Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Moschustier“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 11 (1888), Seite 822
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Moschustier. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 11, Seite 822. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Moschustier (Version vom 14.09.2022)

[822] Moschustier (Bisamtier, Bisamziege, Moschus moschiferus L.), einzige Art der Säugetiergattung Moschus L., welche allein die Familie der Moschustiere (Moschidae) aus der Ordnung der paarzehigen Huftiere repräsentiert, ein zierliches Tier von der Größe und dem Habitus eines Rehs, etwa 1,15 m lang, 40 cm hoch, gedrungen gebaut, mit mittellangem Hals, länglichem Kopf, mittelgroßen Augen und Ohren, ohne Geweih, das Männchen mit 5–7 cm langen, hauerartig hervorragenden obern Eckzähnen, schlanken Beinen, zierlichen Hufen, welche sehr breit gestellt werden können, bis auf den Boden herabreichenden Afterklauen und kurzem, dickem, beim Männchen nur an der Spitze behaartem Schwanz. Die Färbung des Haarkleides variiert ungemein, ist bald sehr dunkel, unten schmutzig weiß, bald rotbraun oder gelblichbraun, unten weiß, auch gescheckt. Das M. bewohnt die Gebirge Hinterasiens, vom Amur bis zum Hindukusch und vom 60.° nördl. Br. bis nach Indien und China, findet sich am häufigsten auf den tibetischen Abhängen des Himalaja, in der Umgebung des Baikalsees und in den Gebirgen der Mongolei, wo es besonders die schroffen, zertrümmerten Bergwände und die stumpfen Kegelspitzen in der Nähe der obern Baumgrenze bewohnt. Es springt, läuft und klettert vortrefflich und passiert mit Leichtigkeit Schneeflächen; seine Sinne sind scharf, seine Geistesfähigkeiten aber gering; es ist zwar sehr scheu, aber nicht klug und berechnend. Es lebt paarweise, hält sich am Tag verborgen und betritt nur in der Dämmerung und in der Morgenstunde die Weideplätze. Zur Brunstzeit im November und Dezember schlagen sich die Rudel zusammen, dann kämpfen die Männchen wütend miteinander und verbreiten um diese Zeit einen außerordentlich starken Moschusgeruch. Das Weibchen wirft im Mai 1–2 Junge. Das M. nährt sich von Baumflechten, Alpenkräutern, Wurzeln und Beeren. Das Männchen hat am Hinterbauch zwischen dem Nabel und den Genitalien einen sackartigen, rundlichen Beutel von 5–7 cm Länge, 3 cm Breite und 3 cm Höhe, welcher auf beiden Seiten, bis auf eine kreisförmige Stelle in der Mitte, mit straff anliegenden Haaren besetzt ist. An der kahlen Stelle liegen zwei kleine Öffnungen hintereinander, welche durch kurze Röhren in das Innere des Beutels führen. Hier sondern seine Drüsen den Moschus ab, welcher, wenn er sich zu sehr angehäuft hat, durch die vordere Röhre entleert wird. Der Beutel erreicht erst bei dem erwachsenen Tier seine volle Größe und seinen vollen Gehalt an Moschus. Im Durchschnitt beträgt letzterer 30–50 g. Die Jagd des wegen dieses Beutels höchst wertvollen Tiers ist sehr schwierig; gewöhnlich wendet man Schlingen an, die man auf die Wechsel legt. In Sibirien lockt man es im Winter mit Flechten an. Die Tungusen erlegen es mit dem Bogen und locken es durch Blatten, d. h. Nachahmen des Blökens der Kälber, herbei. Das Fleisch ist für den Europäer ungenießbar, der Moschusbeutel aber wirft reichlichen Gewinn ab. Nach amtlichen Berichten werden in Sibirien jährlich an 50,000 Moschustiere erlegt, darunter etwa 9000 Männchen. Doch haben die sibirischen Moschusbeutel einen weit geringern Wert als die tibetischen und chinesischen. In Tibet darf das M. nur mit Erlaubnis der Regierung gejagt werden, welche auf den Beutel das fürstliche Siegel drückt. Das Fell des Tiers dient zu Kappen, Winterkleidern und Decken oder wird gegerbt. Griechen und Römern war das M. unbekannt, die Chinesen aber benutzen den Moschus seit Jahrtausenden. In Europa erhielt man die erste Kunde von dem Tier durch die Araber, und Marco Polo gab dann genauere Nachrichten.