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Titel: Max Ring
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 527–528
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Max Ring.

Am 4. August begeht Max Ring in voller Rüstigkeit seinen achtzigsten Geburtstag.

Er ist der Nestor unter den noch am Leben befindlichen Schriftstellern, die Ernst Keil, der Gründer der „Gartenlaube“, in der Jugendzeit derselben um sich zu vereinen wußte, um ihm bei der Ausgestaltung seiner Ideale zu helfen. Vor allem in den kritischen sechziger Jahren, als Ernst Keil mit patriotischem Eifer bestrebt war, an der geistigen Ueberbrückung der neuaufklaffenden „Mainlinie“ trotz der Ungunst der Zeiten weiterzubauen, Norddeutsche und Süddeutsche in gegenseitiger Würdigung einander zu nähern, hat die „Gartenlaube“ der Feder Max Rings eine Fülle von Beiträgen zu danken gehabt, die in diesem Sinne gewirkt haben. Durch seine mannigfachen lebensvollen Schilderungen aus der Vergangenheit und Gegenwart Berlins hat er damals nicht wenig dazu beigetragen, die vielfach bestehenden Vorurteile gegen die preußische Hauptstadt

Die Gartenlaube (1897) b 527.jpg

Max Ring.

zu zerstreuen und im weiten Umkreis der Nation jene Sympathien zu nähren, mit denen Berlins Emporsteigen zur Reichshauptstadt später begleitet wurde. In den großen Geschichtswerken, welche Rings litterarische Laufbahn im vorigen Jahrzehnt äußerlich zum Abschluß brachte – „Die deutsche Kaiserstadt Berlin“ und „Das Buch der Hohenzollern“ – hat diese Seite seiner litterarischen Wirksamkeit einen zusammenfassenden, sein Lebenswerk krönenden Abschluß gefunden.

Nicht im Getriebe des großstädtischen Lebens, dem sein litterarisches Schaffen vornehmlich zugewendet war, hat jedoch Rings Wiege gestanden. Als Sohn eines Landwirts kam er in dem schlesischen Flecken Zauditz bei Ratibor zur Welt. Für den Besuch der Universität wurde er dort durch Privatlehrer, dann auf den Gymnasien von Ratibor und Oppeln vorbereitet. Trotz der frühen Regungen seines poetischen Talents entschloß er sich für das Studium der Medizin, dem er von 1836 ab zwei Jahre in Breslau, dann in Berlin oblag. Er ergriff dasselbe mit Eifer, fand daneben aber auch Muße, Philosophie zu treiben, im besonderen die humanistische Ethik Spinozas mit Begeisterung in sich aufzunehmen und sein Talent, zunächst als Lyriker, zu pflegen. Im Wetteifer mit seinem engeren Landsmann und Freunde, dem später zum berühmten Kliniker gewordenen Ludwig Traube, brachte er seine Studien mit dem Vorsatz zum Abschluß, seiner Wissenschaft nicht nur als Arzt, sondern auch als akademischer Lehrer zu dienen. Der plötzliche Tod seines Vaters und die daraus für ihn sich ergebende Notwendigkeit, auf eigenen Füßen zu stehen, durchkreuzten jedoch diesen Plan, und er sah sich genötigt, in der Heimat eine ärztliche Praxis zu suchen. Er fand solche in den oberschlesischen Städten Pleß und Gleiwitz, und obschon er sich hier nach der anregenden Berliner Zeit mit seinen schöngeistigen Neigungen sehr vereinsamt fühlte, wurde die ärztliche Thätigkeit, die er im Bezirke jener industriereichen Gegenden entfaltete, doch von bestimmendem Einfluß auf sein Einlenken in die litterarische Laufbahn, auf die Ausbildung seines litterarischen Charakters.

Mit dem scharfen und doch liebevollen Blick, der sein Auge am Bette der Kranken beseelte, sah er auch in das entsetzliche physische und geistige Elend der armen oberschlesischen Bevölkerung, lernte er die sozialen Zustände und Mißstände erkennen, welche durch den Ausbruch der furchtbaren Hungertyphusepidemie des Jahres 1847 eine so grelle Beleuchtung erfuhren. In einem seiner besten Romane, „Ein verlorenes Geschlecht“, hat er später die Erfahrungen, die er damals als Arzt in den Hütten der Armut gesammelt, poetisch dargestellt. Unter dem unmittelbaren Eindruck derselben aber fühlte er sich beim Ausbruch der politischen Erhebung im Jahre 1848 hingerissen, an dem Kampf für die Herbeiführung besserer Zustände öffentlich Anteil zu nehmen. Er ging nach Breslau und ward in diesem Sinne Mitarbeiter an verschiedenen Zeitungen. Nach dem Zusammenbruch der im Anfang so siegreichen Bewegung schrieb er seinen ersten Roman „Berlin und Breslau“, in welchem er ziemlich unmittelbar zur Darstellung brachte, was er soeben an Hoffnungen und Enttäuschungen erlebt. Ohne die ärztliche Praxis zunächst ganz aufzugeben, die ihm vielmehr noch manche poetische Ausbeute, wie die ergreifenden Erzählungen „Aus dem Tagebuche eines Berliner Arztes“, gewährt hat, wählte er dann Berlin zum dauernden Aufenthalt und nahm hier von jetzt ab am litterarischen Leben ununterbrochen thätigsten Anteil.

Sein liebenswürdiges Naturell erleichterte ihm den persönlichen Anschluß an zwei der damals gefeiertsten Dichter, in deren Wesen und Werken er vieles fand, das mit den eigenen Antrieben zusammenklang. Mit Berthold Auerbach, dessen „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ damals in der vollen Frische einer neuen Erscheinung wirkten und dessen Begeisterung für Spinoza er teilte, trat er in Wettstreit, indem er dessen Dorfgeschichten seine „Stadtgeschichten“ gegenüberstellte. In diesen war er, wie schon Heinrich Kurz in seiner Litteraturgeschichte hervorhob, mit Erfolg bestrebt, das Stadtleben in seinem Einfluß auf die Bewohner zu schildern. Sein eigentliches Vorbild in dieser Kunst selbst war aber Karl Gutzkow, der damals im Zenith seiner Laufbahn stand. Hatte er doch soeben in den „Rittern vom Geist“ einen Zeitroman erscheinen lassen, der sowohl in dieser einen Beziehung wie als Spiegelbild der idealen Bestrebungen jener ganzen Epoche selbst Epoche machte. Als Erzähler, wie auch als Dramatiker, gehört Max Ring in das erste Glied derer, auf welche das Beispiel Gutzkows mustergebend und zugleich zur Selbständigkeit anspornend gewirkt hat. Denn nicht nur Rings größere Zeitromane, wie „Götter und Götzen“, „Unfehlbar“, „Der große Krach“, tragen dies Gepräge. Auch da, wo er ’historische’ Stoffe gestaltete, in den Novellen „Leyer und Schwert“, „Sand“, „Börnes Jugendliebe“, den Romanen „Der Große Kurfürst und der Schöppenmeister“, „John Milton und seine Zeit“, „Rosenkreuzer und Illuminaten“, dem Drama „Die Genfer“ u a., bethätigte er das vom „Jungen Deutschland in die Litteratur eingeführte Prinzip, durch poetische Darstellung erhebender und abschreckender Beispiele aus der Vergangenheit den Idealismus der Gegenwart zu beleben, die Geschichte in befruchtenden Bezug zu setzen zu den Fortschrittsfragen der Gegenwart.

Wie in den ebengenannten Novellen, mit denen Max Ring seine Thätigkeit in der „Gartenlaube“ eröffnete, so hat er auch dieses Ziel in vielen der kleineren Lebensbilder und Charakterskizzen verfolgt, welche den älteren Jahrgängen des Blattes durch Jahrzehnte zum Schmuck gereicht haben. In diesen kurzen Schilderungen von führenden Geistern und Errungenschaften des Fortschritts verbanden sich aufs glücklichste die Schärfe der Charakteristik, die Wärme der Schilderung mit jener aufklärenden, auf Volksbildung im edelsten Sinne ausgehenden Tendenz. In der Kunst, den belehrenden Vortrag durch den Reiz des Anekdotischen zu würzen, den Bericht des Geschehenen anschaulich zu [528] gestalten, bewährte er sich als Meister. Dem Wert, den Ernst Keil auf seine Beiträge legte, dem Eifer, mit dem er ihn zu immer neuen anregte, entsprach die günstige Aufnahme, die sie im Publikum fanden, und die Beziehungen zwischen Redakteur und Autor wurden immer inniger und vertrauter. Ja, als im Jahre 1862 die „Gartenlaube“ in Preußen verboten wurde und Keil als Ersatz für sie in Berlin den „Volksgarten“ gründete, da war es Max Ring, dem er die Redaktion des letzteren übertrug und der sich des in ihn gesetzten Vertrauens auch in jeder Beziehung würdig erwies.

Seit seiner Uebersiedlung nach Berlin im Jahre 1850 ist Ring dort wohnen geblieben. Er wurde in dieser Zeit zu einem der besten Kenner der Reichshauptstadt, von Alt- und Neu-Berlin, und hat dies auch in rein historischer Weise bethätigt. Trotz eines Lebens, von dem das Wort des Psalmisten gilt, daß es köstlich gewesen ist, weil es voll Mühe und Arbeit gewesen, erfreut er sich noch heute einer seltenen Frische und Rüstigkeit, die freilich auch von einem glücklichen Familienleben umhegt sind. Möge ihm auch weiter die Bürde des Alters leicht sein und er in den Glückwünschen der vielen, die heute mit uns seines segensreichen Wirkens gedenken, den Lohn finden für all die Anregungen zum Guten und Tüchtigen, die er in seinem reichen Leben mit nimmermüdem Geist ausgestreut hat!