Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
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Band 5 (1886), Seite 888890
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Etrurien. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 5, Seite 888–890. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Etrurien (Version vom 14.04.2021)

[888] Etrurien (Tuscia, von den Griechen Tyrrhenia genannt, s. Karte „Altitalien“), Landschaft auf der westlichen Seite von Mittelitalien, vom etruskischen Apennin bis zum Tiberisthal; im Altertum stark bevölkert, blühend und fruchtbar und im Besitz einer alten und eigentümlichen Kultur und politischen Bedeutung. Die Hauptflüsse von E. waren der Arnus (Arno), der Clanis (Chiana), der mit einem Arm dem Arnus, mit einem andern dem Tiber zufloß, und die Küstenflüsse Umbro (Ombrone), Albinia (Albegna), Armenta, Marta (Ausfluß des Volsinischen Sees) und Minio. Die östlichen, am Fuß des Apennin gelegenen Teile waren ausgezeichnet durch mildes, angenehmes Klima, fruchtbaren Boden und reiche Bewässerung. Der ganze südliche Teil Etruriens, von Clusium bis Rom, ist vulkanischer Natur. Die zahlreichen, kesselartig eingeschlossenen Seen jener Gegend, von denen die beiden größten der Trasimenus (Lago di Perugia) und der Volsiniensis (Lago di Bolsena), ferner der Ciminius (Lago di Ronciglione), der Sabatinus (Lago di Bracciano) und der Vadimonius (Lago di Bassano), füllen erloschene und eingestürzte Krater. An andern Stellen hatte die tuskische Wasserbaukunst die Seen durch Emissarien, welche durch die Seiten der Berge gebrochen wurden, abgelassen, um dadurch Land für die Kultur zu gewinnen. Unter den Bodenerzeugnissen Etruriens sind besonders zu nennen: der clusinische Spelt (far), aus welchem das einheimische Nationalgericht, der dicke Mehlbrei (puls), bereitet wurde, Flachs, Wein und Öl. Der Apennin lieferte herrliche Tannenstämme als Bauholz zu Wohnungen und Schiffen, so daß Rom einen großen Teil seines Bedarfs aus E. bezog. Auch Viehzucht und Fischfang waren Hauptnahrungszweige. Von Mineralien wurden vorzüglich Eisen, namentlich auf dem benachbarten Ilva (Elba), und Kupfer (bei Volaterrä) in großen Massen gewonnen und zu Waffen, Statuen und Geld verarbeitet. Erst spät benutzt wurden dagegen die Marmorbrüche von Luna, wo jetzt der karrarische Marmor gewonnen wird. Den besten Thon, aus welchem die berühmten irdenen Geschirre gefertigt wurden, grub man bei Arretium, welche Stadt der Hauptsitz der tuskischen Töpferarbeit und Plastik war. Erwähnenswert sind endlich noch die zahlreichen warmen Heilquellen und Schwefelbäder zu Pisä, Clusium, Vetulonia, Populonia, Volaterrä, Cäre u. a. Seiner politischen Einteilung nach zerfiel E. in zwölf Republiken mit aristokratischer Verfassung, die bei völliger Unabhängigkeit in betreff ihrer innern Angelegenheiten durch ein Bündnis vereinigt waren. Die namhaftesten Städte Etruriens waren: Pisä, Volaterrä (Volterra), Vetulonia, Populonia und Rusellä; die drei Häfen Telamon, Portus Lauretanus und der Herkuleshafen bei der Kolonie Cosa; ferner Tarquinii, Cäre (Cervetri) mit der Hafenstadt Pyrgi; südlicher, nur wenig von Rom entfernt, die beiden Kolonien Alsium und Fregenä, seit dem ersten Punischen Krieg angelegt. Städte im Innern waren: Veji (Isola Farnese), eine der mächtigsten unter den tuskischen Städten, Sutrium, der Schlüssel des Landes auf der Seite gegen Rom, Volsinii (Bolsena), Clusium (Chiusi), der Herrschersitz des Lars Porsena, Perusia (Perugia), Cortona; nördlicher an der Quelle des Clanis Arretium (Arezzo); nördlich vom Arnus Fäsulä (Fiesole), unfern des viel später erbauten Florenz, und Pistoria (Pistoja). Zu den römischen Kolonien gehört Luca am Auser.

Ob die Etrusker, die sich selbst Rasenna nannten, ein Mischvolk (aus Ureinwohnern und spätern semitischen Einwanderern) gewesen sind, oder ob sie ein selbständiger Volksstamm waren, der sich von Rätien aus über einen großen Teil der Halbinsel verbreitete, bis er von den Kelten in die Alpen und nach Tuscien zurückgedrängt wurde, endlich welcher Sprachfamilie das Etruskische angehört, ist noch eine ungelöste Streitfrage (s. unten). Die Blütezeit der etruskischen Macht fällt in die Zeit von 800 bis 400 v. Chr. Sie bewohnten außer E. auch das Gebiet zwischen Apennin und Po und den mittlern Teil der nördlichen Poebene; Mantua, Melpum und Felsina (Bologna) waren etruskische Städte. Kampanien eroberten sie im 8. Jahrh. und verloren es erst im 4. Jahrh. an die Samniter. Auch die Herrschaft über das Tyrrhenische Meer hatten die Etrusker inne, bis dieselbe im 4. Jahrh. durch die karthagische Seemacht gebrochen wurde. Aus Oberitalien wurden sie von den Kelten im 4. Jahrh. verdrängt. Das Verhältnis Etruriens zu Rom während der Königsherrschaft und der ersten Zeiten der Republik ist sehr in Dunkel gehüllt. Kämpfe Roms gegen die Etrusker in Veji, Fidenä etc. erwähnt schon die Königsgeschichte unter Romulus, Tullus Hostilius und Ancus Marcius. Den L. Tarquinius Priscus nennt die Sage einen vornehmen, ursprünglich aus Korinth stammenden Bürger von Tarquinii. Ob freilich durch dessen Thronbesteigung zu Rom ein Einfluß Etruriens auf Rom oder gar eine etruskische Herrschaft begründet wurde, ist ungewiß; wohl aber scheint nach dem Sturz der römischen Königsherrschaft Rom eine Zeitlang infolge der Siege des clusinischen Fürsten Porsena in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu E. gestanden zu haben. Längere Zeit ruhten sodann die Fehden zwischen Rom und den etruskischen Städten, abgesehen von kürzern Grenzstreitigkeiten, in deren Folge 426 Fidenä von den Römern zerstört wurde. Erst die Eroberung des mächtigen Veji durch Camillus 396 war epochemachend und schien die römische Herrschaft über E. anzubahnen. Doch wurde Rom durch die gallische Invasion, die übrigens auch E. hart betraf, auf längere Zeit lahmgelegt. Als es aber wieder zu Kräften kam, wurde es für das ohnedies zurückgekommene E. immer gefährlicher. Daher verbanden sich die Etrusker 311 mit den Samnitern und erneuerten diesen Bund auch im dritten Samniterkrieg 298, gerieten aber mit ihren Verbündeten nach dem Sieg der Römer bei Sentinum 295 unter die römische Herrschaft, welche sich von da an mehr und mehr befestigte, so daß E. ums Jahr 280 als den Römern völlig unterworfen gelten konnte; doch bestanden Sprache, Sitte, religiöse Disziplin und meist auch die innere Verfassung der einzelnen Staaten noch fast zwei Jahrhunderte in ihrer Eigentümlichkeit fort, und E. war, nachdem es sich von seinen Kämpfen erholt, noch immer ein reiches, blühendes Land. Durch die Lex Julia des Konsuls L. Julius Cäsar erhielt es 89 das Bürgerrecht, weil es während des Bundesgenossenkriegs Rom treu geblieben war. Durch Sulla aber wurde das Land nach harten Kämpfen seiner nationalen Einheit beraubt und durch zahlreiche Militärkolonien in Stücke zerrissen. Noch einmal tauchte der alte Name des Landes im Frieden von Lüneville (1801) auf, wo E. oder Hetrurien dem Erbprinzen Ludwig von Parma als Königreich überlassen wurde. Nach seinem Tod übernahm seine Witwe, die Infantin Marie Luise von Spanien, als Vormünderin ihres Sohns Karl Ludwig die Regierung, die sie jedoch schon 10. Dez. 1807 wieder niederlegen mußte. E. [889] ward hierauf französische Provinz und durch Senatsbeschluß vom 30. Mai 1808 für einen Teil des französischen Kaiserreichs erklärt, 1809 aber als Großherzogtum Toscana der Schwester Napoleons I., Elisa, zugewiesen, die es 1814 wieder an das frühere Regentenhaus abtreten mußte. Vgl. Toscana.

Erst die neuere Zeit hat wieder anerkannt, welche bedeutende Stelle die Etrusker unter den Völkern des Altertums einnahmen, obwohl man über ihren Ursprung noch nicht klar geworden ist. Während die altitalischen Mundarten (das Umbrische, Oskische etc.) sich unzweifelhaft als Zweige des indogermanischen Sprachstammes auswiesen, bot die von jenen verschiedene Sprache der Etrusker (das Tuskische) einer genügenden Erklärung bisher hartnäckig Trotz; man hielt sie bald für eine Mischsprache, bald für eine semitische (so Stickel 1859). In neuerer Zeit versuchte Corssen („Über die Sprache der Etrusker“, Leipz. 1874–75, 2 Bde.) den Beweis, daß wir, wie in der umbrischen und oskischen Sprache, so auch im Etruskischen einen dem Lateinischen verwandten Zweig des großen indogermanischen Sprachstammes zu erkennen haben. Doch fand diese Ansicht mehrfachen Widerspruch, namentlich von seiten Deeckes (in seiner neuen Ausgabe von O. Müllers „Etrusker“, Stuttg. 1877), der indessen mit ebensowenig Erfolg die etruskische Sprache dem finnischen Sprachstamm zuwies. Das Hauptdenkmal des Tuskischen ist die 1822 gefundene sogen. Perusinische Inschrift; daraus wie aus den vielen andern noch vorhandenen Inschriften ergibt sich, daß diese Sprache eine große Härte, namentlich durch Häufung von Konsonanten, besaß. Dem Alphabet liegt das phönikische zu Grunde, das jedoch erst durch die Griechen zu den Etruskern kam, da sich nur sehr wenige Buchstabenformen finden, die nicht auch auf griechischen Inschriften vorkämen. Dagegen wurde von den Etruskern an der orientalischen Schreibweise von der Rechten zur Linken festgehalten. Von den Zahlzeichen, die auch von den Römern angenommen worden sind, läßt sich bezweifeln, ob sie zu demselben Schriftsystem gehören wie die Buchstaben.

Kulturverhältnisse der Etrusker.

Was die politischen Verhältnisse betrifft, so bestand die Bevölkerung aus einem herrschenden und einem unterthänigen Teil, welch letzterer sich mit den thessalischen Penesten oder den Heloten vergleichen läßt. Die Städte wurden von einem Priesteradel regiert; die herrschenden Geschlechter (Lucumones) der einzelnen Städte entschieden zusammen über die allgemeinen Angelegenheiten der Nation. Das Verhältnis der Bundesstaaten untereinander war ein unabhängiges und ziemlich lockeres; doch scheint Tarquinii alte Ansprüche auf die Leitung des Ganzen gehabt zu haben. Die Bundesversammlungen, welche jährlich, in dringenden Fällen aber auch öfter gehalten wurden, fanden beim Tempel der Göttin Voltumna statt, der wahrscheinlich in der Nähe des Vadimonischen Sees lag. Man feierte sie durch Opfer und Spiele, wählte einen Oberpriester und im Fall eines Kriegs einen gemeinsamen Bundesfeldherrn, dem dann jeder der zwölf Staaten einen Liktor sandte, beschloß über Krieg und Frieden und beratschlagte über alle die Gesamtheit des Bundes angehenden Gegenstände. Die Lucumonen bildeten den herrschenden Stand und hatten allein auf die höchsten Würden Anspruch, besonders auf die königliche Würde, die in den frühern Zeiten Etruriens in den einzelnen Staaten verfassungsmäßig bestand. Später wurde das Königtum aufgehoben und durch jährlich wechselnde Magistrate ersetzt. Der öfters vorkommende Beiname Lars oder Larth bezeichnete den Herrscher. Eigentümlich waren der tuskischen Adelsherrschaft ein großer Ahnenstolz und Neigung zu Pomp in Kleidung und Insignien, wie ja auch vieles, was zu Rom die Magistrate äußerlich auszeichnete, wie die Lictores, Apparitores, die elfenbeinernen Kurulsessel, die Toga praetexta, der Pomp der Triumphe etc., von den Etruskern entlehnt wurde.

Hauptbeschäftigung der Etrusker waren Ackerbau und Handel zur See und zu Lande, denn schon in sehr früher Zeit führte von E. ein Handelsweg über die Alpen nach dem Norden. Auf dem Meer waren die Etrusker nach den Griechen, Phönikern und Karthagern das bedeutendste Handelsvolk, was auch durch ihre Handelsverträge mit Karthago bestätigt wird. Die wichtigsten Häfen waren Pisä, Populonia und Cäre. Die ausgeführten Waren bestanden hauptsächlich in den reichen Naturprodukten des Landes, aber auch in Erzeugnissen des Gewerb- und Kunstfleißes, unter welchen hauptsächlich tuskische Schuhe, Thongeschirre und künstliche Erzarbeiten einen großen Ruf genossen. Wie alle seefahrenden Nationen des Altertums, trieben die Etrusker auch Seeraub und waren deshalb übel berüchtigt und gefürchtet. Für die Ausbreitung des tuskischen Handels sprechen namentlich die noch vorhandenen Münzen, welche beweisen, daß E. seit alten Zeiten sein eignes Münzsystem hatte und Kupfermünzen schlug oder vielmehr goß, ohne es von den Griechen erlernt zu haben. Umbrien, Latium, das ganze Mittelitalien nahmen dieses Münzsystem an, ebenso die griechischen Kolonien und Sizilien. Die Form dieser gegossenen Kupferstücke (aes grave), die meist die Prägorte Volaterrä, Clusium, Telamon, Hatria tragen und lange das alleinige Geld Mittelitaliens waren, war zuerst viereckig und erst später rund. Das Duodezimalsystem herrschte auch hier. Was das Kriegswesen anlangt, so gehörte der Ruhm tuskischer Tapferkeit frühern Zeiten an, ehe die Etrusker den Römern unterlagen. Später neigten die Etrusker zur Verweichlichung und Schwelgerei und zum Luxus. In der Bauart der Wohnhäuser sind aus E. mehrere Einrichtungen in Italien üblich geworden, wie das Atrium oder Cavädium, der Sammelplatz der Familie, dessen älteste und einfachste Art Tuscanicum hieß. Über die Baukunst der Etrusker ist im Artikel „Baukunst“ (mit Tafel V, Fig. 1–11) ausführlich berichtet. Unter den Zweigen der Plastik (s. Artikel „Bildhauerkunst“ und Tafel I, Fig. 15, Tafel II) blühte in E. besonders die Bereitung von Thongefäßen, welche in allen möglichen Formen verfertigt wurden und eine große technische Fertigkeit, ja auch feinen Kunstsinn der Griechen bekunden. Auch wurden in früherer Zeit Tempelzierden, Reliefs und Statuen in den Giebelfeldern häufig aus Thon gefertigt. Sehr zahlreich waren auch Erzbilder, deren Volsinii bei seiner Eroberung gegen 2000 zählte. Besonders geschätzt waren aus Gold getriebene Schalen und allerlei Bronzearbeiten, wie Kandelaber; ebenso wurden silberne Becher, Throne von Elfenbein und edlem Metall, Bekleidungen für Prachtwagen von Erz, Silber, Gold und reichverzierte Waffenstücke in Menge gefertigt. In diese Klasse gehören auch die auf der Rückseite gravierten Bronzespiegel. Weniger wurde die Skulptur in Stein geübt, dagegen in der Steinschneidekunst Vorzügliches geleistet. Man verband mit einer bewundernswürdigen Feinheit der Ausführung eine gewisse Vorliebe für gewaltsame Stellungen und übertriebene Bezeichnung der Muskulatur, wodurch selbst die Wahl der [890] Gegenstände meist bestimmt ward. Die etruskische Malerei ist ein Zweig der griechischen, doch scheint in E. früher als in Griechenland die Wandmalerei geübt worden zu sein (s. Tafel „Ornamente I“, Fig. 40–43). Zahlreiche Grabkammern, besonders bei Tarquinii, sind mit Figuren in bunten Farben bemalt. Der Stil der Zeichnung geht von einer den alten griechischen Werken verwandten Strenge und Sorgfalt in die flüchtigen und karikaturartigen Manieren über, welche in der spätern Kunst der Etrusker herrschten. Auf eine alttuskische Dichtkunst scheint die Sage hinzudeuten, daß der Götterknabe Tages seine Offenbarungen gesungen habe. Tuskische Tragödien eines gewissen Volnius erwähnt Varro, und die Theater zu Fäsulä u. a. O. sind Zeugen dafür, daß wenigstens griechische Schauspiele entweder in Übersetzung oder in der Ursprache aufgeführt wurden. Bemerkenswert ist aber, daß sich in keiner Inschrift auch nur die geringste Ähnlichkeit mit einem griechischen Rhythmus entdecken läßt. Die Musik der Römer stammte aus E., auch ihre darstellenden Sänger kamen daher. Saiteninstrumente zeigen die Denkmäler hin und wieder, doch war die Flöte das eigentlich einheimische Musikinstrument. Von den profanen Wissenschaften übten die Etrusker Heilkunde, Naturkunde und Astronomie, und besonders als Ärzte genossen sie einen nicht unbedeutenden Ruf bei den Griechen. Die von ihnen gerühmte Kunst des Wasserfindens oder Regenlockens (aquaelicium) beruhte offenbar auf tieferer Kunde der Natur. Ihre Zeitrechnung folgte sehr genauen Gesetzen. Sie bestimmten den Anfang des Tags durch den höchsten Stand der Sonne und bedienten sich wirklicher Mondmonate. Wie sie die Mondmonate mit dem Sonnenjahr in Einklang brachten, ist unbekannt; doch scheinen ihre Jahre von kürzerer Dauer als die des Sonnenjahrs gewesen zu sein. Am Tempel der Nortia zu Volsinii wurde jedesmal an den Iden des Septembers ein Nagel eingeschlagen, um so die Zahl der vergangenen Jahre zu bezeichnen.

Die Götterlehre der Etrusker wich von der altitalischen vielfach ab. Sie unterlag frühzeitig griechischen Einflüssen, indem man hellenische Gottheiten teils geradezu dem Götterkreis der Etrusker einverleibte, wie das z. B. beim Bacchus der Fall war, teils dieselben den alten tuskischen Göttern unterschob, wodurch von mehreren der letztern der ursprüngliche Begriff ganz verloren gegangen ist. Man unterschied zwei Ordnungen von Göttern: die obern oder verhüllten Gottheiten, welche Jupiter befragt, wenn er eine Verheerung oder Veränderung des bisherigen Zustandes durch einen Blitz verkünden will, und die Zwölfgötter, welche Jupiters gewöhnlichen Rat bilden, mit dem lateinischen Namen Consentes genannt. Den Etruskern eigentümliche Gottheiten waren: Vertumnus, eine Naturgottheit, die, wie es scheint, die Verwandlungen in der Natur bezeichnete; Nortia, eine Schicksalsgöttin, an deren Tempel zu Volsinii das Einschlagen des Nagels erfolgte; der von den Römern sogen. Vejovis oder Vedius, der böse Jupiter, dessen tuskischer Name nicht bekannt ist; der dunkle Summanus; die Unterweltsgottheiten Mantus und Mania, nebst den Manes; Voltumna, die Göttin des Bundestempels; die freundliche Göttin der Geburt, Mater Matuta, mit einem berühmten Tempel zu Cäre, u. a. Auch Janus, als Himmelsgott, scheint tuskischen Ursprunges, wie nicht minder Menerfa (Menrfa) für eine ursprüngliche tuskische Göttin zu halten ist. Einer ihrer Tempel stand zu Falerii, wo ihr im März ein großes Fest, die Quinquatrus, gefeiert wurde. Von da ward ihr Dienst nach Rom gebracht und ihr allmählich der Begriff der griechischen Athene substituiert. Ebenso sind die Lares ihrem Namen sowohl als ihrem Begriff nach etruskisch. Als die drei obersten Gottheiten galten den Etruskern Jupiter, Juno und Minerva, die deshalb auch in den meisten Städten Tempel hatten. Die Religiosität der Etrusker neigte sich zum Finstern und Dämonischen hin; sie wußten viel von einer geheimnisvollen Geisterwelt zu erzählen, fanden Gefallen an geheimnisvoller Zahlenmystik und hatten manche rohe und grausame Gebräuche, wie denn nicht selten Menschenopfer vorkamen. Das Totenreich erschien ihnen namentlich von seiner schrecklichen Seite als ein Ort der Peinigung. Diese Richtung führte dann zu allerlei Instituten und Zeremonien, welche die Erforschung des göttlichen Willens zum Zweck hatten, und so war E. das gelobte Land des Divinationswesens und der Wahrsagerei in allen möglichen Formen. Man weissagte aus dem Flug der Vögel (Augurium), aus dem Fraß heiliger Hühner, aus den Erscheinungen am Himmel, besonders den Blitzen, aus den Eingeweiden der Opfertiere (Haruspicium). Als Vater dieser Wahrsagekunst galt ein Dämon, Namens Tages, der, ein Kind von Jahren und Gestalt, aber grau an Weisheit, in einer Ackerfurche entdeckt ward und den Lucumonen das Geheimnis offenbarte. Die sogen. Bücher des Tages waren die Quelle der etruskischen Weisheit, es gab besondere Schulen zum Unterricht in der Wahrsagekunst. Diese Kunst hat sich dann, befördert von dem altitalischen Schicksalsglauben, auch bei den übrigen Stämmen Italiens eingebürgert.

Quellen sind, abgesehen von den Kunstdenkmälern und Inschriften, einheimische, griechische und römische Aufzeichnungen und Traditionen. Unter den ältern römischen Quellen sind die Annalen des Cincius und die „Origines“ des Cato erwähnenswert. Der Volaterraner Aulus Cäcina, der zur Zeit des Cicero lebte, schrieb „De etrusca disciplina“, woraus Seneca einige wichtige Abschnitte erhalten hat; ferner beschäftigte sich mit der etruskischen Sprache der Grammatiker und Historiker Verrius Flaccus, aus welchem wieder Festus die Mehrzahl seiner Notizen schöpfte, und Kaiser Claudius schrieb 20 Bücher „Tyrrhenischer Geschichten“, die jedoch ebenfalls verloren sind. Viele wichtige Notizen sind auch von den alten Auslegern zu Vergils „Aeneis“ aufbewahrt worden. Von neuern Schriften über E. sind außer Dempster („De Etruria regali“, 1726) und Gori („Museum etruscum“, 1737–43, 3 Bde.) die wichtigsten: Inghirami, Monumenti etruschi (Flor. 1825, 10 Bde.); O. Müller, Die Etrusker (Bresl. 1828, 2 Bde.; neue Ausg. von Deecke, Stuttg. 1877); Abeken, Mittelitalien vor den Zeiten der römischen Herrschaft nach seinen Denkmalen dargestellt (das. 1843); „Musei etrusci monumenta“ (Prachtwerk, Rom 1842, 2 Bde.); Dennis, The cities and cemeteries of Etruria (2. Aufl., Lond. 1878, 2 Bde.; deutsch von Meißner, Leipz. 1851); Desvergers, L’Étrurie et les Étrusques (Par. 1864, 2 Bde.); Gray, History of Etruria (Lond. 1843–70, 3 Bde.); Taylor, Etruscan researches (das. 1874); Genthe, Über den etruskischen Tauschhandel nach dem Norden (Frankf. 1874).