Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Scribe“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 14 (1889), Seite 788789
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Scribe. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 14, Seite 788–789. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Scribe (Version vom 01.10.2021)

[788] Scribe, Augustin Eugène, franz. Theaterdichter, geb. 24. Dez. 1791 zu Paris, widmete sich anfangs dem Studium der Rechte, betrat aber bald die Laufbahn des dramatischen Dichters. Sein erstes Stück, das er in Gemeinschaft mit G. Delavigne schrieb, „Le dervis“ (1811), fiel zwar durch, und nicht besser erging es in den nächsten vier Jahren einer Anzahl andrer Stücke und Vaudevilles; allein S. ließ sich nicht entmutigen und erzielte endlich 1816 mit dem Stück „Une nuit de la garde nationale“ den gewünschten Erfolg. Seitdem ist ihm der Beifall des Publikums lange treu geblieben, und namentlich war die Zeit bis 1830 für ihn eine ununterbrochene Reihe von Bühnentriumphen. In dieser seiner Blütezeit brachte fast jeder Monat ein neues Stück von ihm, und die Bühnen des Vaudeville-, des Variétéstheaters, des Gymnase, später auch des Théâtre-Français genügten kaum, alles Neue, was S. mit seinen Mitarbeitern schuf, zur Darstellung zu bringen. Damals entstanden unter anderm: „Flore et Zéphyre“, „Le comte Ory“, „Le nouveau Pourceaugnac“, „Le solliciteur“, „La fête du mari“ etc. 1821 schloß der Besitzer des neuen Gymnasetheaters mit S. einen förmlichen Kontrakt zur Lieferung von neuen Stücken, und nicht weniger als 150 solcher kamen dort bis 1830 zur Aufführung. Diese Fruchtbarkeit wird nur dadurch erklärlich, daß S. ein förmliches Atelier für Bühnenarbeiten, eine Dramenfabrik anlegte, wo das Prinzip der Teilung der Arbeit vollständig durchgeführt war. Der eine erfand die Grundidee des Stückes, der andre den Plan, der dritte bearbeitete den Dialog, der vierte steuerte die Kouplets bei, der fünfte ersann die Schlagwörter etc. Die namhaftesten dieser Mitarbeiter Scribes waren: G. Delavigne, [789] Mélesville, Dupin, Brazier, Varner, Carmouche, Bayard, Saintine, Legouvé, Dumanoir, Masson, Vanderburch, Roger. Gleichwohl sind die Stücke, welche S. ohne Mitarbeiter schrieb, die besten, so die auf dem Théâtre-Français aufgeführten: „Le mariage d’argent“, „Bertrand et Raton, ou l’art de conspirer“, „La camaraderie, ou la courte échelle“, „Une chaîne“, „Le verre d’eau“, „Adrienne Lecouvreur“, für die Rachel geschrieben, „Les contes de la reine de Navarre“, „Batailles de dames“, „Mon étoile“, „Feu Lionel“, „Les doigts de fée“, von denen „Bertrand et Raton“ (1833; deutsch u. d. T.: „Minister und Seidenhändler“ bekannt) und „La camaraderie“ (1837) äußerst harmlose politische Satiren auf die Interessenwirtschaft des Julikönigtums waren. Seine großartigen Erfolge auf dem Théâtre-Français brachten ihm 1834 einen Sitz in der Akademie ein. Die meisten seiner Stücke sind in fast alle Sprachen Europas übersetzt worden; die Zahl derselben, Blüetten und Libretti inbegriffen, betrug Ende 1859 über 300. Unbestrittenen Ruhm aber erwarb sich S. durch die Texte, die er zu den beliebtesten Opern von Boieldieu, Auber, Meyerbeer, Halévy, Adam, Verdi etc. dichtete, so zum „Schnee“, zur „Weißen Dame“, zur „Stummen“, zu „Fra Diavolo“, zu „Robert dem Teufel“, zur „Jüdin“, zu den „Hugenotten“, zum „Schwarzen Domino“, zum „Propheten“, zum „Nordstern“, zu den „Krondiamanten“, zur „Afrikanerin“ und etwa 50 andern Opern. S. empfiehlt sich den Musikern neben der Leichtigkeit seines Versbaues durch die Gefälligkeit, mit der er seine Arbeit allen Bedürfnissen und selbst Launen der Komponisten anpaßt. Auch als Romanschriftsteller hat er sich versucht, wenn auch mit viel geringerm Erfolg; zuerst mit Novellen („Maurice“ etc.), gesammelt 1856, dann mit größern Romanen („Piquillo Alliaga“, „Les yeux de ma tante“, einem oberflächlichen und grundfalschen Bilde deutscher Zustände, u. a.). S. starb 20. Febr. 1861, während einer Spazierfahrt vom Schlage getroffen. S. war ein Industrieller; Geld zu gewinnen, möglichst viel Geld, war sein Hauptzweck. Doch war er nicht habsüchtig; man rühmt vielmehr seinen Edelmut und seine Freigebigkeit; aber der Ertrag eines Stückes galt ihm als Maßstab des Erfolgs. Auch seine Personen beten den Mammon an; mit Geld räumen sie jede Schwierigkeit hinweg, mit Geld vermögen sie jede Tugend zu erkaufen. Darum sind seine ehrlichen Leute Dummköpfe; nur den Künstler und den braven Offizier läßt er noch gelten. Gern sucht er seinen großen Staatsaktionen die geringfügigsten Motive unterzulegen; unerschöpflich ist er im Erfinden von Verwickelungen, unübertrefflich in den Lösungen. Dabei tragen aber alle seine Stücke das Zeichen der eiligen, fabrikmäßigen Produktion: sein glänzender, lebendiger Stil ist unkorrekt, die Charaktere sind flüchtig gezeichnet, seine Beobachtungen oberflächlich und oft falsch, seine Szenen sind nur äußerlich aneinander gereiht, der geschichtlichen Wahrheit wird meist Gewalt angethan. Dennoch sind seine Stücke in ihrer Art vollendet; vor allem fesselt ihr heiterer Ton und ihr gesunder Menschenverstand, und der Zuhörer fühlt sich durch den bunten Wechsel stets in Spannung erhalten. Aufs glücklichste wußte er jedenfalls den Geschmack seiner Zeit zu treffen, und noch jetzt beherrschen seine Stücke die Bühnen Frankreichs und Europas, ja der gesamten Welt. Er veranstaltete selbst mehrere Ausgaben seiner „Œuvres“ (1827 ff., 10 Bde.; 1833–37, 20 Bde.; 1840–42, 5 Bde.; 1853, 16 Bde., mit Illustrationen von Johannot, Gavarni u. a.). Daneben erschienen: „Théâtre“ (1856–59, 10 Bde.) und „Œuvres choisies“ (1845, 6 Bde.). Eine neue Ausgabe der „Œuvres complètes“ umfaßt 76 Bände (1874–85). Vgl. Legouvé, Eugène S. (Par. 1874).