Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Brüder Grimm
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Landgraf, Moritz von Hessen
Untertitel:
aus: Deutsche Sagen, Band 2, S. 357-360
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Nicolai
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons,Google
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: [1]
Bild
Deutsche Sagen (Grimm) V2 377.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[357]
565.
Landgraf, Moritz von Hessen.
Mündliche Sage in Hessen.


Es war ein gemeiner Soldat, der diente beim Landgrafen Moritz, und ging gar wohl gekleidet, und hatte immer Geld in der Tasche; und doch war seine Löhnung nicht so groß, daß er sich, seine Frau und Kinder so stolz hätte davon halten können. Nun wußten die andern Soldaten nicht, wo er den Reichthum herkriegte, und sagten es dem Landgrafen. Der Landgraf sprach: „das will ich wohl erfahren;“ und als es Abend war, zog er einen alten Linnenkittel an, hing einen rauhen Ranzen über, als wenn er ein alter Bettelmann wäre, und ging zum Soldaten. Der Soldat fragte, was sein Begehren wäre? „Ob er ihn nicht über Nacht behalten wollte?“ – „Ja – sagte der Soldat – wenn er rein wäre, und kein Ungeziefer an sich trüge;“ dann gab er ihm zu essen [358] und zu trinken, und als er fertig war, sprach er zu ihm: „kannst du schweigen, so sollst du in der Nacht mit mir gehen, und da will ich dir etwas geben, daß du dein lebtag nicht mehr zu betteln brauchst.“ Der Landgraf sprach: „ja, schweigen kann ich, und durch mich soll nichts verrathen werden.“ Darauf wollten sie schlafen gehen; aber der Soldat gab ihm erst ein rein Hemd, das sollte er anziehen und seines aus, damit kein Ungeziefer in das Bett käme. Nun legten sie sich nieder, bis Mitternacht kam; da weckte der Soldat den Armen und sprach: „steh auf, zieh dich an und geh mit mir.“ Das that der Landgraf, und sie gingen zusammen in Cassel herum. Der Soldat aber hatte ein Stück Springwurzel, wenn er das vor die Schlösser der Kaufmannsläden hielt, sprangen sie auf. Nun gingen sie beide hinein; aber der Soldat nahm nur vom Ueberschuß etwas, was einer durch die Ehle oder das Maaß heraus gemessen hatte, vom Capital griff er nichts an. Davon nun gab er dem Bettelmann auch etwas in seinen Ranzen. Als sie ganz in Cassel herum waren, sprach der Bettelmann: „wenn wir doch dem Landgrafen könnten über seine Schatzkammer kommen!“ Der Soldat antwortete: „hie will ich dir auch wohl weisen; da liegt ein bischen mehr, als bei den Kaufleuten.“ Da gingen sie nach dem Schloß zu, und der Soldat hielt nur die Springwurzel gegen die vielen Eisenthüren, so thaten sie sich auf; und sie gingen hindurch, bis sie in die Schatzkammer gelangten, wo die Goldhaufen [359] aufgeschüttet waren. Nun that der Landgraf, als wollte er hinein greifen und eine Hand voll einstecken; der Soldat aber, als er das sah, gab ihm drei gewaltige Ohrfeigen und sprach: „meinem gnädigen Fürsten darfst du nichts nehmen, dem muß man getreu seyn!“ „Nun sey nur nicht bös – sprach der Bettelmann – ich habe ja noch nichts genommen.“ Darauf gingen sie zusammen nach Haus, und schliefen wieder bis der Tag anbrach; da gab der Soldat dem Armen erst zu essen und trinken, und noch etwas Geld dabei, sprach auch: „wenn das all ist und du brauchst wieder, so komm nur getrost zu mir; betteln sollst du nicht.“

Der Landgraf aber ging in sein Schloß, zog den Linnenkittel aus und seine fürstlichen Kleider an. Darauf ließ er den wachthabenden Hauptmann rufen und befahl, er sollte den und den Soldaten – und nannte den, mit welchem er in der Nacht herum gegangen war – zur Wache an seiner Thür beordern. „Ei – dachte der Soldat – was wird da los seyn, du hast noch niemals die Wache gethan; doch wenns dein gnädiger Fürst befiehlt, ists gut.“ Als er nun da stand, hieß der Landgraf ihn herein treten und fragte ihn: warum er sich so schön trüge, und wer ihm das Geld dazu gäbe? „Ich und meine Frau, wir müssen’s verdienen mit Arbeiten,“ antwortete der Soldat, und wollte weiter nichts gestehen. „Das bringt so viel nicht ein – sprach der Landgraf – du mußt sonst was haben.“ Der Soldat gab aber nichts zu. [360] Da sprach der Landgraf endlich: „ich glaube gar, du gehst in meine Schatzkammer, und wenn ich dabei bin, gibst du mir eine Ohrfeige.“ Wie das der Soldat hörte, erschrak er, und fiel vor Schrecken zur Erde hin. Der Landgraf aber ließ ihn von seinen Bedienten aufheben, und als der Soldat wieder zu sich selber gekommen war, und um eine gnädige Strafe bat, so sagte der Landgraf: „weil du nichts angerührt hast, als es in deiner Gewalt stand, so will ich dir alles vergeben; und weil ich sehe, daß du treu gegen mich bist, so will ich für dich sorgen,“ und gab ihm eine gute Stelle, die er versehen konnte.