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Textdaten
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Autor: C. S.
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Titel: Lessing und Wolfenbüttel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 108–110
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[108]

Lessing und Wolfenbüttel.

Der Mann, dessen Wahlspruch lautete: „Jeder sage, was ihm Wahrheit dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen!“ – dieser Mann war sein Lebelang ein treuer, freier, unerschrockener Schriftsteller für die Menschheit und Dichter für sein deutsches Volk, aber erst die Gegenwart hat ihn auch dem Volke näher geführt, die deutsche Bühne hat diesem einen Theil seines Wirkens verständlich gemacht, die deutsche Kunst hat ihm Denkmale errichtet, deutsche Städte feiern ihm jährliche Erinnerungsfeste. In einer solchen Zeit wird man es in der Ordnung finden, wenn wir auch vor der kleinen engen Häuslichkeit des großen Mannes den Vorhang aufziehen und unseren Freunden einen Einblick in diesen Theil seines Lebens eröffnen.

Wolfenbüttel, der Ort wo Lessing das letzte Decennium seines Lebens zubrachte, ist die zweite Stadt des Herzogthums Braunschweig und war bis 1753 die Residenz der Herzoge von Braunschweig-Wolfenbüttel. Als Lessing im Jahre 1770, durch die Vermittelung des Erbprinzen Carl Wilhelm Ferdinand, von Hamburg kommend, mit 600 Thaler Gehalt als Bibliothekar dort angestellt wurde, war kurze Zeit zuvor für die Stadt eine der traurigsten Perioden angebrochen, welche sie erlebt hat. An die Stelle eines glänzenden Residenz-Treibens, wie es seit den Tagen des prachtliebenden Anton Ulrich, des Erbauers von Salzdahlum, hier geherrscht hatte, war durch die Verlegung des Hoflagers durch Herzog Karl I. nach Braunschweig die Oede einer kleinen Landstadt getreten, und ungeachtet die beiden ersten Landes-Collegien, das Consistorium und das Oberlandesgericht, dort blieben, war doch die Einwohnerzahl von vierzehntausend Seelen auf beinahe die Hälfte gesunken; ganze Häuser standen unbewohnt, die mit Gras bewachsenen Straßen waren menschenleer; während in Braunschweig sich seit der Gründung des Carolinums durch den an diesem damals blühenden Institut wirkenden Kreis bedeutender Männer, wie Ebert, Gärtner, Zachariä, Jerusalem, Schmied, Eschenburg, neben dem Hofleben auch ein reges geistiges Leben entwickelte, fehlte in Wolfenbüttel jede Anregung der Art, und die Klage Lessing’s, der hier jedes geselligen Umgangs entbehrte, weil er „den Umgang, den er haben konnte, nicht haben mochte“ – war nur zu begründet.– Er bemerkte bald: „daß er die Einsamkeit, in der er zu Wolfenbüttel nothwendig leben müsse, und den gänzlichen Mangel des Umgangs, wie er ihn an andern Orten gewohnt gewesen sei, auf mehrere Jahre schwerlich würde ertragen können. Er würde, sich gänzlich selbst überlassen, an Geist und Körper krank; immer unter Büchern vergraben sein, dünke ihm wenig besser, als im eigentlichen Verstande begraben zu sein;“ – und sein Bruder sagt, damit übereinstimmend, in seiner Biographie des Dichters: „Lessing traf in Wolfenbüttel gar keine Freunde an, ob er sich gleich nachher einige erwarb. Der Ort ist an und für sich stille und hat alle die herrlichen Dinge nicht, die Lessing zuweilen zerstreuen konnten. Die Bibliothek war das Einzige, was ihn beschäftigte und vergnügte.“ –

Besser wurde dieser Zustand, nachdem Lessing sich am 7. October 1776 zu Hamburg mit Eva Hahn, der Wittwe seines Freundes König, verheirathet hatte; sie machte ihm sein „verwünschtes Schloß“, wie er die Bibliothek und seine daran stoßende Dienstwohnung nannte, lieb und heimisch, bis nach einem kurzen glücklichen Jahre der Tod dieser liebenswürdigen Frau den alten Zustand um so fühlbarer zurückkehren ließ. Drei Tage nach diesem traurigen Ereigniß schreibt er an Eschenburg: „Ich muß nun wieder anfangen, meinen Weg allein so fort zu duseln. Ein guter Vorrath von Laudanum literarischer und theologischer Zerstreuungen wird mir einen Tag nach dein andern schon ganz leidlich überstehen lassen.“ – Ward es ihm dann einmal gar zu enge in den einsamen „vier Wänden“ – dann eilte er, meistens zu Fuß, nach dem zwei Stunden entfernten Braunschweig, wo er im Verein mit Zachariä, Ebert, Leisewitz, Schmied und Andern erquickende Stunden verlebte.

In Wolfenbüttel waren Lessing’s Gesellschafter ein gewisser [109] Kammerherr v. Döring und sein Hausarzt Topp; ersterer war sein Begleiter auf dem täglichen Spaziergange um die Stadt, mit Topp aber, einem kleinen, buckligen Männchen, machte er die gewohnte Partie Schach, wie er sie früher in Berlin mit Moses Mendelssohn und in Hamburg mit Klopstock und Büsch gespielt hatte.

Nun mache der Leser einen kurzen Gang mit uns durch die Straßen Wolfenbüttels bis zu dem vor achtzig Jahren von dem großen Dichter und Denker bewohnten Hause. – Jetzt, nachdem das ganz Deutschland überdeckende Eisenbahnnetz auch hieher seine belebenden Fäden gezogen hat, und in den letzten vierzig Jahren besonders an die Stelle der ehemals die Stadt umgebenden Festungswerke freundliche Anlagen und lachende Obstgärten getreten sind, ist das in einer Niederung gelegene, von zwei Seiten durch schöne Buchenwaldungen begrenzte Wolfenbüttel mit den blauen Harzbergen im Hintergrund ein bei Weitem belebterer und freundlicherer Ort geworden. – Die über ihre Umgebung hervorragenden weitläufigen Gebäude des verlassenen Schlosses, das schöne Kuppeldach der Bibliothek und der schlanke Thurm der Neuen Kirche erinnern immer noch an die Residenz. Das Schloß, ein ursprünglich massives Gebäude aus dem fünfzehnten Jahrhundert, wurde in dem Alles französirenden achtzehnten Jahrhundert vom Herzoge August Wilhelm mit einer hölzernen Façade umbauet, aus deren Dache der mit einer Gallerie versehene alte Schloßthurm ehrwürdig hervorragt. Die im Geschmack Ludwigs des Vierzehnten mit einer Menge allegorischer und mythologischer Figuren gezierte Schloßbrücke bietet jetzt einen ruinenhaften Anblick, die sie einst schmückenden Statuen sind theils in den unten fließenden Strom gesunken, oder haben wenigstens der Alles verzehrenden Zeit einen Theil ihrer classischen Glieder als Tribut dargebracht.

Die Gartenlaube (1862) b 109.jpg

Lessing's „verwünschtes Schloß“ in Wolfenbüttel.

Denselben Eindruck macht das große Gebäude mit seinen zerschlagenen Fenstern und wankenden Giebeln im Allgemeinen. Drinnen aber ist dem Apoll ein Tempel aufgebauet; – aus dem großen Prachtsaale des Schlosses entstand 1835 ein freundliches Theater, das mit Lessing’s „Emilia Galotti“ eröffnet wurde und auf dem die Mitglieder des Braunschweiger Hoftheaters wöchentlich eine Vorstellung geben. – An diesen seinem Verfall entgegengehenden Fürstensitz knüpfen sich die interessantesten Erinnerungen, sowohl aus den stürmischen Tagen der Reformation, wo Heinrich der Jüngere, der bekannte Widersacher Luther’s, hier residirte, als auch aus dem dreißigjährigen Kriege, wo Wolfenbüttel, als einer der festesten Plätze Niedersachsens, ein Hauptzankapfel der streitenden Parteien wurde. Am 23. Januar 1623 beherbergte es den unglücklichen „Böhmer Winterkönig“ Friedrich V. von der Pfalz, nachdem er, in Folge der unglücklichen Schlacht auf dem weißen Berge bei Prag um die kaum erworbene böhmische Krone gebracht, länderlos umherirrte. – Auf diesem seinem väterlichen Schlosse starb auch am 6. Juni 1626 jener kühne Parteigänger des dreißigjährigen Krieges, Herzog Christian, der, gerührt von dem Unglück der schönen Gemahlin Friedrich’s, Elisabeth Stuart, voll echt ritterlichen Sinnes den Degen für die Dame zog und mit dem Handschuh derselben am Hut und dem Motto: „tout pour Dieu et pour elle“ auf der Fahne, an der Spitze eines Heldenhäufleins, im Verein mit Mansfeld, ein Schrecken der katholischen Länder wurde. Wie bei Bernhard von Weimar und bei Herzog Georg von Celle, dem Ahnherrn der englischen Könige, schrieb man den frühen Tod des „kühnen Halberstädter“ einer Vergiftung zu; jetzt ruht er in der Gruft der Neuen Kirche in einem Sarge von Zinn, das zum Haupte desselben angebrachte Wappen zeigt auch den Hosenbandorden, mit welchem König Jakob I. den jugendlichen Helden geschmückt hatte. –

Einen sehr freundlichen Anblick gewährt der von zwei Reihen junger, schöner Linden eingefaßte Schloßplatz, der zur linken Hand, vom Schloß ab gesehen, von dem durch Heinrich Julius, den berühmten Bischof von Halberstadt, erbaueten schönen Zeughause begrenzt ist. Daneben, indeß vom Platze zurücktretend, steht die Perle Wolfenbüttels, die Bibliothek. Der Gründer dieses jetzt beinahe zweimalhunderttausend Bände zählenden und namentlich an alten Handschriften reichen Bücherschatzes war der von 1634 bis 1666 regierende Herzog August, einer der gelehrtesten und tüchtigsten Regenten seiner Zeit. Den Anfang zu dieser Sammlung machte er schon als apanagirter Prinz auf seiner bescheidenen Residenz zu Hitzacker, weit hinter der Lüneburger Haide an der Elbe; als er 1634 das Land erbte, brachte er dieselbe mit nach Wolfenbüttel. Mitten unter den Drangsalen des dreißigjährigen Krieges fand der gute Haushalter Zeit und Mittel, dieselbe so zu vermehren, daß sie, als er 1666 fast achtundachtzig Jahr alt starb, schon 80,000 Bände zählte; noch heute sieht man auf der Bibliothek die von dem fleißigen alten Herrn eigenhändig geschriebenen Kataloge. Das jetzige Bibliothekgebäude wurde 1708 vom Herzog Anton Ulrich erbaut, auf dem ersten Absatze des schönen Treppenhauses [110] steht das anfangs auf dem Schloßplatze aufgestellte Denkmal Lessing’s aus blauem Blankenburger Marmor, mit Lessing’s Büste daran und den Inschriften:

G. E. Lessing, Weiser, Dichter, Deutschlands Stolz –

einst der Musen und seiner Freunde Liebling.

Ihm errichteten dieses Denkmal einige seiner dankbaren Zeitgenossen.

MDCCLXXXXV.

Es war dieses lange Zeit das einzige äußerliche Zeichen dankbarer Erinnerung an den größesten Mann, den Braunschweig auszuweisen hat, bis ihm 1853 das „deutsche Vaterland“ durch Aufstellung der herrlichen Bronzestatue von Rietschel auf dem neu getauften Lessingsplatze in Braunschweig ein würdigeres Denkmal errichtete. Unter den auf der Bibliothek aufbewahrten Autographen Lessing’s befindet sich auch das saubere Manuscript des von ihm bearbeiteten, aber ungedruckten alten Heldengedichtes „der Renner“, dabei verschiedene Bücher aus seiner Handbibliothek, mit fleißig an den Rand geschriebenen Bemerkungen; ein eigenhändiger Brief von ihm hängt eingerahmt neben einem gleichen Luther’s an den Kurfürsten von Sachsen in einem Cabinete. – Neben der Bibliothek, mit einem grünen Rasenplatze und einigen schönen, alten Linden vor der Thür, steht Lessing’s ehemalige Wohnung. Das Gebäude ist einstöckig, aber ziemlich geräumig und hat zwei nach dem Platze auslaufende Flügel, der dazwischen liegende gepflasterte Hof ist nach der Straße zu durch ein hölzernes Gitter mit einer Thür abgeschlossen. Das Haus hat, bis auf die Neutapezierung einiger Zimmer, seit des großen Mannes Tode gar keine Veränderung erlitten; anfangs bewohnte er das rechts vom Eingange gelegene freundliche Zimmer mit einem Cabinet dahinter und mit der Aussicht auf den Schloßplatz, nach dem Tode seiner Frau aber bezog er das einsame Stübchen nach dem Garten hinaus, worin diese gestorben war; hier schrieb er den „Nathan“ – wobei ihm ein freundlich an ihn attachirtes Hauskätzchen, das schnurrend auf dem Schreibtische lag, Gesellschaft zu leisten pflegte. – Der im Mittelgebäude befindliche Gartensaal ist noch ganz im Geschmack jener Tage decorirt, einige steinerne Stufen führen von dort in ein hinter dem Hause liegendes und auch das Bibliothekgebäude mit einschließendes Gärtchen, das noch einige alte Bäume hat, in deren Schatten Lessing einst mit Gleim, Jacobi, Klopstock und andern von Zeit zu Zeit bei ihm einkehrenden Freunden wandelte.

Lessing starb, wie bekannt, nicht in diesem Hause, welches immer noch Dienstwohnung des herzoglichen Bibliothekars ist, sondern in seinem gewöhnlichen Absteigequartier im ersten Stock des Angott’schen Hauses am Egidien-Markt zu Braunschweig. Auf dem St. Magni-Kirchhofe unter düstern Tannen ist sein seit einigen Jahren reich mit Blumen bepflanzes Grab, um das sich Johann Heinrich Campe, der Verfasser des „Robinson“, dadurch, daß er es mit einem einfachen Steine bezeichnete, das Verdienst erwarb, auch diese geweihete Stätte der Nachwelt erhalten zu haben. C. S.