MKL1888:Siebenschläfer

Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Siebenschläfer“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 14 (1889), Seite 947948
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Siebenschläfer. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 14, Seite 947–948. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Siebenschl%C3%A4fer (Version vom 24.09.2023)

[947] Siebenschläfer (Myoxus Schreb.), Säugetiergattung aus der Ordnung der Nagetiere und der Familie der Schlafmäuse (Myoxidae), mit dem gemeinen S. (Bilch, Bielmaus, Rellmaus, Myoxus Glis Schreb., Glis vulgaris Wagn., s. Tafel „Nagetiere I“). Dieser erinnert in seiner Gestalt an das Eichhörnchen, ist 16 cm lang, mit 13 cm langem Schwanz, gedrungenem Leib, schmalem Kopf mit spitzer Schnauze, ziemlich großen Augen, großen und fast nackten Ohren, mäßig langen Gliedmaßen, vier Zehen und kurzer Daumenwarze an den Vorder- und fünf Zehen an den Hinterfüßen, weichem Pelz, der auf der Oberseite aschgrau, schwärzlichbraun überflogen, an den Seiten des Leibes etwas lichter und an der Unterseite milchweiß und silberglänzend ist. Um die Augen zieht sich ein dunkelbrauner Ring. Der buschig und zweizeilig behaarte Schwanz ist bräunlichgrau, unten mit weißem Längsstreifen. Es ist ein nächtliches Tier Süd- und Osteuropas, findet sich noch häufig in Österreich, Steiermark, Kärnten, Mähren, Krain, Böhmen, Schlesien, Bayern und ist in Kroatien, Ungarn und Südrußland gemein. Er lebt besonders im Mittelgebirge, in Buchen- und Eichenwäldern, hält sich am Tag in Löchern verborgen, klettert und springt nachts sehr gewandt, läuft auch schnell und ist äußerst gefräßig. Er nährt sich von Nüssen, verschiedenerlei Samen und Obst, mordet auch junge Vögel etc., sammelt zum Herbst große Vorräte und hält einen mehrmonatlichen sehr tiefen, aber mehrfach unterbrochenen Winterschlaf in Erdlöchern etc. Er erwacht erst im April (schläft volle sieben Monate), und sechs Wochen später wirft das Weibchen in Baum- oder Erdlöchern 3–6 Junge. In der Gefangenschaft zeigt er sich sehr unliebenswürdig. Man verfolgt ihn des Fleisches und des Pelzes halber, welch letzterer in Krain zur Volkstracht gehört. Den alten Römern galt der S. als Leckerbissen und ward deshalb in eignen Behältern (gliriaria) gemästet. Auch jetzt noch dient er in Italien, Illyrien und Steiermark als schmackhafte Speise. Dem S. nahe verwandt ist der Gartenschläfer (große Haselmaus, Eichelmaus, Eliomys Nitela Wagn., s. Tafel „Nagetiere I“). Dieser ist 14 cm lang, mit 9,5 cm langem Schwanz, oberseits rötlich graubraun, unterseits weiß mit schwarzem Augenring, welcher sich bis an die Halsseiten fortsetzt. Der Schwanz ist graubraun, auf der Endhälfte oben schwarz, unten weiß. Der Gartenschläfer findet sich in Mitteleuropa, ist in Deutschland, z. B. am Harz, recht häufig, bevorzugt Laubwälder, gleicht in seiner Lebensweise vielfach dem S., ist aber behender und baut ein frei stehendes Nest. Er raubt nachts wohl noch mehr junge Vögel und Eier, auch Speck und Schinken. Das Weibchen wirft 4–6 Junge in einem sehr unreinlich gehaltenen Nest. Er hält den Winterschlaf meist gesellig in Baum- und Mauerlöchern, Heuböden, Gartenhäusern und richtet in Gärten oft großen Schaden an, indem er sehr viel mehr Obst und namentlich das feinere benagt, als er fressen kann. Für die Gefangenschaft eignet er sich nicht. Die Haselmaus (Muscardinus avellanarius Wagn.), 8 cm lang, mit 6 cm langem Schwanz, ist gelblichrot, unterseits etwas heller, an Brust und Kehle weiß, auf der Oberseite des Schwanzes bräunlichrot. Sie bewohnt Mitteleuropa, besonders den südlichern Teil, und bevorzugt Haselnußdickichte, wie sie auch am liebsten Haselnüsse, außerdem aber Eicheln, Beeren etc. frißt. Sie klettert vortrefflich, lebt gesellig und baut ein ziemlich künstliches Nest. Im August wirft das Weibchen 3–4 Junge. Der Winterschlaf ist sehr tief und währt, mehr oder weniger unterbrochen, 6–7 Monate. Sie hält sich gut in der Gefangenschaft, wird sehr leicht zahm und erfreut durch ihre große Reinlichkeit und Liebenswürdigkeit. In England hält man sie viel in Vogelbauern.

Siebenschläfer, die sieben Märtyrer Maximianus, Malchus, Martinianus, Dionysius, Johannes, Serapion und Constantinus, nach der Legende Trabanten des Kaisers Decius, die sich bei der Christenverfolgung [948] unter diesem Kaiser 251 in einer Höhle verbargen und, als der Kaiser diese hatte vermauern lassen, in Schlaf verfielen, aus dem sie erst unter Theodosius II. (446) wieder erwachten, um, nachdem sie vor dem herbeigeeilten Bischof Martin von Ephesos und dem Kaiser selbst das Wunder bezeugt hatten, vom Glorienschein der Heiligkeit umgeben, für immer zu entschlafen. Die katholische Kirche weihte dem Gedächtnis der S. den 27. Juni. Wenn es an diesem Tag regnet, dauert nach dem Volksglauben das Regnen sieben Wochen fort (vgl. Lostage). Vgl. Koch, Die Siebenschläferlegende (Leipz. 1882).