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Autor: Ernst Garleb
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Titel: Max Haushofer
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 584–587
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[584]
Max Haushofer.
Von Ernst Garleb.

Tief im Herzen jedes Nordgermanen schlummert eine eigenartige Sehnsucht nach dem deutschen Süden. Deshalb ist auch gar manchem norddeutschen Leser der in den bayrischen Voralpen eingebettete Chiemsee nicht nur dem Namen nach bekannt.

Aber nicht jeder, der im brausenden Eilzug von dem bayrischen Isar-Athen, vorüber am Südrand dieses „Bayrischen Meeres“, gen Salzburg gereist, wird wissen, welch’ reicher Schatz an Poesie und Naturschönheit in diesem stillen Erdenwinkel

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Max Haushofer.
Nach einer Aufnahme des Ateliers Elvira in München.

ruht, welch’ anmutigen Bund hier auch Kunst und Geschichte miteinander geschlossen haben. Dort im Westen grüßt uns auf der Herreninsel des unglücklichen Bayernkönigs märchenhaftes Zauberschloß, weiter östlich lugt auf der Fraueninsel hinter Linden empor das von dem sagenreichen Hauch eines Jahrtausends umwobene Nonnenkloster, dessen Gründer einst Kaiser Karl der Große gewesen sein soll – ein Bild stillen Friedens. Jene Fraueninsel war eines der ersten Gebiete welche in den dreißiger und vierziger Jahren von den Münchner Landschaftsmalern allmählich im Gebirge entdeckt wurden. In dem bescheidenen aber gemütlichen Dumbferschen Wirtshaus fand sich allsommerlich ein Kreis von Wiener und Münchner Malern zusammen, unter den letzteren der Landschafter Haushofer, welcher sogar eine der anmutigen Haustöchter als Gattin heimführte. Dieser Ehe entstammten zwei Söhne; der im Januar 1895 leider bereits verstorbene Münchner Professor der Mineralogie Karl Haushofer und der 1840 geborene, jetzige Münchner Professor der Nationalökonomie und Statistik Max Haushofer, der als Dichter wie als Schilderer der Schönheiten seiner Heimat den Lesern der „Gartenlaube“ längst eine vertraute Gestalt ist. Das Maleratelier des Vaters übte einen nicht minder großen Einfluß auf den künstlerisch hochbegabten Knaben aus als die Ferienzeiten draußen auf der geliebten Fraueninsel, wo der junge Felix Dahn als Spiel- und Abenteuergenosse alles mitmachte, was die beiden Haushofer zu Wasser und zu Lande trieben. Den heranwachsenden Jünglingen aber weckte bald der stille Zauber dieser Chiemgau-Landschaft den Trieb zum künstlerischen Schauen, welcher für Max Haushofers Werke allezeit bestimmend blieb, obgleich er selbst sich zunächst nicht der Kunst, sondern der Wissenschaft zuwandte.

Nach vollendeten Studien habilitierte er sich 1867 als Privatdocent der Rechts- und Staatswissenschaft und erhielt ein Jahr später an der damals gerade gegründeten Technischen Hochschule Münchens die Professur der Nationalökonomie. Nun hieß es also, die bisher im stillen gepflegte Poesie einstweilen zur Seite stellen, um mit voller Kraft in die Leistungen einzutreten, welche Hochschule und Wissenschaft von ihren Vertretern fordern. Eine Anzahl streng nationalökonomischer Werke über Eisenbahnen, Weltverkehr, Handelsgeschichte, Industrie, Kredit- und Erwerbsverhältnisse u.a.m. stellte Max Haushofers Namen bald in die erste Reihe der Fachgelehrten. Was sie aber vor anderen auszeichnet, das ist die lebendige Anschaulichkeit, der große freie Blick, der nirgends über den praktischen Tagesfragen die ethischen Bedürfnisse der Gesellschaft vergißt, und eine künstlerische Gestaltungskraft, welche auch den scheinbar trockenen Stoff anziehend zu machen versteht. Ganz besonders aber leuchten diese Fähigkeiten aus den populären Vorträgen, welche Haushofer, der geborene Redner, seit Jahrzehnten gelegentlich vor dem großen Publikum hält. An solchen Abenden ist der Chemische, ehemals Liebig’sche Hörsaal, das ständige Lokal wissenschaftlicher Vortragsreihen, gedrängt voll, denn jeder weiß, daß ihm eine Stunde des reinsten Genusses bevorsteht, sobald Haushofer an das Pult tritt, um irgend ein Thema der modernen Gesellschaft und Kultur zu behandeln. Der Historiker weist an der Hand der Jahrhunderte vieles als „menschlich“ nach, was heute von Beschränktheit und Geschäftsneid in schlimmem Sinn „modern“ genannt wird, er forscht aber [586] auch, ob der große Kulturfortschritt der Menschheit einen ebenso großen Glückszuwachs brachte, er zeigt die Bedeutung des „Einzelnen in der Masse“, der „Phantasie als sozialer Macht“ und entwickelt bei allen diesen Ausführungen so viel überraschende und fesselnde Gesichtspunkte, daß der Zuhörer die scheinbar bekannten Stoffe von ganz neuer Seite sieht. Jeder fühlt, daß hier ein Dichter mit dem Rüstzeug des Gelehrten arbeitet, einer, der das, was alle sehen können, mit besonderen Augen sieht und es deshalb als etwas ganz Neues darzustellen vermag. Ob Haushofer über „Luxus“, „Ehefragen“, „Reichtum und Glück“ spricht, ob er dem deutschen „Spießbürger“ und „Philister“ die verdiente Charakteristik angedeihen läßt, oder das „Dilettantentum“ im Gegensatz zur Kunstleistung auf seine Merkmale untersucht, ob er die Gefahren der Cliquenherrschaft erwägt, gewerbliche oder kaufmännische Interessen bespricht, oder in einem gedankenreichen Vortrag über „Frauenkonkurrenz und Heiratsfreguenz“ den Stand der gesamten Frauenfrage mit ebenso parteilosem als weitschauendem Blick behandelt, – immer hört man die Stimme des überlegenen Menschengeistes, des warmherzigen Philosophen und Patrioten. In all seinen Vorträgen offenbart sich bei aller Fülle realen Wissens, das er entfaltet, eine hohe ideale Gesinnung. Die nachstehenden Schlußsätze aus der auch gedruckt erschienenen Abhandlung „Die Arbeit im Lichte der Volkspoesie“ sind für diese Gesinnung bezeichnend. „In jedem Menschen muß, wenn er Freude am Leben behalten soll, ein Schatz von Idealen sein, der ihn tröstet und erhebt, wenn er arbeitsmüde Haupt und Hand sinken läßt. Diese Ideale sind aber nicht Austern und Champagner … Es kann dem Arbeiter nicht oft genug gesagt werden, daß unter allen Genüssen, deren sich der hochgebildete Mensch erfreut, ihm jene die liebsten sind, welche auch dem Armen erreichbar sind. Die Freude an der Natur, die Freude am Umgang mit gleichgesinnten Menschen, der Anteil am Geistesleben der Nation, das Bewußtsein redlicher Pflichterfüllung und die Liebe und Treue der Seinigen. Darin liegt die Poesie des Daseins. Und während der Arbeit entflieht sie nicht vom Menschen, sondern sie verstummt bloß und schaut ihm lächelnd über die Schulter, bis er wieder rasten darf. –

Es ist Rückerinnerung an die eigene erste Arbeitsepoche, die aus diesen Worten des gereiften Mannes spricht. Denn von eigentlich poetischen Leistungen, die einem 1867 erschienenen Bändchen teilweise sehr schöner Gedichte etwa hätten nachfolgen sollen, war weit über ein Jahrzehnt nach Haushofers Amtsantritt keine Rede. Erst 1886 erhielt die Welt durch das große Werk „Der ewige Jude“ den Beweis, daß die Poesie die unzertrennliche Begleiterin seines Lebensweges geblieben war.

Diese dramatische Trilogie, die Frucht langer Jahre, erregte sofort beim Erscheinen großes Aufsehen und sicherte ihrem Autor einen hervorragenden Platz in unserer Litteratur. Nach seinem eigenen Ausspruch enthält dies Werk seine besten Gedanken.

„Das Höchste ist’s, was ich darin erstrebe,
Was ich in langen Jahren still ersann,
Das Beste, was ich innerlich erlebe!
Dem Knaben träumte schon, was jetzt der Mann
An manchem Sonnentag und auch in Wettern
Zur Frucht ausreifen ließ auf diesen Blättern.“

Seine Auffassung vom Schicksal und vom Charakter Ahasvers ist wahrhaft genial:

„Ich sehe den Unsterblichkeitsgedanken
Verkörpert durch die Weltgeschichte schwanken
Als geisterhaften Greis, Erlösung suchend,
Mit glüh’ndem Blick sich und die Welt verfluchend.
Ein Götterschicksal ist’s, in Staub gekleidet,
Bewundert und beklagt, verwünscht, beneidet.“ –

Tief ergreifend ist diese magische Figur in den Mittelpunkt der Handlung gestellt, die ewige Todessehnsucht zwischen der Ueberfülle menschlichen Ringens und Wünschens, mit welchem ihn nur noch der Anteil am Schicksal ferner Urenkel zeitweise verknüpft.

In gewaltigem Zug beschwört der Dichter seine Gestalten herauf, von den altgermanischen und römischen Kriegern, den Waldgeistern und Zwergen an, durch die mittelalterliche Alchimistenklause und Kaiserpfalz führt er uns bis zur modernen Großstadt mit allen ihren sozialen Problemen. Der finstere müde Ahasverus durchschreitet die Jahrhunderte und sieht sich stets neu in das Spiel des Lebens verstrickt, oft auch steht er dem gleichfalls in wechselnder Gestalt auftretenden Thanatos (Tod) gegenüber, dem glühend Gehaßten, der ihn allein verschont und seinen flehentlichen Bitten höhnisch antwortet:

„So alt – und solch ein Kind! Nicht dich!
Du weißt, warum. Ich töte fort und fort.
Ich würge Kind und Greis von Ort zu Ort,
Doch einmal gönn’ ich allen Ruh.
Ich nehme alle bis auf Einen. Der,
Unseliger Wanderer, bist du!
Drum lebe, lebe, Ahasver! …“

Die wunderbar phantastischen Scenen, wo dieser bleiche Arzt Thanatos zu Nacht in der Kapelle den Toten predigt und jeder Absatz seiner gewaltigen Seelenverkündigung mit einem langhallenden geisterhaften „Amen“ beantwortet wird, gehören zum Großartigsten der an Schönheiten so reichen Dichtung.

Es liegt in der Natur des weltweiten Stoffes, daß hier kein Drama im gewöhnlichen Sinne entstehen konnte. Nicht das einzelne Menschenschicksal, sondern das Schicksal der Menschheit ist der Gegenstand dieser mit schöpfungsfreudiger Phantasie und großer dichterischer Kraft geschaffenen Bilder. Zum Schlusse bringt ein phantastisch theatralisches Maskenspiel auf einem großen Künstlerball den „letzten Menschen“ und sein Ende. Die „Phantasie öffnet den Blick auch darüber noch hinaus in die ewige Neuverjüngung alles Geschaffenen, und zum Schlusse webt sich das Schicksal der ganz modernen Menschen mit den uralten Zaubermächten noch zu einer geheimnisvoll ausklingenden Harmonie zusammen.

Ebenso wie der „Ewige Jude“ wurden die 1888 erschienenen „Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits“ von den berufensten deutschen Kritikern mit großem Beifall begrüßt. Dies Buch wendet sich, in das Gewand glänzendster Prosa gekleidet, den Nachtseiten des menschlichen Lebens zu.

Wie wahr sind vergängliche Thaten und – Sünden des Lebens in den „Verlassenschaften“ geschildert! „Die Ziffern der Verzweiflung“, die „Hypothek des Schwarzen“, die grausige, in Tirol spielende Geschichte „Verschollen“, „Ein Spaziergang unter Schatten“, namentlich aber die rührende Erzählung vom kleinen Dulder Paul, „Das Ungelebte“ betitelt, sind markerschütternd. Erfreulichere Bilder zeigen uns die von Romantik umwobene Erzählung „Kometenflug“ und „Bauernstube“, der Sehnsucht atmende „Brief an das Glück“ und die humorvolle Episode „Unter Mumien“.

1890 erschien das erzählende Gedicht „Die Verbannten“. Was Haushofer mit dem Titel dieses Buches gemeint, sagt er in der Vorrede. „Verbannt!“ Welche fühlende Seele hat nicht schon Stunden gehabt, in denen sie ein Heimweh verspürte nach einer großen, fernen Welt, nach einer Welt, gegenüber welcher irdische Ziele und Freuden nichts sind als flüchtiges Possenspiel? Wer in solchen Stunden nach den schweigenden Lichtern der Sternennacht oder nach dem sinkenden Golde der Abendsonne geschaut hat, in dem mag wohl ab und zu ein ahnendes Empfinden aufgedämmert sein, als sei er nur ein Wanderer, der seine Heimat nicht finden kann. Seit undenklich langen Zeiten ist er aus jener Heimat verbannt, um sich durch dunkle Schicksale seinen Weg zu suchen. Welcher Art werden diese Schicksale noch sein – wohin werden sie ihn führen? Einstweilen steht er auf irdischem Boden, auf dem Boden menschlicher Geschichten, auf dem Boden der Wirklichkeit. Bloße Sehnsucht ist kein Leben. Auch jener, der eine ahnende Erinnerung an längstdurchlebte Schicksale, an große lichtdurchflutete Räume und ereignisreiche Zeiten in sich trägt, muß sich in der Gegenwart zurecht finden. – Das ist der Grundgedanke meines Gedichts …

Der Inhalt, der in zwei Hauptteile zerfallenden Dichtung, ist kurz der folgende: Ein junger Arzt, Walter Brand, reist im August von München nach Lindau am Bodensee. In der Bahn lernt er eine überirdisch schöne, weitgereiste, äußerst geistvolle, das Alltagsleben verachtende junge Dame, Alrune, Freiin von Münchhausen, kennen. Auf dem Lindauer Bahnhof entschwindet sie plötzlich Brands Blicken. Der Arzt geht in ein Hotel. Im Halbschlummer erscheint ihm Alrune, die rasch Liebe in seinem Herzen geweckt hat, sie macht ihn mit ihrem Vater, dem – Teufel, bekannt. Am andern Tage unternimmt unser Held eine Bootfahrt auf dem Bodensee, durch einen Sturm wird er an ein einsames, prächtiges Schloß, Seerieden, verschlagen, das mit [587] seinen Insassinnen, der Siebenbürgener Prinzessin Ildeglante von Sternau und den ihr ergebenen sieben Genossinnen (Alrune, Brunhilde, Sirene, Viviane, Russalla, Herodias, Circe), den Ausgangspunkt der folgenden modern romantischen Nachtfahrten Brands bildet. Alrune, Brands Geliebte, gehört also auch in den geheimnisreichen Kreis dieser sieben Schloßdamen.

Zunächst fährt Brand, gastlich willkommen geheißen, mit Alrune unter den Bodensee wo alle, welche je in ihm ertranken und nun den ewigen Schlaf schlafen, plötzlich beim Scheine von Alrunes Zauberlampe erwachen aus ihren Gräbern, eingehüllt in graugrünen Seeschlamm, richten sie sich auf und folgen dem Zauber des Lichtes. Meisterhaft geradezu ist das grausige Kolorit und die poetische Kraft zu nennen, mit denen dies düster phantastische Stelldichein der Toten, die sich hierbei abspielenden grandiosen Anklagescenen des Richters, des Priesters usw. durchgeführt sind. Zum Schluß führt Alrunes Vater unsern Helden vorüber an geisterhaften Höhlen, wo Riesen an der Unheilschmiede der Menschheit Haß und Unglück bereiten!

Im folgenden läßt Brunhild auf ihren Fahrten gewaltige Geschichtsscenen, von der Völkerwanderung an bis Mars-la-Tour an ihrem jungen Begleiter vorüberziehen, Sirene macht in einer Nacht mit ihm eine Erdumseglung, Russalka führt ihn in die Slavenwelt. Schließlich muß Brand Seerieden verlassen, er begiebt sich nach Interlaken.

Bei seiner Jungfraubesteigung wird er mit dem Helden des zweiten Teils, Osmond Fernher, bekannt, der, vom Saturn verbannt, durch das ganze Weltall geeilt ist, um seine ebenfalls von seinem Heimatstern verbannte Geliebte zu suchen. Die ausführliche Erzählung der Erlebnisse Fernhers auf dieser Weltwanderung füllt die nächsten Gesänge. Auf einem paradiesisch schönen, aber verlassenen Sterne findet Fernher an einer Felswand folgende Inschrift.

„O Wanderer, der du einst in späten Tagen
Hier rasten wirst an diesem schwarzen Stein.
Laß dir von einem großen Glücke sagen,
Das heller war als aller Sonnen Schein!
Wir lebten hier durch ungezählte Jahre
In reiner, heiterer Gottähnlichkeit,
Doch dieses Glück, das große, götterklare,
War uns zu schön, wir sehnten uns nach Leid!
So sind wir denn von diesem Stern geschieden
Der uns nur Glück und reine Wonnen bot;
Wir lassen ihn und seinen Himmelsfrieden
Wir wollten Schmerzen suchen, Leid und Not!
Und wenn du Seelen findest, welche klagen
Nur hartes Schicksal, Wand’rer, tröste sie.
Das größte Leid des Daseins ist zu tragen,
Ein schattenloses Glück erträgst du nie!“ –

Als Fernher mit seinen Erzählungen geendet, kommt Brand auf den Gedanken, jene Prinzessin Ildeglante in Seerieden könne seines neuen Freundes verbannte Geliebte sein. Seine Ahnung wird Wahrheit! Die schöne Schloßherrin umarmt, nachdem Brand mit Fernher nach Seerieden geeilt, den, der beim Verlassen des Saturn den Ruf vernommen hatte:

„Nur dem, der durch neun Welten fuhr
Und seiner Liebe nicht vergaß,
Dem Edlen, dem Getreuen nur
Wird alles Glück in reichstem Maß!
Was er in Tod und Leid verloren,
Es wird ihm alles neu geboren!“

Beide eilen zurück zum fernen, fernen Vaterland. Von unserem Brand löscht Alrune durch einen Kuß die Erinnerung an all das, was jener in Seerieden erlebt – erträumt hat! Langsam und feierlich versinkt das Schloß. Von Brand heißt es – und damit schließt das Werk –:

„Der Arzt erwachte wie aus tiefem Sinnen
Und trieb sein Schifflein rasch von hinnen.
Mit leiser Stimme sprach er dann
,Wie die Erinn’rung trügen kann!
Mir war, als hätte ich hier was erlebt,
Was traumgleich mir durch meine Seele schwebt,
Mir war, als hätte mich etwas gemahnt
An eine Welt, die keine Seele ahnt,
Als wären Boten aus entlegenen Fernen
Zu mir gekommen, Boten von den Sternen.
Laßt ab, Gedanken, euch mit solchen Fragen
Nach einem unerforschlichen zu plagen!
Ein Heimweh giebt es offenbar
Nach einem Dasein, das einst war
Und wieder sein wird. Wenn es uns befällt,
Vergessen wir ganz dieser Welt.
Und will man mich ob dieser Träume tadeln.
Ich weiß doch, wie sie die Gedanken adeln.
Was dieses Leben auch versprach
Und hielte – das Größ're kommt noch nach!“ –

Felix Dahn sagt, in den „Verbannten“ liege eine ganz gewaltige Fülle von Poesie und Stellen von hinreißender Schönheit fänden sich in ihnen, ihr Verfasser sei „zweifellos ein echter Dichter von Gottes Gnaden“. Auch wir stehen unter diesem Eindruck. Leider ist es in den sechs Jahren seit Erscheinen der „Verbannten“ für den Verleger des Werks noch nicht notwendig geworden, eine zweite Auflage in die Welt zu senden. Beim „Ewigen Juden“ war dies der Fall. Haushofers poetische Werke erfahren eben wie diejenigen manch anderer von der Mode unabhängigen Dichter, die Ungunst einer von realistischen Geschmacksrichtungen beherrschten Zeit. Möge diese kurze Würdigung das ihrige zur Verbreitung des Namens und der Werke Max Haushofers beitragen! Wenn einer, so verdient er die Anerkennung zu ernten, welche der beste Lohn des schaffenden Künstlers ist!