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Mit Victor Emanuel auf der Steinbockjagd

Textdaten
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Titel: Mit Victor Emanuel auf der Steinbockjagd
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 670–672
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Mit Victor Emanuel auf der Steinbockjagd.[1]


Der Eindruck, den bei meinem letzten Besuch am königlich italienischen Hofe der ritterliche Monarch auf mich machte, welchen ich seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen, war ein überaus sympathischer. Man stelle sich keinen vom Ceremoniell der Höfe angekränkelten Cavalier unter ihm vor, sondern einen echten Ritter, wie einen mittelalterlichen Haudegen, der den Italienern offenbar durch den Contrast mit ihrem abgerundeten, vorsichtigen, zierlichen Wesen zu gefallen scheint. Er ist, obwohl nur mittelgroß, eine durch seine Körperfülle und untersetzte Statur imposante Gestalt, voll Saft und Kraft, mit blitzenden Augen und schlachtgewohnter Haltung.

Mit ausgestreckten Händen kam er mir entgegen, hieß mich herzlich willkommen und fragte gleich nach Verwandten meines Hauses, die auch ihm bekannt waren.

An demselben Abende noch speiste ich bei Hofe mit mehreren Ministern und Generalen. Der König, als echter Piemontese, knusperte an seinen Grissini (dünne Weinbrodstangen), alle sonstigen Speisen verschmähend. Da Damen sich doch für Häusliches interessiren, so will ich gleich verrathen, was man sich erzählt. Der König, auch in seiner Häuslichkeit Jagd- und Lagergewohnheiten liebend, speist in der Regel allein. Im Zimmer auf- und abgehend, verzehrt er ein Dutzend halbroher Coteletten aus der Faust und trinkt dazu eine Maß herben piemontesischen Rothweins. Wenn er zur Ehre von seltenen Gästen der Tafel beiwohnt, beschäftigt er sich außer der Conversation culinarisch nie anders als in der obenerwähnten Weise.

Der König entließ mich diesen Abend später als die übrigen Gäste und gab mir selbst die nöthigen Rathschläge für den am folgenden Tage anberaumten Aufbruch zur Jagd. Der sympathische Eindruck war also gegenseitig gewesen.

In Viergespannen von englischen Halbblutpferden – trotz seiner Körperlast sind Victor Emanuel’s Reitpferde meist nur Vollblutaraber, deren er herrliche Exemplare vom Sultan und vom Vicekönig von Aegypten zu erhalten pflegt – erreichten wir am folgenden Abend das Jagdschloß in den Grajischen Alpen, die einzige Gebirgsgegend, außer Spanien, wo noch der Steinbock vorkommt, der längst in den savoyischen, schweizerischen und Tiroler Alpen ausgestorben ist. Ohne Victor Emanuel’s Liebhaberei und Waidmannslust würden wohl auch diese edlen Thiere, welche noch in einer Anzahl von sechs- bis achthundert Stück gehegt werden, längst ausgerottet worden sein.

Ich hatte eine Art Treiben erwartet, wie ich sie bei den Gemsjagden des Herzogs Ernst von Coburg in Tirol oder im bairischen Hochlande als Gast des Königs Max mitgemacht; allein nichts von Dem!

Ich werde mich zwar stets der Jagden im Revier des Königs Max am Königssee mit Vergnügen erinnern. Wie geschmackvoll wechselte bei diesem Monarchen der geistige mit dem Naturgenuß! Tags zuvor saßen wir geladenen Gäste noch im berühmten Symposium des Königs, wo die ersten Gelehrten und Dichter den Abend geistig verherrlichten. Gerade war die historische Commission versammelt gewesen, durch deren Einsetzung König Max sich unsterbliche Verdienste um die vaterländische Geschichtsschreibung erworben hat. Da sah ich Ranke und Sybel, dann Liebig, Geibel, Paul Heyse, Kaulbach. Die Unterhaltung wogte um die höchsten Interessen der Menschheit, und König Max leitete sie mit seltenem Tact – ein Glas Rheinwein oder Punsch nicht verschmähend. Am andern Morgen brachen wir nach Berchtesgaden auf. In einer für den König errichteten Hütte im Gebirge ward die Nacht zugebracht, während welcher die Förster und Jäger damit beschäftigt waren, die Gemsen herbeizutreiben. Da wurden oft zwanzig bis dreißig Stück, nicht wenige von des Königs eigener Hand, erlegt. Die Schattenseite dieser Treibjagden aber ist, daß man stundenlang an derselben Stelle verweilen muß und vor Kälte oft schlottert, vor Langeweile oft gähnt, so daß man nicht selten den richtigen Moment verpaßt.

Nichts von alledem bei Victor Emanuel. Wir gingen auf die Pürsch – nur von einigen Adjutanten und Jägern in passender Entfernung von einander begleitet. Ich hatte dem Könige die zwei Zündnadelbüchsen zum Geschenk mitgebracht, die ich aus der königlichen Waffenfabrik erhalten – ein paar Prachtexemplare. Der König hat das Geschenk sehr gnädig aufgenommen und schien vor Ungeduld zu brennen, die Trefflichkeit und Tragweite eines Gewehres zu erproben, dessen Feuergeschwindigkeit über allem Zweifel erhaben steht.

Schon am frühen Morgen vertheilte der König, nach kurzer Rücksprache mit dem Oberförster, die Rollen. Einige Träger wurden mit Lebensmitteln an einen bestimmten Ort im Gebirge vorausgeschickt, wo wir uns nach vollbrachter Jagd treffen sollten. Die Adjutanten schlugen mit einigen Jägern Wege links und rechts ein, während der König, von mir und einem einzigen Büchsenspanner begleitet, einen mittleren Pfad in die Alp hinauf stieg. Victor Emanuel mit einem kurzen schwarzen Sammetwamms bekleidet, ich der oberbairischen Juppe treu, Beide mit der Büchse auf dem Rücken und einem langen Bergstock in der Hand, die Stellhunde uns vorauseilend, so stiegen wir den Felsenpfad hinan, während die Sonne allmählich hinter den Walliser Schneespitzen emporstieg und die Berghörner rings um uns vergoldete. So mühsam der Marsch auch war, so frisch stieg der König trotz seiner Körperfülle voraus. Bald lagen die letzten Wälder hinter uns, die höchsten Alpenweiden wurden durchschritten und ein beschwerliches Klettern begann zwischen Moränen, Schneefeldern, Felsenklippen und herabhängenden Gletscherzungen. Von Zeit zu Zeit, wenn wir momentan still standen, um zu verschnaufen, musterte der König durch einen kleinen Feldstecher die Höhen. Der grelle Pfiff der Murmelthiere ließ sich vernehmen, hier und da sahen wir auch in kurzer [672] Entfernung einen jener drolligen Thiere vor seiner Höhle Männchen machen, vor den heraneilenden Hunden aber wieder verschwinden. Wir verschmähten natürlich dies niedere Wild, um nicht durch unzeitige Schüsse unsere Jagd zu verderben.

Wir zogen eine Halde hinan, die hier und da von Rinnen durchzogen war, in welchen Schneewehen dichte Spuren hinterlassen hatten. Auf einer derselben fanden wir Trittspuren und Losung, welche der Jäger sofort für die frische Fährte einer kürzlich darüber geeilten Steinbockkuppel erklärte. Wir setzten am Rande des Schnees die Stellhunde darauf, welche sofort im raschen Gange uns aufwärts führten. Wieder waren wir eine Stunde gestiegen.

Da plötzlich winkte mich der König zu sich heran und reichte mir das Fernrohr, auf einige dunkle Punkte deutend, welche sich auf einer Felsspitze zwischen einer Moräne und einem Gletschervorsprung zeigten. Ein Blick durch das Glas entdeckte mir das erste Hochwild. Es waren drei Steinböcke, welche auf einer grünen Oase der Felsenzinne weideten. Trotz der großen Entfernung konnte ich doch bemerken, wie der vorderste den Schmuck der meterlangen, handbreiten Hörner herumwarf und die Umgegend mißtrauisch zu mustern schien. Die Thiere mochten das durch unser Klettern verursachte Geräusch rollender Steine vernommen haben. Doch hatten sie uns offenbar noch nicht bemerkt. Es galt ihnen jetzt den Wind abzugewinnen. Der König befahl dem uns begleitenden Jäger in einem Bogen die Böcke zu umschleichen und durch Geräusch sie uns entgegenzutreiben, die wir auf der anderen Seite allmählich, uns möglichst hinter Felsen versteckend, oft auf allen Vieren kriechend, zu ihnen vorsichtig emporklommen. Der Jäger hatte die überaus schwierige Aufgabe, in einer Felsenrunse, einem sogenannten Kamin, emporzuklettern. Nach einer halben Stunde, die wir in unseren wechselnden Verstecken mit großer Ungeduld zubrachten, in steter Furcht, daß ein unvorsichtig gelöster und herabrollender Stein unser Nahen verrathen, die Thiere warnen und unsere Jagd vereiteln möchte, sahen wir den Jäger von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe am Rande der Runse hervortauchen, mehr und mehr dem Flecke sich nähernd, wo die Steinböcke grasten. Endlich waren wir nahe genug an der Felsenwand, um uns einen Standpunkt wählen zu können. Die Stelle zeigte sich uns günstiger, als wir anfangs geglaubt; denn der Felsenvorsprung, auf welchem die Thiere standen und an dessen nördlichem Absturz der Jäger hinaufklomm, während wir uns von der Ostseite näherten, war, wie sich bei unserer Annäherung zeigte, durch eine zwanzig Fuß breite Kluft nach Süden und Westen vom Gletscher getrennt, während nur die nördliche Seite mit der Moräne zusammenhing. Des Königs von der Anstrengung und der Bergluft geröthetes Gesicht strahlte förmlich, als er diese Sachlage wahrnahm.

„Machen Sie sich schußfertig!“ flüsterte er mir zu. „Die Entfernung ist zwar ansehnlich, aber für die Kugel zu erreichen. Wahren Sie Ihre deutsche Schützenehre!“

Noch eine kurze vorsichtige Kletterei; dann stieß der König durch ein kleines Instrument, ähnlich unseren Rehbocklockpfeifen, einen eigenthümlichen Ton aus. Ein paar Secunden darauf sah ich die Köpfe der Steinböcke oben am Rande der Klippe sich vorstrecken, in demselben Momente tönte von der anderen Seite ein Schrei, und in jähem, gewaltigem Satze flog das vorderste der Thiere über die Schlucht, in der Richtung nach dem Gletscher. Der König war wie der Blitz der Bewegung mit der Büchse gefolgt, ein Knall donnerte durch die Berge und der Steinbock kollerte, als er den Boden erreichte, die Schlucht herab. Mein darauffolgender Schuß traf den zweiten Bock, der dem ersten auf dem Fuße gefolgt war. Derselbe raffte sich aber wieder auf und machte Miene den Gletscherrand zu erklimmen, den der dritte Steinbock in ungeheurem Satze wirklich erreicht hatte. Bereits aber sandten ihnen unsere Hinterlader die tödtlichen Schüsse nach. Die beiden letzten Thiere waren so dicht aneinander und rafften sich so oft nach dem Zusammensturze wieder auf, daß erst mehrere Kugeln ihrem Leben ein Ende machten.

Von der Freude über das Jagdglück und die seltenen Thiere wie berauscht, sprang ich in wilden Sätzen die Schlucht hinauf zum ersten Steinbock, mehrmals ausgleitend und die Hände blutig ritzend, während der König langsamer folgte. Als nun auch der Jäger, von den Schüssen angelockt, wieder herabgeklettert war und die verendeten Thiere mit Lebensgefahr herabgebracht hatte, wollte der König, großmüthig wie immer, mir die Ehre des Tages zuschreiben, das heißt, da er nicht leugnen konnte, den ersten glücklichen Schuß gethan zu haben, mir die Erlegung der anderen zwei Steinböcke beimessen, obgleich er selbst mehrere Schüsse darauf abgefeuert. Da ich dies nicht gelten ließ, so wurde zur Untersuchung der Schußwunden geschritten. Allein des Monarchen Großmuth war nicht zu besiegen.

Mir wurden also zwei Steinböcke zugesprochen, welche der König selbst ausstopfen lassen und mir verehren will. Prächtige Thiere, diese Steinböcke! Sie sind kleiner als die Gemsen, aber trotz der gewaltigen Hörner, welche in etwas nach auswärts schiefem Bogen vom Scheitel nach dem Rücken geworfen sind, noch schnellkräftiger als jene. Ihr Fell ist nicht, wie das der Gemsen, braun, sondern grau und zottiger.

Nachdem der König befohlen, die Thiere auszuweiden, sandte er den Jäger um Träger zur Bergung der Jagdbeute. Er selbst führte mich bergab, dem Stelldichein zu. Wie den genußreichen Rückweg schildern? Durch schneebedeckte Runsen, im Sonnenglanze strahlende Alpen, die wieder abwechselten mit Fichten- und Tannenwäldern, ging es fort unter ernsten und heiteren Gesprächen. Manchmal mußten wir eine Schlucht passiren, durch die wir uns die Hand reichen mußten, und wo nur noch ein Fleckchen blauen Himmels sichtbar war. Einmal wehte uns der eisige Hauch der Gletscher, einmal die warmen Lüfte des Südens an. Während ich allmählich große Müdigkeit und Erschöpfung spürte, schritt der königliche Jäger immer kühn und unermüdet voran. Ich war froh, als wir endlich, von der sinkenden Sonne beleuchtet, in einer Lichtung von der versammelten Jagdgesellschaft mit fröhlichem Jubelruf begrüßt wurden.

Um ein riesiges Feuer, das ein Kreis von trockenem Moos, mit Decken belegt, umgab, saßen die Gäste Victor Emanuel’s, lauter fröhliche Gestalten, welche bei seinem Anblicke auf die Füße sprangen. Nun wurden die herbeigeschafften Speisen und Weine ausgepackt und Alle lagerten sich wieder um das Feuer.

„So wie ich Sie kenne, lieber W.,“ hub der König an, „werden Sie die Nase nicht rümpfen, wenn wir Sie als guten Schützen senza complimenti behandeln, Hier angefaßt! Gleiche Schützen, gleiche Theile!“

Mit diesen Worten hatte der Monarch einen Kapaun aus dem Korbe mit der Faust an einem Beine ergriffen, und hielt ihn mir zum Halbpart hin. Ich mußte das andere Bein ergreifen und nun riß der König das Geflügel lachend entzwei mit den Worten: „Nun einen tüchtigen Tummler unsers Rothweins, das schmeckt besser, als alle Eure dîners parés!“

Das meine Jagd mit Victor Emanuel. Man kann sich der ritterlichen Waidmanns-Rüstigkeit des Königs auch für sein Volk nur freuen, denn noch allemal war ein solch gekrönter Nimrod auch auf dem Thron mehr werth, als der weichliche Stubenhocker im Purpur.

  1. Wir verdanken diese Skizzen den Mittheilungen eines Cavaliers, der längere Zeit am Hofe des Königs von Italien verweilte und dort öfters den königlichen Jagden beiwohnte. Der Artikel liegt schon lange in unserem Redactionspulte, dürfte aber nach dem Besuche des Königs in Wien und Berlin jetzt doppeltes Interesse erregen.
    D. Red.