Lebens- und Verkehrsbilder aus London

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Titel: Lebens- und Verkehrsbilder aus London
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 103-107
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Allgemeine Beschreibung des Stadtbildes Mitte des 19. Jahrhunderts
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Lebens- und Verkehrsbilder aus London.

In Briefen von einem in London lebenden Deutschen.
I.
Einleitende Ansicht von London.
Der Deutsche in England. – London, das Herz der Welt. – Rauch und Nebel. – London, der gesundeste Ort auf der Erde. – Geschichte eines Liebespaars. – Auf dem Omnibus. – Zweierlei Klingelzüge. – Straßen und Häuser. – Fahren und Ausweichen. – Eisenbahnfahrt über London hin. – Weinkeller und Docks. – London hört nirgends auf.

Wir Engländer haben keine Gartenlauben. Gartenlaube! Ich las das Wort blos, nachdem ich in London mehrere Jahre gartenlos und laubenlos zugebracht, und doch rührte und erfrischte mich der bloße Anblick des nüchternen Wortes so innig, daß ich sofort beschloß, um Einlaß zu bitten. Ich habe ihn erhalten, danke zuerst dem Herrn der Laube herzlich dafür und bitte ihn und die geehrten Gäste um’s Wort.

Wir Engländer, sagte ich, haben keine Gartenlauben, und daß ich „wir Engländer“ sage, hat auch seine guten Gründe. Wir sind hier unserer Hunderttausend wenigstens in London, alles geborne Deutsche, aber die Meisten davon waren kaum so lange hier, um sich ein Bischen Englisch anzulernen und englisches Geld zu verdienen, als sie sich Backenbart, Hut, Rock und Gesinnung auf Englisch zurichten ließen und Engländer wurden. Der Deutsche ist nun einmal so: in Frankreich wird er ein Franzose, hier ein Engländer, in Rußland ein Russe, und ich zweifle nicht, daß er unter Hottentotten auch ein Hottentotte wird. Wir wollen uns das aber nicht so übel nehmen, wie wir es practischer Weise thun müßten.

Der Deutsche mit seinem tiefen Gemüth, mit seinem Geschick und Fleiße, mit seinen Gartenlauben, hat eben die Aufgabe und vielleicht auch den natürlichen Instinct, seine Vorzüge vor andern Völkern in alle Welt zu verbreiten und so am Ende Bildung und Gemüthlichkeit zum Freundschaftsbande aller Nationen zu machen. Davon wohl später. Aber der Mangel an Gemüthlichkeit und Gartenlauben in England erinnerte mich unwillkürlich an diese menschheitliche Bestimmung und bereits tüchtig angefangene Arbeit der Deutschen. Es ist Schade, daß es nicht hierher gehört und es zu gelehrt klingen würde, wenn ich beweisen wollte, daß der Deutsche seit etwa zwei Jahrtausenden schon immer die Welt erobert und regiert hat, nicht [104] mit Waffen von Eisen und Stahl, sondern durch die Schöpfungen und Erfindungen seines Genies. Das klingt stolz. Ein Bischen Stolz kann uns aber gar nichts schaden; wir haben ein Recht dazu und sind überhaupt viel zu bescheiden als Volk und im Ganzen und Großen. Doch davon später, wenn wir darauf kommen, was die Deutschen in England und Deutschland Alles gethan haben und thun, um den Engländern Geschmack, geschmackvolle Erzeugnisse der Kunst und des Gewerbes und Gemüthlichkeit beizubringen. Haben wir den Engländer erst gemüthlich gemacht, so baut er auch Lauben in seine Gärten, und dann haben wir wieder eine Eroberung gemacht, größer als alle, die den größten Schlachten folgten.

Ich versprach Ihnen, von London zu erzählen. Von London, dem „Herzen der Welt“, dem kalten, kaufmännischen Herzen der Welt. Das menschliche, wärmere Herz der Welt, das Gemüth der Menschheit schlägt in unserm geliebten Deutschland, der zärtlichen Mutter und dem weisen Vater alles Großen und Schönen der Erde, der Engländer und Amerikaner, des Christenthums und der Buchdruckerkunst, der Künste und Wissenschaften, der Stickmuster und Kinderspielsachen für alle Völker der Erde. London ist das kalte kaufmännische Herz der Welt; man kann deshalb auch sagen der Geldbeutel der Erde, das Central-Comtoir aller Menschen und Völker, die Gewerbe und Handel treiben. Das sind keine Redensarten; es ist vielleicht nichts so buchstäblich und genau wahr. Man kann nur nicht Alles gleich auf’m Flecke beweisen und durch Schilderung anschaulich machen; aber kommen soll’s schon noch.

Und wie sieht denn nun dieses London aus? Das ist eine kitzliche Frage. Es ist, wie gewisse Gespenster aus vergangener Zeit, fast immer unsichtbar und zeigt sich nur bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, aber auch nur stark verschleiert. Es ist fast immer doppelt eingewickelt, erstens in Rauch, zweitens in Nebel. Wenn ich hier von Rauch und Nebel spreche, so muß man bei Leibe nicht an den gemüthlichen, bläulichen Rauch denken, der sich still vergnügt aus deutschen Schornsteinen in die Luft verliert, und nicht an die liebenswürdigen deutschen März- und Herbstnebel, die gegen Mittag ehrerbietig der Sonne weichen oder sich in einen soliden Regen verlieren, der endlich einmal aufhört. London hat mehr Schornsteine, als manches kleine Königreich Einwohner. Aus jedem dieser Schornsteine kommt Euch eine Masse, der man im höchsten Grade schmeichelt, wenn man sie Rauch nennt. Es ist ein so schmutziger, dicker, hartnäckiger, schwerfälliger, träger Qualm, daß er kaum mit Gewalt aus den röthlichen, runden Schornsteinarmen herauszubringen ist. Und dann pflanzt er sich sogleich breitbeinig in die Luft, nein in den Nebel hin und blickt trotzig um sich, als wollt’ er sagen: Wer will es wagen, mir den Platz zu verwehren? Ich bin ein freier Engländer und mache was ich will. Ich verschließe den Londonern Luft und Licht und Himmel und Sonne und weiter brauche und will ich nichts. Wozu brauchen die auch Luft und Licht und Himmel? Sie haben ihren Himmel auf Erden, ihre Geschäfte, ihre Pfunde, ihr gutes Fleisch und Bier und brennen den ganzen Tag Gas, wobei das Gold und die 500,000 Läden immer viel besser aussehen, als bei dem nüchternen Sonnenlichte, das nur erfunden zu sein scheint, um den Gas-Compagnien Schaden zu thun.

Dieser dicke, träge Qualm hüllt London ewig in einen dicken Pelz. Damit’s ihm aber darunter nicht zu warm werde, kommt sehr häufig ein College von ihm über London aus der tiefebenen Nachbarschaft, ein noch dickerer, feuchter, graugrüner Nebel, der manchmal allen den Millionen Gasflammen spottet und selbst das beste Wachslicht in der Stube dicht verschleiert. Dieser Nebel hält sich manchmal wochenlang in London auf, besonders im Winter, wo er das Landleben nicht zu lieben scheint. Der Himmel hängt dann nicht voller Geigen, sondern voller Schinken; er sieht dann wie ein einziger unaufhörlicher halbgeräucherter Schinken aus. Fängt’s dann dazu noch zu regnen an, so hört es in den ersten Wochen nicht wieder auf, wie z. B. diesen Winter.

Merkwürdig, und mitten in diesem ewigen Qualm und Nebel wohnen nicht nur Menschen, sondern auch über 21/2 Millionen Menschen dicht beisammen und wohnen nicht nur da, sondern machen auch mehr Geschäfte, als irgend in der Welt gemacht werden, und leben nicht nur besser, als anderswo, sondern auch länger und gesünder. London ist, erwiesen durch langjährig fortgesetzte medicinische Statistik, der gesündeste Ort auf der ganzen Erde, und in London selbst die dichteste Mitte, die City, der gesundeste Theil. Mag das jetzt Manchem noch so unglaublich klingen, es ist wahr, es ist eine durch sorgfältige Wissenschaft und Erfahrung festgestellte Thatsache, über die wir gelegentlich wohl auch noch ein möglichst vernünftiges Wort sprechen.

Wollen wir London zu Fuße messen? Nicht doch, es könnte uns sonst so gehen, wie jenem Liebespaare, das an dem einen Ende Londons in benachbarten Häusern wohnte und dem die Aeltern wehrten, zusammen zu kommen. So beschlossen sie denn, um London herum nach entgegengesetzten Richtungen abzugehen und sich am andern Ende unter einem Baume zu treffen. Man muß mir aber diese spaßige Geschichte, die ich in einem Witzblatte las, nicht übel nehmen; ich spreche gern, wie mir’s eben einfällt. Sie trafen sich zwar endlich, die Liebenden, an dem verabredeten andern Ende Londons, aber wie viel Zeit sie dazu gebraucht haben müssen, geht schon aus dem Umstande hervor, daß er bereits Vater von zwei Kindern und sie zum zweiten Male Wittwe war. Ich habe diese Geschichte blos deshalb mit erzählt, weil sie uns mittelbar wenigstens einen ganz annähernden Begriff von der Größe Londons für Fußgänger giebt. Aber in London geht Niemand zu Fuße, wenigstens läuft er dann. Im Uebrigen fährt er stets mit einem der 10,000 Omnibusse, oder einer Stadteisenbahn, oder dem Local-Dampfschiff, deren über 300 stets die verschiedenen Stadttheile verbinden, und sollte es auch nur mit dem „Hepny-Boote“ sein, wo man einen halben englischen Pfennig bezahlt, um von der City nach dem Westende zu kommen. Gentlemen fahren in einer der Tausende von Droschken und Cab’s. Von letzteren giebt’s eine zweirädrige Sorte, welche vielleicht das achte Weltwunder zu den sieben zu sein verdient, so leicht und schnell und sicher winden sie sich aalartig durch ewig von Fuhrwerk vollgepfropfte Straßen dem bezeichneten Ziele zu.

Oben auf dem Dache eines Londoner Omnibus, wo [105] gewöhnlich noch für 9 Personen Platz ist, kann man sich dieses kolossalste Ungeheuer der modernen, praktischen Civilisation am Bequemsten und Comfortabelsten ansehen. Man genießt es aus der besten Vogelperspective und zeigt den Leuten und Läden und übrigen Fuhrwerken die Schuhsohlen. Wir fahren von einem Omnibus-Endpunkte ab, wollen wir einmal annehmen, und sehen rasch rechts und links, rück- und vorwärts. Wo der Endpunkt liegt, ist ganz gleichgültig, jedenfalls erblicken wir überall herum freie grüne Plätze mit den schönsten Perlenreihen von Villen und Cottages, mit Gärten, Bäumen, Epheugerank vorn und Gärten oder gar duftigen Parks dahinter. Vorn dichte Mauer mit schwerem Epheu bedeckt und eine recht sicher verschlossene, feste Thür mit zwei Knöpfen in je einer metallenen Höhlung. Auf dem einen Knopfe links steht mit Metallumschrift: „Servants“ (Dienstboten), auf dem rechts: „Visitors“ (Gäste). Es sind Klingelzüge für die zweierlei Menschenracen: Dienstboten und Leute, die es nicht sind. Wir werden über diese überall sichtbare sociale „Gliederung“ der verschiedenen Stände noch Manches zu sagen haben. Vom Omnibus oben siehst du über die Mauer weg in den Garten und zuweilen auch in die spiegelblanken Fenster hinein. Ach, welch ein schneeweißer, marmorner Weg führt nach der Thür und der Treppe! Kein Fleckchen, kein Stäubchen! Auf beiden Seiten der duftigste, saftigste Rasen, den man je in der Welt sehen kann, innen dieses frische, unbeschreiblich erquickende Grün, Winter und Sommer. Dazwischen dunkellaubige Stauden und Bäume, jedenfalls auch die dunkle Stechpalme mit dunkeln Blättern und weißgelben Rändern, die nie ihre Blätter verliert, und staudenartige Bäume mit hellen, gesprenkelten Blättern, die auch niemals kahlköpfig werden. Von solchen Villen und Cottages siehst du bald hier, bald da größere und kleinere Gruppen, dazwischen grüne Plätze mit Hügel und Thal, wo Pferde und Kühe und Schafe und Ziegen und Esel sich von ihren Strapazen erholen und nur aus Langeweile zuweilen einmal etwas Gras rupfen, denn sie haben zu Hause bessere Kost, wie man ihnen gleich auf den ersten Blick ansieht. Nach diesen Idyllen kommen wieder Cottages und Villen, auch stehen stolze, fest verschlossene Paläste dazwischen, aus denen prächtige Tapeten, kostbare Teppiche und Gemälde und schwere goldene und seidene Meubles hervorblitzen. Das ist Alles London. Nun kommen schon Läden, ganze Armeen von Läden mit Parade-Schaufenstern, auf der andern Seite vielleicht eine ungeheure, feste hohe Mauer mit Glasscherben oder spitzigen Eisenzacken oben, über die helle, grüne herrliche Bäume und Waldungen hervorragen. Am Ende der Mauer ein seltsam verschrobener Palast, dessen Baustyl uns ein Räthsel ist. Er gehört einem Lord und der ungeheure Park dahinter auch, und er wohnt blos im Sommer ein Paar Monate darin, während der „season“: er hat ja noch mehr und größere Parke im Lande drin, wo er jagt, fischt, angelt, die Zeitungen lies’t und sehr viel und sehr gut ißt und trinkt. – Nun kommt’s auf einmal dichter, enger, menschen- und wagen- und budenreicher. Vor dir, neben dir, hinter dir, überall wimmelt und tobt und rasselt es ohne Anfang und Ende. Die Straße, in der wir fahren, nimmt kein Ende und von allen Seiten, in allen Richtungen laufen krumme, enge, düstere Straßen hindurch in den willkürlichsten Richtungen, die alle ebenfalls kein Ende haben. Dazwischen sogar schon Straßen, wo man nicht hindurch zu kommen glaubt, wenn man gerade etwas breitschultrig ist, Straßen, die nichts vom Tageslichte wissen und fast stets in Gas flammen.

Auf einmal schnurgerade, ebenfalls endlose Straßen, wo die Häuser sich alle auf’s Haar ähnlich sehen! Wie lange Reihen von Rekruten stehen sie da, denen der Unterofficier „Richt’t euch! und Stillgestanden!“ geboten hat, so steif und stumm und düster und einförmig. Es sind Fabrikarbeiter-Städte, die eine Compagnie in einem Sommer hat aufbauen lassen für Arbeiter, Arme, die auf diese Weise verhältnißmäßig ungemein wohlfeil ein eigenes Haus bekamen. Manchmal sind auch uniformirte, kleine Gärtchen davor und dahinter, und doch kostet hier ein ganzes Haus nicht so viel, als in der City eine einfenstrige Stube hinten in einem Hofe drei Treppen hoch hinten hinaus.

Unser „Bus“ (die letzte Silbe ist für den Engländer lang genug) soll über einen Platz weg, in welchen 5–6–7 und mehrere Straßen münden, alle mit Menschen, Fuhrwerken aller Art, und besonders viel Omnibus überfüllt. Alle diese Straßen zeigen uns kaum eine Spur von Steinpflaster, so dicht sind sie mit Leben und Verkehr besäet und aus allen und in alle wollen unabsehbare Massen. Man muß das aber sehen, um’s zu glauben, wie sich das Alles stets macht, ohne daß Einem nur ein Haar gekrümmt wird. Wie hier die Wagenlenker ihre Sache verstehen, davon kann man sich kaum einen Begriff machen. Und wie es hier die Leute verstehen, vor und zwischen dichtgedrängten, eilenden Wagen aller Art durchzukommen, grenzt ebenfalls an’s Wunderbare. Das bindet und windet und lös’t sich stets so ruhig und kaltblütig, daß Keiner ein Wort dabei verliert. Unser Omnibus, so rasch er ist, macht sich doch durch die engste Oeffnung immer rasch wieder Luft und jagt dann dahin, als wären wir und er von Papier und hohl inwendig. Wir biegen bald links, bald rechts, und kommen jetzt in eine Straße, die ungemein still und ernst und vornehm aussieht. Alle Häuser fest verschlossen, kein Kopf, kein Blumentopf an dem todten Fenster; vorn überall Eisengitter und in der Mitte eine Brücke nach dem Thürklopfer. Sanft zwischen dem Gitter und dem Hause eine Tiefe, in der man wieder Fenster und Thüren sieht und einen besondern Eingang mit einer besondern Treppe von Außen hinunter. Da unten ist das Departement der Dienstboten und der Küche. Oben jedes Haus dicht zugeknöpft, verschlossen und vergittert. Hunderte solcher Straßen hinter einander gesehen, können einen gemüthlichen Menschen zur Verzweiflung und auf Selbstmordgedanken bringen.

Aber schon wird’s heiter. Die Straße ist zwar nicht ebenfalls endlos, aber eine von denen, wo auf beiden Seiten doppelter Jahrmarkt ist und zwar alle Tage, die Gott werden läßt, und die halbe Nacht hinzu. In den Häusern Laden bei Laden, immer einer prächtiger, wie der andere, und an den Trottoirs hin endlose Reihen von Penny-Sachen mit Leuten, die ununterbrochen Jeden anschreien und ihm wohl gar eine Viertelmeile nachlaufen, wenn er nicht finster genug aussah. Und davor noch auf beiden Seiten breite, wandernde Karren mit Aepfeln, Apfelsinen, Nüssen, Zuckerwerk und besonders viel mit Austern, Pfeffer- und Essigfläschchen. Die Auster ist hier ein Proletarieressen, [106] ebenso wie die großen Schnecken in ungeheuren, posthornartigen Häusern, und die Krabben und die auf der Straße gerösteten heißen Kastanien. – So sieht’s aus der Reihe nach, man mag von jeder beliebigen Seite her kommen. Noch eine Strecke und wir gelangen endlich nach der Mitte der Stadt, nach der Bank.

Wir brauchen jetzt nur noch eine Fahrt mit der Eisenbahn zu machen, um unsere allgemeinen Ansichten von London zu vervollständigen. Die Stadteisenbahnen durcheilen größere Kreise der ungeheuren Stadt. In dem Waggon wird es uns erst klar werden, daß London keine Stadt ist, sondern etwas ganz neues „höheres Dritte“ zwischen Stadt und Land, die „höhere Einheit“ des alten, blutigen Gegensatzes zwischen ländlichen und städtischen Interessen und Bildungsstufen. Dieser Umstand ist besonders wichtig und wir werden Gelegenheit nehmen, ihn besonders zu schildern. Er bildet zugleich einen der höchsten Reize Londons, durch welchen es erklärlich wird, daß Niemand, der London erst kennt, es wieder verlassen will, vorausgesetzt, daß ihm das nöthige Geld nicht fehlt, diesen Reiz auch zu genießen.

Von der Bank ist es nicht eben weit nach einem der Stadteisenbahnhöfe. Wir gehen zu Fuß, so weit uns das durch ein ewiges Gedränge von hunderterlei Arten von Wagen, Körben und Packeten auf den Köpfen von Weibern und Männern, blauen Säcken auf den Rücken anständig gekleideter Schnellläufer (wir lernen sie alle noch kennen) und Reihen von Tabuletkrämern in den engen Straßen möglich ist. Wie es möglich ist, begreift man erst eine ganze Zeitlang gar nicht. Hernach lernt man es finden, den Verkehr, die Communication, das Rennen, Fahren, Laufen, Drehen, Drängen und Winden, das Sichüberalldurchhelfen ist hier zu dem höchsten Grade der Vollkommenheit und Freiheit ausgebildet. „Sehe Jeder, wie er’s treibe, und wer steht, daß er nicht falle.“ Das wurde hier zur blühendsten Wahrheit, und so fällt wirklich Keiner und Jeder weiß sich und sein Geschäft zu treiben, daß man Beide für Geld könnte sehen lassen.

Wir sind auf einem Eisenbahnhofe. Wenn geht der nächste Zug ab? Das ist eine Frage, die der Bockney (der in der City geborne) im besten Bockney-Englisch nicht verstehen wird. Der Zug geht immer ab, und der Zug kommt immer an. Beides ist Eins. Draußen ein Paar hundert Schritte vor dem Halteschuppen läuft fortwährend eine Locomotive von dem Zuge weg auf andern Schienen hin und läßt den Zug mit den Hunderten von Personen sich selbst sein Ziel suchen. Während dieser sich noch bemüht, von selbst still zu stehen, geht drüben ein anderer Zug ab, und während die Leute hier zugleich aus- und einsteigen, werden plötzlich alle Thüren zugeworfen, eine Stimme ruft: „all right“ und sofort ras’t der eben angekommene Zug hinter dem eben abgegangenen her, nicht erst ein Weilchen langsam, sondern gleich im vollen Laufe. Und kaum hat er angefangen, wie besessen zu laufen, so steht er plötzlich still, wie Einer, der in der Eile zu Hause was vergessen hat und sich plötzlich darauf besinnt, daß er’s haben muß. Aber der Zug besinnt sich nicht, in derselben Minute sind vielleicht Hunderte neuer Passagiere eingestiegen und in derselben Minute hohe Burgen von Kasten, Kisten und Koffern in den Zug verschwunden, in derselben Minute Hunderte alter Passagiere hinausgesprungen und in derselben Minute läuft der ganze Zug auch gleich wieder in rasender Hast, aber ganz kaltblütig ohne Pfeifen und Klingeln davon. Nach drei – fünf Minuten ganz dieselbe Geschichte und wieder ganz dieselbe Geschichte 20 – 30 – 40 mal hinter einander, je nachdem unser Weg länger oder kürzer ist. Diese Eisenbahnzüge, die immerwährend so den ganzen Tag abgehen und ankommen, sind Dampf-Omnibusse, die scheinbar alle Nasen lang anhalten (aber jede Nase ist freilich eine gute Meile lang) und immerwährend Hunderte von Leuten und Packeten einnehmen und absetzen.

Im Anfange fuhren wir auf einer ungeheuren Brücke über Häuser und Straßen weg. Nimmt denn das gar kein Ende? Allerdings, aber erst da, wo die Eisenbahn zu Ende ist. Die ganze Bahn von Anfang bis zu Ende ist eine einzige Brücke über Häuser und Straßen hinweg. Sie ist beiläufig gesagt, blos 4 Meilen lang, denn wir nehmen an, daß wir gerade auf die kürzeste und theuerste gerathen sind, welche die City mit einem östlichen Punkte, Blackwell, verbindet. Sie ist die theuerste Bahn der Erde und ihre Actien stehen höher als die irgend einer Bahn dieses Planeten, so etwa 4 – 500 %. Von dem, was rechts und links, unter und über uns vorbeisaus’t, bekommen wir kaum eine Ahnung. Nur die ungeheuren Wälder von Masten, die uns manchmal nahe kommen, ragen deutlich genug herein, uns in Erstaunen zu setzen. Wir fliegen an allen den riesigen Weltwundern vorbei, in denen die Schiffe aller Nationen theils ausruhen, theils laden und löschen. Man schmelze alle Wunder der Welt und aller Zeiten und Nationen zusammen zu Einem Wunder und sie bleiben gegen diese „Docks“ ein Pfefferkuchenmann, 12 für einen Silbergroschen. Man addire den Bremer Rathskeller 100 mal mit sich selbst und multiplicire ihn 10,000 mal mit dem Heidelberger Fasse, das Facit bleibt immer nur ein kleiner Bruch zu einem einzigen dieser Weinkeller, über die wir mit wegfahren. Wir besuchen später einen und probiren auch, ohne daß es uns was kosten soll. Diese unterirdischen Weinstädte mit ihren unterirdischen Eisenbahnen, auf denen von den 56,000 Oxhoft-Einwohnern stets welche ankommen oder abreisen in die Kehlen Amerika’s, Ostindiens, Australiens u. s. w., wenn sie es nicht vorziehen, im Lande zu bleiben und die Engländer redlich zu nähren, diese Weinkeller müssen einen braven Bürger bei Kasse, der nicht nur ein gutes Glas liebt, sondern es auch mit Kennermiene gegen das Licht zu halten weiß, ehe er trinkt, um den Verstand bringen, ehe er nur einen Tropfen trinkt, so viel Staunen ist hier aufgehäuft. Auch wir werden uns sehr tapfer halten müssen, nicht nur im Nichttrinken, sondern auch im Nichtzuvielluftschöpfen. Doch das Alles nur bei- und vorläufig, anklangsweise, wie in der Ouverture zu einer Oper. In Blackwell gehen wir auch nur ganz schnell in die Ostindien-Docks herunter, durch einen der Ostindienfahrer hindurch. So ein Schiff ist keine kleine Stadt, wie man wohl gesagt hat, sondern schon eine ziemlich große. Habe ich doch eins mit 1200 Zimmern (300 Wohnungen) gesehen, abgesehen von den Räumen für Frachten und Proviant.

Nur ein Paar Schritte weiter und wir steigen in einen andern Dampf-Omnibus, der etwa 10 Meilen weit durch die Ost- und Westseite der Vorstädte Londons immerwährend hin- und herläuft, aber eigentlich in der City anfängt. [107] Doch überall laufen ja Verbindungs-Bahnen über- und unter- und nebeneinander hin, so daß ein Kenner, der recht Bescheid weiß, von jedem Punkte zu jeder Zeit in der kürzesten Zeit überall hinkommen kann, zumal wenn er zugleich die Pferde- und Dampf-Omnibusse zu Wasser mit zu Hülfe nimmt. Wir fliegen jetzt über Wiesen und Weiden, jetzt durch Parke, jetzt über Felder, jetzt durch Reihen von Feenpalästen und umgrünter Schmuckkästchen von Villen und Cottages hin, jetzt über parademäßig aufgestellte, einförmige Straßen und Häuser, wie wir schon einmal angedeutet haben. Diese dichten Städtegruppen haben sich überall an den Anhaltepunkten der Eisenbahnen gebildet und sind da herausgewachsen wie Traubenblüthen und Doldenblumen mitten in Ackerbau, Viehzucht, Gärten und Wälder hinein, die in der prächtigsten, nettesten Cultur nun noch die einzelnen Villen und Paläste ewig umgrünen und durchduften. Das ist überall die höchste städtische Cultur auf dem Lande, während diese Bewohner des urbanisirten Feldes jeden Tag von 10 bis 5 Uhr in dem dichtesten Stadtverkehr zubringen. So ist in London wie bereits in allen großen Städten Englands der Unterschied und Gegensatz zwischen Stadt und Land verschwunden.

London hört nirgends mehr auf, ohne daß die nächste Stadt anfängt.

Daß die Welt nicht blos natürlich, sondern auch künstlich durch Geld, Cours, Credit, Austausch, Wechsel, Dampf, Electricität, Aus- und Einwanderung, Briefe, Zeitungen u. s. w. zusammenhängt und das warme belebende Verkehrsblut immer rascher und vielseitiger und tiefer und weiter hin- und herpulsirt, um nach und nach alle Menschen mit zu erwärmen und in diesen Fluß der Bildung, des Geldes und der Waaren mit hineinzuziehen, das ist eben ihre Schönheit und ein Hauptgrund, warum die meisten Menschen lieber noch ein Weilchen warten, ehe sie sterben.

Daß London das Herz dieses pulsirenden Verkehrsblutes ist, wird mir in meinen künftigen Schilderungen sehr zu Gute kommen.