Franz Joseph Werfer
Versuch einer medizinischen Topographie der Stadt Gmünd
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der Abnahme gieng nach sechs bis acht Tagen in die meistens langdauernde Reconvalescenz über; aber nicht selten, besonders wenn wegen Heftigkeit der Krankheit oder auch vernachläßigter oder zweckwidriger Behandlung derselben keine regelmäßige und vollkommne Entscheidung folgte, und gerne auch nach Rezidiven, war die Periode der Putrescenz unvermeidlich und nicht mehr abzuhalten. Hier befaßte schnell die allgemeinste Schwäche sämmtliche Organe, die kurz zuvor noch um ihre individuelle Existenz lebhaft in einander wirkten; Stuhl- und Urinausleerungen folgten bald unwillkührlich mit einem aashaft verbreitenden Gestank; es entstanden Blutflüsse mancherley Art, und eigends faul stinkender Schweiß; eine schwarzbraune trockne Zunge, Meteorismus, stilles Delirium charakterisirten dieses Stadium, wo man nur mehr auf Erhaltung und Erhöhung der Kräften, und zeitliche Beseitigung der Lebensgefährlichen Zufälle mit allem Fleiß und aller Sorgfalt hinzuarbeiten hatte; die wenigsten überlebten dieses Stadium. Die Reconvalescenz nach dieser Periode war langdauernd, und äusserst langsam kehrten bey bester Pflege und Nahrung die Kräften zurück, und gewöhnlich stellte sich in derselben, so wie auch gerne im obigen Stadium der Abnahme ein quälender Husten mit dicklichten Schleimauswurf ein, der dem Genesenden oft lange bey Tag und bey Nacht wenig Ruhe gönnte, und die Erhohlung desselben äußerst verzögerte.

Die Heilanzeige erforderte gewöhnlich gleich Anfangs des gastrichen Charakters der Krankheit in ihrer ersten Periode wegen ein Vomitiv, um ein mehrmaliges Erbrechen einer meistens bittern, grünlichgelben

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Flüßigkeit zu bewirken, wodurch zugleich auch gerne ein wohlthätiger Schweiß erregt wurde; und gewöhnlich wählte man hiezu die Ipecacuanh., weil der Brechweinstein hier gerne nach unten wirkte, und eine Diarrhoe, welche ohne das häufig von selbst entstand, sehr gefürchtet war. Selten erforderte eine zu große entzündliche Spannung Vorbereitungsmittel. Nach diesem leistete ein saturirtes Decoct. aus der Rd. Terax. mit reichlichem Zusatz der Rd. Caryophill. und Valer. s. liq. a. m. hfm., und als Getränk gewöhnlich mit Sp. Vitriol versetztes Wasser – denn der Wein wurde nicht leicht ertragen – die erwünschte Wirkung, und nicht selten ward auf solche Weise die Krankheit, wenn sie gleich erkannt wurde, mit dem ersten Stadium geschlossen; öfter aber war der Erfolg nicht so günstig und erwünscht, und noch öfter wurde die Krankheit besonders unter gemeinen Leuten, und meistens auf dem Lande anfangs vernachläßiget, und der Uebergang in das zweite Stadium war unvermeidlich, wo das Nervenfieber in seiner reinen Gestalt hervortrat, und alles Synochische und Gastrische verschwand, und wo man wenigst auf das letztere, wenn es anfangs übersehen oder vernachläßiget wurde, nicht mehr besondere Rücksicht nehmen konnte, sondern einzig den jetzigen Charakter der Krankheit im Auge haben mußte. Hier war dringende Anzeige zum anhaltenden Gebrauch stark reizender und mehr volatischer Arzneymittel: Rd. Serpent. v. Arnic. Valer. s. Aether vitriol in den geeigneten Formen, abwechselnd mit Camph. auch Mosch. nach Erforderniß der Umstände mußten ohne Unterlaß und gewöhnlich am besten in gleichmäßiger Gabe ohne starkes