Textdaten
<<< >>>
Autor: Kurt Greß
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Noch einmal Langensalza
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 700–703
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[700]
Noch einmal Langensalza.
Erinnerungen von Kurt Greß.

Am siebenundzwanzigsten Juni vorvorigen Jahres – das weiß Jedermann und besonders jeder aufmerksam Leser dieses Blattes – war die verhängnißvolle Schlacht bei Langensalza geschlagen worden. Hunderte tapferer Soldaten lagen, dem Moloch der militärischen Ehre geopfert, entweder todt an den Ufern der Unstrut. die von dem geflossenen Blute geröthet war, oder dort in dem großen Grabe auf dem Dorfkirchhofe zu Merxleben, oder wo man sie sonst zur letzten Ruhe gebetet hatte, oder auf dem Schmerzenslager, [701] in den Lazarethen, nicht wenige vielleicht die Gefallenen und Schlafenden um ihr Loos beneidend.

Unterdessen bereitete sich das Ende der blutigen Episode des großen vorvorjährigen Krieges langsam, aber sicher vor; die Verhandlungen mit dem König von Hannover begannen, die Capitulation der tapfern hannoverischen Armee erfolgte; die Preußen nahmen die ihnen zugefallene reiche Beute an Pferden, Kanonen und Flinten in Empfang; die hannoverischen Soldaten wurden in ihre Heimath entlassen, nachdem sie Alles, was dem Krieger theuer ist, abgeliefert hatten. Auch König Georg rüstete sich zum Abzug von der Stätte des Unglücks, um in fremdem Land, zunächst bei seinen hohen Verwandten auf dem Jagdschlosse Fröhlichewiederkunft im Herzogthum Sachsen-Altenburg seine Wohnung aufzuschlagen.

Wie überall, so war auch in Jena, der kleinen thüringischen Universitätsstadt, Aller Erwartung auf den Ausgang dieses Alle greifenden Schauspiels gerichtet, und besonders die Jenenser Studenten nahmen regen und lebhaften Antheil an den Dingen, die sich zugetragen hatten und die da kommen sollten.

So konnte es denn nicht fehlen, daß, als am dreißigsten Juni frühmorgens die Nachricht nach Jena kam, der König von Hannover werde mit seinem ganzen Hofstaat nach Apolda kommen, um von dort aus nach dem Jagdschloß Fröhlichewiederkunft zu fahren, dieselbe unter dem Bruder Studio eine mächtige Aufregung hervorrief. Zudem war es ja Sonnabend, der uralt heilige dies academicus, den der Jenenser Student nicht gern durch profanes Arbeiten und Collegiengehen entwürdigt; ein schöner, frischer Sommermorgen lag goldig über den Jenenser Bergen und lockte zur fröhlichen Wanderschaft: was Wunder also, daß sich eine gute Anzahl Studenten auf den Weg nach der Eisenbahnstation Apolda machten, entweder stolz zu Fuß oder hoch zu Wagen das heißt, auf den seltsamen Fahrzeugen, die man zu Jena „Spritzen“ nennt und welche von jenen Rossen, vulgo Spritzgäulen, gezogen werden, welche, wahre Naturseltenheiten, ein charakteristisches Wahrzeichen Jena’s sind und gegen die, weiland Don Quixote’s treffliche Mähre Rosinante ein gar respektables Rößlein gewesen sein mag.

Auch ich und einige Freunde schlossen uns der Expedition nach Apolda an und fanden, als wir den Bahnhof der aufblühenden Fabrikstadt erreichten, schon viel Volks daselbst versammelt.

Unsere Geduld sollte auf keine lange Probe gestellt werden. Denn kurz nach unserer Ankunft, etwa gegen ein Uhr, traf der ersehnte Extrazug ein. Die Conducteure sprangen von ihren Sitzen, rissen die Wagenthüren auf, und die Reisenden stiegen aus. Der Zufall war mir günstig. Ich wurde an ein Coupé erster Classe gedrängt, aus welchem ein ältlicher, großer Mann in einfacher, dunkelblauer Uniform, fast der preußischen ähnlich, gestützt auf einen jungen Mann in weißer Uniform, gefolgt von zwei andern älteren Herren, ausstieg.

Waren auch nicht Aller Augen auf den stattlichen, aber gebeugt daherschreitenden Mann gerichtet gewesen, hätte ich auch nicht die trüben, großen, weit vor sich hin starrenden Augen des Mannes gesehen, ich hätte ihn doch erkannt, doch von Allen herausgefunden, den König Georg von Hannover. Wie unglücklich, wie müde, wie zerschmettert sah er aus, der arme Monarch, der so Viel erfahren, der so Viel verloren hatte! Mit auffälliger Besorgtheit strengte er sich an, den Weg selbst zu finden, mit peinlicher Sorgfalt suchte er zu zeigen, daß er der Führung des jungen Mannes in der hellen Uniform, des Kronprinzen, nicht bedürfe – und er zeigte dadurch doch nur, wie blind er war und wie nöthig er jene Führung hatte.

Und alle die Leute, die nur theilnahmlose Neugierde zusammengeführt und die noch vor wenigen Minuten den verblendeten König schonungslos verdammt hatten, sie Alle waren still und neigten ihr Haupt vor der Macht des Unglücks, die diesen Mann so schwer getroffen hatte, die sich auf diesem Antlitz so ergreifend spiegelte.

Während die Menge den angekommenen Hofstaat, die Uniformen der Officiere, die geschäftig umhereilenden Diener, das ganze Gefolge, und vor Allem die herrlichen Rosse des königlichen Marstalls betrachtete und bewunderte, saß der König in einem der Wartezimmer des Bahnhofs, einige Erfrischungen zu sich nehmend.

Unterdessen stolzirte der Kronprinz in eleganter Uniform, ein Glas im eingeklemmten Auge, lächelnd und bisweilen auch einige Worte hervorschnarrend, auf dem Perron des Bahnhofes einher, besah sich die versammelte Menge und widmete seine allerhöchste Aufmerksamkeit besonders den anwesenden Studenten, deren Farbenmützen ihn vor Allen und ausnehmend zu interessiren schienen, während sein Vater eine schwere Stunde, eine der schwersten durchkämpfte, die Stunde des Abschieds von seinen Generälen, von seinen treuen Dienern.

Wahrlich, uns Studenten und der versammelten Menge ging der arme König Nichts an, aber der Aermste und Geringste von Allen, die bei dieser Scene zugegen waren, war bewegter, als der Sohn des Mannes, der da eben heraustrat aus der Thür des kleinen Bahnhofs und seine zitternde Hand den treuen Generälen entgegenstreckte, die sie heiß und heftig drückten, des Mannes, der da eben Abschied nahm von Denen, die treu bei ihm gestanden hatten in guter und in böser Zeit und nun auch die letzte und schwerste mit ihm durchgemacht hatten und die er nun auf immer lassen mußte!

Ich sah ein paar Thränen aus den großen, lichtlosen Augen des Königs rinnen und langsam seine Wangen herabrollen. Dann stieg er, geführt von dem Kronprinzen und in Begleitung zweier Generäle, in den einfachen, zweispännigen Postwagen, der ihn weiter bringen sollte; dann grüßte er noch einmal, der Kronprinz nickte und dienerte – dann ging es fort – fort in die Fremde.

Nun fuhr auch der Extrazug mit des Königs Gefolge wieder ab, die Menge verlief sich, Lärm und Getöse verhallten; es ward wieder still auf dem kleinen Bahnhof. Doch nicht so schnell wie die äußere Ruhe stellte sich unsere innere wieder her; die aufgeregten Gemüther der jungen Leute waren noch lange nicht beruhigt, als draußen auf dem Bahnhof schon lange Nichts mehr von dem Tosen und Lärmen übrig war, das da vor Kurzem geherrscht hatte.

Da gab die Ankunft einiger jungen Doctoren aus Jena der Aufregung eine andere Bahn. Dieselben waren nämlich im Begriffe, mit dem nächsten Zuge nach Erfurt und von da nach Langensalza zu reisen.

Hurrah! das war eine Idee! das war ja ein prächtiger Einfall! Wer fährt mit nach Langensalza? hieß es, und nicht lange, so war eine Anzahl entschlossen, die Doctoren zu begleiten, und schnell, wie der Entschluß gefaßt war, wurde er ausgeführt. Der Zug brauste heran, die Billete wurden gelöst, fort schnaubte wieder die Locomotive und nach rasch verflogener Frist fuhren wir, eine Gesellschaft von etwa zehn Mann, vor Erfurt an, um von da nach Langensalza zu eilen.

Bei dem regen lebendigen Treiben in der Festungsstadt gelang es uns kaum, einen Wagen aufzutreiben, und wir waren herzlich froh, endlich einen Leiterwagen zu acquiriren, welcher die Verantwortlichkeit auf sich nehmen sollte, uns nach Langensalza zu bringen.

Früh bei guter Zeit, als eben über den Thüringer Bergen die Sonne aufging, fuhren wir denn nun auch auf einem mit zwei tüchtigen Braunen bespannten, mit Laub geschmückten Wagen, auf dem wir es uns, so gut es ging, bequem gemacht hatten, in den thaufrischen Morgen hinaus.

In den stillen Straßen der frühern alma mater regte sich Nichts, nur der holpernde Ton unsres Wagens störte die tiefe Stille; keine Gestalt zeigte sich an den verhangenen Fenstern, ruhig schlief noch Alles dem Sonntag entgegen. Auch wir waren still. Dachten wir vielleicht an die gestorbene alma mater, die nun Keiner mehr kannte, oder an die alten Studenten, die, jung und froh, wie wir, einst die Straßen durchwandelt und nach den Fenstern, grüßend nach den schönen Mädchen hinter den Scheiben, hinaufgeschaut hatten, stolze wackere Gesellen voll Jugendmuth und Lebenslust, von denen jetzt kaum einer noch am Leben?

Ueber den alten Dom mit den herrlichen Thürmen schossen die ersten Sonnenstrahlen herüber, spielten goldig um die funkelnden Thurmkreuze, und der Frührothschein huschte leise die hohen Treppen auf und nieder; der frische Morgenwind, der vom „Walde“ herüberwehte, fuhr hastig durch die Thurmluken und Schalllöcher und flüsterte mit den schlafenden Glockenreihen, die wie im Traume leise vor sich hinsummten.

Am Dom vorüber fuhren wir durch die gewaltigen Werke und zuletzt durch das große Thor der Festung hinaus in die weite, blaue, eben erwachende Welt, hinein in den schönen Sonntagmorgen, durch das fruchtbare, weite Land, durch friedliche Dörfer, die noch im Schlummer lagen, wogende Felder, duftende Wiesen, [702] hin an dunklen, rauschenden Wäldern, vorbei an kleinen Friedhöfen, deren Kreuze hell und klar im Morgenscheine schimmerten.

Nach und nach erwachte die ruhende Natur, erwachten die Menschen in ihren freundlichen Hütten und Häusern. Dann fingen ringsum in allen Dörfern all’ die Glocken und Glöckchen an zu klingen und zu singen, und die feierlichen, vollen Klänge riefen zur Kirche. Alte, ehrenfeste Bauern mit ihren Weibern im Sonntagsstaat, junge Mädchen, duftige Blumensträußer und große Gesangbücher in den Händen, stiegen festen Schritts oder trippelten zaghaft, und verschämt, zur schmucken Dorfkirche, aus der bald die Orgel mächtig zu uns herübertönte.

Und mitten durch all’ den Frieden, durch all’ den Klang und Sang fuhren wir nach einem Schlachtfelds, zu Elend und Noth, das sich die Menschen selbst geschlagen hatten, zu zerstampften Feldern und zertretenen Saaten, dorthin, wo auch Glocken klangen, aber die Todtenglocken.

Allmählich ward die Landstraße belebter und lebendiger, je näher wir dem Städtchen Gräfentonna und dem von da nicht mehr weit entfernten Langensalza kamen; leicht Verwundete wurden transportirt, heimkehrende Hannoveraner zogen an uns vorüber, zahlreiche Colonnen erbeuteter Pferde wurden nach Erfurt gebracht, Wagen mit Unterstützungen und Erfrischungen und eine Menge Menschen, gleich uns nach der Unglücksstätte pilgernd, bedeckten die aufwärts steigende Landstraße.

Es liegt natürlich nicht in meiner Absicht, die Tage nach der Schlacht von Langensalza, noch weniger die Schlacht selbst, eingehend zu beschreiben, zumal dies in diesem Blatte schon von kundiger Hand trefflich geschehen ist. Hier möge nur Einiges folgen, was uns auf unseren Wanderungen begegnet ist.

Wir waren in einer steten Wanderung zwischen der Stadt, dem Bade und dem Dorfe Merxleben, sahen uns Alles an, gingen überall hin, wo irgend etwas Interessantes zu sehen war. Wir betrachteten die erbeuteten Pferde, Tornister, Kanonen und Flinten, die Massen der durchziehenden Soldaten, die Plätze, wo der Kampf am heftigsten getobt hatte, die barmherzigen Schwestern in ihrer düsteren Nonnentracht, in ihrer edlen Thätigkeit, die Männer mit der weißen Binde und dem rothen Johanniterkreuz, schritten hinter manchem ungeschmückten, dunklen Sarge her, der unter gedämpftem, schauerlichem Trommelwirbel zur letzten Ruhe getragen wurde, sammelten zerstreute Kugeln, beschenkten die Verwundeten und besuchten die Schmerzenshäuser und Lazarethe.

So kamen wir bei unseren Wanderungen in dem Dorfe Merxleben, wo die meisten Schwerverwundeten lagen, auch in eine Kammer, in welcher ein Preußischer Officier verwundet in einem Bett lag. Kein Mensch war bei ihm, es war ganz still in der dumpfen Kammer; auch wir blieben bewegt an der Thür stehen. Der Arme lag im letzten Kampfe, seine Sinne waren schon umnachtet und kannten das Irdische nicht mehr; aber sein Herz, seine letzten Gedanken waren noch in Kampf und Streit, bei seiner Compagnie, bei seinen Soldaten. „Wir sind aus der Linie, Jungens,“ rief er, und als hätte er den Säbel noch in der Hand, focht er matt in der Luft herum, „macht mir keine Schande, Cameraden, drauf, drauf, immer vorwärts, – immer vorwärts!“

Dann ward er ruhig und sagte kein Wort mehr. Durch das kleine Fenster fiel ein heller Mittagssonnenstrahl in die schwüle, einsame Kammer auf das Bett und das Gesicht des Sterbenden, der da eben, fern von den Seinen, in öder Stube heimging aus Kampf und Streit und Sturm zum Frieden. Leise machten wir die Thür zu und gingen herab, einem der Aerzte das Geschehene zu sagen. Einer von ihnen ging hinauf und kam bald mit der Nachricht herab, daß es zu Ende sei. Uns war es weh und trübe zu Muthe und wir mußten noch oft an den einsamen Todten droben in der leeren Stube denken, um den sich Niemand kümmerte. Und doch war es nur Einer, nur Einer von vielen Hunderten!

Den meisten Eindruck machte auf uns das große Lazareth in der Dorfkirche zu Merxleben, „das Schmerzenshaus von Merxleben“, an dessen Seite das große Massengrab liegt, wo so Viele, Freund und Feind, in Frieden schlafen. Wer noch kein Lazareth gesehen und vielleicht einen Roman, worin derlei schaurige Geschichten vorkommen, gelesen hat, könnte sich wohl denken, darin müßte ein geräuschvolles Leben, Stöhnen und Seufzen von Verwundeten, Röcheln und Schmerzensschreie von Sterbenden herrschen. Dort war es nicht so, geisterhafte, unheimliche Stille lag über dem Raume rings Alles stumm und ruhig, nirgends ein Ton, nirgends ein Laut. Nur die Aerzte gingen geräuschlos zwischen den Kranken hin und her und die barmherzigen Schwestern thaten und leise ihr edles, hülfreiches Werk. Wahrlich, eine seltsame Gemeinde war in der kleinen Dorfkirche versammelt statt derer, die sonst zu Füßen des würdigen Pfarrers den Worten des Trostes und der Verheißung lauschten! Und vor dem friedlichen Altar und der einfachen Kanzel predigte heute ein gewaltiger Priester, still und doch laut, beredt und doch ohne Wort, eine Allen verständliche, eine blutige, schaurige Predigt.

Da trat, während wir mit einem Verwundeten leise sprachen, ein alter Bauersmann an uns heran, wie es schien, aus der Nähe, aus dem Gothaischen, eine stattliche, starkknochige Gestalt im besten Sonntagsrock. Er hatte auch Einen dabei gehabt, seinen Einzigen! In der vordersten Reihe der Gothaner hatte er gestanden, hatte brav mitgekämpft. Aber Niemand wußte, wohin er gekommen war. Da hatte er sich in seiner Vatersorge aufgemacht im Sonntagsstaate aus seinem kleinen, stillen Walddorfe, um seinen Sohn, sein einziges Kind, zu suchen, hatte sich die Erlaubniß ausgebeten, in die Lazarethe gehen zu dürfen, und so ging er nun, unbewegt um das Elend um ihn herum, das er kaum zu sehen schien, still hindurch durch die Reihen, der Verwundeten, mit dem Auge eines Vaters spähend, ob er seinen Liebling nicht fände.

So sahen wir ihn, den starken Mann, wie er immer suchte und ihn doch nicht finden konnte. In seiner Hand trug er ein Päckchen Photographien seines Sohnes und jedem Arzte, Jedem, von dem er dachte, daß er sein Kind gesehen haben könne, gab er solch ein Bild leise in die Hand und sagte: „Herr, ’s ist mein Sohn, er war auch mit dabei und ich kann ihn nicht finden. Herr, wenn Ihr ihn seht, ich will’s Euch nie vergessen!“

Ob er ihn wohl gefunden hat? Ich weiß es nicht, doch will ich’s ihm von Herzen wünschend. Noch am Nachmittage sah ich ihn wieder in einem Lazarethe in der Stadt. Das Päckchen Photographien war ganz klein geworden, sein Gang gebückter, sein Auge trüber. Er hatte ihn noch nicht gefunden. Und am Abend, glaube ich, war sein Päckchen – und seine Hoffnung zu Ende. Wollte er ihn finden, so mußte er ihn wohl da suchen, wo die stillen Schläfer liegen und vom heißen Kampfe ausruhen; mußte wieder heimziehen in sein stilles Walddorf, ein armer, kinderloser Mann, einsam und allein! –

Die traurigen Bilder häuften sich so, daß es für unsere jungen Herzen fast zu viel ward. Zwar die abgehärteteren Gemüther der Doctoren und Mediciner waren noch unbewegt, freuten sich über Schußwunden und Verbände, ja, sie nannten das, was uns so tief ergriff, höchst interessant und instructiv. Wir aber, die wir im Dienste friedlicherer Musen standen, waren des endlosen Jammers müde und strebten sehnlichst, ein gastliches Haus zu finden.

Auf dem Wege dahin begegnete uns eine Schwadron schmucker grüner Husaren. Während wir stehen blieben und den stattlichen Zug bewunderten, horch, da stimmten plötzlich diese Kriegsleute das alte Studentenlied an: „Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus“. Wir aber stimmten sofort mit ein, und während die rüstigen Gesellen dahin ritten, klang’s fast wehmüthig, ferner und ferner herüber, bis endlich der Klang ganz verhallte:

Vita nostra brevis est,
Brevi finietur.
Venit mors velociter,
Rapit nos atrociter,
Nemini parcetur.

Wo ritten fix hin, die lustigen Reiter? Wo sind sie jetzt? Studiren sie vielleicht schon wieder friedlich auf einer Universität oder deckt auch Manchen von ihnen der „humus“, welcher Alle decken wird, nach der fröhlichen Jugend, nach dem lästigen Alter? –

Vor der Stadt trennten wir uns, nachdem schon vorher Einige ihren eigenen Weg gegangen, in zwei Heerhaufen, beide auf gut Glück nach Obdach und Stärkung suchend. Ich und zwei meiner Freunde wandten uns nach dem vor der Stadt liegenden Schützenhause, wo der König Georg vor und nach der Schlacht logirt hatte.

Doch beinahe sollten unsere Hoffnungen getäuscht werden, denn auf unser Ansuchen setzte uns ein dienstbarer Geist umständlich auseinander, daß es gar keine Möglichkeit wäre, Etwas zum Essen zu bekommen, noch weniger einen Platz, wo wir für einige Zeit unser Haupt hinlegen könnten. Schon wollten wir [703] sehr betrübt wieder abziehen, als im rechten Augenblicke, wie ein deus ex machina, der freundliche Wirth erschien, den beredten Kellner eiligst entließ und uns Alles, was unser Herz begehrte, so gut es angehe, verhieß. Denn obwohl sein ganzes Haus von oben bis unten voll von Verwundeten stecke, wolle er uns doch etwas Brod und Butter und ein kleines Zimmer verschaffen, das augenblicklich leer sei, weil die dort einquartiert gewesenen Verwundeten heute früh entlassen worden seien.

Höchlichst erfreut über diese tröstliche Verheißung folgten wir dem freundlichen Manne eine Treppe hinauf auf einem Gang, wo er uns in ein kleines, völlig leeres Zimmerchen wies, das durch ein einziges kleines Fenster hoch oben spärlich erhellt wurde.

Doch müde und hungrig waren wir, daß es eine Art hatte, und nachdem wir ein mächtiges Butterbrod verzehrt hatten, machten wir es uns bequem, hingen Rock und Weste an den Nagel und streckten uns gemächlich auf die reinlichen Strohbündel nieder, welche uns der freundliche Wirth bereit gemacht hatte.

Draußen war es schwül und dunstig; am Himmel hatten sich dunkle Wolken zusammengezogen und die ersten, großen Tropfen schlugen klatschend an das kleine Fenster. In dem Zimmerchen war es still, heimlich still. Nur vom Gange herüber tönten bisweilen hastige Schritte, und der Regen und der Wind sangen und klopften zusammen ihre alte, monotone Melodie.

Jugend und Müdigkeit wollten ihr Recht, Einer nach dem Andern schlief ein, es ward ruhig in dem Gemach und nur die ruhigen Athemzüge störten die tiefe Stille.

So mochten wir über eine Stunde ruhig geschlafen haben, als ich plötzlich erwachte, weil es mir war, als wäre Jemand in’s Zimmer getreten und stände vor uns und sähe uns an. Schlaftrunken richtete ich mich etwas in die Höhe und rieb mir die Augen. Denn ich glaubte, ich schlafe noch und was ich sähe, wäre nur ein Traum.

Vor uns in der stillen Kammer standen zwei junge, hübsche Mädchen, stille, freundliche Gesichter mit klaren, guten Augen. Und die blauen Augen lagen mit so einem lieben Ausdruck voll Mitleid und Erbarmen auf uns, daß ich mich kaum getraute, in ihren Glanz zu schauen. Und hinter den beiden Mädchen, halb noch in der Thür, standen zwei ältliche Herren, die ich auch ohne die feierliche, weiße Binde um ihren Hals sogleich für Pastoren erkannt haben würde. Auch ihre Augen ruhten voll Freundlichkeit und Theilnahme bald auf uns, bald auf den beiden Mädchen vor ihnen.

Mir ward immer seltsamer. War es denn nur ein Traum? Was hatte das zu bedeuten? Was wollten die alten Herren, die jungen Mädchen? Waren sie vielleicht Engel, die uns zu besuchen kamen? Doch nein! Trugen denn die Engel weite, bauschige Kleider und moderne Hütchen? Oder trugen sie gar schwarze Hüte und weiße, feierliche Binden?

Leise stieß ich meine schlafenden Cameraden an. Auch diese richteten sich auf, suchten sich zu ermuntern und schauten ganz curios und verwundert auf die seltsame Gruppe.

Da endlich brach eines der jungen Mädchen das Schweigen. „Ach, lieber Vater,“ sagte sie, und ihre Stimme klang weich und mild und der Ton zitterte ein wenig, wie von Bewegung, „ach, Vater, sieh nur die armen Verwundeten! Bitte, bitte, wir wollen ihnen Etwas geben, den armen Leuten!“ –

Hatten wir vorher verwundert dreingeschaut, so wußten wir jetzt erst recht nicht, was wir thun sollten. Den armen Mädchen ihre Illusion nehmen? Uns als flotten Bruder Studio entpuppen? Nimmermehr! Denn Alles wäre lächerlich geworden, und das wollten wir nicht, um der Mädchen willen, denen es so ernst zu Muthe war. Das Beste also war, zu schweigen.

Der alte Herr, an den die Bitte gerichtet war, sah sein Kind und dann uns an, die wir freilich etwas kriegerisch und verwildert in dem halbdunklen Zimmer ausgesehen haben mögen. Dann zog er einen nichtigen Geldbeutel aus der Tasche und reichte seiner Tochter einige Geldstücke.

Diese trat an uns heran, neigte sich zu uns herab, und mit einem Blick, so voll Güte und Mitleid, daß es uns ganz seltsam um’s Herz ward und wir uns beinahe selbst für Verwundete hielten, drückte sie Jedem von uns eine Silbermünze in die Hand.

Uns ward immer ängstlicher – jede Minute drohte der Augenblick zu kommen, wo wir uns zu erkennen geben mußten. Doch es ging vorüber. Der alte Herr sagte: „Kommt, Kinder, die armen Leute bedürfen der Ruhe!“ Dann ging er mit seinem Begleiter. Die jungen Mädchen folgten ihm; aber an der Thür wendeten sie sich noch einmal und warfen noch einen engelsguten, lieben Blick auf uns zurück, – auf die armen Verwundeten.

Aber kaum hörten wir ihre Schritte nicht mehr, als wir aufsprangen, in ein homerisches Gelächter ausbrachen, unsere erhaltene Gabe – ein blankes Zweigroschenstück – anblickten und vor Freude in dem Kämmerchen herumtanzten. Himmel, hätten die guten Leute jetzt die armen Verwundeten gesehen, was würden sie für Augen gemacht haben!

Während wir noch so tobten, kam der Wirth herein und konnte uns vor Lachen kaum erzählen, daß die Leute, Pfarrer aus der Umgegend mit ihren Töchtern, zu den Verwundeten gewollt hatten. Er hätte gerade viel zu thun gehabt und sie deshalb herauf gewiesen, mit dem Bemerken, daß oben überall Verwundete lägen. Nun seien sie gerade in unsere Kammer gerathen. Als sie wieder herausgekommen wären, habe er auf dem Gange gestanden und gleich das Mißverständniß geahnt. Denn die mitleidigen Leute hätten, nach unserer Kammer zeigend, bewegt gefragt, ob wir schwer verwundet seien, worauf er kaum ohne Lachen habe erwidern können, daß wir nur ganz leicht verwundet wären.

Mit unserem Schlafen war es natürlich vorbei. Wir zogen uns an und eilten unseren Wohlthätern nach. Doch, wie sehr wir auch suchten, wie gern wie sie wiedergefunden hätten, um das Mißverständniß zu lösen – alles Suchen war umsonst, und in ihren Augen sind wir noch heute leicht Verwundete. Sollten jedoch die braven Pfarrherren und ihre hübschen Töchter dieses Blatt zu sehen bekommen – denn die Gartenlaube findet ja ihren Weg allüberallhin im deutschen Vaterland – und es übel aufnehmen, daß wir sie nicht aufgeklärt und ich auch noch die Geschichte erzählt habe, so will ich ihnen die Hand hinhalten und will sagen: „Nichts für ungut, Ehrwürden und meine Dame! Es war freilich nicht recht, daß wir Ihnen nicht gleich damals sagten, daß wir nicht verwundet, sondern kerngesunde Jenenser Studenten waren, und daß wir uns auf diese Weise ein paar so liebe, schöne Blicke und auch noch baares Geld erschlichen haben. Aber wir bereuen es sehr! Und für den schönen Blick voll Güte und Liebe, den Sie an uns verschwendet haben und der uns gar nicht gehörte, sagen wir besten Dank. Ihre klingende Gabe aber haben wir bei Leibe nicht für uns behalten, und die ersten Verwundeten, denen wir begegneten, sind wahrlich nicht schlecht dabei weggekommen!“

So endete der Tag. Und als wir am Abend durch das stille, weite Land fuhren, über dem es langsam dunkelte, zog licht und klar der Mond am Himmel herauf und goß sein mildes Licht über die Erde und ihr Leid. Als wir aber an das düstere Festungsthor zu Erfurt kamen und Einlaß begehrten, da rief Einer von uns dem Wache habenden Soldaten auf die Frage, wer wir seien, zu? „Verwundete von Langensalza.“ Der Posten trat ehrfurchtsvoll zurück und salutirte. „Passirt,“ sagte er gravitätisch, und lachend rollten wir ein in die dunkelnde Stadt, die Verwundeten von Langensalza.