Lichtenstein/Zweiter Teil/I

Erster Teil, Anmerkungen Lichtenstein von Wilhelm Hauff
Zweiter Teil, Kapitel I
Kapitel II
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[169]

Zweiter Teil.




I.


 „Von vieler Burgen Walle
 Des Bundes Fahnen wehn,
 Die Städte huld’gen alle,
 Kein Schloß mag widerstehn,
 Nur Tübingen, die Feste,
 Verspricht noch Wehr und Trutz.“
 G. Schwab.[1]


Der Schwäbische Bund war mit Macht in Württemberg eingedrungen, von Tag zu Tag gewann er an Boden, von Woche zu Woche wurden seine Heere furchtbarer. Zuerst war nach langer, mutiger Gegenwehr der Höllenstein, das feste Schloß von Heidenheim, gefallen. Ein tapferer Mann, Stephan von Lichow, hatte dort befehligt[2], aber mit seinem Paar Feldschlangen, mit einer Handvoll Knechte konnte er den Tausenden des Bundes und der Kriegskunst eines Frondsberg nicht widerstehen. Bald nachher fiel Göppingen. Nicht minder tapfer als der von Lichow hatte sich Philipp von Rechberg[3] gewehrt, hatte sogar für sich und seine Knechte freien Abzug erfochten; aber das Schicksal des Landes vermochte er nicht abzuwenden. Teck, damals noch eine starke, feste Burg, fiel durch Unvorsichtigkeit der Besatzung; am mutigsten hielt sich Meckmühl, es schloß einen Mann in seinen Mauern ein, der sich allein mit zwanzig der Belagerer geschlagen [170] hätte; sein eiserner Wille war oft nicht minder schwer als seine eiserne Hand auf ihnen gelegen. Auch diese Mauern wurden gebrochen, und Götz von Berlichingen fiel in des Bundes Hand. Auch Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht widerstehen; es war die festeste Stadt gewesen, mit ihr fiel das Unterland.[Hauff 1]

So war nun ganz Württemberg bis herauf gegen Kirchheim in der Bündischen Gewalt, und der Bayern Herzog brach sein Lager auf, um mit Ernst an Stuttgart zu gehen. Da kamen ihm Gesandte entgegen nach Denkendorf, die um Gnade flehten. Sie durften zwar nicht wagen, vor dem erbitterten Feind ihren Herzog zu entschuldigen, aber sie gaben zu bedenken, daß ja er, die Ursache des Krieges, nicht mehr unter ihnen sei, daß man nur gegen seinen unschuldigen Knaben, den Prinzen Christoph, und gegen das Land Krieg führe. Aber vor der ehernen Stirne Wilhelms von Bayern, vor den habgierigen Blicken der Bundesglieder fanden diese Bitten keine Gnade. Ulerich habe diese Strafe verdient, gab man zur Antwort, das Land habe ihn unterstützt, also mitgefangen, mitgehangen, – auch Stuttgart mußte seine Thore öffnen.[Hauff 2]

Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollständig; der größte Teil des Oberlandes hielt noch zu dem Herzog, und es schien nicht, als ob er sich auf den ersten Aufruf ergeben wollte. Dieses höher gelegene Gebirgsland wurde von zwei festen Plätzen, Urach und Tübingen, beherrscht, solange diese sich hielten, wollten auch die Lande umher nicht abfallen. In Urach hielt es die Bürgerschaft mit dem Bunde, die Besatzung mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge, worin der tapfere Kommandant erstochen wurde, die Stadt ergab sich den Bündischen.

Und so war in der Mitte des April nur Tübingen noch übrig; doch dieses hatte der Herzog stark befestigt; dort waren seine Kinder und die Schätze seines Hauses dem Kern des Adels, vierzig wackeren, kampfgeübten Rittern, und zweihundert der tapfersten Landeskinder war das Schloß anvertraut. Diese Feste war stark; mit Kriegsvorräten wohl versehen, an ihr hingen jetzt die Blicke der Württemberger; denn aus diesen Mauern war ihnen schon [171] manches Schöne und Herrliche hervorgegangen, von diesen Mauern aus konnte das Land wieder dem angestammten Fürsten erobert werden, wenn es sich so lange hielt, bis er Entsatz herbeibrachte. Und dorthin wandten sich jetzt die Bündischen mit aller Macht. Ihrer Gewappneten Schritte tönten durch den Schönbuch, die Thäler des Neckars zitterten unter dem Hufschlag ihrer Rosse; auf den Feldern zeigten tiefe Spuren, wohin die schweren Feldschlangen, Falkonen und Bombarden, die Kugel- und Pulverwagen, der ganze furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war.

Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht gesehen. Ein tiefer, aber süßer Schlummer hielt wie ein mächtiger Zauber seine Sinne viele Tage lang gefangen; es war ihm in diesem Zustand wohl zu Mut wie einem Kinde, das an dem Busen seiner Mutter schläft, nur hin und wieder die Augen ein wenig öffnet, um in eine Welt zu blicken, die es noch nicht kennt, um sie dann wieder auf lange zu verschließen. Schöne beruhigende Träume aus besseren Tagen gaukelten um sein Lager, ein mildes, seliges Lächeln zog oft über sein bleiches Gesicht und tröstete die, welche mit banger Erwartung seiner pflegten.

Wir wagen es, den Leser in die niedere Hütte zu führen, die ihn gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen des neunten Tages, nachdem er verwundet wurde.

Die Morgensonne dieses Tages brach sich in farbigen Strahlen an den runden Scheiben eines kleinen Fensters und erhellte das größere Gemach eines dürftigen Bauernhauses. Das Geräte, womit es ausgestattet war, zeugte zwar von Armut, aber von Reinlichkeit und Sinn für Ordnung. Ein großer eichener Tisch stand in einer Ecke des Zimmers, auf zwei Seiten von einer hölzernen Bank umgeben. Ein geschnitzter, mit hellen Farben bemalter Schrein mochte den Sonntagsstaat der Bewohner oder schöne selbstgesponnene Leinwand enthalten; das dunkle Getäfer der Wände trug ringsum ein Brett, worauf blanke Kannen, Becher und Platten von Zinn, irdenes Geschirr, mit sinnreichen Reimen bemalt, und allerlei musikalische Instrumente eines längst verflossenen Jahrhunderts, als Zimbeln, Schalmeien und eine Zither, [172] aufgestellt waren. Um den großen Kachelofen, der weit vorsprang, waren reinliche Linnen zum Trocknen aufgehängt, und sie verdeckten beinahe dem Auge eine große Bettstelle mit Gardinen von großgeblümtem Gewebe, die im hintersten Teil der Stube aufgestellt war.

An diesem Bette saß ein schönes, liebliches Kind von etwa sechzehn bis siebzehn Jahren. Sie war in jene malerische Bauerntracht gekleidet, die sich teilweise bis auf unsere Tage in Schwaben erhalten hat. Ihr gelbes Haar war unbedeckt und fiel in zwei langen, mit bunten Bändern durchflochtenen Zöpfen über den Rücken hinab. Die Sonne hatte ihr freundliches, rundes Gesichtchen etwas gebräunt, doch nicht so sehr, daß es das schöne jugendliche Rot auf der Wange verdunkelt hätte; ein munteres, blaues Auge blickte unter den langen Wimpern hervor. Weiße faltenreiche Ärmel bedeckten bis an die Hand den schönen Arm, ein rotes Mieder, mit silbernen Ketten geschnürt, mit blendend weißen, zierlich genähten Linnen umgeben, schloß eng um den Leib; ein kurzes, schwarzes Röckchen fiel kaum bis über die Kniee herunter; diese schmucken Sachen und dazu noch eine blanke Schürze und schneeweiße Zwickelstrümpfe mit schönen Kniebändern wollten beinahe zu stattlich aussehen zu dem dürftigen Gemach, besonders da es Werktag war.

Die Kleine spann emsig feine, glänzende Fäden aus ihrer Kunkel, zuweilen lüftete sie die Gardinen des Bettes und warf einen verstohlenen Blick hinein. Doch schnell, als wäre sie auf bösen Wegen erfunden worden, schlug sie die Vorhänge wieder zu und strich die Falten glatt, als sollte niemand merken, daß sie gelauscht habe.

Die Thüre ging auf, und eine runde ältliche Frau in derselben Tracht wie das Mädchen, aber ärmlicher gekleidet, trat ein. Sie trug eine dampfende Schüssel Suppe zum Frühstück auf und stellte Teller auf dem Tische zurecht. Indem fiel ihr Blick auf das schöne Kind am Bette, sie staunte sie an, und wenig hätte gefehlt, so ließ sie den Krug mit gutem Apfelwein fallen, den sie eben in der Hand hielt.

„Was fällt der aber um Gottes Willa ei’, Bärbele“, sagte sie, [173] indem sie den Krug niedersetzte und zu dem Mädchen trat, „was fällt der ei’, daß de am Wertich da nuia rautha Rock zum Spinna anziehst? und au ’s nui Mieder hot se an, und, ei daß di! – au a silberne Kette. Und en frischa Schurz und Strümpf no so mir nix dir nix aus em Kasta reißa? Wer wird denn en solcha Hochmuat treiba, du dumms Ding, du? Woißt du net, däß mer arme Leut sind? und daß du es Kind voma ouglückliche Mann bist? –“[Hauff 3]

Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden lassen; sie schlug zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches Lächeln, das über ihr Gesicht flog, zeigte, daß die Strafpredigt nicht sehr tief gehe. „Ei, so lasset uich doch brichta“, antwortete sie, „was schadet’s denn dem Rock, wenn i ihn au amol amma christlicha Wertag ahan? an der silberna Kette wird au nix verderbt, und da Schurz kann i jo wieder wäscha!“[Hauff 4]

„So? als wemma et immer gnuag z’wäscha und z’puza hätt? So sag mer no, was ist denn in de gfahra, daß de so strählst und schöa machst?“[Hauff 5]

„Ah was!“ flüsterte das errötende Schwabenkind, „wisset er denn net, daß heut der acht’ Tag ist? hot et der Aetti g’sait, der Junker werd’ am heutiga Morga verwacha, wenn sei Tränkle guete Wirking häb? und do hanne eba denkt –“[Hauff 6]

[174] „Ist’s um dui Zeit?“ entgegnete die Hausfrau freundlicher; „Da host wärle reacht; wenn er verwacht und sieht älles so schluttich und schlampich, se ist et guot und könnt Verdruß gä bei’m Ätte. Ih sieh au aus wie na Drach. Gang Bärbele; holmer mei schwaarz Wammas, mei rauts Miader und en frischa Schurz.“[Hauff 7]

„Aber Muater“, gab die Kleine zu bedenken. „er wendt ich doch ett do athau wella? wenn der Junker jetzt no grad verwacha thät? ganget lieber uffe und theant ich droban a, i bleib’ derweil bei em.“[Hauff 8]

„Da host et aureacht, Mädle“[Hauff 9], murmelte die Alte, ließ selbst das Frühstück stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen. Die Tochter aber öffnete das Fenster der frischen, erquickenden Morgenluft, sie streute Futter auf den breiten Sims, viele Tauben und Sperlinge flogen heran und verzehrten mit Gurren und Zwitschern ihr Frühstück; die Lerchen in den Bäumen vor den Fenstern antworteten in einem vielstimmigen Chorus, und das schöne Mädchen sah, von der Morgensonne umstrahlt, lächelnd ihren kleinen Kostgängern zu.

In diesem Augenblick öffneten sich die Gardinen des Bettes, der Kopf eines schönen, jungen Mannes sah heraus; wir kennen ihn, es ist Georg.

Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit, lag auf seinen Wangen; sein Blick war wieder glänzend wie sonst; sein Arm stämmte sich kräftig auf das Lager. Erstaunt blickte er auf seine Umgebungen; dieses Zimmer, diese Geräte waren ihm fremd, er selbst, seine ganze Lage kam ihm ungewohnt vor. Wer hatte ihm diese Binde um das Haupt gebunden? Wer hatte ihn [175] in dieses Bett gelegt? Es war ihm wie einem, der mit fröhlichen Brüdern eine Nacht durchjubelt, die Besinnung endlich verliert und auf einem fremden Lager aufwacht.

Lange sah er dem Mädchen am Fenster zu; dieses Bild, das erste, das ihm bei seinem Erwachen aus langem Schlafe entgegentrat, war so freundlich, daß er das Auge nicht davon abwenden konnte; endlich siegte die Neugierde, über das, was mit ihm vorgegangen war, gewisser zu werden; er machte ein Geräusch, indem er die Gardinen des Bettes noch weiter zurückschlug.

Das Mädchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie wandte sich um, über ihr schönes Gesicht flog ein brennendes Rot, freundliche blaue Augen staunten ihn an; ein roter, lächelnder Mund schien vergebens nach Worten zu suchen, den Kranken bei seiner Rückkehr ins Leben zu begrüßen. Sie faßte sich und eilte mit kurzen Schrittchen an das Bette, doch machte sie unterwegs mehreremal Halt, als besinne sie sich, ob er denn wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch schicke, daß sie zu ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein anderer Mensch.

Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schönen Kindes lächelnd zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen.

„Sag’ mir, wo bin ich? wie kam ich hieher?“ fragte Georg. „Wem gehört dieses Haus, worin ich, mir scheint, aus einem langen Schlaf erwacht bin?“

„Sind Er wieder ganz bei Ich?“ rief das Mädchen, indem sie vor Freude die Hände zusammenschlug. „Ach, Herr Jeses, wer hett’ des denkt? Er gucket oin doch au wieder g’scheit an und et so duselig, daß oims ällamol angst und bang wora ist.“[Hauff 10]

„Ich war also krank?“ forschte Georg, der das Idiom des Mädchens nur zum Teil verstand. „Ich lag einige Stunden ohne Bewußtsein?“

„Ei wie schwätzet Er doch“, kicherte das hübsche Schwabenkind und nahm das Ende des langen Zopfbandes in den Mund, um [176] das laute Lachen zu verbeißen; „a baar Stund, saget Er? Heit nacht wird’s grad nei Tag, daß se Ich brocht hent.“[Hauff 11]

Der Jüngling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun Tage, ohne zu Marien zu kommen! Zu Marien? mit diesem himmlischen Bilde kehrte wie mit einem Schlag seine Erinnerung wieder; er erinnerte sich, daß er vom Bunde sich losgesagt habe; daß er sich entschlossen habe, nach Lichtenstein zu reisen, daß er über die Alb auf geheimen Wegen gezogen sei, daß – er und sein Führer überfallen, vielleicht gefangen wurde; „gefangen?“ rief er schmerzlich, „sage Mädchen, bin ich gefangen?“

Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die klaren Blicke des jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine freundlichen Züge ernst, beinahe wild wurden. Sie glaubte, er falle in jenen schrecklichen Zustand zurück, wo er, vom Wundfieber hart angefallen, einige Stunden lang gerast hatte; und der schwermütige Ton seiner Frage konnte ihre Furcht nicht mindern. Unschlüssig, ob sie bleiben oder um Hülfe rufen sollte, trat sie einen Schritt zurück.

Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die Bestätigung seiner Frage zu lesen. „Gefangen, vielleicht auf lange, lange Zeit“, dachte er, „vielleicht weit von ihr entfernt, ohne Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu wissen!“ Sein Körper war noch zu erschöpft, als daß er der trauernden Seele widerstanden hätte; eine Thräne stahl sich aus dem gesenkten Auge.

Das Mädchen sah diese Thräne, ihre Angst löste sich augenblicklich in Mitleiden auf, sie trat näher, sie setzte sich an sein Bett, sie wagte es, die herabhängende Hand des Jünglings zu ergreifen. „Er müesset et greina“, sagte sie; „Euer Gnada sind jo jetzt wieder g’sund, und – er kennet jo jetzt bald wieder fortreita“, setzte sie wehmütig lächelnd hinzu.[Hauff 12]

„Fortreiten?“ fragte Georg, „also bin ich nicht gefangen?“

[177] „G’fanga? noi g’fanga send Er net; es hätt zwor a baarmol sei kenna, wia dia vom Schwäbischa Bund vorbeizoga send, aber mer hent Ich ällemol guet versteckt; der Vater hot gsait, mer solle da Junker koin Menscha seah lau.“[Hauff 13]

„Der Vater?“ rief der Jüngling, „wer ist der gütige Mann? wo bin ich denn?“

„Ha, wo werdet Er sei?“ antwortete Bärbele, „bei aus send Er in Hardt.“

„In Hardt?“ Ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wände gab ihm Gewißheit, daß er Freiheit und Leben jenem Mann zu verdanken habe, der ihm wie ein Schutzgeist von Marien zugesandt war. „Also in Hardt? und dein Vater ist der Pfeifer von Hardt? nicht wahr?“

„Er hot’s et gern, wemmar em so ruaft“, antwortete das Mädchen, „er ist freile sei’s Zoiches a Spielma, er hairts am gernsta, wemmer Hans zua nem sait.“[Hauff 14]

„Und wie kam ich denn hieher?“ fragte jener wieder.

„Ja wisset Er denn au gar koi Wörtle meh?“ lächelte das hübsche Kind, und bediente sich wieder des Zopfbandes. Sie erzählte, ihr Vater sei schon seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, da sei er einesmals vor neun Tagen in der Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht, bis sie erwacht sei. Sie habe seine Stimme erkannt und sei hinabgeeilt, um ihm zu öffnen. Er sei aber nicht allein gewesen, sondern noch vier andere Männer bei ihm, die eine mit einem Mantel verdeckte Tragbahre in die Stube niedergelassen haben. Der Vater habe den Mantel zurückgeschlagen und ihr befohlen, zu leuchten, sie sei aber heftig erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann sei auf der Bahre gelegen. Der Vater habe ihr befohlen, das Zimmer schnell [178] zu wärmen, indessen habe man den Verwundeten, den sie seinen Kleidern nach für einen vornehmen Herrn erkannt habe, auf das Bett gebracht; der Vater habe ihm seine Wunden mit Kräutern verbunden, habe ihm dann auch selbst einen Trank bereitet, denn er verstehe sich trefflich auf die Arzneien: für Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie alle besorgt gewesen, denn der Junker habe gerast und getobt; nach dem zweiten Tränklein aber sei er stille geworden, der Vater habe gesagt, am achten Morgen werde er gesund und frisch erwachen, und wirklich sei es auch so eingetroffen.

Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Mädchens zugehört; er hatte sie oft unterbrechen müssen, wenn er ihre zierlichen Ausdrücke nicht recht verstand, oder wenn sie in ihrer Rede abschweifte, um die Kräuter zu beschreiben, woraus der Pfeifer von Hardt seine Arzneien bereitet hatte.

„Und dein Vater“, fragte er sie, „wo ist er?“

„Was wisset mier, wo er ist“, antwortete sie ausweichend, doch, als besinne sie sich eines besseren, setzte sie hinzu: „Uich kammes jo saga, denn Ihr müesset guet Freund sei mit em Vater; er ist nach Lichtastoi.“

„Nach Lichtenstein?“ rief Georg, indem sich seine Wangen höher färbten, „und wann kommt er zurück?“

„Ja, er sott schau seit zwoi Tag da sei, wie ner gsait hot. Wennem no nix gschea ist; d’Leut’ saget, dia bündische Reiter bassenem uf.“[Hauff 15]

Nach Lichtenstein – dorthin zog es ja auch ihn; er fühlte sich kräftig genug, wieder einen Ritt zu wagen und die Versäumnis der neun Tage einzuholen. Seine nächste und wichtigste Frage war daher nach seinem Roß; und als er hörte, daß es sich ganz wohl befinde und im Kuhstall seiner Ruhe pflege, war auch der letzte Kummer von ihm gewichen. Er dankte seiner holden Pflegerin für seine Wartung und bat sie um sein Wams und seinen Mantel. Sie hatte längst alle Spuren von Blut und Schwerthieben [179] aus den schönen Gewändern vertilgt, mit freundlicher Geschäftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem geschnitzten und gemalten Schrein, wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck geruht hatte; lächelnd breitete sie Stück vor Stück vor ihm aus und schien sein Lob, daß sie alles so schön gemacht habe, gerne zu hören. Dann enteilte sie dem Gemach, um die frohe Botschaft, daß der Junker ganz genesen sei, der Mutter zu verkündigen.

Ob sie der Mutter auch gestanden, daß sie schon seit einer halben Stunde mit dem schönen, freundlichen Herrn geplaudert habe, wissen wir nicht; wir haben aber Ursache, daran zu zweifeln, denn jene ältliche, runde Frau hatte Erfahrung aus ihrer Jugend und glaubte ihrem Töchterlein die Warnung nie genug wiederholen zu können: Sie solle sich wohl hüten, mit einem jungen Burschen länger als ein Ave Maria lang zu sprechen.



  1. Zweite Strophe der fünften Romanze „Aus dem Jugendleben des Herzogs Christoph von Wirtemberg“.
  2. Schloß Hellenstein, das am 29. März in die Hände des Bundes fiel, wurde von Philipp Stumpf verteidigt.
  3. Philipp von Rechberg, genannt „der Lange“, war Vogt von Göppingen.

Anmerkungen (Hauff)

  1. [297] Ausführlicher beschreibt diese Operationen des Bundes Sattler in seiner Gesch. d. Herz. v. W. II, § 6 u. s. w. Man vergleiche hierüber auch die Geschichte des Herrn von Frondsberg, 2. Buch und Friedrich Stumphardt von Cannstatt, Chronik der gewaltsamen Verjagung des Herzogs Ulerich, 1534, und Spener, Histor. Germ. univers. L. III, C. 4. 23.
  2. [297] Dieser Verrat von Teck fand wirklich also statt. Vgl. z. B. Sattler II, § 7.
  3. Wir setzen für Leser, welche dieses Idiom nicht verstehen, hier eine getreue Übersetzung bei: „Was fällt dir aber um Gottes Willen ein, daß du am Werktag den neuen roten Rock zum Spinnen anziehst? Auch das neue Mieder hat sie an und eine silberne Kette. Und einen frischen Schurz und frische Strümpfe ungefragt aus dem Kasten reißen! Wer wird solchen Hochmut treiben? Dummes Kind, weißt du nicht, daß wir arme Leute sind, daß du die Tochter eines unglücklichen Mannes bist?“
  4. „Lasset Euch doch berichten, was schadet es denn diesem Rock, wenn ich ihn einmal an einem christlichen Werktag anhabe; an der silbernen Kette wird auch nichts verdorben, und den Schurz kann man wieder waschen!“
  5. „So? als hätte man nicht genug zu waschen? Sag mir nur, was ist denn in dich gefahren, daß du dich so aufputzt und schön machst?“
  6. „Ach! wißt Ihr denn nicht, daß heute der achte Tag ist? hat nicht der Vater gesagt, der Junker werde am heutigen Morgen erwachen, wenn sein Trank gute Wirkung hat, da dachte ich nun –“
  7. „Ist’s um diese Zeit? wahrlich du hast recht! wenn er erwacht und sieht alles so ohne Ordnung, es wäre nicht gut und könnte beim Vater Verdruß geben. Ich sehe aus wie ein Drache. Gehe, bringe mir mein schwarzes Wams, mein rotes Mieder und einen frischen Schurz.“
  8. „Aber Mutter, Ihr werdet Euch doch nicht hier ankleiden wollen? wenn der Junker gerade jetzt erwachte! gehet hinauf, kleidet Euch oben an; ich bleibe bei ihm.“
  9. „Du hast nicht unrecht.“
  10. „Seid Ihr wieder ganz bei Euch? Ach, Herr Jesus! wer hätte das gedacht! Ihr schauet doch auch wieder vernünftig aus den Augen, und nicht so verwirrt, daß man Bange bekam!“
  11. „Wie schwatzet Ihr doch! Ein paar Stunden? heute nacht wird es neun Tage, daß man Euch gebracht hat.“
  12. „Ihr müßt nicht weinen! Euer Gnaden sind ja jetzt wieder gesund und können jetzt wieder weiter reiten.“
  13. „Gefangen? nein, gefangen seid Ihr nicht, zwar es hätte ein paarmal sein können, wie die vom Schwäbischen Bund vorbeigezogen sind; doch wir haben Euch immer gut versteckt, der Vater hat gesagt, wir sollen den Junker keinen Menschen sehen lassen.“
  14. „Er hört es nicht gerne; freilich ist er seinem Gewerbe nach ein Spielmann, aber er hört es am gernsten, wenn man Hans zu ihm sagt.“
  15. „Schon seit zwei Tagen sollte er hier sein. Wenn ihm nur nichts geschehen ist; die Leut’ sagen, die bündischen Reiter passen ihm auf.“
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