Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Bach“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 2 (1885), Seite 208212
Mehr zum Thema bei
Wikisource-Logo
Wikisource: Bach
Wiktionary-Logo
Wiktionary: Bach
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Indexseite
Empfohlene Zitierweise
Bach. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 2, Seite 208–212. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Bach (Version vom 16.04.2022)

[208] Bach, natürlich fließende Gewässer, in der Regel größer als ein Fließ oder Riesel, kleiner als ein Fluß. Man unterscheidet: Faulbäche oder Faulfließe, in Niederungen, Bruch- und Moorgegenden, mit wenig Gefälle, trübem Wasser und schlammigem Grund; Regenbäche oder Regenfließe, durch Regen erzeugt und bei dessen Mangel vertrocknend; Gieß- und Waldbäche, meist in Gebirgen, zur Zeit des Tauwetters oder bei starkem Regen sehr wasserreich und oft verheerend; Sturz- und Staubbäche, in Felsengegenden, nach ihren oft höchst malerischen Fällen genannt; Steppenbäche, in Steppen entstehend und sich darin verlaufend; Gletscherbäche, aus Gletschern entstehend und daher nie ausbleibend, zur Zeit vermehrten wässerigen Niederschlags oft zu Strömen anschwellend, auch die Quellen vieler großer Ströme bildend; Flöß-, Schwemm- und Mühlbäche, so genannt nach ihrer verschiedenen Benutzung. Für die Betreibung von Mühlen, Hammerwerken etc., für das Flößen des Holzes und die Bewässerung von Wiesen und Feldern sind die Bäche von der größten Wichtigkeit, namentlich in Gebirgsgegenden.

Bach, deutsche Tonkünstlerfamilie, aus der über 50 zum Teil sehr berühmte Musiker hervorgegangen sind. Sie stammt (wie Spitta in seiner Biographie Sebastian Bachs nachgewiesen hat) aus Thüringen und nicht, wie man früher annahm, aus Ungarn. Der um 1590 aus Ungarn nach Wechmar bei Gotha eingewanderte Bäcker Veit B., der als der Urahn des Geschlechts angeführt wird, war nämlich aus ebendiesem Dorf gebürtig, betrieb aber selbst die Musik nur aus Liebhaberei. Dagegen war sein Sohn Hans B. (der Urgroßvater Johann Sebastian Bachs) schon Musiker von Profession und wurde zu Gotha durch einen Nikolaus B. ausgebildet. Von Hans Bachs Söhnen wurde Johann B. der Stammvater der Erfurter B., Heinrich B., Organist zu Arnstadt, der Vater von Joh. Christoph und Joh. Michael B. (s. unten) und Christoph B., Organist und Stadtmusikus zu Weimar, der Großvater Joh. Sebast. Bachs. In den 60er Jahren des 17. Jahrh. waren die B. sozusagen feste Inhaber der Musikerstellen zu Weimar, Erfurt (wo die Stadtpfeifer bis gegen Ende des 18. Jahrh. allgemein die „Bache“ hießen) und Eisenach; fehlte es hier oder dort, so zog einer hin und füllte die Lücke aus. So zog namentlich ein Sohn Christoph Bachs, Ambrosius B. (der Vater Joh. Sebast. Bachs), von Erfurt nach Eisenach, um in die Stelle eines andern B. daselbst einzurücken. Als die bedeutendsten Glieder der Familie sind zu nennen:

1) Johann Christoph, Sohn Heinrich Bachs, also Oheim von Sebast. B., geb. 1642 zu Arnstadt, war seit 1661 Organist in Eisenach, wo er 31. März 1703 starb. Der hervorragendste der ältern B., besonders auf dem Gebiet der Vokalmusik, von dem sich eine Art Oratorium: „Es erhob sich ein Streit“ (Offenb. Joh. 12, 7–12), und einige Motetten, auch 44 Choralvorspiele und eine Sarabande mit 12 Variationen für Klavier erhalten haben.

2) Johann Michael, Bruder des vorigen, geb. 1648, seit 1673 Organist in Gehren bei Arnstadt, wo er 1694 starb. Seine jüngste Tochter, Maria Barbara, wurde Joh. Sebast. Bachs erste Frau (die Mutter von Friedemann und K. Philipp Emanuel B.). J. Michael B. war besonders auf instrumentalem Gebiet bedeutend; leider sind nur wenige Choralvorspiele auf uns gekommen, die indessen eine hohe Meinung von seinem Können erwecken. Dagegen stehen seine Vokalwerke, soviel deren erhalten sind, hinter denen seines Bruders zurück.

[209] 3) Johann Sebastian, das hervorragendste Glied der Familie und einer der größten Meister aller Zeiten, geb. 21. März 1685 zu Eisenach als Sohn des dortigen Stadtmusikus Johann Ambrosius B. (geb. 1645). Schon mit 10 Jahren verwaist, kam er in die Pflege seines ältern Bruders, Johann Christoph, Organisten zu Ohrdruf, von dem er den ersten musikalischen Unterricht erhielt. Nach dessen Tod wanderte er, etwa 14 Jahre alt, nach Lüneburg, wo er Diskantist beim Chor des Gymnasiums wurde und höhere Schulbildung erlangte. Von da aus besuchte er häufig das nahe Hamburg, um den Organisten Reinken, sowie Celle, um die dortige Hofkapelle zu hören. Im J. 1703 wurde er Violinist bei der Hofkapelle in Weimar, 1704 Organist in Arnstadt, von wo er 1705 Lübeck besuchte, um den berühmten Orgelmeister Buxtehude zu hören, 1707 Organist in Mühlhausen, 1708 Hoforganist in Weimar, welche Stellung er bis 1717 bekleidete. Im letztern Jahr traf er in Dresden mit dem berühmten französischen Klavierspieler Marchand zusammen, welchem er so imponierte, daß derselbe dem angebotenen Wettstreit durch unerwartete Abreise auswich. B. wurde in demselben Jahr Hofkapellmeister beim Fürsten von Anhalt-Köthen, übernahm jedoch schon 1723 die durch Kuhnaus Tod erledigte Stelle des Kantors an der Thomasschule zu Leipzig, in welcher er bis an sein Lebensende verblieben ist. Abgesehen von seiner Ernennung zum sachsen-weißenfelsischen Kapellmeister und einem Besuch in Berlin (1747), wo er von Friedrich d. Gr. mit Auszeichnung behandelt wurde, verfloß sein Leben zu Leipzig in völliger Zurückgezogenheit, nur seinem Amt, seiner Familie und seinen Schülern gewidmet. Seine bedeutendsten Werke entstanden hier und waren größtenteils, wie namentlich die zahlreichen Kirchenkantaten, durch seine amtlichen Verpflichtungen unmittelbar veranlaßt. Im höhern Alter traf ihn das Mißgeschick, zu erblinden. Er starb 28. Juli 1750 in Leipzig. B. war zweimal verheiratet, das erste Mal mit seiner Base Maria Barbara B., Tochter von B. 2), die 1720 starb; sodann (seit 1721) mit Anna Magdalena, Tochter des Kammermusikus Wülken zu Weißenfels, welche ihn überlebte. Er hinterließ 6 Söhne und 4 Töchter; 5 Söhne und 5 Töchter waren vor ihm gestorben. Sebastian B. war nicht allein einer der genialsten Komponisten, sondern zugleich einer der größten Klavier- und Orgelvirtuosen aller Zeiten. Die gleichzeitig Lebenden bewunderten ihn sogar vorzugsweise in dieser letztern Hinsicht, während die volle Würdigung seiner schöpferischen Thätigkeit einer spätern Generation vorbehalten blieb. Man rühmte unter anderm die vollkommene Deutlichkeit und Gleichmäßigkeit seines Anschlags, Vorzüge, welche durch die von ihm neu festgestellte Applikatur für Tasteninstrumente unterstützt wurden. Zu der technischen Durchbildung und Virtuosität kamen dann aber eine bewunderungswürdige Beherrschung der kontrapunktischen Kunst und ein nie versiegender Reichtum der Phantasie, Eigenschaften, welche seinen freien Vorträgen auf dem Instrument die höchste Bewunderung bei allen Hörern erwarben und ihm von weither Schüler zuführten. Diese aber wurden durch seine Lehre und seinen Vortrag so nachhaltig beeinflußt, daß man mit Recht alle bedeutenden, im Lauf des Jahrhunderts gemachten Fortschritte auf dem Gebiet des Klavier- und Orgelspiels sowie der Theorie auf B. zurückführen darf.

Bachs Werke gruppieren sich in Instrumental- und Vokalkompositionen, jene wiederum in Kompositionen für Orgel, für Klavier und für andre Instrumente. Zu den erstern gehören: die Orgelsonaten, die Präludien und Fugen für Orgel, die Choralvorspiele; zu den Klaviersachen: die 15 Inventionen, die 15 Symphonien, die französischen und englischen Suiten, die Klavierübung in drei Teilen (Partien u. a.), eine Reihe von Tokkaten und andern kleinern Stücken, dann das „Wohltemperierte Klavier“ (24 Präludien und Fugen in allen Tonarten) und die „Kunst der Fuge“. Denselben schließen sich die Sonaten für Klavier und Violine oder andre Instrumente, die Konzerte für zwei oder mehrere Klaviere etc. an. Außerdem schrieb B. Konzert- und andre Solostücke für verschiedene Streich- und Blasinstrumente sowie endlich Ouvertüren, Suiten und Symphonien für Orchester. Allen diesen Werken ist die unglaubliche Kunst der polyphonen Behandlung, wie sie vor und nach Sebastian B. ihresgleichen nicht gehabt hat, charakteristisch. Mit der vollkommensten Sicherheit beherrscht er auch die verwickeltsten Probleme kontrapunktischer Technik und löst sie in kleinen wie in großen Umrissen in vollendeter Weise. Es wäre aber nichts irriger, als wenn man neben dieser großartigen Kunst ihm Melodie und Ausdruck absprechen wollte. Man muß eben festhalten, daß die kontrapunktische Kunst für B. auf der Stufe seiner vollen Entwickelung nicht mehr als etwas Angelerntes und mühsam Angewendetes erschien, sondern daß sie ihm natürliche Sprache und Form des Ausdrucks geworden war, deren Erkenntnis und Verständnis man sich angeeignet haben muß, um die Regungen des tiefen und vollen Gemütslebens, welches in jener Form sich ausspricht, von Grund aus zu verstehen, um den gewaltigen Ausbruch ernster, frommer Stimmung in den Orgelkompositionen und wiederum die melodische Anmut und den Reichtum wechselnder Empfindungen in den Klavierfugen und Suiten vollständig in sich aufzunehmen, in welch letztern er häufig durch Anwendung der leichten französischen Tanzformen den Ansprüchen auf leichte Verständlichkeit und Zugänglichkeit weit genug entgegenkommt. Daher haben wir in den meisten der hierher gehörigen Stücke, namentlich in den einzelnen Nummern des „Wohltemperierten Klaviers“, neben ihrer Formvollendung zugleich Charakterstücke von großer Mannigfaltigkeit zu erblicken, und gerade diese Vereinigung gibt ihnen ihre eigentümliche, einzige Stellung; dieselben sind „bis auf den heutigen Tag ein fester Damm geblieben, an welchem die trüben Fluten des modernen Virtuosentums machtlos sich brechen“. Und trotz alledem waren Bachs Tonschöpfungen nach seinem Tod während eines langen Zeitraums höchstens von einzelnen Kennern gekannt und geschätzt, vom Publikum dagegen so gut wie vergessen. Erst Mendelssohn vermochte es, durch die von ihm 1829 veranstaltete Aufführung der Bachschen Matthäuspassion die allgemeine Teilnahme für den Meister wieder zu erwecken und namentlich seinen großen Vokalwerken den ihnen gebührenden Ehrenplatz im öffentlichen Musikleben Deutschlands wieder zu erringen. Es gehören hierher zunächst die für den Gottesdienst bestimmten Kirchenkantaten, deren er fünf vollständige Jahrgänge geschrieben hat; es sind ihrer noch etwa 226 nachgewiesen, sehr viele aber verloren gegangen. Sie haben in ihrem Text jedesmal Bezug auf das betreffende Evangelium und bestehen aus Recitativen, Arien, polyphonen Chören und dem meistens den Schluß bildenden Choral. Dann sind hier vor allem die großen Passionsmusiken anzuführen, deren B. ebenfalls fünf geschrieben hat, von welchen leider nur zwei erhalten sind: die Johannespassion [210] und die Matthäuspassion, die eine 1724, die andre 1729 zum erstenmal aufgeführt. Die schon von alters her seitens der Kirche veranstaltete musikalisch-dramatische Darstellung der Leidensgeschichte Christi erscheint in diesen Werken zur höchsten formellen Vollendung, zur höchsten musikalischen Schönheit und Kraft des Ausdrucks erhoben. In einer aus epischen, dramatischen und lyrischen Elementen gemischten Form wird uns die Leidensgeschichte plastisch und eindringlich vor Augen geführt. Das erste (epische) Element haben wir in dem recitierenden Evangelisten vor uns, das dramatische in den einfallenden Worten der andern Personen, namentlich Christi selbst, sowie in den lebendigen Chören des Volks, das lyrische in den betrachtenden Arien und Chören, während der der gesamten Darstellung gegenübergestellte Choral wiederum die unmittelbare Beziehung des Werks zum Gottesdienst bezeichnet und die Teilnahme der Gemeinde andeutet. Ein ähnliches Werk, nur im Gegensatz zu jenen mehr heitern Charakters, ist das liebliche Weihnachtsoratorium, 1734 entstanden. In allen diesen Werken zeigt sich vor allem wieder jene großartige polyphone Kunst, die nun bei den ernsten Worten und ausdrucksvollen Themata noch höhere Wirkungen erzielt; dann aber tritt hier jene wunderbare, tiefsinnige Versenkung in den Sinn der Textesworte hervor, welche den seiner Kirche treu ergebenen Mann begeisterten, wie seine höchste Kunst, so seine tiefste Empfindung ihnen darzubringen. Die kontrapunktische Kunst tritt außer in den großen Chören besonders auch in der Behandlung der Choräle hervor, in welchen (sowie in den übrigen Stücken) selbst der häufig schwülstige und geschmacklose Text, wie ihn die Leipziger Poeten jener Zeit (Picander u. a.) ihm lieferten, die Kraft seiner Begeisterung nicht zu hemmen vermochte. Neben diesen großen, zu dem protestantischen Gottesdienst in unmittelbarer oder mittelbarer Beziehung stehenden Werken erscheinen in gleicher Höhe und Vollendung die Bearbeitungen altlateinischer kirchlicher Texte, vor allen die Messen und das Magnifikat. Unter ihnen und unter allen Werken Bachs nimmt die große Messe in H moll (1733) den ersten Platz ein. Ohne hier irgend an eine bestimmte Art der Benutzung beim Gottesdienst denken zu können, hat B., wie früher in die Worte der Bibel, so hier in die altüberlieferten Worte des Glaubensbekenntnisses und die übrigen den Text der Messe bildenden Worte sich gläubig versenkt und sie mit einem Reichtum der Empfindung und mit einer Kraft des Ausdrucks zur Darstellung gebracht, die uns auch heute noch, im Gewand der strengen polyphonen Kunst, tief ergreift und mächtig erhebt. Die Chöre in diesem Werk sind vielleicht das Großartigste, was auf dem Gebiet kirchlicher Tonkunst jemals geschaffen worden ist; die Einzelgesänge, kunstvoll gearbeitet und feinsinnig deklamiert, können jedoch den Stil und Geschmack ihrer Zeit weniger verleugnen; auch läßt sich nicht in Abrede stellen, daß B., seinem vorwiegend dem Instrumentalen zugewandten Naturell folgend, die Bedingungen zur wirksamen Verwendung der menschlichen Stimme hier nicht selten außer acht gelassen hat, wie er überhaupt als Vokalkomponist hinter den Italienern und auch hinter seinen in der italienischen Schule gebildeten Landsleuten, vor allen Händel (s. d.), zurückstehen muß. Unter diesen Umständen erwiesen sich die ihm als Thomaskantor in Leipzig zur Verfügung stehenden bescheidenen Mittel zur Darstellung seiner größern Werke vollends ungenügend; erst der Zeit nach Mendelssohn war es vorbehalten, ihnen durch Aufwendung der reichsten vokalen und orchestralen Mittel völlig gerecht zu werden.

Mit nicht geringerm Erfolg wirkte neuerdings zur Verbreitung der Kenntnis Bachs die 1850 in Leipzig zusammengetretene Bach-Gesellschaft, gegründet von Härtel, K. F. Becker, M. Hauptmann, O. Jahn und R. Schumann; dieselbe stellte sich zur Aufgabe, durch Herstellung einer möglichst vollständigen und korrekten Ausgabe von Bachs sämtlichen Werken dem deutschen Meister das schönste und ehrenvollste Denkmal zu setzen. Von dieser Ausgabe waren 1884 dreißig Bände erschienen. Mitglied der Gesellschaft ist jeder, der einen jährlichen Beitrag von 15 Mk. zeichnet, wofür er jedes Jahr ein Exemplar der im Lauf desselben veröffentlichten Kompositionen empfängt. Einzelne Klavier- und Orgelwerke Bachs erschienen in mehreren Ausgaben. Vollständigere Sammlungen der Klavierwerke veranstalteten zuerst Peters in Leipzig (durch Czerny und Griepenkerl), Haslinger in Wien, später Holle in Wolfenbüttel (durch Chrysander). Die vierstimmigen Choralgesänge wurden herausgegeben von Bachs Sohn Karl Philipp Emanuel (2. Ausg., Berl. u. Leipz. 1784–87, 4 Hefte, 370 Choräle enthaltend, größtenteils Bachs Kirchenkompositionen entnommen; neuer Abdruck 1832), zuletzt von Becker (das. 1843). Um die Herausgabe und Bearbeitung einzelner Werke haben sich Marx und in neuerer Zeit Robert Franz, H. v. Bülow, Fr. Kroll, A. Thomas u. a. Verdienste erworben. Durch Mendelssohns Vermittelung wurde dem großen Musiker 1842 zu Leipzig ein bescheidenes Monument (von Knaur ausgeführt) errichtet; ein zweites, größeres Denkmal (Statue, von Donndorf modelliert) wurde ihm in Eisenach gesetzt und 28. Sept. 1884 feierlich enthüllt. Vgl. Forkel, Über J. S. Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke (Leipz. 1803, neue Ausg., das. 1855); Hilgenfeld, Bachs Leben, Wirken und Werke (das. 1850); Bitter, Johann Sebast. B. (2. Aufl., Berl. 1880–81, 4 Bde.); Spitta, Joh. Sebast. B. (Leipz. 1873–80, 2 Bde.); Mosewius, Joh. Sebast. B. in seinen Kirchenkantaten (Berl. 1845); Derselbe, J. S. Bachs Matthäuspassion (das. 1852).

Eine große Anzahl bedeutender Musiker ging aus Bachs Schule hervor; unter ihnen nehmen seine Söhne einen hervorragenden Platz ein. Unter Bachs elf Söhnen haben sich die folgenden vier in der Geschichte der Musik oder wenigstens im Musikleben ihrer Zeit eine bedeutende Stellung erworben.

4) Wilhelm Friedemann, der älteste und begabteste, aber auch unglücklichste der Söhne Bachs, geb. 1710 zu Weimar, brachte es durch den Unterricht seines Vaters schon in der Jugend so weit, daß selbst der nicht leicht befriedigte Meister das Höchste von ihm hoffte. Auf dem Klavier wie auf der Orgel und im Kontrapunkt errang er früh eine große Meisterschaft und machte auch auf der Violine bedeutende Fortschritte. Seit 1722 besuchte er in Leipzig die Thomasschule, hörte dann Vorlesungen an der Universität, ward 1733 als Organist an die Sophienkirche nach Dresden und 1747 als Musikdirektor und Organist an die Marienkirche nach Halle berufen, daher er auch den Namen des Halleschen B. führt. Im J. 1764 gab er letztere Stelle auf und ging nach Leipzig zurück. Von dieser Zeit an lebte er unstet bald hier, bald da und suchte durch Konzerte, Unterricht und Kompositionen sich seinen Unterhalt zu erwerben. Am längsten hielt er sich in Braunschweig, dann in Göttingen und endlich in Berlin auf, wo er 1. Juli 1784 in kümmerlichen Verhältnissen starb. Sein unordentliches Wesen, sein Künstlerstolz, seine unglaubliche Zerstreutheit, namentlich seine Trunksucht hatten [211] ihn zu keiner ruhigen und sichern Existenz gelangen lassen. Seine Zeitgenossen erkannten in ihm aber den größten Orgelspieler und begabtesten Komponisten nach seinem Vater, und sein Bruder Emanuel war der Überzeugung, daß Friedemann allein im stande sei, wenn er wolle, ihren Vater zu ersetzen. Von seinen jetzt fast verschollenen Kompositionen nennen wir: eine Pfingstmusik („Lasset uns ablegen“), eine Adventsmusik, mehrere Klavierkonzerte, 4 Orgelfugen, 8 Fugetten, 6 Klaviersonaten, 2 Sonaten für zwei konzertierende Klaviere, 12 Polonäsen für Klavier u. a. Außerdem schrieb er ein Werkchen über den harmonischen Dreiklang. E. Brachvogel behandelte sein Leben in einem Roman.

5) Karl Philipp Emanuel, J. S. Bachs dritter Sohn, geb. 14. März 1714 zu Weimar, wurde in Leipzig auf der Thomasschule gebildet, in der Musik von seinem Vater unterrichtet, studierte dann zu Leipzig die Rechte und setzte dieses Studium in Frankfurt a. O. fort. Hier errichtete er eine musikalische Akademie, in welcher seine eignen Kompositionen öfters aufgeführt wurden, und gab Klavierunterricht. Im J. 1738 ging er nach Berlin, von wo ihn der Kronprinz Friedrich nach Neuruppin berief. Nach dessen Thronbesteigung wurde er als Kammermusikus beim König angestellt, wo er nun im Verein mit Männern wie Quantz, Fasch, Franz Benda zur Ausbildung des Geschmacks einflußreich wirkte. Im J. 1767 folgte er einem Ruf als Musikdirektor nach Hamburg, wo er fortan trotz mancher vorteilhaften Anerbietungen blieb. Bei seinem Abgang von Berlin erteilte ihm die Prinzessin Amalie von Preußen den Titel eines Kapellmeisters. Von seinem Aufenthalt in Berlin und Hamburg wird Emanuel der Berliner oder der Hamburger B. genannt. Er starb 14. Dez. 1788 in Hamburg an einer Brustkrankheit. Sein Leben, von ihm selbst beschrieben, findet sich in Burneys „Tagebuch einer musikalischen Reise“ (a. d. Engl., Leipz. 1772, 3 Bde.). Emanuel B. hatte sich die kunstvolle Manier seines großen Vaters vollständig zu eigen gemacht, besaß aber nicht entfernt dessen Erhabenheit und Tiefe; er war mehr elegant und gefällig als gewaltig und ergreifend. Dabei konnte er sich in seiner Wirksamkeit dem Einfluß des Zeitgeschmacks und der weitern Ausbildung der überlieferten Tonformen nicht entziehen. Indem er daher die Strenge des alten Stils mit den Forderungen der Anmut und des sinnlichen Wohllauts zu verschmelzen sucht, bildet er das Mittelglied zwischen der polyphonen Kunst des Vaters und dem homophonen Stil der folgenden Haydn-Mozartschen Epoche. Wieviel diese beiden Meister ihm verdankten, haben sie selbst wiederholt ausgesprochen und unter anderm auch dadurch bewiesen, daß sie die von ihm überkommene Sonatenform in ihren cyklischen Werken unverändert beibehielten. Unter seinen zahlreichen Werken sind hervorzuheben: viele Sonaten, Phantasien und andre Stücke für Klavier allein (darunter die sechs Sammlungen „Sonaten für Kenner und Liebhaber“) und mit Begleitung andrer Instrumente; dann Trios und Symphonien für Orchester, ein Morgengesang am Schöpfungstag, eine Passionsmusik, das Oratorium „Die Israeliten in der Wüste“, das doppelchörige „Heilig“, Melodien zu Gellerts geistlichen Liedern, Cramers Psalmen u. a. Eine neue Ausgabe seiner Klavierkompositionen wurde von Baumgart veranstaltet (Leipz., bei Leuckart); eine andre besorgte H. v. Bülow (das., bei Peters). Besonderes Verdienst erwarb sich B. durch sein Unterrichtswerk „Versuch über die wahre Art, das Klavier zu spielen“ (Leipz. 1753 u. 1763, 2 Bde.), welches zu seinen Lebzeiten den größten Einfluß ausübte und noch jetzt zur Beschämung vieler Virtuosen zeigen kann, einen wie hohen Grad künstlerischer Durchbildung B. vom Klavierspieler verlangte. Vgl. Bitter, Karl Phil. Emanuel und Wilh. Friedemann B. und deren Brüder (Berl. 1868).

6) Johann Christoph Friedrich, geb. 21. Juni 1732 zu Leipzig, studierte erst Jura, wendete sich jedoch später der Musik zu und wurde Kapellmeister des Grafen von Schaumburg, als welcher er glücklich, zufrieden und geehrt in Bückeburg (daher er auch der Bückeburger B. genannt wird) lebte und 26. Jan. 1795 starb. Er war ein vorzüglicher Klavierspieler und komponierte Instrumental- und Vokalstücke verschiedenster Art. Unter den letztern waren zwei Kantaten: „Ino“ (von Ramler) und „Die Amerikanerin“ (von Gerstenberg), zu ihrer Zeit besonders beliebt. Ein Sammelwerk von Klavierstücken: „Musikalische Nebenstunden“, gab er 1786 heraus. Er folgte der Richtung seines Bruders Emanuel, ohne demselben an Talent gleichzustehen.

7) Johann Christian, jüngster Sohn J. S. Bachs, geb. 1735 zu Leipzig, zur Unterscheidung von seinen Brüdern der Londoner, auch der Mailänder B. genannt, ging nach dem Tod seines Vaters nach Berlin, wo er von seinem Bruder Emanuel erzogen und im Klavierspiel und in der Komposition mit Erfolg unterrichtet wurde. Im J. 1754 ging er nach Mailand und wurde dort Organist am Dom, wandte sich jedoch 1759 nach London, wo er Kapellmeister der Königin wurde. Er komponierte eine Reihe von Instrumentalstücken für Klavier und andre Instrumente, kleinere Gesangsachen und Opern, von denen „Orione, ossia Diana vendicata“ (1763) großen Beifall fand; eine andre, „La clemenza di Scipione“, wurde noch 1805 aufgeführt. In allen diesen Arbeiten zeigt er sich noch mehr als sein Bruder Emanuel geneigt, dem Zeitgeschmack Zugeständnisse zu machen, wie er auch persönlich dem leichten Lebensgenuß sehr zugethan war. Er starb im Januar 1782 in London. – Seine Frau, eine Italienerin, Cecilia, geborne Grassi, war seit 1767 Primadonna der Londoner Oper.

Der letzte Sprößling der berühmten Familie ist:

8) Wilhelm Friedrich Ernst, Sohn des Bückeburger B., geb. 27. Mai 1759. Erst unter der Leitung seines Vaters, dann seines Oheims Christian in London, machte er in der Musik die glänzendsten Fortschritte und trat in Frankreich und Holland konzertierend mit großem Beifall auf. Später ließ er sich in Minden nieder und komponierte hier zur Bewillkommnung des Königs Friedrich Wilhelm III. eine Kantate: „Die Nymphen der Weser“, infolgedessen er 1798 Kapellmeister der Königin Luise und in der Folge Musiklehrer aller königlichen Kinder wurde. Er starb 25. Dez. 1845 in Berlin. Sein Oratorium „Vater unser“ (Text von Mahlmann), die Kantate „Kolumbus“, seine Symphonien, Lieder, Quartette, Sonaten verschafften ihm großes Ansehen beim Hof; im Druck ist nur einzelnes davon erschienen.

Bach, 1) August Wilhelm, Orgelspieler und Komponist, geb. 4. Okt. 1796 zu Berlin, wo sein Vater Organist an der Dreifaltigkeitskirche war, genoß den Unterricht Zelters und Bergers, wurde 1816 Organist an der Marienkirche, bald darauf auch Lehrer an dem neuerrichteten königlichen Institut für Kirchenmusik und nach Zelters Tod (1832) Direktor desselben. Seit 1833 Mitglied der Berliner Akademie der Künste sowie Mitglied des Senats derselben, starb B. 15. April 1869 in Berlin. Unter seinen [212] Kompositionen sind außer zahlreichen Präludien, Postludien und Fugen für die Orgel zu nennen: „Der praktische Organist“, eine Sammlung verschiedenartiger Orgelkompositionen; ein „Choralbuch“, Lieder, Psalmen und das Oratorium „Bonifacius“.

2) Alexander, Freiherr von, österreich. Staatsmann, geb. 4. Jan. 1813 zu Loosdorf in Niederösterreich, Sohn des frühern Oberamtmanns, seit 1831 Rechtsanwalts in Wien, Michael B. (gest. 1842), studierte in Wien die Rechte und arbeitete dann neun Jahre in der kaiserlichen Kammerprokuratur. Nach dem Tode des Vaters übernahm er dessen Advokatur in Wien. Nach der Märzrevolution von 1848 als einer der Vertreter des Advokatengremiums in den verstärkten ständischen Ausschuß berufen, diente er als Unterhändler mit dem Hof. B. erstrebte vor allem die freisinnige Neugestaltung Österreichs, in dessen Beziehung zu Deutschland aber wollte er nichts ändern. In diesem Sinn wirkte er als Mitglied des Wiener Gemeinderats und als Abgeordneter zum Reichstag. Schon unter dem Ministerium Pillersdorf indirekt an den Geschäften beteiligt, übernahm er in dem Ministerium Doblhof-Wessenberg (18. Juli 1848) das Portefeuille der Justiz. Mit den Liberalen brach er nun völlig und verband sich mit der aus konservativen und slawischen Elementen zusammengesetzten Majorität auf das engste. Während des Oktoberaufstandes begab er sich in das Lager des Generals Auersperg, zog sich aber auf die Nachricht von der Entlassung der mißliebig gewordenen Minister nach Salzburg zurück; um 21. Nov. 1848 zu Olmütz als Justizminister des Ministeriums Schwarzenberg-Stadion wieder aufzutauchen. Nach Stadions Austritt übernahm er 21. Mai 1849 provisorisch, 28. Juni definitiv das Portefeuille des Innern. Als Justizminister entwarf er die sogen. provisorischen Gesetze über die Presse, die Vereine, das Associationsrecht, hob die Patrimonialgerichte auf, errichtete neue Gerichte aller Instanzen, führte die Ablösung durch und setzte in allen Provinzen Kommissionen nieder, welche die Entschädigung für die ehemaligen Lasten ermitteln sollten. Als Minister des Innern erstrebte er eine straffe Zentralisation und stützte sich zu diesem Zweck auf die absolutistisch und ultramontan gesinnten Elemente. Er erreichte durch unermüdliche Thätigkeit und Energie eine Zeitlang bedeutende Erfolge. Der Abschluß des Konkordats war nur mittelbar sein Werk. Nach dem unglücklichen Krieg 1859 mußte B. als das Haupt der absolutistisch-ultramontanen Partei zurücktreten und ging als Gesandter nach Rom, wo er als Stütze der Ultramontanen und geheimer Gegner der in Österreich selbst beginnenden liberalen Richtung bis 1870 thätig war. Er war 1854 vom Kaiser in den Freiherrenstand erhoben worden. – Sein Bruder Eduard, Freiherr von B., geb. 1814, war 1846–47 Kreishauptmann in Galizien und der Bukowina, 1849–50 Zivilkommissar in Siebenbürgen und seit 1852 längere Zeit Statthalter von Oberösterreich, als welcher er 1854 bis 1855 in außerordentlicher Eigenschaft das Zivilkommissariat in den Donaufürstentümern bekleidete. Er starb 8. Febr. 1884.

3) Otto, Komponist, geb. 1833 zu Wien, machte seine theoretischen Studien unter Sechter daselbst, wirkte dann mehrere Jahre als Lehrer am dortigen Konservatorium, ging 1866 als Theaterkapellmeister nach Augsburg, 1868 als Direktor des Mozarteums nach Salzburg und ist seit 1880 Chordirektor an der Votivkirche in Wien. Bachs vorzüglichste Werke sind: eine Symphonie in D moll, ein großes Streichquartett (welches bei einer von der Gesellschaft Ste.-Cécile in Bordeaux veranstalteten Preisbewerbung den ersten Preis errang), die tragischen Opern: „Sardanapal“ und „Lenore“, ein Pianoforte-Trio (Op. 7) und verschiedene Gesangswerke.