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Litterarische Begegnungen (Ludwig Ganghofer)

Textdaten
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Autor: Wilhelm Goldbaum
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Titel: Litterarische Begegnungen. Ludwig Ganghofer.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 123–124
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe Ludwig Ganghofer
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Litterarische Begegnungen.
Von Wilhelm Goldbaum.
Ludwig Ganghofer.

Wenn man als geborener Oberbayer in die Fremde muß, wohin man die heimischen Berge, den Zugspitz, den Watzmann, den Hochkalter, nicht mitnehmen kann, so thut man am klügsten, nach Wien zu gehen. Da giebt’s in den Vorstädten noch recht artige Berge, nicht ganz so hoch wie der Thurm von St. Stephan, aber hoch genug, daß der Gaul eines Einspänners schweißtriefend hinauskeuchen muß und daß man im dritten Stockwerke eines Hauses, welches auf solchem Berge steht, sich in einer Montgolfière wähnen kann. Mein Freund Ludwig Ganghofer wohnt in einer solchen Montgolfière , er genießt Tag und Nacht, bei Sonnen- und Mondenschein, die entzückendste Fernsicht, aber als ich ihn zum ersten Male in seinem Wiener Heim aufsuchte, da war’s mir doch, als ob die Jachenau und das Trischübelthal und der Funtensee und alle sonstigen Kogl und Wandl, von denen er in seinen Büchern erzählt, zwar beschwerlicher zu erreichen, aber lohnender seien als das „Kaunitzbergl“ draußen in der Mariahilfervorstadt. Damit will ich beileibe diesem „Kanntzbergl“ im Volksmunde heißt es auch das „Ratzenstadl“ – nicht zu nahe treten, denn es bat eine alterwürdige Geschichte. Welche Rolle es bei der großen Türkenbelagerung gespielt hat, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß es einst die Villa des Fürsten Kaunitz auf seinem Rücken trug, dieselbe Villa, in welcher der allmächtige Staatskanzler eines Tages von dem Papste Pius VI. besucht wurde und den römischen Gast empfing, ohne ihm die Hand zu küssen, was in ganz Europa damals gebührendes Aufsehen erregte. Auch ist das „Kaunitzbergl“ sonst noch durch mancherlei interessant, unter Anderem dadurch, daß es wie eine Reliquie aus alten Zeiten sich inmitten der Großstadt unversehrt erhalten hat mit seinen Giebelhäuschen, seinen Ziehbrunnen, seinen Lauben, Galerien und Beduten. Aber als ein modernes Menschenkind, das die Musen nur ganz von Weitem ihres Verkehrs würdigen, erachte ich es nicht als etwas Arges, zu meinen, daß man entweder um jeden Preis, wie es bei einem geborenen Oberbayern der Fall sein mag, sich die Illusion eines Gebirges auch in der Stadt muß erhalten wollen, oder daß man als ein bei der Theilung der Erde zu kurz gekommener Dichter auf den Himmel angewiesen ist, wenn man in Wien sich just das „Kaunitzbergl“ zum Domicil aussucht.

Nichts für ungut. Ich weiß, daß auf den Bergen die Freiheit wohnt, und dorthin wird sie sich wohl auch in Wien zurückgezogen haben, um recht unbeachtet und unbegehrt zu leben da man ihr in den Zinspalästen auf der Ringstraße recht selten begegnet. Aber wenn, um ein Wort William Penn’s zu variiren, Komfort ohne Freiheit Sklaverei ist, so ist doch Freiheit auf dem „Kaunitzbergl“ auch nicht gerade ein idealer menschlicher Zustand, und ich habe dies meinem Freunde Ludwig Ganghofer gerade heraus ins Gesicht gesagt, als ich zum ersten Male schwer athmend über seine Schwelle trat, trotzdem von den Wänden seines Arbeitszimmers eine ganze Kollektion von Büchsen drohend auf mich herniederschaute und ein paar Dutzend Gemskrückeln und Hirschgeweihe in allen möglichen Größen mir verriethen, wie bedenklich es ist, sich dem Nimrod und Poeten aus Oberbayern unangenehm zu machen. Ach Gott, wenn ich bedenke, wie anders es in dem Studio Berthold Auerbach’s auf der Berliner Hohenzollernstraße aussah! Da war von Büchsen und Geweihen keine Spur, obwohl die Schwarzwälder Dorf- und Bauerngeschichten doch auch in Feld und Wald draußen spielen, und der kleine, gedrungene, wortreiche Auerbach traf eher hundert Gedanken gerade aufs Blatt, als daß er dem winzigsten Häslein etwas zu Leide that. Der hochgewachsene, hellblonde Allgäuer aber, der sich auf das Wiener „Kaunitzbergl“ verpflanzt hat, spricht ganz und gar nicht eitel Weisheit und Lebensphilosophie, er stellt sich mit seinen langen Beineu mitten hinein in die Bergwelt seiner bayerischen Heimath und sagt, das bin ich und das ist Burgei, die Sennerin, das Gabi, der Jager, das Dschapei, das gefühlvolle Lamm – so leben, denken, lieben und sterben wir bei uns daheim und damit Basta! Zum Ueberfluß giebt er auch noch, wenn er gerade gesprächig ist, ein paar halsbrecherische Jagdabenteuer „ungedruckt“ zum Besten oder schreibt einer Dame, die ihm ihr Album überreicht, knapp hinter einem Gedenkverslein Karl Stieler’s die lapidaren Worte: „Der Bua soll hinterm Meister gehn“.

Hinterm Meister … das ist so eine façon de parler, die sich ein junger Poet zurechtlegt, so lange er noch im Bewußtsein mangelnder litterarischer Volljährigkelt Bescheidenheit heucheln muß. Aber da liegen nicht weniger als zehn robuste Bände Ganghofer’scher Dichtung vor mir, Gedichte, Novellen, Dramen, und ich weiß ganz genau, daß Freund Ludwig vor seinem zweiunddreißigsten Geburtstage steht – braucht er sich nun noch auf einen Meister zu berufen oder glaubt er bei seinem körperlich und litterarisch vollkommen ausgewachsenen Zustande, daß irgendwer ihn für einen Gesellen halten wird, der noch in eines Anderen Werkstätte arbeiten muß? Der Poet hat überhaupt keinen Meister, sondern höchstens ein Vorbild. Und hätte man das wahre Vorbild Ganghofer’s zu ergründeten, so läge ja nichts näher als auf Berthold Auerbach zu rathen, der trotz Jeremias Gotthelf der Vater der deutschen Dorfgeschichte ist. Aber auch das wäre eine falsche Fährte. Berthold Auerbach ist zur Dorfgeschichte gekommen durch den Antrieb der Zeit, ihrer Bildungsinteressen und ihres litterarischen Bedürfnisses; damals war Alles Tendenz und der Begriff des Volkes in seinem ganzen Umfange noch nicht parlamentarisch abgenützt und durch den Ehrgeiz der Großstädte absorbirt. Weil aber die Tendenz vor dem Gedichte da war, so ist es verständlich, daß Auerbach sich in das Dorf- und Bauernleben erst hineinspekuliren mußte und daß an seinem Walde der unmittelbare Tannengeruch durch ein Surrogat ersetzt wird, wie man etwa daheim in seiner Stube sich das Arom des Waldes herstellt, indem man ein paar Tropfen Reichenhaller Latschenöls in siedendes Wasser schüttet. Heute ist die Tendenz verpönt, man will, daß der Dichter nichts sei als der Menschen- und Schicksalsbildner nach dem Vorbilde der Wirklichkeit, der Künstler, der die Wirklichkeit zur Wahrheit erhebt. Diesen Unterschied der Zeiten übersehen Jene, welche die Dichtung als Nebensache betrachten und über jede ländliche Geschichte ihre weisen Nasen rümpfen. Die heutige Dorfgeschichte ist etwas ganz Anderes als die Dorfgeschichte vor vierzig Jahren und leugnen wird es doch wohl Niemand, daß das Menschenleben unter den „Almern und Jagersleuten“ nicht minder seine schicksalsvollen Wandlungen und Katastrophen hat wie dasjenige in den Salons oder den Fabrikvierteln der großen Städte.

Zuletzt handelt es sich aber bei Ganghofer auch gar nicht um Dorfgeschichten in dem hergebrachten Sinne; er begegnet auf der Jagd, im Hochgebirge Charakteren und Konflikten, die er als Poet erfaßt und künstlerisch fixirt, wobei er nur um der äußeren Treue willen Dialekt und Scenerie beibehält. Verlaufen sich vorlaute Großstädter wie der famose Herr v. Strizzow auf die Alm, so meinen sie freilich, es sei gar keine Kunst, eine schmucke Sennerin da droben zur Heldin einer Novelle zu machen, und seit die Alpenbahnen bestehen, sind ja die Strizzows auf allen Berggipfeln zu finden, wie ehedem der Tausendsasa Kieselak. Aber Poeten sind sie darum noch lange nicht, und eine Sennerin wie die silberblonde Burgei, die als Wilddiebin sich und den armen Jager Gabi ins Verderben reißt, taucht ihnen nicht einmal im Traume vor ihrem Geiste auf. Wer ist aber diese Wilddiebin zuletzt Anderes als Gutzkow’s Lucinde, als Spielhagen’s Eva, ein Weib, das die Wege seines Geschlechtes verläßt und sich nicht mehr auf dieselben zurückfinden kann, nicht einmal, da es jählings von der Liebe erfaßt und wenigstens noch für einen einzigen Moment vor dem Sterben in die Hilflosigkeit seines Geschlechtes zurückgeschleudert wird? Das sind verkörperte Probleme, nicht Puppen, von denen sich etwa mit Goethe sagen ließe: „Kleid’ eine Säule, sieht aus wie ein Fräule.“ Und Probleme, die der Wald, das Dorf, die Alm so gut und so oft zu lösen aufgeben wie das Menschengedränge in der Großstadt …

Ludwig Ganghofer ist im Walde geboren als der Sohn eines Forstmannes, der sich nicht damit begnügte, sein Revier abzugehen, überzählige Baumstämme zu märken und irrendes Wild aufzuspüren, sondern strebend und arbeiteud zur höchsten Stellung emporstieg, welche der Staat einem Waidmann einzuräumen hat. Von mütterlicher Seite fällt auf ihn der Wiederschein einer künstlerischen Tradition, denn sein Großvater war ein Mitarbeiter Klenze’s in München und sein Oheim, wenn ich nicht irre, der Erbauer des Aschaffenburger Pompejanums. Dieses doppelte Erbe bildet den Grundstock seines dichterischen Vermögens. Fast ergreifend schildert er selbst seine ersten Waldeseindrücke. „Wenn der Lenzwind leise durch die Wipfel plauderte und mit zischelndem Rauschen vom Waldsaume herniederstrich über die rohrdurchwachsenen Forellenteiche, wenn hoch in sonnigen Lüften der Weih seine stillen Kreise spannte, wenn aus den abenddunklen Buchen und Eichen das Gurren und Liebeslocken der Wildtauben klang, wenn am thauigen Wiesengrunde das schlanke, braune Reh im Dämmerlicht zu Aesung zog und der graue Reiher mit weitem Flügelzuge zu Horste strich – wenn dann erst die Nacht herniedersank über die weite Flur, wenn ich pochenden Herzens am offenen Fenster saß, dem eintönigen Liede der Unken lauschte und dem schauerlichen Huhn des „Holimanns“, der draußen im schwarzen Walde seine Kinder, die [124] Käuzlein, zum Nachtgejaide rief, da trieb meine jugendliche Phantasie ihre Blüthen, so seltsam und zahlreich wie der Waldgrund seine Pilze treibt nach einer lauen Regennacht!“ Aber bis man überkommene Reichthümer verwalten lernt, hat man mit sich und seinem Besitze Manches auszukämpfen. Die Natureindrücke der Kindbeit wirken fort, Enthusiasmus und Melancholie weckend; das Künstlerblut treibt zum Schaffen und zum Gestalten. O dieses Gähren zwischen Wollen und Empfinden widerstrebt lange aller Disciplin und Philosophie. Man macht verzweifelt traurige Verse, die zu den rothen jugendlichen Wangen einen fast komischen Kontrast bilden; man wirft sich auf den derben Fischart und überletzt den empfindsamen Muffet. Längst schon ist man der gluckliche Besitzers eines Doktorhutes; aber noch immer taumelt man auf den ausgetretenen Pfaden der Poetik dahin, berauscht von eingebildeten Schmerzen und abgelenkt von nicht eingebildeten Wonnen. Verse sind schnell gemacht und der leichtgefundene Reim bläst sich auf, als umschlösse er das Geheimniß der Kunst. Ach Gott, die liebe blonde Jugend, die kaum erst den Schläger aus der Hand gelegt, ist über Nacht mit einem Bande von Gedichten fertig, und wenn sie selber, wie noch vorgestern knapp am Katzenjammer, laut aufstöhnt bei dem Klange ihrer eigenen Verzweiflungslyrik, wenn zärtliche Mägdlein im Englischen Garten dazu Thränen der Rührung träufeln, dann ist das Bild von Sais siegreich entschleiert. Aber dann kommt eine Stunde der Bedenklichkeit und dann noch eine, und aus den Stunden werden Tage, Wochen, Jahre, und die Welt hat plötzlich ein anderes Gesicht; man hört und sieht, was man vorher kaum geträumt. Das Geschaute will sich nicht mehr in die enge vierzeiliger Strophen fügen, es sprengt, sich gestaltend, den knappen lyrischen Rahmen, und wie von selbst erbietet sich die novellistische Form, die unbeengte Sprache der Prosa, zu fassen, was dem Bambus und Trochäus überquoll.

Als Ludwig Ganghofer im Jahre 1879 seine erste Novelle, den „Herrgottsschnitzer von Oberammergau“ geschrieben hatte, da war der rechte Weg gefunden, seine litterarische Physiognomie ward erkennbar, wenn auch noch mancher Strich und mancher Zug an ihr sich zu verschieben und zu vertiefen hatte.

Und dann kam wieder eine Stunde – ich meine, es war im Café Maximilian zu München, wo die Kellnerinnen mit ihren verschlafenen Gesichtern und ihren Geldtäschchen so lautlos von Tisch zu Tisch gleiten – da setzte sich in dem Kopfe des jungen Poeten die Geschichte von Pauli, dem Schnitzer, und Loni, der spröden Magd, in ein Drama um, in ein „Volksschauspiel“, dem auch Auerbach seinen Patriarchensegen nicht vorenthielt. Von der Lyrik zur Novelle, von der Novelle zum Drama – es ist wie der gewiesene Weg, den die Dichtung selbst schreitet, um sich und ihre Wirkungen zu erhöhen … Ich habe drei Stücke Ganghofer’s auf drei verschiedenen Bühnen in drei verschiedenen Städten gesehen, in Berlin den „Herrgottsschnitzer von Oberammergau“, in Wien den „Proceßhansel“, in München den „Geigenmacher von Mittenwald“; überall beobachtete und entpfand ich eine starke Wirkung; nirgends schien der Dramatiker abhängig zu sein von der Unterstützung durch die Darsteller. Liegt in dem Volksschauspiele, in der dramatisirten Dorfgeschichte an und für sich eine so eindrucksvolle Kraft, daß es der scenischen und schauspielerischen Mittel weniger bedarf als Lust-, Schau- und Trauerspiel?…Es ist ein lauer Sommerabend; ich sitze mit einigen Freunden im Garten des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters. Ein und aus strömt die Menge während der Zwischenakte, diese angeblich kalte, kritische, unempfängliche Menge des Berliner Theaterpublicums, und voll strömender Beredsamkeit preist sie das bayerische Stück, das ihr darin vorgeführt wird … und etliche Jahre später sehe ich im Münchener Gärtnertheater wiederum ein Stück desselben Genres und desselben Dichters, und wiederum braust ein mächtiger Beifall durch das Haus … Die verketzerte, geringgeschätzte, zurückgelegte Dorfgeschichte, die neuartige tendenzlose Dorfgeschichte von heute hat sich durch die Bühne legitimirt, unter dem gefährlichen Lampenschein, der so grell auf das Unzugängliche und so belebend auf das echte niederscheint. Und so wahr es ist, daß schlechte Stücke durch gute Schauspieler nur nothdürftig über Wasser gehalten werden können, so gewiß, wird es mir, daß gute Stücke durch schlechte Schauspieler nicht zu tödten sind, da ich an einem dritten Abend in Wien den „Proceeßhansel“ in ungehörigster Weise mißhandeln sehe. Wie Themistokles dem ehrwürdigen Ephialtes, der mit einem stocke auf ihn eindringt, entgegenruft: „Schlag’ zu, aber höre!“ so ruft aus einem guten Stücke der Dichter über den schlechten Schauspieler hinweg dem Publikum zu: „Glaube mir, nicht ihm!“

Ich blättere in dem Buche des zweiunddreißigjäbrigen Dichterlebens, das Ludwig Ganghofer’s Namen als Aufschrift trägt, von den lyrischen Gwewaltthätigkeiten der Sturm- und Drangzeit bis zu den durchgereiften Novellen von heute, zum „Edelweißkönig“ und zu dem zweibändigen Roman „Die Sünden der Väter“, und je länger ich blättere, desto langsamer wenden sich die Seiten. Wie hat sich doch in der knappen Frist von acht Jahren das Alles vertieft und entwickelt! Da kann von sogenannten glücklichen Würfen nicht mehr die Rede sein, es ist ehrliche, vorwärtsstrebende, erfolgreiche Arbeit. Aechzend und mit schweißtriefender Stirn macht der Bergsteiger Halt, wenn er droben, in einer Höhe von zweitausend Metern, plötzlich den klaren Spiegel des Funtensees erblickt. Auf dem Wege ist manche Lawine dumpfrollend hinter ihm niedergegangen, der Bergstock zitterte in seiner Hand und unter seinem Fuße bröckelte das tückische Gestein. Jetzt klappert inmitten der ungeheuren Oede die Mühle am See, die höchste auf dem erdenrund, und aus den Wellen meint er sie geisterhaft anfragen zu sehen, die bleichen Arme der blonden Wilddiebin Burgei. Der Watzmann aber und der Hochkalter und der Göll schauen mit ihren weißen Häuptern unverwandt herüber, einer über die Schultern des anderen, und sie schauen vielleicht noch weiter und weiter, bis zum „Kaunitzbergl“ nach Wien, wo ein Zwerg von einem Menschenkinde ihre Schicksale und Geheimnisse ausplaudert, als hätten sie selbst ihm diese Schicksale und Geheimnisse verrathen. Ach ja, ihr weltfremden, verwitterten Riesen, der Poet ist euer Meister; ihr seid stumm wie die Ewigkeit und redet doch dem lauschenden Ohre des Dichters – in einer Sprache freilich, die nur er versteht.