Leipziger Skizzen 1841

Textdaten
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Autor: Anonymus
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Titel: Leipziger Skizzen 1841
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aus: Die Grenzboten (1841/1842), 1. Jg., Band 1, S. 26–29
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Erscheinungsdatum: 1841
Verlag: Herbig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Band 1: SUUB Bremen = Commons
Kurzbeschreibung:
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Leipziger Skizzen.
Erstes Blatt.
Universität und Messe. Studentenzustände. Leipzig und Stuttgart. Wallensteins Lager. Gottsched und Ludwig der Eilfte. Junges Deutschland. Paris.


Ein bekannter Arzt behauptet in seinen Schriften, das Weib sei nur zur Zeit der Schwangerschaft im normalen, gesunden, naturgemäßen Zustande; eben so könnte man sagen: Leipzig sei nur zur Zeit, wo es sich in gesegneten Umständen befindet – zur Zeit der Messe – ein organischer, gesunder Körper. Außer der Meßzeit ist Leipzig ein kränkliches Weib, dem die weiten Kleider um die Glieder schlottern, ein Aschermittwochsgesicht, das den Carneval nicht ausgeschlafen hat. Man muß das alte Leipzig von dem neuen wohl unterscheiden. Als die hiesige Universität noch von jenem innern Mark durchströmt war, das ihren Ruf begründete, da wurde die Handelsstadt von der Universitätsstadt paralysirt, es war ein Doppelleben – aber in gleichen Theilen abgetheilt. Nun ist es anders. Nicht als ob unser Universitätsleben im Vergleich gegen andere Universitäten einen stärkern Niederschlag erlitten hätte. Den statistischen Angaben zufolge hat in den letzten 10 Jahren die Zahl der in Leipzig Studirenden nur um ein Zehntheil sich vermindert, während an den meisten andern Universitäten in Bonn, Tübingen, Heidelberg, Halle, Breslau, die Studentenzahl fast um ein Drittheil abgenommen hat. Die industrielle Richtung und ihr Uebergewicht über die ideelle, wissenschaftliche, ist als entscheidender Charakterzug des letzten Jahrzehends in ganz Deutschland gleich scharf hervorgetreten, nur daß dieß in Leipzig sichtbarer ins Auge fällt, weil hier Handel und Wissenschaft von Angesicht zu Angesicht sich gegenüberstehen. Der Zollverein wurde für Leipzig ein neuer Lebensnerv. Der deutsche Handel, der früher an verschiedenen Orten seine Stationen und Entrepots hatte, centralisirt sich immer mehr und mehr in dieser Stadt; der Kaufmann, der früher nach Frankfurt, Braunschweig etc. – je nachdem es ihm näher und zollgeringer war – seine Meßfahrten richtete, wendet sich nun, da ihm die Communication mit dem Central-Meßplatz nicht mehr gesperrt ist, direct hierher, wo der allgemeine Zusammenfluß der Personen und Vorräthe ihm Absatz und Requisition um Vieles erleichtern. Der Einfluß, den dieser Zudrang auf die Stadt hat, ist augenfällig. Ueberall steigen neue Häuser und Bauten, und die Brust des alten Leipzig dehnt sich mit tiefen Athemzügen immer weiter und weiter, um den neuen Frühling einzuhauchen. Aber die Wichtigkeit, die der akademische Bürger, der studirende Bürger, der studirende Einwohner sonst hatte, tritt dadurch mit jedem Tage mehr in den Hintergrund.

Der Nutzen, den der Student abwirft, wird im Vergleich zu dem, den der Meßgast, der Industriemann, der Commis voyageur bringt, immer minutiöser. Die akademische Jugend, der bei ihrer früheren Bedeutung die Familienkreise und gesellschaftliche Zirkel viel offner standen, findet sich jetzt isolirter, auf sich selbst verwiesen, ein Umstand, der auf Sitten und Bildung unerquicklich wirkt. Der Leipziger Universität entgeht dadurch ein Vortheil, der den in großen Städten sich befindenden Hochschulen, in Paris, Berlin etc. gewöhnlich sehr zu Statten kömmt: das Verschmelzen der Schule mit dem Leben. Wenn Scheidler in seiner Schrift, über das Universitätswesen, die kleinen Universitäten vertheidigt, so ist dieß eben nur eine Vertheidigung. In unserer Zeit, wo das ganze Leben sich immer mehr und mehr den großen Städten zuwälzt, da können die Universitäten nicht zurückbleiben. Ist es nicht auffallend, daß während in dem letzten Decennium die Zahl der Studirenden an allen deutschen Universitäten sich verminderte, sie in Berlin um ein Bedeutendes gestiegen ist? Der Student, der mit der Gesellschaft im Zusammenhange lebt, hat weit mehr Rücksicht für seinen Ruf, für seine Unbescholtenheit, als der exilirte, der in der Kneipe seine isolirte Erholung suchen muß. Man irrt, wenn man denkt, daß die Moralität an den kleinen Universitäten überwiegend sei; der Carabin (der Medicinbeflissene),der in Paris mit seiner Maitresse, in wilder Ehe, die Zeit seiner Studienjahre durchlebt, ist weit weniger unmoralisch, als mancher deutsche Student in seinem bacchantischen Cölibat. –

Faßt man übrigens den scharfen Gegensatz ins Auge, der zwischen den beiden Elementen Leipzigs – der gelehrten und handeltreibenden Stadt – von jeher bestand, so findet man es erklärlich, daß gerade hier das dritte Element entstehen mußte, in welchem die beiden andern sich begegnen: das buchhändlerische, das literarische Leipzig. Man hat in neuerer Zeit, in Bezug auf Verlagsunternehmungen, Stuttgart eine jüngere Nebenbuhlerin Leipzigs genannt, aber trotz des frischen Unternehmungsgeistes, trotz der mannichfachen, großartigen Institute, wird die erstgenannte Stadt ihre Buchmanufactur doch nie so hoch treiben können, als Leipzig. In Stuttgart hat der Verlagshandel zufällig sich gestaltet, er geht aus keiner Bedingung der Localität hervor, jede andere Gattung von Industrie hätte eben so zufällig dort sich niederlassen können; in Leipzig hingegen ist die Buchfabrikation aus den Verhältnissen hervorgegangen, welche das Wesen der Stadt bilden. Auf der einen Seite mußte die Messe, die es zum Stapelplatze des Sortimenthandels machte, die Verlagsunternehmungen an Ort und Stelle begünstigen, da die Verleger, an der Verkaufsquelle sitzend, ihren Betrieb kostengeringer und sicherer bewerkstelligen. Auf der andern Seite führt die Universität immer neue Rekruten der schriftstellerischen Fahne zu. Leipzig ist in dieser Beziehung ein leibhaftes Wallensteinisches Lager. Die Armee von Literaten, die hier stationirt, ist ein so zusammen gewürfelter Heerhaufe, wie nur je die Trommel des Herzogs von Friedland aus aller Herren Ländern sie zusammen gerufen: Ungarn, Böhmen, Märker, Schlesier, Baiern, Sachsen, Preußen, Franken, Engländer, alles durcheinander. Man darf nicht verkennen, daß dieser Standpunct Leipzigs von großen Folgen für die deutsche Literatur gewesen ist. Das Unerquickliche, welches die deutschen Zustände in Geschichte, Politik, und socialem Leben darbieten, hat meistens seinen Grund in dem Mangel eines Mittelpunctes, in dem gänzlichen Mangel an Centralisation. Daß die deutsche Literatur etwas besser daran ist, als die deutsche Geschichte, daß es hier eine wirkliche nationale Einheit gibt, das dankt sie zunächst Leipzig. Hier bildete sich zuerst ein Centralpunkt für die literarischen Interessen. Unsere eigentliche Nationalliteratur beginnt erst mit jener leipziger Schule zu zählen an, deren Mitglieder die junge Studentenwelt: Kramer, Gellert, die Schlegel, Rabner, Klopstock, Weiße, Lessing etc. waren. Vor dieser Zeit bietet unsere Literaturgeschichte einen bunten, zersplitterten Anblick, ganz wie unsere Reichsgeschichte. Kein Halt, kein einheitliches Bestreben, kein einheitliches Verständniß, nicht einmal eine einheitliche Sprache. Gottsched war für unsere Literatur, was Ludwig der Eilfte für Frankreich war. Ein pedantischer Tyrann, auf der einen Seite kriechend und furchtsam, auf der andern frech und herrisch[1] Aber, wie Ludwig der Eilfte, hat er das große Verdienst, eine Centralisation, ein kräftiges, inneres Band geschaffen zu haben; er verstand es, die fernen, unabhängigkeitslustigen Kräfte des Literaturstaates durch List und Drohung, durch Schmeichelei und Schrecken, an sich zu ziehen. Es war ein großes, monarchisches Talent, dieser Gottsched; wären auf dem deutschen Kaiserthrone mehr Männer seines Gleichen gesessen, so stünde es jetzt anders um Deutschlands Einheit. Wahrlich, Frankreich sollte dankbarer gegen seinen Ludwig den Eilften sein, und Deutschland gerechter gegen seinen Gottsched. Das literarische Leipzig dankt letzterem einzig und allein seine Entstehung, er machte es zu einem kleinen Paris für unsere Literatur, d. h. zu einem Mittelpunkte und Centralplatze, ohne welchen man sich die glorreiche Umwälzung unserer literarischen Verfassung kaum denken kann.

Vergessen wir nicht, daß nicht nur die große Revolution unserer Literatur im vorigen Jahrhundert, sondern daß auch die kleine, mißglückte Wiederholung derselben, welche das junge Deutschland in den dreißiger Jahren machte, gleichfalls zunächst von hier ausging. Die Zeitung für die elegante Welt begann den Kampf, und riß das Straßenpflaster auf, die ästhetischen Feldzüge, und die Gutzkow’schen Schwertstreiche folgten. Im Grunde ist es unserem jungen Deutschland nicht schlimmer gegangen, als der Julirevolution überhaupt. Die Dynastie Menzel wurde glücklich gestürzt, aber die angekündigte Geistesfreiheit ist auf den alten Weg wieder zurückgekehrt. Die Ursache ist nicht weit zu suchen. Es hat in Deutschland nie an feurigen, reformlustigen Talenten gefehlt, und nicht immer lag es an ihnen, wenn die Folge dem Anfange nicht entsprach. In dem Gedränge der Leipziger Literaten trägt manches Herz den Keim der Zukunft in sich verschlossen, und wenn es wahr ist, daß man in Berlin mit einer Aenderung der Preßgesetze sich beschäftigt, und wenn diese Aenderung früher oder später über ganz Deutschland sich erstreckt, dann würde die Bedeutung Leipzigs erst ins volle Licht treten. Jetzt zerarbeitet es sich in ohnmächtigen Versuchen. Auch hierin erinnert es in etwas an Paris. Der Fremde, der die Pariser Straßen durchstreift, und die ungeheure Bewegung an allen Enden, die Zusammenrottungen aus den öffentlichen Plätzen, die ernsten Gesichter der Börsenspeculanten, beobachtet, der legt sich Abends mit dem Gedanken nieder: morgen geschieht ein entscheidender Schlag, morgen blitzt es in dieser schwülen Luft. Aber das Morgen verfließt, wie das Heute. Und in Leipzig? Wer das Gedränge dieser Literaturmasse erschaut, die ernsten Gesichter der Buchhändler, die Discussionen an allen Enden, der denkt sicher: morgen donnert es, morgen bricht eine entscheidende Literaturrevolution aus – aber es sind lauter ruhige Bürger, und vor der Hand ist nichts zu fürchten.



Anmerkungen

  1. Die Schilderung, die Gervinus von dem Treiben dieses Mannes macht, wie ergötzlich sie auch in ihrer Art ist, und mit welchen Knüppelhieben er auch auf das Andenken jenes Mannes losschlägt, dessen Schleichwege den freiheitslustigen, derben Charakter des Göttinger Literaturhistorikers anwidern mögen, so beweist sie doch, welchen Einfluß dieser Mann auf seine Zeit ausübte, und über welches Heer er zu kommandiren hatte. Nach Schlesien, nach Preußen, nach Schwaben und Oesterreich, nach Hannover und Hamburg, reichten seine Mandate, reichten sein Einfluß und seine diplomatischen Netze.