Lichtenstein/Dritter Teil/VI

Kapitel V Lichtenstein von Wilhelm Hauff
Dritter Teil, Kapitel VI
Kapitel VII
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[357]

VI.


 „Kein Feuer, keine Kohle
 Kann glühen so heiß,
 Als eine stille Liebe,
 Von der niemand nichts weiß.“
 Altes Sprichwort.


Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so ungegründet gewesen zu sein, als Ambrosius Volland sie dargestellt hatte. Ein sehr großer Teil des Landes fiel zwar dem Herzog zu, weil die Vorliebe für den angestammten Regenten, der Druck des Bundes und die anfangs so siegreichen Waffen Ulerichs viele bewogen, die Huldigung, die sie gezwungenerweise dem Bunde gethan, zu vergessen und sich für Württemberg zu erklären.

Aber die neue Huldigung, die alle frühern Verträge umstieß, das Gerücht, daß manche Stadt durch Gewalt zu diesen Formen gezwungen worden sei, bewirkte wenigstens, daß der Herzog keine Popularität gewann, ein Mangel, der in so zweifelhafter Lage oft nur zu bald fühlbar wird. Noch beharrten Urach, Göppingen und Tübingen auf ihren dem Bund geleisteten Pflichten, denn ihre bündisch gesinnten Obervögte zwangen sie mit Gewalt dazu; [358] zu Urach hauste Dieterich Spät, des Herzogs bitterster Feind; er brachte in wenigen Tagen so viel Mannschaft auf, daß er nicht nur sein ganzes Amt im Zaume hielt, sondern auch Einfälle in die Ländereien machte, die dem Herzog wieder zugefallen waren. Es ging auch das Gerücht, die Bundesstände seien schnell von Nördlingen aufgebrochen, jeder in seine Heimat geeilt, um frische Heere aufzubieten und Ulerich zum zweitenmal auf Leben und Tod zu bekämpfen.

Ulerich selbst schien weder der einen, noch der andern dieser Besorgnisse Raum zu geben. Er pflog bei verschlossenen Thüren mit Ambrosius Volland Rat; man sah viele Eilboten kommen und abgehen, aber niemand erfuhr, was sie brachten. In Stuttgart aber glaubte man fest, der Herzog müsse in der fröhlichsten Stimmung sein, denn wenn er mit seinem glänzenden Gefolge durch die Straßen ritt, alle schönen Jungfrauen grüßte und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und lachte, da sagten sie: „Herr Ulerich ist wieder so lustig, wie vor dem armen Konrad.“ Er hatte seinen Hofstaat wieder glänzend eingerichtet. Zwar war es nicht mehr wie früher der Sammelplatz der bayerischen, schwäbischen und fränkischen Grafen und Herren, zwar fehlte die Fürstin, die sonst einen schönen Kranz blühender Fräulein um sich versammelt hatte, aber dennoch fehlte es nicht an schönen Frauen und schmucken Edeln, seinen Hof zu verherrlichen, und die Luft dieser Stadt schien schon damals der Schönheit so günstig zu sein, daß die bunten Reihen in den Sälen und Hallen des Schlosses nicht einer gewöhnlichen Versammlung, sondern einer Auswahl aus den schönen Frauen des Landes glich.

Tänze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt worden, Fest drängte sich an Fest, und Ulerich schien eifrig nachholen zu wollen, was er in der Zeit seines Unglücks versäumt hatte. Keines der geringsten dieser Feste war die Hochzeit Georgs von Sturmfeder mit der Erbin von Lichtenstein.

Der alte Herr hatte sich lange nicht entschließen können, sein Wort zu halten; nicht daß er die Wahl seiner Tochter mißbilligt hätte, denn er liebte seinen Eidam väterlich, er sah in ihm seine eigene Jugend wieder aufblühen, er schlug ihm seine freiwillige [359] Verbannung mit dem Herzog hoch an; aber wie der Horizont von Ulerichs Glück, so war auch die Stirne des alten Mannes noch immer umwölkt, denn er ahnte, daß es nicht so bleiben werde, wie es jetzt war, und tief schmerzte es ihn, daß der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von seinem Rat nicht Gebrauch machte, sondern alles heimlich mit seinem Kanzler abhandelte. So hatte er unschlüssig und betrübt diesen Tag der Freude immer hinausgeschoben, aber die schönen Augen seiner Tochter, in welchen er oft einen leisen Vorwurf zu lesen glaubte, Georgs Bitten nötigten ihm endlich einen bestimmten Termin ab. Der Herzog ließ es sich nicht nehmen, die Hochzeit auszurichten. Er mochte sich jener Nächte erinnern, wo der Vater nicht müde ward, ihm seine Anhänglichkeit zu bezeugen; wo die zarte Tochter keinen Sturm, keine Kälte scheute, um ihn am Burgthor zu empfangen, um ihn mit warmen Speisen zu laben. Er mochte sich noch aus der jüngsten Vergangenheit der Opfer erinnern, die ihm der Bräutigam gebracht hatte, er zeigte auf glänzende Art, wie er Treue, Aufopferung und Liebe, die sich ihm so selten bewährt hatten, zu vergelten wisse. Der Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer seine Gäste im Schloß zu Stuttgart gewesen, jetzt ließ er ein schönes Haus nächst der Kollegiatenkirche mit neuem Hausgeräte versehen und übergab am Vorabend der Hochzeit den Schlüssel dem Fräulein von Lichtenstein mit dem Wunsche, sie möchte es, so oft sie in Stuttgart sei, bewohnen.

Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg oft in ungewisser Ferne, aber immer mit gleicher Sehnsucht geschaut hatte. Er rief sich am Morgen dieses Tages das ganze Leben seiner Liebe zurück; er wunderte sich, wie alles so ganz anders gekommen war, als er sich gedacht hatte. Wie hätte er, als er damals durch den Schönbuch nach der Heimat zog, denken können, daß das Glück, die Geliebte ganz zu besitzen, nicht mehr so ferne liegen werde, als er fürchtete. Wie hätte er, als er sich an das Bundesheer anschloß, ahnen können, daß der Herzog, welchen er zu bekriegen kam, sein Glück gründen werde. Mit welch heiterer Ruhe dachte er jetzt an die Stürme jener Tage zurück, wo es ihm zuerst wieder möglich geworden war, der Geliebten ein Wörtchen [360] der Liebe zuzuflüstern, wo er die Schreckenskunde vernahm, daß ihr Vater, ein Feind des Bundes, sie mit sich hinwegführen werde; wo er in Berthas Garten die unglücklichste Stunde seines Lebens im schmerzlichen Abschied von der Geliebten hinbrachte, wo er auf lange, vielleicht auf ewig verloren glaubte, was heute auf ewig sein werden sollte. Jedes Wort der Geliebten kehrte wieder in seiner Erinnerung, und er mußte aufs neue ihre hohe Zuversicht, ihren schönen Glauben an ein gütiges Geschick bewundern, den sie auch damals, wo die Zukunft mit einem düsteren Schleier verhüllt und keine Aussicht, keine Hoffnung mehr war, nicht verlor, den sie mit dem letzten Abschiedskusse auch ihm mitzuteilen wußte.

„Er hat uns nicht gelogen, dieser Glaube“, sprach der junge Mann, von der Erinnerung bewegt, zu sich, „es lebt eine heilige, ahnungsvolle Stimme in ihrer reinen Seele, und ihr klares Auge, das in dem meinigen die Gewißheit meiner Liebe las, tauchte auch damals tief in die Zukunft und verkündete Glück, es wird sich auch jetzt nicht täuschen, wenn es ein süßes, ungestörtes Glück in unserer Verbindung liest.“

Ein bescheidenes Pochen an der Thüre unterbrach die lange Gedankenreihe, die sich an den heutigen Tag knüpfen und in die ferne Zukunft hinausziehen wollte. Es war Herr Dieterich von Kraft, der stattlich geschmückt zu ihm eintrat.

„Wie?“ rief dieser Schreiber des großen Rates zu Ulm und schlug voll Verwunderung die Hände zusammen, „wie? in diesem Wams wollet Ihr Euch doch hoffentlich nicht trauen lassen? Es ist schon neun Uhr, die Gänge und Treppen des Schlosses wimmeln von Hochzeitgästen, die von Samt und Seide glänzen, und Ihr, die Hauptperson im Stück, schauet ruhig zum Fenster hinaus, statt Euren Anzug zu besorgen?“

„Dort liegt der ganze Staat“, erwiderte Georg lächelnd; „Barett und Federn, Mantel und Wams, alles aufs schönste zubereitet, aber Gott weiß, ich habe noch nicht daran gedacht, daß ich dieses Flitterwerk an mich hängen solle. Dies Wams ist mir lieber als jedes schöne neue. Ich habe es in schweren, aber dennoch glücklichen Tagen getragen.“

„Ja, ja! ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm [361] getragen, und es ist mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Bertha in diesem blauen Kleid abschilderte, daß ich recht eifersüchtig ward. Aber Flitterwerk nennt Ihr die Kleider da? Ei der Tausend! Hätte ich nur mein Leben lang solche Flitter. Ha, das weiße Gewand mit Gold gestickt und der blaue Mantel von Samt! Kann man was Schöneres sehen? Wahrlich, Ihr habt mit Umsicht ausgewählt, das mag trefflich stehen zu Euren braunen Haaren.“

„Der Herzog hat mir es zugeschickt“, antwortete Georg, indem er sich ankleidete, „mir wäre alles zu kostbar gewesen.“

„Ist doch ein prächtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst, seit ich einige Zeit hier bin, sehe ich ein, daß man ihm bei uns in Ulm zu viel gethan hat. An einem solchen Hofe ist es doch was anderes als in den Städten; und Herzog von Württemberg klingt auch schöner als Bürgermeister von Ulm. Und doch möcht’ ich nicht in seiner Haut stecken; Ihr werdet sehen, Vetter, es geht noch einmal bergab mit ihm.“

„Das ist Euer altes Lied, Herr Dieterich; erinnert Ihr Euch noch, wie Ihr damals in Ulm groß thatet mit Eurer Politika und wie Ihr regieren wolltet in Württemberg? Wie ist es denn jetzt?“

„Ist nicht alles eingetroffen“, erwiderte der Ratsschreiber mit weiser Miene; „weiß noch wie heute, daß ich prophezeite, die Schweizer ziehen heim, die Landschaft werden wir für uns gewinnen und die Burgen werden wir einnehmen.“

„Ja, ja! Ihr habt sie erobern helfen“, lachte Georg, „seid ja in einer Sänfte zu Feld getragen worden; aber damals sagtet Ihr auch, der Herzog werde nie zurückkehren, und jetzt sitzt er ganz warm und ruhig hier.“

„Nicht so ruhig, als Ihr glaubt. Zwar ich wollte ihm und Euch wünschen, er behielte sein Land; uns hat es doch nichts genützt, die großen Herren nehmen alles für sich, an unsereinen kam nichts als etwa die Ehre, für den Bund geköpft zu werden; möchte es ihm wohl gönnen; aber – glaubet mir, es sieht nicht so ruhig aus, als man hier meint. Die vertriebenen Räte haben von Eßlingen aus an den Kaiser und das Reich geschrieben und geklagt, der Bund ist wieder auf den Beinen; bei Ulm steht schon wieder ein neues Heer.“

[362] „Gerede, nichts weiter; ich weiß gewiß, daß der Herzog sich mit Bayern versöhnen wird.“

„Ja will, aber nicht versöhnen wird. Das hat noch manchen Haken. Aber, was sehe ich; Ihr werdet doch nicht den alten Fetzen von einer Feldbinde zu dem stattlichen Hochzeitschmuck anlegen wollen? Pfui, das paßt nicht zusammen, lieber Vetter.“

Der Bräutigam betrachtete die Schärpe mit inniger Liebe. „Das verstehet Ihr nicht“, sagte er, „wie gut sich dies zum Hochzeitgewande schickt. Es ist ihr erstes Geschenk; sie flocht sie heimlich bei Nacht auf ihrem Kämmerlein, als ihr die Kunde kam, daß sie bald scheiden müsse. Sie hat manche Thräne hineingewoben, hat das Gewebe oft an die Lippen gedrückt, drum ward es mir eine Zauberbinde und meinen Augen ein Trost, wenn ich im Unglück auf die Brust herniedersah. Sie darf nicht fehlen, diese Binde, hat sie die Not mit mir getragen, so sei sie mir ein heiliger Schmuck am Tage des Glückes.“

„Nun, wie Ihr wollt, hängt sie in Gottes Namen um; jetzt noch das Barett aufgesetzt und schnell den Mantel umgehängt, sie läuten schon das erste drüben in der Kirche. Sputet Euch, lasset das Bräutlein nicht so lange warten!“

Der Ratsschreiber stellte sich noch einmal vor den jungen Mann und musterte mit strengen Kenneraugen seinen Anzug. Er zog dort eine Spange schärfer an, er verwischte dort eine Falte, steckte hier eine Feder höher, und immer zufriedener wurden seine Blicke. Er gestand sich, daß der große, schlanke, junge Mann, sein schöner Kopf, die klaren, mutigen Augen ganz des lieblichen Bäschens würdig sei. „Weiß Gott“, sagte er, „Ihr sehet aus, Vetter, als wäret Ihr von unserem Herrgott gerade zum Hochzeiter erschaffen worden. Es ist mir lieb, daß Euch heute Bertha nicht sehen kann, es möchte ihr wieder auf acht Tage schwindelnd werden, dem armen Kind! – Kommt, kommt; ich fühle mich stolz, Euer Geselle zu sein: wenn ich auch vierzehn Tage zu spät nach Ulm zurückkehre.“

Georgs Wangen röteten sich, sein Herz pochte, als er sein Gemach verließ. Die Freude, die Erwartung, die Erfüllung jahrelanger Wünsche bestürmten seine Sinne, und wie trunken ging [363] er neben Herrn Dieterich durch die Galerien. Die Thüre ging auf, und Marie im Glanze ihrer Schönheit stand umgeben von vielen Frauen und Fräulein, die vom Herzog eingeladen, heute ihre Begleitung bilden sollten. Marie errötete, als sie den Geliebten sah, sie betrachtete ihn staunend, als seien seine Züge heute mit einem neuen Glanze übergossen, sie schlug die Augen nieder, als sie seinen freudetrunkenen Blicken begegnete. Was hätte Georg dafür gegeben, die Geliebte an sein Herz ziehen, den Morgengruß der Liebe auf ihre Lippen drücken zu dürfen, aber die strenge Sitte der Zeit trennte an diesem Tage durch eine weite Kluft, was sich sonst schon längst gefunden hätte. Dem Bräutigam war es nicht erlaubt, die Hand der Braut zu berühren, ehe sie der Priester in die seinige legte, und der Braut wurde es übel aufgenommen, wenn sie den Bräutigam gar zu viel und gar zu lange ansah. Züchtig, ehrbar, die Augen auf den Boden geheftet, die Hände unter der Brust gefaltet mußte sie stehen – so wollt’ es die Sitte.

Bei mancher andern möchte diese Stellung erzwungen und steif erschienen sein, doch, wie die Natur über ihre lieblichsten Töchter in jeder Lage, in Trauer und Freude, den Zauber der Schönheit ausgießt, so war auch diese unnatürliche Haltung der Braut bei Marien zum gelungensten Bild geworden; die zarte Röte, die alle Augenblicke auf ihren Wangen wechselte, der süße Mund, in dessen Winkeln ein Lächeln aufzukeimen schien, der feine, weiche Vorhang der gesenkten Lider, die zarten Fransen der dunkeln Wimpern, durch welche die blauen glänzenden Augen wie eine aufgehende Sonne kaum sichtbar durchschimmerten, sie gaben ein Bild holder verschämter Liebe, die dem Geliebten die Arme öffnen, die seinen Namen mit den süßesten Tönen aussprechen, die die Augen aufschlagen möchte, um ihm durch einen Blick ihre Wünsche zu verkünden; doch die mächtigere Natur, das verwirrende Gefühl der Beschämung windet ihr die Hände nur noch fester zusammen, schlägt die zarte Hülle der Wimpern vor das glühende Auge herab und verschließt den Mund, daß er nur heimlich und stille lächelt, aber das Geheimnis der Liebenden nicht ausspricht.

Verschwunden war die erhabene Haltung Mariens, verschwunden die Majestät ihrer Stirne und jener gebietende ernste [364] Blick, der auch den Kühnsten gefesselt hätte; aber man war versucht, jene erhabeneren Schönheiten nicht zurückzuwünschen; lag doch in diesem verschämten Bekenntnis, durch einen Blick des Geliebten überwunden zu sein, ein höherer Reiz, als wenn das stolze Auge frei um sich geblickt und dieser geschlossene Mund das Geständnis der Liebe laut und offen ausgesprochen hätte. So hatte die Natur Marien an diesem Tage einen neuen Zauber verliehen, der so mächtig wirkte, daß Georg einige Momente seine Braut verwunderungsvoll betrachtete und sein Herz sich stolzer hob, im Gefühle, dieses liebliche Kind sein nennen zu dürfen.

Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenstein an der Hand führte. Er musterte mit schnellen Blicken den reichen Kreis der Damen, und auch er schien sich zu gestehen, daß Marie die schönste sei. „Sturmfeder!“ sagte er, indem er den Glücklichen auf die Seite führte, „dies ist der Tag, der dich für vieles belohnt. Gedenkst du noch der Nacht, wo du mich in der Höhle besuchtest und nicht erkanntest? Damals brachte Hans der Pfeifer einen guten Trinkspruch aus: ‚Dem Fräulein von Lichtenstein! möge sie blühen für Euch.‘ – Jetzt ist sie dein, und was nicht minder schön ist, auch dein Trinkspruch ist erfüllt; wir sind wieder eingezogen in die Burg unserer Väter.“

„Mögen Euer Durchlaucht dieses Glück so lange genießen, als ich an Mariens Seite glücklich zu sein hoffe. Aber Eurer Huld und Gnade habe ich diesen schönen Tag zu verdanken, ohne Euch wäre vielleicht der Vater –“

„Ehre um Ehre, du hast uns treulich beigestanden, als wir unser Land wiedererobern wollten, drum gebührte es sich, daß auch wir dir beistanden, um sie zu besitzen. – Wir stellen heute deinen Vater vor, und als solchen wirst du uns schon erlauben, nach der Kirche deine schöne Frau auf die Stirne zu küssen.“

Georg gedachte jener Nacht, als der Herzog unter dem Thor von Lichtenstein sich auf diesen Tag vertröstete, unwillkürlich mußte er lächeln, wenn er der Würde und Hoheit gedachte, mit welcher die Geliebte den Mann der Höhle damals zurückgewiesen hatte. „Immerhin, Herr Herzog, auch auf den Mund; Ihr habt es längst verdient durch Eure großmütige Fürsprache; ich denke, [365] auch Marie wird sich nicht wieder sträuben, wie damals unter der Halle.“

„Wie?“ rief Ulerich errötend, „hat dir das Fräulein etwas gesagt?“

„Kein Wort, Herr! aber ich stand hinter der Thüre und sah zu, wie Ihr so herablassend gegen des Ritters Töchterlein waret.“

„Bei Sankt Hubertus“, entgegnete der Herzog lachend, „du bist ein eifersüchtiger Kauz. Das mußt du dir abgewöhnen, sonst hast du keine ruhige Stunde.“

„Freilich, wenn Euer Durchlaucht mir dies raten, so werde ich nie mehr eifersüchtig werden.“

Der Ton dieser Antwort, der einen leisen Spott zu verraten schien, erinnerte den Herzog, daß auch er einst diese Empfindung gehegt, daß sie ihn zu einer blutigen Rache angetrieben habe; er brach schnell ab, denn er liebte solche Erinnerungen nicht. „Laß es gut sein“, sagte er, „es ist Zeit, in die Kirche zu gehen. Wer sind deine Gesellen, die dich zum Altar geleiten?“

„Marx Stumpf und der Ulmer Ratsschreiber, ein Vetter von Lichtenstein.“

„Wie, das feine Männlein, den mein Kanzler köpfen lassen wollte? Da hast du links den zierlichsten und rechts den tapfersten Mann des Schwabenlandes. Glück zu, junger Herr, doch will ich dir raten, mehr rechts zu halten als links, dann kann es dir nie fehlen auf Erden, und wärst du so eifersüchtig als ein Türke. Sieh, sieh, da kommt ja der Rechte; sieh, wie seine breite, kurze Gestalt sich wunderlich ausnimmt unter den Frauenzimmern. Und wie er sich stattlich angethan hat! Den verschossenen grünen Mantel trug er schon Anno eilf auf unserer Hochzeit mit Frau Sabina Lobesan.“

„Kann mich nicht viel mit dem Anzug befassen“, erwiderte der tapfere Ritter von Schweinsberg, der die letzten Worte noch gehört hatte; „auch mit dem Tanzen will es nicht recht gehen, Ihr werdet mich entschuldigen; will aber heute abend im Ritterspiel der neue Eheherr eine Lanze mit mir brechen, so –“

„So willst du ihm aus lauter Zärtlichkeit und Höflichkeit ein paar Rippen einstoßen!“ lachte der Herzog; „das heiße ich einen [366] Bräutigamsgesellen von echter Art. Nein, da rate ich dir, Georg, dich lieber links zu halten; der Ulmer wird dir nicht wehe thun.“

Die Flügelthüren öffneten sich jetzt, und man sah auf der breiten Galerie das Hofgesinde des Herzogs in Ordnung aufgestellt. An diese schlossen sich die Edelknaben an, welche brennende Kerzen trugen; dann folgte der glänzende Zug der Fräulein und Edelfrauen, die sich zu diesem Feste eingefunden hatten. Sie waren in reiche, mit Gold und Silber durchwirkte Stoffe gekleidet, und jede hatte einen Blumenstrauß und eine Zitrone in der Hand. Die Braut wurde von Georg von Hewen und Reinhardt von Gemmingen geführt. Viele Ritter und Edelleute schlossen sich an diese an, in ihrer Mitte ging Georg von Sturmfeder, Marx Stumpf zu seiner Rechten, der Ratsschreiber Dieterich Kraft zu seiner Linken. Sein ganzes Wesen schien von einer würdigen Freude gehoben, seine Augen blinkten freudig, sein Gang war der Gang eines Siegers. Er ragte mit dem wallenden Haar, mit den wehenden Federn des Baretts weit über seine Gesellen hervor. Die Leute betrachteten ihn staunend, die Männer lobten laut seine hohe, männliche Gestalt, seine edle Haltung, aber die Mädchen flüsterten leise und priesen seine schönen Züge und das freie, glänzende Auge.

So ging der Zug aus dem Thore des Schlosses nach der Kirche, die nur durch einen breiten Platz von ihm getrennt war. Kopf an Kopf standen die schönen Mädchen und die redseligen Frauen, sie musterten die Anzüge der Fräulein, strengten die Blicke an, als die schöne Braut vorbeiging, und waren voll Lobes über den Bräutigam.

Unter den zahlreichen Zuschauern sah man auch eine rüstige, runde Bauersfrau mit ihrem Töchterlein stehen. Diese Frau verneigte sich immerwährend zu großer Belustigung der Städtler umher, die nur der Braut und dem Herzog diese Aufmerksamkeit bewiesen. Sie unterhielt sich dabei eifrig mit ihrer Tochter. Das schöne Kind an ihrer Seite schien aber wenig auf ihre Reden zu achten; sie übersah den glänzenden Zug der Fräulein, ihre hellen Augen waren nur immer auf die nahende Braut gerichtet. Je näher diese kam, desto röter färbten sich die Wangen des Mädchens, das rote Mieder hob und senkte sich ungestüm, und das [367] pochende Herz schien die silbernen Ketten, womit es eingeschnürt war, zersprengen zu wollen. Sie sah Marien fest und durchdringend an, die hohe Schönheit der jungen Braut schien sie zu überraschen, ein wehmütiges Lächeln zuckte um ihren kleinen Mund: „Sie ist’s!“ rief sie unwillkürlich aus und verbarg dann schnell ihr Gesicht hinter dem Rücken ihrer Mutter, denn die Umstehenden sahen verwundert nach ihr hin.

„Jo, dia ist’s, Bärbele! dia ist grausig schö!“ flüsterte die runde Frau und neigte sich tief. „Jetzt wellet mer uf da Junker bassa.“

Das Mädchen schien diesen Rat nicht erst zu bedürfen, denn sie blickte längst hinüber nach jener Seite, woher er kommen mußte. „Er kommt, er kommt“, hörte sie ihre Nachbarn flüstern, „der ist’s in dem weißen Kleid, mit dem blauen Mantel, er geht gerade vor dem Herzog.“ Sie sah ihn, nur einen Blick warf sie nach ihm hin und wagte dann nicht mehr aufzublicken; die tiefe Röte ihrer Wangen verschwand, als er vorüberging, sie zitterte, eine Thräne fiel herab auf das rote Mieder – jetzt war er vorüber, jetzt hob sie das Köpfchen wieder ein wenig auf und sandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrücken schien als die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde.

Als der Zug vorüber war, drängten sich die Zuschauer mit Ungestüm zu den Kirchthüren, und in einem Augenblick war der Platz, der noch kurz zuvor den Anblick einer bunten, wogenden Menge dargeboten hatte, wie ausgestorben. Die runde Frau blickte noch immer staunend den schönen, geputzten Stadtjungfern nach, welche mit ihren brokatenen Hauben und goldgestickten Miedern, mit ihren feinen langen Röcken, an welchen man nur um Hals und Busen den Zeug allzusehr gespart zu haben schien, in der Bauersfrau mächtige Sehnsucht nach solcher Pracht und Herrlichkeit erweckt hatten.

Als sie sich umwandte, erschrak sie nicht wenig, denn ihr holdes Kind hatte das blühende Gesichtchen in die Hände verborgen und weinte. Sie konnte nicht begreifen, was dem Mädchen begegnet sein könne, sie faßte ihre Hand, zog sie herab von den Augen – sie weinte bitterlich. „Was hoscht denn, Bärbele“, [368] fragte sie halb unmutig, doch nicht ohne Teilnahme, „was heulscht denn? Hoscht’s denn et g’seha? Gang, ’s ist jo a Schand! wenn’s jo ebber sieht; so sag’ no, worum da heulscht?“

„I wois et, Muater!“ flüsterte sie, indem sie vergeblich ihre Thränen zu bezwingen suchte; „es ist mer so weh’ im Herz drin, i woiß et worum.“

„Laß jetzt bleiba, sag’ e! Komm’, sonst kommemer z’spot in d’Kirch. Hairsch, wie se musizieret und singet? Komm’, sonst seha mer nix mai!“ Die Frau zog bei diesen Worten das Mädchen nach der Kirche. Bärbele folgte, sie bedeckte die Augen mit der weißen Schürze, um nicht den Stadtleuten zum Gespött zu werden, aber die tiefen Seufzer, die sich aus ihrer Brust heraufstahlen, ließen ahnen, daß sie einen tiefen Schmerz vergeblich zu unterdrücken suche. Die Orgel schwieg, der Chorgesang verstummte, als sie an der Kirchthüre anlangten; die Einsegnung des schönen Paares mußte in diesem Augenblick beginnen. Aber vergebens suchte die runde Frau durch die dichten Reihen zu dringen, welche die Thüre füllten, sie wurde, so oft sie sich in einen freien Raum zu schieben suchte, unwillig und mit Scheltworten zurückgestoßen.

„Komm’, Mueter!“ sprach das Mädchen, „mer wellet hoim; mer sent arme Leut’, uns lasset se et in d’Kirch; komm’ hoim.“

„Was? d’Kircha sind für älle Leut’ erschaffa; au für d’Arme. Wia, ihr Herra, lent es e bisle do nei. Mer sehet jo gar nix.“

„Waz?“ sprach der Mann, an den sie sich gewendet hatte und kehrte ihr ein rotbraunes Gesicht mit schrecklichem Bart zu, „waz? packt Euch fort, wir lassen niemand durch; wir zind die allergnädigsten herzoglichen Landsknechte wir, und nach dem Zanktus, hat der Hauptmann befohlen, darf keine Zeele mehr durch; Mordblei! thut mir leid, wenn ich in der Kirche fluche, aber ich zag’, weg da!“

„Die Olte muß weg, sogen wer, ober das Dienderl dorf ’rein; komm’ Schätzerl! Do konnst’s recht gut sehen! schaut’s, jetzt steckt ihr der Probst den Ring on, jetzt legt er ihne die Händ’ zusommen – gib mir en Schmatzerl, dann darfst seh’n.“ Der Kasperle von Wien streckte bei diesen Worten seine tapfere Hand nach dem Mädchen aus, doch diese schrie laut auf und entfloh weinend; die [369] runde Frau aber verwünschte die Stadtleute, die Stadtkirchen und die unanständigen Landsknechte und folgte ihrer Tochter.



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