Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Flechtenfarben“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 18 (Supplement, 1891), Seite 294295
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Flechtenfarben. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 18, Seite 294–295. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Flechtenfarben (Version vom 13.04.2024)

[294] Flechtenfarben. In den Flechten finden sich zahlreiche eigenartige chemische Verbindungen, welche teils als Flechtensäuren, teils als Flechtenfarbstoffe bezeichnet werden. Letzterer Name wird in der Technik auch auf Farbstoffe, wie Orseille, Lackmus, Persio, Cudbear u. a., ausgedehnt, welche aus den Flechtensäuren (Lekanorasäure, Erythrinsäure u. a.) durch chemische Mittel dargestellt werden, während vom botanischen Standpunkt besonders diejenigen Stoffe in Betracht kommen, die in der Flechte selbst auftreten. Da die Artunterscheidung in der beschreibenden Flechtenkunde hier und da auf chemische Reaktionen, so besonders mit Jod, Kalilauge und Chlorkalk, begründet worden ist, so erscheint eine sichere Unterscheidung der in Betracht kommenden F. auch für den Systematiker von Wichtigkeit. Die zu der Anthracenreihe gehörige Chrysophansäure tritt z. B. bei Physcia parietina in Form kleiner, kristallinischer, doppelbrechender, gelber Körnchen an der Außenseite der Thallusfäden auf und verursacht bei genannter Flechtenart die auch dem Laien auffallende Gelbfärbung derselben; letztere zeigt sich am stärksten in den fortwachsenden jungen Randpartien und an den in Bildung begriffenen Apothecien, während sie in ältern Teilen bei Abschuppung des den Farbstoff enthaltenden Rindengewebes mehr oder weniger verschwindet. Die Kristallkörner nehmen mit Kalk- oder Barytwasser eine intensiv purpurrote Färbung an, werden aber durch Ammoniumcarbonat, welches z. B. das im Rhabarber neben Chrysophansäure vorkommende Emodin mit roter Farbe löst, nicht verändert. Von den zu den Benzolderivaten gehörenden kristallisierenden Flechtensäuren sind die Lekanorasäure und die Erythrinsäure am besten bekannt und dadurch ausgezeichnet, daß sie leicht in Orcin und Orcein übergehen, dem Ausgangspunkt für die Darstellung von Orseille und Lackmus im großen. Außer dem schon längere Zeit bekannten Verhalten beider Säuren gegen Chlorkalklösung, durch welche sie rot gefärbt werden, läßt sich zu ihrem Nachweis die zuerst von Schwarz angegebene Chloroform-Kalireaktion am besten benutzen; man erwärmt ein Stückchen der Flechte mit verdünnter Kalilauge, bildet dadurch Orcin, das bei Zusatz eines Tropfens Chloroform und längerm Erwärmen im Wasserbad eine rotgelbe, aber in auffallendem Lichte schön gelbgrün fluoreszierende Lösung gibt. Zur Unterscheidung von Lekanora- und Erythrinsäure wird die Flechte mit Ammoniak digeriert, dann das Ungelöste abfiltriert und zum Filtrat Essigsäure im Überschuß gesetzt; bleibt der entstandene Niederschlag beim Erwärmen ungelöst, so ist Lekanorasäure vorhanden, während die Erythrinsäure unter diesen Umständen gelöst wird. Über andre Flechtensäuren, wie Usninsäure, Karbousninsäure, Kladoniasäure, Evernsäure, Vulpinsäure, Cetrarsäure u. a., sind die Untersuchungen wohl noch nicht genügend geklärt. Die wahrscheinlich zu den Fettsäuren gehörige, in Roccella-Arten vorkommende Roccellsäure bildet kein Orcin, ist daher von den obengenannten Flechtensäuren wesentlich verschieden und kann am besten mit Alkannatinktur nachgewiesen werden, durch welche sie sich rot färbt. Die Mehrzahl der genannten, kristallisierbaren Flechtensäuren scheinen Nebenprodukte des Stoffwechsels zu sein, wofür ihr reichliches Auftreten besonders in den jungen, fortwachsenden Teilen der Flechte spricht.

Außer den kristallisierten, unter Umständen (so z. B. bei Physcia parietina) die Gesamtfärbung des Flechtenthallus bedingenden Stoffen treten in ihm zahlreiche, bisher ziemlich unbeachtet gebliebene, amorphe Farbstoffe auf, über die kürzlich E. Bachmann eine sehr eingehende Studie veröffentlicht hat. Sie sind in der überwiegenden Mehrzahl der untersuchten (ca. 120) Fälle der Zellhaut eingelagert; sehr selten (bei Baeomyces roseus) treten sie in Tröpfchenform als Inhaltsbestandteil der Zellen oder als äußerlich der Haut aufgelagerte Ausscheidung (Arthonia gregaria, Urceolaria ocellata) auf und rufen teils die schwarze oder braune Färbung der Apothecien, teils die graue oder braune des Thallus hervor; nur in Ausnahmefällen erscheint letzterer, z. B. durch amorphe Farbstoffe, rosenrot oder die Apothecien ziegelrot, da sonst lebhaftere Färbungen der Flechten in der Regel von kristallisierten Farbstoffen herrühren. Der Sitz der Farbstoffe ist fast immer die Rinde sowie eine oberhalb oder unterhalb des Hymeniums, d. h. des Sporenschlauchlagers, befindliche Schicht. Ein nicht selten an Flechten auftretendes Exkret bildet der oxalsaure Kalk, der reifartig die Thallusoberfläche überzieht und derselben ein bläulichweißes oder bestäubtes Aussehen gibt. Wenige Farbstoffe sind auf eine einzige Art beschränkt, die meisten kommen mehreren oder vielen Arten zu. Im ganzen konnte Bachmann bei ca. 120 Flechtenarten nach dem Verhalten gegen Kalilauge, Ammoniakflüssigkeit, Salpetersäure, Schwefelsäure, Salzsäure u. a. 18 verschiedene Farbstoffe (darunter 5 grüne, 2 blaue, 5 rote und 6 braune) unterscheiden, die er nach dem Namen der sie beherbergenden, am meisten typischen Art oder Gattung, z. B. als Lecideagrün, [295] Lekanorarot, Parmeliabraun etc., bezeichnet. Besonders charakteristische Färbungen ruft die Salpetersäure hervor, während Salzsäure keine einzige spezifische Reaktion bedingt. Die in Rede stehenden Farbstoffe scheinen als Schutzmittel der Flechten gegen atmosphärische Einflüsse zu dienen, da sie den Zellhäuten eine starke Widerstandsfähigkeit gegen chemische Einwirkungen verleihen und die am dunkelsten gefärbten Zellwände am wenigsten von Säuren wie Basen angegriffen werden. Auch dienen sie zweifellos in manchen Fällen als Schutz gegen flechtenfressende Raupen und Schnecken. Vgl. Schwarz, Chemisch-botanische Studien über die in den Flechten vorkommenden Flechtensäuren (in Cohns „Beiträgen zur Biologie der Pflanzen“, Bd. 3); Bachmann, Über nichtkristallisierte Flechtenfarbstoffe (in Pringsheims Jahrbüchern, Bd. 21, 1889).