Kalewala, das National-Epos der Finnen/Einunddreißigste Rune

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aus: Kalewala, das National-Epos der Finnen
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[193]
Einunddreißigste Rune.


     Ihre Hühnchen zog die Mutter,
Zog des großen Haufens Schwäne,
Setzt die Hühnchen hin zum Zaune,
In den Fluß sie ihre Schwäne;
Kam ein Adler, scheucht sie aufwärts,
Kam ein Habicht und zerstreut sie,
Kam ein Falke und zersprengt sie,
Einen trägt er nach Karjala,
Führt in’s Russenland den zweiten,

10
Läßt den dritten in der Heimath.

     Der nach Rußland Fortgeführte
Wuchs heran zum Handelsmanne,
Der nach Karjala Getragne
Wuchs heran und hieß Kalerwo,
Der zu Haus Zurückgelass’ne
Namens Untamoinen mußte
Zu des Vaters Unglück wachsen,
Zu dem Herzeleid der Mutter.
     Untamoinen setzt die Netze

20
In den Fischbezirk Kalerwo’s;

Kalerwoinen sieht die Netze,
Nimmt in seinen Sack die Fische;
Untamo, der Arggesinnte,
Wurde böse und verdrießlich,
Wandt’ zum Kampfe seine Finger,
Zu dem Streite seine Arme,
Ob des Abfalls von den Fischen,
Ob der bloßen Brut der Barsche.
     Streiten beide da und kämpfen,

30
Keiner wird des andern Meister;

Schlägt er heftig auf den andern,
Wird er selber auch geschlagen.
     Darauf nun zum andern Male
An dem zweiten, dritten Tage
Sä’te Kalerwoinen Hafer
Hinter Untamoinen’s Wohnung.
     Untamoinen’s Schaaf voll Keckheit
Fraß den Hafer Kalerwoinens;
Kalerwoinens Hund voll Bosheit

40
Riß Untamo’s Schaf in Stücke.

     Untamo droht nun gewaltig
Kalerwoinen, seinem Bruder,
Kalerwo’s Geschlecht zu tödten,
Groß und klein dort zu erschlagen,
Zu vernichten das Gesinde,
Zu verbrennen seine Stube.
     Schafft sich Männer schwertumgürtet,
Helden, deren Hand bewaffnet,
Knaben mit dem Speer am Gürtel,

50
Auf der Schulter Äxte tragend;

Zog dann zu dem großen Streite
Gegen seinen eignen Bruder.
     Kalerwoinen’s schönes Weibchen
Saß grad in des Fensters Nähe,
Blickt nach außen aus dem Fenster,
Redet Worte solcher Weise:
„Sollte dort sich Rauch erheben
Oder eine dunkle Wolke
An dem Saume jenes Feldes,

60
An dem Rand des neuen Ganges?“

     Keineswegs war es ein Nebel,
Dichter Rauch auf keine Weise,
Waren Untamoinen’s Helden,
Zogen dorten zu dem Streite.
     Kamen Untamoinens Helden,
Sie, die Männer schwertumgürtet,
Bringen um Kalerwo’s Schaaren,
Tödten sein Geschlecht, das große,
Brennen seinen Hof zu Asche,

70
Machen gleich ihn ebnen Fluren.

     Blieb allein Kalerwo’s Jungfrau
Mit der Frucht in ihrem Leibe,
Diese führt die Schaar Untamo’s
Mit sich fort nach ihrer Heimath,
Daß die Stube sie dort kehre,
Rein den Boden dorten fege.
     Wenig Zeit war hingegangen,
Ward ein kleiner Knab’ geboren
Von der Mutter voller Unglück;

80
Wie wohl sollte man ihn nennen?
[194]

Kullerwo nannt’ ihn die Mutter,
Untamo ihn Kampfes Perle.
     Ward der kleine Knab’ geleget,
Ward das Kind, das vaterlose,
In die Wiege nun gebettet,
Daß es dort geschaukelt werde.
     Schaukelt sich dort in der Wiege,
Schaukelt, daß das Haar sich hebet
Einen Tag und auch den zweiten,

90
Aber schon am dritten Tage

Schlug der Knabe mit den Füßen,
Schlug nach vorne, schlug nach hinten,
Sprengt mit Macht die Wickelbänder,
Kriecht heraus auf seine Decke,
Schlägt die Lindenwieg’ in Stücke
Und zerreißet alle Windeln.
     Schien als wollt’ er gut gedeihen
Und versprach ein Mann zu werden;
Untamola schon erwartet,

100
Daß, wenn er erst groß gewachsen,

Er Verstand und Kraft bekommen,
Er ein rechter Mann geworden,
Er ein Knecht von hundertfachem,
Tausendfachem Werthe werde.
     Wuchs nun zwei und drei der Monde,
Aber schon im dritten Monde
Als ein Knab von Knieeshöhe
Fing er also an zu meinen:
„Wenn ich größer bin geworden,

110
Wenn mein Körper Kraft bekommen,

Möcht’ ich meines Vaters Schmerzen,
Meiner Mutter Lied ich rächen.“
     Untamoinen hört die Worte,
Redet selbst auf diese Weise:
„Meinem Haus bringt er Verderben,
In ihm wächst Kalerwo wieder.“
     Überlegen thun die Männer
Und die Weiber alle rathen,
Wo den Knaben hin man stecken,

120
Wie zum Tode schaffen könnte.

     Ward gesetzet in ein Fäßlein,
In ein Tönnlein eingesperret,
Zu dem Wasser so geführet,
In die Fluthen so gesenket.
     Darauf ging man zu zuschauen
Nach Verlauf von zweien Nächten,
Ob im Wasser er versunken,
Ob im Faß er umgekommen.
     War im Wasser nicht ertrunken,

130
Nicht im Fasse umgekommen,

Aus dem Faß war er gekrochen,
Saß nun auf der Wogen Rücken,
In der Hand ein Kupferstöcklein,
An der Spitz’ ein Seidenschnürchen,
Angelte des Meeres Fische,
Und durchmißt des Meeres Wasser:
Wasser ist im Meer’ ein Bißchen,
Daß es zwei der Löffel füllet,
Würde richtig es gemessen,

140
Käm’ ein wenig auf den dritten.

     Untamoinen überlegte:
„Wohin soll man mit dem Knaben,
Wie in Unglück ihn versetzen,
Daß der Tod ihn dort ereile?“
     Er befahl dem Knecht zu sammeln
Hartes Holz von trocknen Birken,
Tannen mit viel hundert Zweigen,
Bäume, die mit Harz gefüllet,
Um den Knaben zu verbrennen,

150
Kullerwo zu Grund’ zu richten.

     Aufgestappelt und gesammelt
Wurde trocknes Holz der Birke,
Tannen mit viel hundert Zweigen,
Bäume, die mit Harz gefüllet,
Tausend Schlitten voll mit Rinde,
Hundert Klafter dürrer Eschen;
Feuer auf das Holz geworfen,
Auf den Haufen ausgebreitet,
Dorthin dann der Knab’ geschleudert,

160
Mitten in die Gluth des Feuers.

     Brannte einen Tag, den zweiten,
Brannte noch am dritten Tage,
Hin ging man um zuzuschauen:
Bis zum Knie saß er in Asche,

[195]

In der Asche bis zum Arme,
In der Hand den Kohlenhaken,
Um des Feuers Kraft zu mehren,
Um die Kohlen dicht zu schüren,
Nicht ein Härchen war versenget,

170
Nicht verletzet eine Locke.

     Untamo ward gar verdrießlich:
„Wohin soll ich mit dem Knaben,
Wie in Unglück ihn versetzen,
Daß den Tod er endlich finde?
Läßt an einen Baum ihn hängen,
Ihn an eine Eiche knüpfen.“
     Drei der Nächte schon vergingen,
Eben soviel auch der Tage,
Untamoinen überlegte:

180
„Zeit ist’s nun um nachzusehen,

Ob Kullerwo schon verkommen,
Ob am Baume schon gestorben.“
     Sandte seinen Knecht zu schauen,
Dieses bracht’ der Knecht als Antwort:
„Nicht verkommen ist Kullerwo,
Nicht am Baume er gestorben,
Ritzet Bilder in die Bäume,
Hat ein Stäbchen in den Händen,
Voll von Bildern sind die Bäume,

190
Voller Schnitzwerk ist die Eiche,

Männer sind dort und auch Schwerter,
Haben an der Seite Speere.“
     Wer wohl sollt’ Untamo helfen
Mit dem unglücksel’gen Knaben;
Welchen Tod er auch bereitet,
Welch Verderben er auch aussinnt,
Nicht geräth er in’s Verderben,
Nicht verkommt der böse Knabe.
     Mußte endlich doch ermüden

200
In der Lust ihn zu verderben,

Mußte Kullerwo erziehen,
Ihn, den Knecht, gleich seinem Kinde.
     Untamoinen sprach die Worte,
Redet selbst auf diese Weise:
„Wirst du schicklich dich betragen,
Stets wie sich’s gebühret leben,
Sollst in diesem Haus du bleiben,
Sollst du Knechtes Dienste leisten,
Sollst du Lohn dafür erhalten,

210
Nach Verdienst du ihn bekommen,

Für den Leib du einen Gürtel,
Oder Streiche an die Ohren.“
     Als Kullerwo nun gewachsen,
Eine Spanne hoch geworden,
Schickte er ihn an die Arbeit,
Daß Beschäftigung er hätte,
Läßt ein kleines Kind ihn warten,
Ihn ein Fingerlanges wiegen:
„Schaue fleißig nach dem Kinde,

220
Gieb ihm Essen, iß auch selber,

Spül’ die Linnen in dem Flusse,
Wasch des Kindes kleine Kleider!“
     Wartet einen Tag, den zweiten,
Bricht die Hände, sticht die Augen,
Läßt das Kind am dritten Tage
Durch die Krankheit vollends sterben,
Wirft die Linnen in das Wasser
Und verbrennt des Kindes Wiege.
     Untamo nen überlegte:

230
„Nimmer wird er dazu taugen,

Kleine Kinder gut zu warten,
Fingerlange gut zu wiegen;
Weiß nicht, wo ich ihn gebrauchen,
Wozu ihn verwenden sollte,
Soll er mir die Waldung fällen?“
Hieß ihn nun die Waldung fällen.
     Kullerwo, der Sohn Kalerwo’s,
Redet Worte solcher Weise:
„Dann erst will ein Mann ich scheinen,

240
Wenn das Beil mir in den Händen,

Bin weit schöner anzuschauen,
Bin weit lieblicher als früher,
Dünke mich gleich fünf des Männer,
Sechs der Helden gleich an Werthe.“
     Ging zum Schmiede in die Esse,
Redet Worte solcher Weise:
„Höre Schmied, geliebter Bruder,
Schmiede mir ein gutes Beilchen,

[196]

Eine Axt, dem Mann gewachsen,

250
Für die Arbeit mir ein Eisen!

Gehe nun die Waldung fällen,
Will nun Birkenstämme hauen.“
     Das Verlangte thut der Schmieder,
Schmiedet ihm die Axt gar eilig;
Nach dem Mann geräth das Eisen,
Nach dem Arbeiter das Beilchen.
     Darauf schleifet Kullerwoinen,
Schleift Kalerw’os Sohn das Eisen,
Schleift das Beil wohl einen Taglang,

260
Macht am Abend einen Beilschaft.

     Auf macht er sich nach der Waldung
Auf dem hochgelegnen Berge,
Zu dem besten Zimmerholze,
Zu den stärksten Balkenstämmen.
     Fällt das Holz mit seinem Beile,
Haut es mit der ebnen Schneide;
Haut mit einem Hieb die Stämme,
Schlechtere mit einem halben.
     Hastig fällt er fünf der Bäume,

270
Acht der Stämme mit der Wurzel,

Redet darauf diese Worte,
Läßt sich selber also hören:
„Lempo mag hier Arbeit üben,
Hiisi mag hier Balken fällen!“
     Schlägt das Beil in einen Baumstumpf,
Fängt dann an gar laut zu lärmen,
Läßt sein Pfeifen laut erschallen,
Redet Worte solcher Weise:
„So weit mag der Wald nun stürzen,

280
Mögen schlanke Birken fallen,

Als man meine Stimme höret
Und ich meine Lieder pfeife!“
     „Mög’ kein Zweiglein liegen bleiben,
Auch kein Hälmchen stehen bleiben,
Nicht so lang’ die Zeiten währen,
Als das liebe Mondlicht glänzet,
Wo Kalerwo’s Sohn geschwendet,
Auf des jungen Mannes Neuland!“
     „Sollt’ die Erde Saat erhalten,

290
Und die junge Saat sich heben,

Sollte es zu Halmen kommen,
Und sich Stengel dorten bilden,
Mag es nie zu Ähren kommen,
Nicht der Halme Spitzen wachsen.“
     Untamoinen voller Stärke
Ging darauf um zuzuschauen,
Wie Kalerwo’s Sohn geschwendet,
Wie der neue Knecht gehauen:
Sah nicht aus nach einer Schwende,

300
Nicht nach Arbeit eines Jünglings.

     Untamoinen überlegte:
„Nicht zu dieser Arbeit taugt er:
Ganz verdirbt er gute Balken,
Fällt vom Zimmerholz das beste;
Weiß nicht wohin ihn zu schaffen,
Und zu welcher Arbeit brauchen;
Soll den Zaun ich ziehen lassen?“
Ließ den Zaun ihn darauf ziehen.
     Kullerwo, der Sohn Kalerwo’s,

310
Fing nun an den Zaun zu ziehen,

Nahm den ganzen Stamm der Tannen,
Machte sie zu Zaunstaketen
Und verwandt’ des Waldes Fichten
Zu den Stangen an dem Zaune,
Macht der Stangen feste Bänder
Aus den längsten Ebereschen,
Macht den Zaun ganz ohne Öffnung,
Läßt in ihm auch keine Pforte,
Redet Worte solcher Weise,

320
Läßt sich selber also hören:

„Wer als Vogel sich nicht hebet,
Nicht mit zwei der Flügel flattert,
Möge nicht herüber kommen
Über diesen Zaun Kullerwo’s.“
     Untamoinen geht von Hause,
Gehet hin um zuzuschauen
Des Kalerwo Sohns Umzäunung,
Seines Knechtes aus dem Kriege.
     Sieht den Zaun ganz ohne Öffnung,

330
Ohne Spalte, ohne Löcher,

Von der Erde aufgeführet
Bis zu dem Gewölk erhoben.

[197]

     Redet Worte solcher Weise:
„Nicht zu dieser Arbeit taugt er:
Hat den Zaun ganz ohne Öffnung,
Ohne Pforte ihn gezogen,
Hat zum Himmel ihn erhoben,
Ihn geführt bis zu den Wolken,
Kann ja nicht hinüber kommen,

340
Kann durch keine Öffnung dringen;

Weiß nicht, wozu ihn gebrauchen
Und zu welchem Werk verwenden,
Soll ich Roggen dreschen lassen?“
Ließ ihn Roggen für sich dreschen.
     Kullerwo, der Sohn Kalerwo’s,
Fing nun an das Korn zu dreschen:
Drosch das Korn zu feinem Staube,
Und zerdrosch zu Spreu die Halme.
     Kam der Wirth nun angeschritten,

350
Kam um selber zuzuschauen,

Wie Kalerwo’s Sohn gedroschen,
Wie geklopfet Kullerwoinen:
Lag als feiner Staub der Roggen
Und als Spreu die Halme dorten.
     Untamo ward gar verdrießlich:
„Ist als Arbeiter nicht tauglich,
Welche Arbeit er verrichtet,
Diese Arbeit wird verdorben,
Werde ihn nach Rußland führen,

360
Ihn nach Karjala verkaufen,

An den Schmieder Ilmarinen,
Daß er dort den Hammer schwinge?“
     Er verkauft den Sohn Kalerwo’s
Und verhandelt nach Karjala
Ihn dem Schmieder Ilmarinen,
Dem gescheuten Schmiedemeister.
     Wieviel gab der Schmied als Zahlung?
Gab gar viel der Schmied als Zahlung;
Gab für ihn zwei alte Kessel,

370
Gab drei halbe Eisenhaken,

Fünf schon abgenutzte Sensen,
Sechs ganz unbrauchbarer Karste
Für den unbrauchbaren Burschen,
Für den Knecht, der ohne Nutzen.