Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Berliner Blau“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 2 (1885), Seite 765766
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Berliner Blau. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 2, Seite 765–766. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Berliner_Blau (Version vom 18.03.2023)

[765] Berliner Blau, Name mehrerer tiefblauer Substanzen, welche auf verschiedene Weise, am häufigsten durch Fällung von Eisenoxydulsalzen mit rotem oder durch Fällung von Eisenoxydsalzen mit gelbem Blutlaugensalz, erhalten werden, früher allgemein als Verbindungen von Eisencyanür (FeCy2) mit Eisencyanid (Fe2Cy6) betrachtet wurden, nach neuern Forschungen aber komplizierter zusammengesetzt sind. Gießt man in eine Lösung von gelbem Blutlaugensalz eine zur Zersetzung desselben nicht hinreichende Menge von Eisenchloridlösung oder umgekehrt eine Eisenoxydulsalzlösung in überschüssige Lösung von rotem Blutlaugensalz, so entsteht ein tiefblauer Niederschlag (Fe2K2[Fe2Cy12]), welcher sich beim Auswaschen, sobald die Salze entfernt sind, plötzlich in Wasser löst (lösliches B.). Er ist tiefblau, amorph, verliert seine Löslichkeit bei 100°, wird aus den Lösungen durch Salze und Alkohol gefällt und gibt mit Alkalien Eisenhydroxyd und Kaliumeisencyanür; Eisenvitriollösung fällt aus seiner Lösung Turnbulls Blau (Ferroferricyanid) 2Fe5Cy12. Dies wird aus Eisenoxydulsalzlösung durch rotes Blutlaugensalz gefällt, ist tiefblau, aber etwas heller als das folgende, löst sich in Oxalsäure mit rein blauer Farbe, nicht in Wasser, gibt beim Erhitzen Blausäure und Eisenoxyd und beim Kochen mit Kalilauge gelbes Blutlaugensalz und Eisenhydroxyd. Wird Turnbulls Blau mit Salpetersäure oder wässerigem Chlor behandelt, so entsteht Williamsons Blau 2Fe9Cy18, welches auch aus Eisenoxydsalzlösungen durch gelbes Blutlaugensalz und aus der Lösung von löslichem B. durch Eisenoxydsalzlösung gefällt wird. Es ist tiefblau, geruch- und geschmacklos, nimmt beim Reiben starken Kupferglanz an, löst sich nicht in Wasser, gibt beim Erhitzen Eisenoxyd und Blausäure und verbrennt bei starkem Erhitzen an der Luft wie Zunder. Beim Kochen mit Ätzlauge gibt es gelbes Blutlaugensalz und Eisenhydroxyd. Es löst sich in Oxalsäure mit rein blauer, in weinsaurem Ammoniak mit violetter Farbe. Alle Sorten von B. enthalten Wasser und sind hygroskopisch, ein Teil des Wassers entweicht erst bei vollständiger Zersetzung. In der Technik wird ein im wesentlichen aus Turnbulls Blau bestehendes Präparat dargestellt, indem man eine Lösung von gelbem Blutlaugensalz mit Eisenvitriollösung fällt, den entstehenden weißen Niederschlag durch Kochen mit Salpetersäure und Schwefelsäure bläut, auswäscht, preßt und trocknet. Dies Pariser Blau ist sehr leicht, tiefblau, kupferglänzend, in Wasser unlöslich. Ein helles Stahlblau mit wenig Kupferglanz (Miloriblau) wird durch Oxydation des weißen Niederschlags mit Chromsäure erhalten. Auch aus der Mutterlauge von der Darstellung des roten Blutlaugensalzes, aus Gaskalk und Lamingscher Masse (der Gasanstalten) wird B. dargestellt. Im Handel versteht man unter Pariser Blau stets die reine Verbindung, unter B. dagegen Mischungen derselben mit Stärke, Schwerspat, Gips, Thon etc.; hellere Nüancen bilden das Mineralblau (Hamburger, Fingerhutblau), und eine Mischung von Pariser Blau mit viel Stärke zum Bläuen der Wäsche ist das Waschblau (Neublau). Pariser Blau ist recht luft- und lichtbeständig, bleicht aber doch nach und nach aus. Es besitzt sehr große Deckkraft und kann als Wasser- und Ölfarbe, aber nicht als Kalkfarbe benutzt werden, da es von Ätzkalk zersetzt wird. Säuren widersteht es recht gut, durch Schwefelwasserstoff aber wird es schmutzig. Mit rein gelber Farbe gibt es ein schönes Grün. Man benutzt es auch in der Buntpapierfabrikation, zum Buch- und Tapetendruck. Mit Leinöl gekocht, gibt es einen sehr schönen schwarzen, elastischen Lederlack (Blaulack), wobei es aber selbst ganz unverändert bleibt und aus dem Bodensatz wiedergewonnen werden kann. Lösungen von B. benutzt man [766] als blaue Tinte, zur Aquarellmalerei, zum Illuminieren von Landkarten und zum Ausspritzen der Gefäße bei anatomischen Präparaten. In der Zeugdruckerei befestigt man bisweilen das fertige B. mit Eiweiß auf den Geweben, meist erzeugt man es auf diesen selbst, indem man sie mit Eisenoxydlösung tränkt und dann durch eine Mischung von gelbem Blutlaugensalz mit Mineralsäure passiert. Wird gleichzeitig Zinnchlorür angewendet, so erhält das Blau eine prächtige Purpurnüance (Raymonds Blau, Napoleons Blau, Kaliblau). Das auf Seide hervorgebrachte Bleu de France wird nur mit Blutlaugensalz versetzt, indem man die Lösung mit Schwefelsäure versetzt und das Gewebe in der Flüssigkeit bei Luftzutritt erhitzt. B. wurde 1704 von Diesbach in Berlin entdeckt und die Fabrikation bis 1724 geheim gehalten. Später wurde es der Ausgangspunkt für zahlreiche Untersuchungen, und erst in neuester Zeit erkannte man die wahre Zusammensetzung.