. Wir können [327] ihn nirgend als in der Tradition der Morgenländer selbst suchen, so wie wir ja die alten Denkmale der Griechen nicht aus einer fremden, sondern aus ihrer eignen Mythologieerläutern.

Nun ist die einmüthige Sage der Perser, n)[37] daß einer ihrer alten und berühmtesten Könige, Dshemschid oder Dshiamschid diese Denkmale gebauet habe, nachdem sein Vorgänger Tahamurad oder Tehmuras zu ihnen den Grund geleget. Beide Könige gehören in die Fabelzeiten der persischen Geschichte; die Erzählungen von ihnen müssen also auch als Mythologie behandelt werden, die aber zu unserm Zweck, zur Erklärung dieser Ruinen selbst gnug ist. Als nämlich Dshemschid, so sagt die Fabel, den Grund zur Felsenstadt (Estekhar, Persepolis) legte, fand man ein Gefäß von Türkis, das man seiner Kostbarkeit wegen Dshiamschid, das Gefäß der [328] Sonne nannte, (da Schid die Sonne und Dshiam ein Gefäß heißt.) Alle Persische Dichter, sagt Herbelot, reden von diesem Gefäß oder dem Becher Dshiam und allegorisiren dasselbe auf tausend verschiedene Arten. In Dshemschids Händen, dessen Name eigentlich mit demselben Einerlei ist, machen sie’s zu einem Becher der Weisheit, zu einem Spiegel der Welt, in dessen Glanz er die Natur, alle verborgene, ja auch die zukünftigen Dinge gesehen habe und gaben diesen Namen späterhin sogar der Himmelskugel, ja jedem Buch, das die Welt wie in einem Spiegel darstellen sollte. Aehnliche Fabeln kennen wir vom Becher Josephs, Nestors u. a.; keine aber ist so ausgebildet worden wie diese, weil sie mit dem Namen des Königes zugleich den ganzen Charakter seiner Person und seiner Regierung ausdrückt. Er war nämlich der Persische Salomo dieser alten Fabelzeiten, dem alle weise Einrichtungen des ehemaligen, [329] glücklichen Perserreichs zugeschrieben werden. Er theilte seine Unterthanen in drei Classen, in Krieger, Ackerleute und Künstler; von den Bienen lernte er Ordnung seines Reichs und Vertheilung der Aemter: er ordnete das Hofgesinde, erfand die Leibwache, zierete den Richterstul und den Thron. Die Stände unterschied er durch Kleider und Anzug, führte den Gebrauch der Ringe ein und was das vorzüglichste ist, er ordnete das Jahr. Das alte Persische Jahr heißt Dshemschids Jahr und hat bis auf die Zeiten Yezdegerds gedauret. Sieben Provinzen soll er seinem Reich unterworfen haben und seine Regierung so glücklich gewesen seyn, daß selbst der Zend-Avesta ihn, dessen Religion er doch eigentlich verdrängen oder verbessern wollte, aus Ormuzd Munde als das Muster eines vortrefflichen, reichen, glücklichen Königes lobet. o)[38] Seinen Einzug zu Isthekhar, [330] (Persepolis) hielt er der Sage nach, als die Sonne in das Zeichen des Widders trat und eben mit diesem Einzuge begann seine Aera. Kurz, die Vorstellungen auf den Ruinen Persepolis sind die Königsgeschichte dieses alten Perser-Salomo, Dshemschid: sie enthalten die Thaten und Einrichtungen seiner Regierung; und die Vorstellung auf dem Grabmahl ist zuletzt seine bescheidene Apotheose. Lasset uns die Hauptstücke des Denkmals mit unpartheiischem Blick durchgehn und wir werden den Grund finden, warum es der alten Sage nach Tacht-Dshemschid, d. i. Dshemschids Stadt heißt. Möge es errichtet haben, wer da wolle; gnug, die Ruinen enthalten Dshemschids Geschichte.

Zuerst also müssen wir das Gefäß der Sonne betrachten, das er, der Sage nach, bei der Grundlegung Isthekhars fand und daher hier sitzend und stehend, ja sogar im Kampf mit einem [331] Ungeheuer in der Hand hält; es ist das Symbol seiner Person und seines Namens: denn Dshemschid heißt ein Gefäß der Sonne und zwar, wie die Tradition sagt, hieß er also wegen seiner Weisheit und Schönheit. Was wissen wir nun von diesem Gefäße? Ich wollte, daß wir aus dem Munde der Morgenländer mehr davon wüßten und daß Herbelot von den hundert Allegorieen, Gedichten und Mährchen, die davon reden sollen, einige angeführt hätte: indessen sind wir doch nicht ganz ohne Berathung: ja da mehrere und selbst späte Griechen uns von diesem Gefäß, sogar bis auf den Namen, Nachricht ertheilen: so erhellet, wie Weltbekannt es gewesen. Kondy war sein Name, ein heiliger Becher, aus dem die Perser Opfer gossen, der auch seiner Gestalt nach Geheimnisse der Weltschöpfung und der Befruchtung der Erde vorstellen sollte und daher sowohl dem Namen, als dem Gebrauch nach vom gewöhnlichen Becher unterschieden [332] wurde. p)[39] Da Xerxes z. B. seinen goldnen Becher und seinen Säbel in den Hellespont wirft, warf er zuerst dies heilige goldne Gefäß (φιαλην) hinein, aus welchem er bei aufgehender Sonne geopfert hatte; um mit diesen, den schätzbarsten Gaben, die er geben konnte, das Meer zu versöhnen. q[40] Also war diese goldene Phiale das heiligste Gefäß der Könige, das schon als Opfergeräth der Becher der Sonne heißen mußte. Ueberhaupt weiß man, wie viel von der Gestalt der Becher nach der Sonne, der Welt u. f. [333] selbst bei den Griechen noch gefabelt worden; bei den Morgenländern und Persern unstreitig noch mehr, da sie viele Benennungen und Bilder vom Himmel borgten, und die ganze Kraft ihrer Talismane von der Sonne und den Sternen abgeleitet ward. Schön wie die Sonne, ein Gefäß der Sonne u. f. waren gewöhnliche Beinamen der Könige, so wie der Sonnen-Edelgestein, Mithrax, bekannt gnug ist.


Sogleich sieht man, warum diese heilige Phiale auf unserm alten Denkmal fast wie ein Kolben und bei dem Könige wie eine Blume gestaltet ist: denn da sie den Becher der Sonne vorstellen sollte, sofern diese die Erde befruchtet; welch schöneres Bild konnte dazu gewählt werden, als das Bild der Blume, mit Stengel, Kelch und Knospen? Sind sie nicht allesammt, diese holden Gewächse der Erde, lebendige Sonnenkelche, in welchen der große König des Himmels [334] tausendfach-nutzbaren, angenehmen Trank der Fruchtbarkeit für alle Wesen bereitet?

Sofort ergiebt sich auch, wie dieses Gefäß, aus welchem man ursprünglich der Sonne opferte, nachher zu so Mancherlei gemacht werden konnte, wovon seine erste einfache Bedeutung nichts wußte. Das Horn, woraus man Wasser goß, ward zu einer Blume, zu einem Becher der Unsterblichkeit, der Weissagung, zu einem Gefäß der Chymie, ja gar zum philosophischen Steine; lauter Erweiterungen, die bald sein Name, bald seine Gestalt und Materie, bald sein Gebrauch mit sich führte.r) [41] Gnug, in der [335] Hand des Königes sehen wirs an Stelle und Ort: es bezeichnet seine Würde, seine Person, seinen Namen. Er fands, der Sage nach, als er zu dieser Felsenstadt den Grund legte und hält es in der Hand, als König daraus der Sonne zu opfern; zugleich also ist es auch ein Ehrenzeichen, das, weniger geziert, andere tragen, bei welchen es ebenfalls Würde oder Amt bezeichnet.

Nach dieser einfachen Erklärung verbreitet sich von der Person Dshemschids ein Licht auf alle Figuren dieser Säulen und Mauern. Warum z. B. wird der König bald gehend, bald sitzend auf dem Königsthron, allenthalben aber von der Gottheit begleitet und auf seinem Grabmahl sogar mit der Gottheit redend vorgestellt? In der Geschichte Dshemschids ist dies Alles gegeben. Im Zend-Avesta ist Er der Erste, der Gott gefragt [336] hat und eine große Rede Ormuzd an ihn wird ausführlich beschrieben. s)[42] Den Thron und Richterstuhl, die Ordnungen und Stände der Menschen, ihren Schmuck und Kleidung hat Er, der Sage nach, bestimmt; darum sitzt er auf diesem Stuhle mit seinen Ehrenzeichen: darum begleiten sie ihn nach der von ihm eingerichteten Art: darum kommen zu ihm alle Classen und Stände in ihrer Kleidung. Bis auf den Schmuck des Ohrs ist diese ausgedruckt und, den Feldern und Provinzen nach, sehr verschieden. Die Ringe, die er angeordnet haben soll, sind auf unserm Denkmal nicht vergessen; ja endlich der größeste Ring den er angeordnet, Dshemschids Jahr, wird auf seinem Grabe noch das schönste Symbol seines Lebens. Die Gottheit, mit dem großen Ringe der Ewigkeit umgürtet, hat den kleinen Ring, die Zeit, den Zodiakus oder das Jahr in ihrer Hand, als ob sie ihn darüber belehrte. Und die [337] Sonne steht hinter der Gottheit: denn Er war der Spiegel der Sonne, der ihre Zeit maaß und in seiner Regierung ihr Bild darstellte. Auch das erste Gesetz hat Er empfangen: darum stehet vor ihm der heilige Altar, auf dem er aber nicht opfert, sondern mit der Gottheit über ihm redet. Kann ein Grabmahl eine Person in Bildern charakteristischer andeuten? und es ist die nämliche Person, die diese Ruinen feiern. Die Kleidungsstücke, die ihm gebracht werden, der Ring mit zween Schlangenköpfen, der so häufig getragen wird (das bekannte Bild des Jahres) nehmen Aufschluß aus seinem Leben. Sogar die beiden Räthe, die hinter seinem Stuhl stehen, hat die Tradition nicht vergessen und erzählet von ihnen Mährchen.t)[43]

[338] 3. Die dritte Frage erledigt sich damit von selbst: wer sind alle diese Hunderte von Figuren, die zu ihm ziehen? und deren kleinste Zahl noch übrig ist. Seine Unterthanen und Diener. Er wars der Sage nach, der die Rangordnungen unterschied, die Leibwachen einführte, die Stände und Kleidungen seines Volks bestimmte u. f. hier folgen sie also in dieser großen Anordnung nach einander. Hier gehen Soldaten mit Spießen in der Hand, den Köcher auf dem Rücken die Treppe hinauf; dort folgen in abgetrennten Feldern die mancherlei Stände aus mancherlei Provinzen nach einander. Ein Königsdiener nimmt den ersten bei der Hand und führt ihn zur Audienz; Künstler und Ackerleute in den verschieden Trachten ihres Landes folgen. Der Handwerker bringt seine Kleider, wären es auch nur Strümpfe, der Landmann bringt in Schaalen[WS 1] und Gefäßen die Früchte seines Landes: dieser kommt mit seinem Pferde oder Kameel, jener [339] mit Ziegen, ein andrer mit seinem Ochsen und Ochsenkarren, der Schmid mit seinen Hämmern, der Beamtete mit seines Amts Insignie daher; allenthalben aber sind die von Dshemschid errichteten drei Stände känntlich. Wären die Ruinen ganz: so hätten wir die älteste politische Menschencharte auf ihnen, die sich irgendwo in der Welt findet. Man würde die verschiedenen, durch Cypressenbäume von einander getrennten Felder mit den Provinzen des damaligen Perserreichs zusammenhalten können und eine Art der ältesten Statistik desselben, eine Land- und Königscharte haben, wie sie, als Monument betrachtet, auch Sina nicht aufzeigen könnte. Und selbst die Handlung des ganzen Zuges, ja die Zeit desselben ist unverkennbar. Als Dshemschid seinen Einzug in Istekar hielt, war das große Fest Persiens, mit welchem die neue Aera anfing, der Anfang des astronomischen Jahrs, die Tag- und Nachtgleiche [340] des Frühlings; es ist von ihm auch alle Jahrtausende hin das große Fest Persiens geblieben: denn es ward als der Geburtstag der Welt und jetzt auch als der Geburtstag des Reiches angesehen. An diesem großen Fest No-rouz, u)[44] dem ersten Tage des Jahrs, an welchem Ormuzd die Welt erschuf und das Gesetz gegeben worden, an diesem Fest der Sonne wars, da auch ihr irdischer Sohn sich seines Werks, der Schöpfung des Reichs erfreuen sollte; an ihm wurden dem Könige Geschenke gebracht von allen Ständen, aus allen Provinzen. Hier ward also wirklich der große Zug gehalten und jährlich wiederholt, der auf diesen Mauern vorkommt: denn auch die sechs Gahanbars des Jahrs, die Feste der Schöpfung, hat Dshemschid geordnet, x)[45] und das Erste dieser Gahanbars, den großen Schöpfungs- [341] und Sonntag des Reichs schildert dies Denkmal. z[46] Ein offnes Archiv seiner ältesten Einrichung auf ewige Zeiten, dem menschlichen Geist also auch noch in jeder Trümmer merkwürdig. –

*     *     *

Aber wer hat diese Mauern erbaut und wozu sind sie errichtet? Waren sie ein Pallast oder ein Tempel?

Gehen wir dem Laut der gemeinen Sage nach: so war es Tacht Dshemschid oder die Residenz Dshemschids; und der Denkart Morgenlandes, ja überhaupt der alten Zeiten wäre es nicht entgegen, daß sich der König selbst ein solches Monument [342] seines Ruhms hätte errichten wollen. Aegyptens Pharaonen haben noch viel unvernünftigere Werke begonnen und von den Monarchen Assyriens, Babels u. f. wissen wir ein Gleiches. Die älteste Welt setzte überhaupt ihren Ruhm ins Bauen, wie es Kinder noch jetzt zu thun pflegen; und an den Verzierungen dieser Monumente mit einer so ordentlichen Vertheilung ist immer doch ein politisch-weiserer Geist sichtbar, als bei manchen andern bewunderten Trümmern: denn hier hat Alles Zweck, hier ists nicht ohne bleibende Absicht. Das ganze Reich sahe sich hier mit seinem Könige verewigt; und da die alten Gesetzgeber vorzüglich aus Dauer ihrer Einrichtungen rechneten, so wurde auch diese hiemit sehr befördert: denn Jeder, der die Treppe hinaufstieg und die Sääle durchwanderte, sahe das alte Regulativ des Reiches. Der König selbst erschien darinn als eine heilige und verehrte, aber zugleich als eine ehrwürdige und arbeitsame Gestalt, als [343] Richter, Vater und Beschützer seines Volkes denn ohne Zweifel ists eben auch dieser König, der mit dem Einhorn kämpfet. Ich zweifle also, ob je ein Monarch, der seinem Ruhm opfern wollte, ein so bescheiden-prächtiges Denkmal errichtet habe; jene stolzen Triumphbogen, jene Statuen mit überwundnen knieenden Nationen, die dem Sieger zu Füssen liegen u. dgl. sind gewiß nicht von dieser bescheidenen, edlen Würde. Ich weiß also nicht, warum man es der Sage nicht glauben könnte, daß Dshemschid selbst dies Monument seiner Einrichtungen wenigstens angefangen habe, a)[47] nachdem Themuras sein Vorgänger dazu den Grund gelegt, ja, daß er in den ältesten Theil der Gebäude seinen Einzug, wie [344] ihn die Sage erzählt, selbst gehalten. b) [48] Alle diese alten Könige des ersten Zeitraums werden als Patriarchen in der Länge ihres Lebens angegeben, so wie Dshemschid z. B. siebenhundert Jahre regiert haben soll. In einer solchen Zeit, wenn man sie auch nur als eine Familien-Aera, oder als eine Zeit, in welcher Dshemschids Geist regierte, betrachtet, lässet sich schon etwas bauen, zumal wenn ein weitläuftiges Reich zu einer allgemeinen Staatsabsicht, die dies Gebäude haben sollte, mit gemeinschaftlichen Kräften bauet. Der Marmor war an Ort und Stelle; man brauchte also weder die Kosten, noch die Mühe einer beschwerlichen, verzögernden Ueberfahrt; [345] deßwegen eben wurden die Denkmale in diesen Berggegenden errichtet. Denn wollten wir blos nach unsern Kräften schließen, was im Alterthum gebauet oder nicht gebauet werden konnte: so stünden keine Pyramiden und Obelisken, keine Griechischen und Römischen Alterthümer.

Auch was sonst die Fabelgeschichte von Dshemschid sagt, widerspricht diesem Baue nicht. Themuras Residenz war zu Balkh; Dshemschid verlegte die Seinige nach Sistan und soll außer dem Istekhar noch War gebauet haben, welches D’Anquetil für Hamadan hält und dessen Einrichtung der Zend-Avesta sehr rühmet. c)[49] War das Land damals in einem Zustande, wie er hier beschrieben wird: so konnte ein Bau wie dieser unternommen werden; denn das Reich genoß eines glücklichen langen Friedens. Auch in diesem War soll Dshemschid ein Burgschloß mit Mauern errichtet [346] haben, in welchem er wohnte: Isthekar war also gleichsam nur das Ziel seiner Anlagen, der Kranz, den er seinen Einrichtungen und Verdiensten aufsetzte. Auch unterläßt die Sage nicht zu erzählen, daß er in den letzten Jahren seines Lebens über das Glück seiner Regierung, über die Pracht seiner Anlagen stolz geworden sei und sich für einen Gott gehalten habe, dem nur die Unsterblichkeit fehle, worüber Er und sein Reich vom Schicksal gestraft seyn u. f. d)[50] Sie erzählt dies mit Zügen, die sie sonst auch von Nimrod, Salomo und andern wiederholet; man kann aber nicht läugnen, daß dies alles auf den Erbauer eines so prächtigen Monuments seiner eignen Regierung wohl zutrift.


Endlich zeigt die Einrichtung der Gebäude selbst, daß sie aus sehr alten Zeiten seyn müssen. Eine Bekanntschaft mit den Griechen, mit denen [347] die Perser doch unter den Kaianiern, oder wie wir sagen, von Cyrus an bald bekannt wurden, zeigt sich auf ihnen nirgend: die ganze Einrichtung der Gebäude, selbst wenn auch der Styl der Baukunst ägyptisch wäre, ist völlig asiatisch. Auch die einfache Gestalt der Figuren, der bescheidene Schmuck des Königes und seiner Diener, die Art, wie die Personen vor ihn treten u. f. zeigt auf diesem Gebäude noch nichts von der üppigen Pracht, die bei den Beherrschern Persiens und ihrem Hofgesinde in späterer Zeit herrschte. Wäre es nun wohl zu denken, daß Könige, die selbst in üppigen Sitten lebten, freiwillig in ältere Zeiten zurückgehn und in der väterlichen Einfalt ihrer Vorfahren, als Richter des Volks, sich selbst einen ewigen Verweis, ein Straf- und Schandgemählde ihrer Zeiten und Sitten hätten aufstellen mögen? Lieber würden sie doch als Erbauer sich selbst aufgestellt und mit aller der Pracht beehrt haben, die diese Götter der Erde sich anmaaßten; [348] statt daß sie in alte Fabelzeiten hätten zurücktreten wollen, um einen alten König, eine alte Einrichtung des Reichs, die großentheils nicht mehr bestand, mit Einfalt und Wahrheit in Stein zu bilden. Eben diese einfältige Wahrheit zeigt, daß man eine gegenwärtige, geltende Sache zu verewigen suchte: denn durch eine bloße Willkühr läßt sich in alte, verlebte Zeiten schwerlich zurückgehn, ohne daß in der Zusammensetzung allenthalben die Lüge erscheine. Vor allem aber zeigen die beigegrabenen Sprachcharaktere, daß diese Denkmale eines sehr hohen Ursprunges, wahrscheinlich also aus der Zeit der Pischdadier sind. e)[51] Unter den Kaianiern war [349] das Pehlwi die Hofsprache: nun müßte aber von dieser sowohl als vom Medischen Zend in Anquetil kein Buchstabe richtig, f)[52] oder die Sprachen und Charaktere, die er angiebt, müßten ein bloßes Gedicht der spätern Feueranbeter seyn, welches gewiß ein unglaublicher und für sie ein äußerst schwerer Fall wäre; oder die Persepolitanischen Schriftzüge gehören in ein älteres Zeitalter. Und da sie mit den Figuren gewiß zu Einer Zeit gebildet worden sind und mit ihnen Einen Geist der Arbeit verrathen: so ist diese Zeit nirgend anders hinzusehen, als wohin uns der Inhalt der Figuren selbst weiset. Mit der Religion ists ein Gleiches. Ob ich gleich einige Züge der Vorstellung aus dem Zend-Avesta habe erläutern können, weil auch Zerduscht auf alte Religionbegriffe bauete und bauen mußte: so siehet doch jedweder, der dies System näher geprüft hat, daß [350] auf allen diesen Denkmalen nichts vorkomme, was eigentlich zu Zerduscht eigenem System gehöret. Noch auf dem Grabmahl Dshemschids stehet der simple Feueraltar der alten Parsen mit der Sonne da, ohne alle Zoroastrische Apparate. Da nun die Reformation des Zerduscht unter Gustasp geschehen und mit königlicher Hand im ganzen Reich eingeführt seyn soll: so müssen diese Denkmale aus Zeiten seyn, wo man noch von keiner solchen Reformation wußte. Denn wären Gustasp oder Einer seiner Nachfolger die ersten Urheber dieser Monumente: so wäre nothwendig z. B. die Verstellung der schwebenden Figur als eines Sinnbildes der Gottheit eine ganz andere, als sie hier erscheinet. Sie verlöre sich in die unermeßliche Pracht des Glanzes Ormuzd und seiner Amschaspands, statt daß diese sich, der Einfalt ihrer Zeiten gemäß, mit einigen Schwingen und Federn begnüget.

[351] Mir ist gar wohl bekannt, daß man gewöhnlich aus Herodot den Persern vor Cyrus eine nomadische Wildheit und Barbarei zuschreibet, mit denen kein Persepolis und Hamadan, wie es Dshemschid erbauet haben soll, bestehen könnte; allein verdient Herodot, verdienen die Griechen überhaupt mit ihren Nachrichten von so entlegnen Völkern, aus so alten Zeiten, unbedingten Glauben? g)[53] Verdienen sie Glauben, wenn die That selbst, wie hier z. B. die Ruinen Persepolis mit dem Inhalt ihrer Vorstellungen und den Zügen ihrer Schriftcharaktere, sie offenbar widerleget? Und sind nicht auch außer diesen Ruinen gnugsame Beweise, selbst Denkmale vorhanden, daß am Asiatischen Gebürge in Zeiten vor unsrer Geschichte unzweifelhaft ein hoher Grad [352] der Cultur gewesen? Gewiß; und ich getraue mir dies zu erweisen, wie ein Gegenstand aus so alten Zeiten und in solcher Entfernung irgend erwiesen werden kann. Nur war die Cultur Asiatisch; sie war wie jede andre, ihrer Zeit und den Nationen angemessen, die daran Theilnahmen, ob sie gleich dem allem ohngeachtet sehr weit von Barbarei entfernt war. Ein Beispiel sind diese Ruinen. Sie sind wahrlich keine Griechische Tempel, keine Muster Griechischer Bildhauerei und Baukunst; jedes Auge indeß erkennet Cultur, Asiatische Kunst in und auf ihnen. Und sie haben noch manche ihrer Schwestern. Was sollte es nun heißen, wenn ich sagte: „weder vor Cyrus können diese Denkmahle gebauet seyn: denn damals waren die Perser Barbaren; nach Cyrus aber noch weniger, aus solchen, und solchen Gründen.“ Erbauet sind sie einmal: denn sie stehen da; also siehe sie an und lies den Inhalt ihrer Vorstellungen, wenn sie erbauet worden? [353] Es wäre doch schlimm, wenn aus 1300 überbliebenen, zusammenhangenden Figuren nicht zu ersehen seyn sollte, was sie bedeuten und in welche Zeit sie gehören? Alsdann aber sind sie eben so wohl ein Buch, als Herodot; und in der ältesten Geschichte, die bei allen Völkern voll Fabel ist, muß man der Sage jedes Volks zuerst und am meisten, aber auch nicht weiter als Sage glauben. Man erklärt Denkmale der griechischen Mythologie, ohne daß man genau bestimmen kann oder mag, wenn jeder ihrer Helden gelebt habe.


Wie unnöthig schwer machen wir uns so manches in unserm Wissen und Lernen! Wir verbauen uns den Gesichtskreis, verengen uns die Luft durch erdichtete Chronologie und Geschichte; und klagen nachher über unerklärliche Dinge mit schwerem Athem. Lasset Hebräer und Griechen zeugen, worüber sie zeugen können; wir selbst aber [354] wollen uns nirgend die Augen verbinden, um nicht sehen zu wollen, was da ist.


„Wie aber, wenn diese Monumente von jenen Aegyptischen Künstlern errichtet wären, die Kambyses nach Persien schaffte, da sie, (nach des Grafen Caylus Meinung) so viel Aegyptisches an sich haben?“ Zuerst muß ich bekennen, daß ich das eigentlich-Aegyptische bei ihnen in dem Grad nicht finde, wie es der gelehrte und Kunsterfahrne Graf fand. Er sah z. B. in der schwebenden Figur einen Aegyptischen Käfer, der sie doch nicht ist und führte eine Reihe andrer Aehnlichkeiten hinüber, die sich aus ganz andern Gründen, insonderheit aus der innern Analogie der Kunst auf jeder ihrer Stuffen, wo sie diese auch besteige, erklären lassen; h)[54] im Ganzen aber sind sowohl die Figuren, als ihr Inhalt so wenig Aegyptisch als die Schriftzüge auf diesen Mauern Pharaonenschrift [355] sind. Ueberdem ists bekannt, daß Kambyses selbst nach Persien nicht zurückgelangte und die Schwierigkeiten, warum diese Denkmale unter den Nachfolgern des Kambyses nicht wohl haben errichtet werden mögen, hat Caylus zum Theil, (aus Nachrichten der Griechen nämlich,) sehr gut erörtert; i)[55] aus eigenen Nachrichten der Persischen Sage sind sie oben schon vorgetragen worden. Nur muß man auch hier die Schwierigkeiten nicht über ihr Maas aufhäufen. Isthekhar ist nicht in einem Tage, die vierzig Säulen, Tschilmenar, sind gewiß nicht in Einem Jahr gebauet. Wenn Themuras den Grund zu ihnen legte: so hatte Dshemschid leichtere Mühe, sein Königswerk darüber zu vollenden, so weit er es brachte, und den Nachfolgern war damit nicht der Weg geschlossen, hinzuzuthun, was ihnen gefiele. Der Blick war Einmal auf dies Gebäude als [356] auf ein Denkmal der Hoheit Persiens gerichtet, und es hieße der Reihe menschlicher Gedanken und einer Reihe Thronbesitzer ganz zuwider gedacht, wenn man annehmen wollte, daß nicht auch spätere Beherrscher sich in der Nähe von Schiras hätten anbauen wollen. Die Sage nennt z. B. die berühmte Königin, Homai, die nicht nur Isthekhar erweitert, sondern auch an Tschilmenar Theilgenommen habe. k)[56] Was sie daran gebauet habe? wissen wir nicht; gnug der Augenschein giebts, daß diese Denkmale in ihren Nebengebäuden nicht alle zu Einer Zeit errichtet worden; l)[57] und das anmuthige Thal bei Schiras konnte schon seine Sultane locken, ihren Wohnsitz daselbst mit Ekbatana, Susa oder andern Städten zu theilen. Niebuhr setzt den Pallast der Königin Homai weiterhin in die schmale, [357] fruchtbare Ebne am Flusse Polwar; m)[58] und auch dieses wäre sodann ein Kennzeichen, daß Dshemschids Pallast ihr schon ein zu altväterisches Gebäude gewesen, als daß sie daselbst hätte wohnen mögen.


„Aber waren diese Gebäude wirklich ein Pallast oder waren sie Tempel?“ Mich dünkt, wer die Erklärung der Bilderschrift bisher gelesen, und die Denkmale selbst mit dem zusammenhält, was man von der alten Religion der Perser weiß, wird keinen Augenblick anstehen, zu vermuthen, daß sie ein Reichspallast, ja der erste Reichspallast Persiens und keine Tempel gewesen. Denn was wäre in denselben Tempelhaftes, sowohl ihrer Bauart, als den Bildern nach, die sie zieren? Nirgend sind in diesen gottesdienstliche Gebräuche bemerkt und der ganze Aufzug, so wie die Geschichte des Königes selbst, sind nicht [358] Priester- sondern Staatsgebräuche. Ueberdem weiß man, daß die alten Perser keine Tempel liebten, ja daß sie geschworne Feinde derselben waren: ihr Gottesdienst war unter dem Himmel, ihre Altäre standen auf freien Bergen. Selbst noch auf dem Grabmahl Dshemschids, das doch später als Tschilmenar gebaut seyn muß, steht der brennende Altar noch unbedeckt da, unter dem Himmel, an dem die Sonne und Gott erscheinet. Die eigentlichen Feuertempel waren nur eine Folge der Reformation Zerduscht, folglich von weit späterer und schlechterer Anordnung.

Damit will ich nicht sagen, daß dies Gebäude nicht auch heilig, d. i. ein Reichstempel gewesen. Der König war eine heilige Person, wie hier seine Abbildungen zeigen: die alten Magier waren in Manchem seine Räthe, folglich wohnten auch sie, nebst andern seinen Dienern, in diesem Pallast. Auch unter den Bildern des Pallasts sind sie nicht vergessen worden: denn die [359] unbewaffneten Figuren mit langen Kleidern und heiligen Gefäßen in der Hand sind wahrscheinlich heilige Personen, wenn auch nicht eigentliche Priester. n)[59] Sonst aber, wer nur die große Treppe ansieht und unten, von den Thieren an, die Bilder und Gemächer verfolget, wird kaum auf den Gedanken kommen, daß dies ein Tempel habe seyn können oder seyn sollen. Wo betete das Volk an? wo ist der Tempel? Ein Pallast aber, oder vielmehr Palläste sinds, gerade wie die alten Perserkönige sie brauchten. Pischdadier hießen diese, d. i. Oberrichter, o)[60] wie [360] auch das Bild den König auf diesem Pallast vorstellt; mithin waren die Diener des Königes Officianten wie Er, die bei ihm wohnten. Daher nun der große Umfang und die sonderbaren Abtheilungen dieses Pallastes: er war wie eine Arche Noah für alle Reichsbedienten. Ueberhaupt muß man sich die häusliche Lebensart der Alten nicht wie die unsrige denken. Selbst wenn wir die Häuser der Griechen, ja der uns noch näheren alten Römer ansehen: so schütteln wir den Kopf und wollten nicht also wohnen; wie viel mehr müßte man bei einem Pallaste Dshemschids den Kopf schütteln, wenn man ihn mit den Pallästen unsrer Könige vergleichen wollte. Aber unsre Könige sind nicht was jene waren; auch die Verfassung unsrer Reiche ist anders geordnet. Also lasse ich mich auf keine Einwendung ein, [361] die man aus dem Geschmack unsrer Zeiten in Absicht auf Bauart, Abtheilung, Aussicht, Form, Decoration u. f. macht, weil das alles nicht hieher gehöret.

*     *     *

Noch ist ein Knote übrig, an dem man sich oft versucht hat. Ist dies nämlich der königliche Pallast zu Persepolis, den Alexander in Brand steckte, da man doch an ihm keine Spuren des Brandes wahrnimmt?

Zuerst ists merkwürdig, daß die Griechen bei der Zerstörung Persepolis durchaus keines Tempels, wohl aber einer vesten Königsburg erwähnen, die Diodor auch kurz beschreibet. p)[61] Wäre es nun wohl glaublich, daß wenn dies Wunder der Welt, dergleichen es in Griechenland nicht gab, vom Königspallast unterschieden und ein eigentlicher Tempel gewesen wären, sie desselben [362] mit keinem Worte gedacht hätten? da sie doch der alten Königsburg so auszeichnend und einzig gedenken. Den Alexander selbst kränkt es, da er aus Indien zurückkommt, daß er dies herrliche Denkmal zerstöret; eines Wundertempels dieser Art aber, der in der Nähe von Persepolis gestanden und stehen geblieben, wird auf keine Weise erwähnet.

Betrachtet man die Beschreibung Diodors näher, so ist sein Zweifel, daß seine Königsburg nicht unser Tschilmenar seyn sollte. Sie liegt nicht weit q)[62] von dem Königsberge, in welchem Gräber der Könige sind, worunter wahrscheinlich nicht die sogenannten Rustems Gräber, die entfernter liegen, sondern der Berg Rachmed verstanden wird, in welchem wir z. B. das prächtige Grab Dshemschids fanden. r)[63] Die Burg wird beschrieben, als mit einer dreifachen Mauer umgeben, die höher und höher steiget. Noch jetzt in Trümmern, da von den Außenwerken [363] weggetragen ist, was weggetragen werden konnte, thut Niebuhr der Mauern Erwähnung, deren Reste noch stehen; s)[64] und es käme nur darauf an, daß ein Reisender mit Diodors Beschreibung die Trümmern derselben zusammenhielte. Die verschiedne Höhe der Gebäude hat er gleichfalls sorgfältig bemerket t)[65] und es trift gerade ein, daß das älteste und verfallenste Quadrat, das Diodor als das Innere der Burg anführt, auch am höchsten lieget. Die ehernen Pforten Diodors sind eben so wahrscheinlich, denn in einem Werk dieser Art waren gewiß keine hölzernen Thüren; und Niebuhr bemerkt, daß das ganze Gebäude wahrscheinlich durch drei Pforten habe beschlossen werden können. Auch in diesem Gesichtspunkt werden die Trümmern dieser Königsburg sehr merkwürdig: sie sind die älteste Vestung auf unsrer Erde, die auch als solche, ihrer Anlage nach, die älteste Zeit beweiset. Und [364] so wie es thöricht wäre, sie mit unsern Vestungen, die für unsre Kriegsart gebaut sind, zu vergleichen, (anzuführen z. B., daß sie vom Berge Rachmed konnte bestrichen werden u. f.) so klärt sie vielmehr die älteste Vertheidigungsart auf. Schon gegen Alexander konnte sich Persepolis nicht halten und er hat sie nicht belagert; sie enthielt aber den Schatz des Königreichs und war ein bevestigtes Königshaus der urältesten Zeiten.

Es ist also auch wohl kein Zweifel, daß unser Persepolis die Königsstadt sei, die Alexander zuerst beraubte und sodann im Trunk zu verwüsten eilte. Die Fackel, die er trug, war nichts als die Losung zu einer freigelassenen Verwüstung: denn daß einige griechische Fackeln diese ewigen Marmorfelsen zertrümmern oder in die Asche legen sollten, davon war nicht die Rede. Er gab sein königliches Zeichen und man beschädigte, so weit man kommen konnte. Natürlich traf die Flamme nur das Holzwerk, folglich den Obertheil [365] dieses Gebäudes; so wie auch Cyrus Grab, nach Strabo’s Beschreibung, u)[66] unten von massiven Steinen, oben von Holz gebauet war. Von alle diesem x)[67] ist längst nichts übrig; die Mauern der Burg aber trotzten nicht nur der ohnmächtigen Flamme einiger griechischen Trunkenbolde, sondern haben gewiß noch viel größere Verwüstungen überdauret. Wenn man die Ueberfälle, die Persien Jahrtausende hin, von den wilden Völkern des Gebürges erlitten und den Haß der Mahomedaner gegen eingegrabne Figuren überdenket: so muß man, aller Verstümmelungen ungeachtet, die ewige Stärke bewundern, mit der dies älteste Kunstwerk der Erde der Wuth der Menschen sowohl als den Zerstörungen der Zeit selbst obgesieget. Ein Erdbeben that wahrscheinlich mehr, als mit seinen Pechbränden der griechische Knabe in einer bacchischen Nacht thun [366] konnte und mochte: denn im Grunde war Alexander, seiner Gesinnung nach, kein zerstörender Kambyses. Es war ein kurzes, tolles Vergnügen des Rausches, das er sich erlaubte, und das ihn nachher selbst schmerzte; stünde also die Burg nur noch, wie Alexander sie ließ, wir hätten gewiß mehr als diese bedaurenswerthe Trümmern.

*     *     *

Gnug für jetzt und ein andermal etwas über die Gräber der Könige, nebst andern asiatischen Denkmalen. Großer und guter Dshemschid, ich habe das Andenken deiner Thaten und Einrichtungen, wie eine Fabel der Vorwelt, aus diesen ewigen Tafeln menschlicher Kunst, zu erwecken gesucht; glücklich, wenn ichs getroffen hätte und ein andrer auf dem versuchten Wege weiter gelangte. Noch glücklicher, wenn deine schöne Schrift entziffert würde: denn diese lösete ganz das Räthsel.


  1. a) Kaempf. amoenit. exotic. Fasc II. Relat. 5. p. 325 - 353. Chardin Voyages en Perse T. II. p. 140 – 197. le Brun Voyages T. II. p. 285. seq. Niebuhrs Reisebeschreibung B. 2. S. 121 - 165. Die übrigen, die von diesen Alterthümern gehandelt haben. s. in Meusels bibl. hist. Vol. I. P. II. p. 41. 42. Heyne’s Guthrie Th. 2. S. 233.
  2. b) Kämpfer S. 336 Chardin p. 133. 134. Niebuhr S. 125. le Brun tab. 124.
  3. c) Caylus Abhandlungen, Meusels Uebers. Th. 1. S. 67.
  4. d) Niebuhr Tab. XX. a.
  5. e) Niebuhr Tab. XX. b.
  6. f) S. Herbelot art. Simorganka, Soliman, Tahamurath, Div, Peri etc. Richardsons Abhandlung über die Sprachen der morgenländischen Völker Kap. 3. Abschn. 3. S. 202. Deutsch. Uebers.Bochart. Hierozoic. P. II. L. VI. de animal. fabulos. et al. Wenn Athenäus (B. XI.) von den Zierrathen Persischer Becher redet, vergisset er nie dieser erdichteten Thiere.
  7. g) 1 Mos. 49, 9. 14. 17. 21. 27. 5 Mos. 33, 17. 20. 22.
  8. h) 4 Mos. 23, 22. Kap. 24, 8.
  9. i) Hiob. 39, 9. 10. In den Psalmen gleichfalls Ps. 92, 11. 22, 22. 29, 6. Jes. 34, 7.
  10. k) Dan. 7. 8. Esra’s viertes Buch und Johannes Offenbarung, nebst einer Reihe andrer Offenbarungen, sind späterhin sämtlich in dieser Art von Composition der Bilder.
  11. l) Niebuhr tab. 33. unten.
  12. m) Niebuhr tab. 34. Kämpfer S. 334.
  13. n) Gagnier Vie de Mahomed T. I. L. II. Cap. II. et al. al.
  14. o) 4 Esr. 11, 12.
  15. p) Offenb. Kap. 13.
  16. q) S.d’Anquetil Zend-Avesta T. II. im Register Ane, Taureau, Oiseau u. f.
  17. r) Niebuhr hat Th. 2 tab. 20. n) b. d. e. einige fabelhafte Thiere der alten Perser aus Münzen und Siegeln gegeben, die meine Gedanken sehr erläutern. Aus B. mit b. verglichen, siehet man, wie Ein und dasselbe Thier verschieden vorgestellt werden konnte, nachdem es die Bedeutung erfoderte, denn es waren, wie im Buch Daniel und Esra, symbolische Thiere.
  18. s) Niebuhr tab 25. c. le Brun tab. 129. ingleichen S. 123. Nach Niebuhr ist sein Turban wirklich mit Golde bedeckt gewesen.
  19. t) Chardin tab. LXII. I. zu S. 156 le Brun tab. 143.
  20. u) Chardin tab. LXIII. LXIV. le Brun tab. 153.
  21. x) Kämpfer S. 313. le Brun 158. Chardin LXVII. LXVIII.
  22. y) Hyde de relig. vett. Pers. p. 306.
  23. z) Tab. VI. p. 305. Er hat sie wahrscheinlich aus Chardin tab. LXVIII. wo die schwebende Gestalt, verglichen mit Kämpfer S. 313. und Chardins eigner Tafel LXVII. offenbar verzeichnet worden. Niebuhr hat diese Tafel nicht, und in le Brun ist sie unkänntlich; sie verdiente also noch die Berichtigung aus Niebuhrs Papieren. Wenn Hyde Recht hätte: so könnte man die schwebende Gestalt eher den Ferouer des Königs in der Sprache des Zend-Avests nennen, d. i. seine eigne geistige himmlische Gestalt, die ihn begleitet. Die Vorstellung auf dem Grabmahl aber ist dieser zu seinen Metaphysik offenbar entgegen.
  24. a) Zend-Avesta Vol.II. P. I. im Vendidad, im Leben Zorasters selbst u. f.
  25. b) 2 Mos. 24, 10. Jes. 6, 1.
  26. c) Ezech. 1. und 10.
  27. d) Auch in den Ebräischen Schriften 2 Mos. 19, 4. u. a.
  28. c) S. Chardin Tab. LXIV.
  29. c) Nach Kämpfer S. 313. ists eine Schlange.
  30. *) Sie ist auf mehrern derselben wiederholet S. Kämpfer Fig. IV. V. VI. VII. p. 307.
  31. g) Chardin Tab. LXIII.
  32. h) Chardin Tab. LXIII. LXIV.
  33. i) Zend-Avesta T. II. p. 532.
  34. k) Er hat das Penom um den Mund und die Priestermütze.
  35. l) Chardin Tab. LXIII.
  36. m) Daß es ein Gefäß sei, ist insonderheit aus Niebuhr ersichtlich, ob es gleich Chardin beinah zu einer Blume verschont hat und auch als solche erklären will. Selbst aber im Zuge tragen mehrere Personen dies Attribut, wo man offenbar sieht, daß es ein Gefäß und keine Blume sei.
  37. n) Herbelot art. Giam und Giamschid: Niebuhr S. 122.
  38. o) Zend-Avesta T. I. P. II. Farg. II. und im Register des zweiten Bandes, Djemschid.
  39. p) Athenaei Deipeosoph. L. XI. p. 477. 478. edit. Casaub. Die verdorbene Stelle heißt also: το δε Κονδυ εστι μεν Περσικον, την δε αρχην ην ως ο κοσμος, εξ ου των θεων τα θαυματα και τα καρποσιμα γινεσθαι επι γης. διο εκ τουτου σπενδεσθαι. Seine Etymologie, nach welcher es cavum collum, oder γλημμα heißt, s.in Hesych. edit. Alberti T. II. p. 311.
  40. q) Herod. L. VII. c. 54. p. 536. edit. Wesseling. Von Herkules Sonnenbecher, den er der Echidna am Pontus geschenkt und den daher noch die Scythen am Gürtel tragen s. Herod. L. IV. c. 10. coll. cum Athenaeo L. XI. et. al.
  41. r) Im Zend-Avesta ist vielleicht noch das heilige Gefäß Havan, in welchem die Parsen den Saft der Unsterblichkeit bereiten, ein pfaffenmäßiges trauriges Ueberbeibsel dieser alten Tradition: denn der Sage nach hat eben jener Hom, der ihnen das Gewächs der Unsterblichkeit gezeigt, unter Dschemschid gelebet. S.Zend-Avesta art. Havan, Hom etc. Herbelot sagt unter dem Namen Mircond, daß er aus Mircoand, Mircavend zusammengezogen sei; vielleicht daß dieser [335] Name also,(da Mihr die Sonne heißt) und Rhondemir mit ihm, das Gefäß der Sonne bedeutet, gerade wie es die Griechen im Wort Kondy nannten.
  42. s) Zend-Avesta T. I. P. II. p. 271.
  43. t) Sie macht den Einen zum Juden, den andern gar zum Griechen Pythagoras: denn es giebt keine bösere Chronologistin in der Welt, als die morgenländische Sage. S. Herbelot, Artik. Giamschid.
  44. u) S. darüber Hyde de relig. vett. Pers. Cap. XIV. XV. Zend-Avesta T. II. P. 574. T. I. P. II. p. 357. et. al.
  45. x) Zend-Avesta T. II. P. 575. Hyde et al.
  46. z) Chardin, ein vortreflicher Reiseerzähler, hier aber eben nicht der beste Erklärer sieht das Ganze als einen Opferzug an, wo z. B. jede an der Hand gefaßte Person geopfert werden soll u. f. - Eine fürchterliche Erklärung, die sich aber Punkt für Punkt durch den Anblick des Ganzen und seiner Theile widerlegt; daher ich keinen Raum verschwenden mag, es einzeln zu zeigen, wie oft er die Attribute der Personen mißgedeutet.
  47. a) Es wäre sehr gut, wenn D’Anquetil eine nähere Nachricht von den sieben Wunderwerken Dschemschids geben wollte, die er bei Gelegenheit des Gedichts Djamaspi (S. 872. desselben) anführet. (Zend-Avesta T. I. P. II. Notic. p. XXXI.) Gewiß werden die Tschilmenar auch darunter seyn.
  48. b) Der älteste Theil der Gebäude ist auf Niebuhrs Tab. XVIII. mit dem Buchstaben I angedeutet und dessen Ruinen Tab. XXVIII. abgebildet. Sie sind sehr beschädiget; die Figur des Königes aber dennoch auf ihnen känntlich. Sodann sind wahrscheinlich die Gebäude H, G und f. gefolget.
  49. c) Zend-Avesta T. I. P. II, p. 271. seq.
  50. d) Herbelot, art. Giamschid.
  51. e)Hyde (de relig. Persar. p. 527.) hält diese Charaktere für ein bloßes Spiel des Baumeisters zu Verzierung der Wände, bei dem er habe versuchen wollen, wie oft sich der simple Pfeilstrich, der diese schöne Schrift ausmacht, versetzen und verändern ließe. Er beruft sich darauf, daß Ein und derselbe Zug nie wiederkomme; welche sonderbare Behauptung auf allen Wänden des Pallastes widerlegt wird.
  52. f) Zend-Avesta T. II. p. 424.
  53. g) Und noch glaube ich, daß Herodots Nachrichten mit dem, was man in Asien findet, sehr gut vereinigt werden können, sobald man die Völker und Zeiten bemerkt, von welchen er redet. Hievon; und von der ältesten Cultur Asiens künftig.
  54. h) Caylus Abhandlungen, Meuselscher Uebers. S. 84. f.
  55. i) Eben das. S. 79. u. f.
  56. k) Herbelot, Art. Homai.
  57. l) S. Niebuhrs Beschreibung u. a.
  58. m) S. 154.
  59. n) Niebuhr Taf. XXI. Merkwürdig ists, daß in diesen Vorstellungen durchaus keine Spuren von Zoroastrischen Mönchsdienst vorkommen. Die einzige Person, die dem Könige den Wedel über das Haupt hält, hat den Penom vor dem Munde (Niebuhr Taf. XXIX.) und eine andre, die vor ihm stehet, da er Gericht hält. Vielleicht ist dieses gar ein Weib, jenes ein Verschnittener oder beide niedrige Priester-Diener.
  60. o) Bons justiciers, wie es Herbelot erkläret. (Art. Pischdad.) Sie hatten diesen Namen von Huschengk, der [360] durch seine Klugheit und Rechtschaffenheit in Morgenlande so berühmt ist. Dschemschid war der vierte dieses Namens.
  61. p) Diod. Sic. I. 17. 600. p. 215. edit. Wesseling. T. II.
  62. q) Diodor vergl. mit Niebuhr tab. 18.
  63. r) Niebuhr tab. 18. lit. P.
  64. s) S. 123. u. f.
  65. t) S. 124. u. f.
  66. u) Strabo B. 15.
  67. x) Eigentlich traf die Verwüstung die Stadt Persepolis, wie Curtius deutlich erzählet.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Schaaen