Kalevala-Studien

Textdaten
Autor: Julius Krohn, Victor Hackman
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Titel: Kalevala-Studien
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aus: Zeitschrift für Volkskunde, 1. Jahrgang, S. 117–136, 209–216
Herausgeber: Edmund Veckenstedt
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Alfred Dörffel
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google-USA*, Commons
Kurzbeschreibung:
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[117]
Kalevala-Studien.
Von
J. Kronn.
(Übersetzt von Viktor Hackmann.)


1. In welchem Verhältnis steht die gedruckte Kalevala zum Volksliede?

Vor einigen Jahren wurde das fünfzigjährige Jubiläum unseres berühmten Heldenepos gefeiert. Während der ganzen langen vorhergehenden Zeit hatte die wissenschaftliche Forschung beinahe gar nicht die Zusammensetzung desselben berührt, oder, wo dies geschah, sie nur vom rein ästhetischen Standpunkt aus beurteilt. Gottlund war der Einzige, welcher um das Jahr vierzig ein und das andere Wort über das Verhältnis der gedruckten Ausgabe zum Volksliede äusserte; aber seine von Neid erfüllte Heftigkeit, die sich in seinen Bemerkungen Luft machte, verursachte wohl, dass man die Glaubwürdigkeit der letzteren anzweifelte und dass sie ohne die geringste Beachtung gelassen wurden. Manche Umstände standen auch bis zur letzten Zeit einer wissenschaftlichen Untersuchung im Wege. Vor allem der Umstand, dass Lönnrot nicht vor 1873 der finnischen Litteraturgesellschaft die Runensammlungen anvertraute, welche das Material zu seiner Ausgabe geliefert hatten. Zweitens war es bekannt, dass der gefeierte und beliebte Rhapsode, obwohl mehr als andere Menschen frei von Eigendünkel, doch äusserst empfindlich war für alle Kritik, welche seine Kalevala treffen konnte. Die Ursache hiervon schien der Umstand zu sein, dass er eine Kritik einem Zweifel an seiner litterarischen Ehrlichkeit gleich erachtete. Schliesslich war noch die Freude über den Besitz eines für das finnische Volk so wertvollen Schatzes lange Zeit so überwältigend, dass man es kaum wagte, dem Heiligtum anders als mit blinder Bewunderung zu nahen.

Daher war es kein Wunder, wenn die allgemeine Vorstellung über die Zusammensetzung der Kalevala nichts weniger als mit der Wirklichkeit übereinstimmend war. In unserem Lande hat es wohl kaum viel Leute gegeben, welche gewagt hätten zu bezweifeln, dass die Kalevala auch von den Volkssängern nahezu in derselben Form gesungen worden sei, wie sie jetzt im Drucke zugänglich ist. Über das Verfahren Lönnrots [118] bei der Redaktion machte man sich keinen klaren Begriff, aber man stellte sich vor, er habe sich einzig und allein darauf beschränkt, in der zum Haupttexte erwählten vollständigsten Variante passende Stellen aus den übrigen weniger vollständigen einzuschalten, sowie die hier und da entstehenden Lücken mit einigen Zeilen aus seiner eigenen Feder auszufüllen. Ausländische Gelehrte dagegen sind zuweilen zu dem entgegengesetzten Äussersten gegangen. So behauptet z. B. Steinthal die Erklärung erhalten zu haben, Lönnrot habe in seiner Kindheit die Gesänge singen hören und dann erst als Mann im mittleren Alter sie aus dem Gedächtnisse niedergeschrieben, wobei es natürlich mit der Autenticität nicht weit her wäre.

Nunmehr hat man endlich durch genaue Kritik der Handschriften, welche Lönnrot für seine Ausgabe verwandt, und durch Vergleichung derselben mit neueren Sammlungen nahezu klarlegen können, wie die Kalevala zusammengesetzt ist und welche Teile bei der Zusammenfassung hinzugefügt worden sind. Dabei sehen wir nun, dass diese Zuthaten recht bedeutend sind, obwohl ihre Anzahl und Grösse sehr ungleich in den verschiedenen Gesängen ist. Zuvörderst entnahm Lönnrot natürlich den epischen Gesängen, welche ein und denselben Stoff behandelten, alle Details, welche in dem zu Grunde gelegten vollständigsten Gesange fehlten und welche die Schilderung lebhafter und ausführlicher machen konnten. Zweitens fügte er bei jeder Gelegenheit, wo irgend eine Zauberei in Betracht kam, den dabei gewöhnlich gebrauchten Zauberspruch in seiner ganzen Länge bei, obgleich die epischen Sänger gewöhnlich nur einige wenige charakteristische Verse aufnehmen oder auch dem Sammler verkünden: „nun folgt die und die Zauberrune“, ohne sie gleichwohl ihm vorzusingen. Ferner hat unser Rhapsode an unzähligen Stellen die ästhetische Wirkung des Gesanges erhöht durch Einflechtung von grösseren und kleineren Stücken aus lyrischen Gesängen. Ebenso hat er auch oft mit Veränderung des Namens des Helden oder der Heldin mit dem epischen Gesange grössere oder kleinere Stücke aus Balladen und anderen, nicht eigentlich zum Kalevala-Cyklus gehörenden, epischen Gesängen einverleibt. Durch derartige Veränderungen hat er auch manche alte Gesänge näher miteinander verbunden, welche bestimmt zu dem obengenannten Cyklus gerechnet werden müssen, aber demungeachtet im Volksgesange noch nicht vollständig damit sich haben verschmelzen können. Eigene von Lönnrot selbst verfasste Verse kommen relativ betrachtet nicht in allzugrosser Menge vor, da er, auch wo er ein verbindendes Zwischenglied für notwendig ansah, es meistenteils aus Versen zusammengesetzt hat, welche hier und da aus allen möglichen Volksgesängen entnommen waren.

Um einen richtigen Begriff darüber zu geben, wie Lönnrot hierbei zu Werke ging, will ich die 10te Rune der Kalevala genau analysieren und in ihre Bestandteile zerlegen. Der Grundbestandteil des Liedes folgt hauptsächlich dem Gesange (Angabe) eines der namhaftesten Sänger des russischen Kareliens, des Ontrei Malinen in Vuonninen,[1] aber mehr oder [119] minder bedeutende Zuthaten sind ausserdem der von einem anderen berühmten Rhapsoden, Archippa Perttunen in Latvajärvi, erhaltenen Version und ausserdem zehn Varianten entnommen worden. Ursprünglich nicht zu diesem epischen Gesange gehörend, sind ferner folgende Zuthaten, freilich mit Ausschluss derjenigen, welche nur zwei, drei Zeilen ausmachen und deren Anführung hier allzu ermüdend sein würde: — Die Beschreibung der Heimfahrt Wäinämöinens (v. 7—20, 43—52) ist in ihrem ersten Teile in der Hauptsache übereinstimmend mit der gleichen in vielen anderen Gesängen und in ihrem späteren Teile von Lönnrot aus allerhand Fragmenten zusammengesetzt: — Dasselbe ist der Fall mit einem Teile des Gespräches zwischen Wäinämöinen und Ilmarinen über den Aufenthalt des ersteren in Pohjola (v. 69—80): — Die grosse Tanne, welche Wäinämöinen hervorzaubert (v. 39—42), kommt auch im Volksgesange vor; aber hierbei hat Lönnrot doch eine recht wesentliche Veränderung — und Verbesserung vorgenommen. Ursprünglich sieht man nämlich im Wipfel der Tanne nur einen Marder und ein Eichhörnchen, die allzu gewöhnliche Wesen sein würden, um einen Ilmarinen zu bewegen, auf den Baum hinaufzuklettern; Lönnrot hat deswegen mit Recht an ihre Stelle den Mond und den Grossen Bären gesetzt. Von Lönnrot selbst sind die Worte der Tanne (v. 151—8): — Die Fahrt Ilmarinens durch die Luft auf den Flügeln des Windes (v. 169—174) ist offenbar eine Umbildung des vorhergehenden Stückes, wo Wäinämöinen dem Winde befiehlt, den Bruder nach Pohjola zu bringen. — Reminiscenzen aus zwei verschiedenen Balladen enthält die Aufforderung der Herrin Pohjolas an ihre Tochter, sich zum Empfang des Freiers zu schmücken, wie auch die Ausführung dieses Wunsches (v. 217—250). Im Sampogesange, in der Form, wie er wirklich gesungen wird, wird der Vorgang beim Schmieden des berühmten Kleinodes niemals in mehr als vier Versen beschrieben; Lönnrots Ausgabe dagegen enthält mehr als hundertundzwanzig! Diese weitläufige Zuthat ist zwei verschiedenen Quellen entnommen. Der An- fang und der Schluss, die Schilderung, wie zuerst die Knechte beim Blasen helfen, und schliesslich die Stürme an ihre Stelle treten (v. 281—308, 393—408), sind dem Zaubergesange vom Ursprunge des Eisens ent- nommen, wo sie sehr allgemein sind. Der mittlere Teil, welcher zeigt, wie erst einige andere Gegenstände aus der Esse hervorkommen vor dem beabsichtigten Wunderdinge selbst, gehört eigentlich zu den ingermanländischen Varianten des Gesanges von der Goldbraut Ilmarinens.

Ein paar kleine, aber wesentliche Veränderungen und Zuthaten in diesem Gesange mögen ausserdem noch erwähnt werden als bezeichnend für die Art und Weise, wie Lönnrot zu Werke ging. Im Volksgesange ist es ursprünglich ein Schwert, das zuerst aus der Esse hervorsteigt; Lönnrot hat es in einen Bogen verwandelt und zuletzt noch einen Pflug hinzugefügt. Dadurch hat er eine Reihe von Gegenständen bekommen: den Bogen, das Bot, die Kuh und den Pflug, welche verschiedene in der Kette der Kultur aufeinander folgende Nahrungszweige: die Jagd, die Fischerei, die Viehzucht und den Ackerbau symbolisieren. Von dieser Symbolik weiss der Volksgesang nichts, sie ist ihm auch vollständig fremd bei seinem un- reflektierten Charakter. — Etwas weiter unten (v. 430—2) wird erzählt, wie [120] eine von den Wurzeln Sampos an den Grund der Erde befestigt worden ist, die andere an den Wasserwirbel, die dritte an den heimatlichen Hügel. Dieses Stück ist dem Volksmunde entnommen, hat aber nichts mit Sampo zu schaffen, sondern kommt in dem Gesange von Vipunen vor, und auch da nur ein einziges Mal. — Die Frage Ilmarinens, nachdem der Sampo fertig geworden ist, ob die Tochter Pohjolas ihm nun folgen wolle (v. 434—8), stammt von Lönnrot her, und ihre Antwort (v. 439—62) ist aus lyrischen Gesängen zusammengesetzt. — Der Beschluss Ilmarinens, nach Hause zu reisen (v. 463—72), sowie seine Reise (v. 489—496), sind von Lönnrot selbst verfasste verbindende Zwischenglieder. — Schliesslich gehört die von der Herrin Pohjolas besorgte Ausrüstung Ilmarinens zu dieser Reise wohl zum Sampogesange, aber zu einer früheren Stelle, da, wo Wäinämöinen selbst aus Pohjola reisen soll.

Von den 510 Versen des besprochenen Liedes gehören also nur ungefähr 130 zu seiner ursprünglichen Form, so wie er vom Volke wirklich gesungen worden ist, alle aus den verschiedenen Varianten erhaltenen Zuthaten darin mit inbegriffen. Wie hieraus hervorgeht, ist die persönliche Einwirkung des Rhapsoden bei der Redaktion recht bedeutend und wesentlich gewesen. Ein Teil der Episoden, wie die Aino-Gesänge und der Raub Kyllikkis, sind in der That Mosaikarbeiten, zusammengefügt aus einer Menge verschiedenartiger Bestandteile, welche eigentlich nichts miteinander zu thun gehabt haben.

Doch würde man gleichwohl Unrecht thun, wollte man demzufolge der Kalevala die Eigenschaft ein Volksepos zu sein, absprechen. Auch die Volkssänger, besonders die begabteren, haben, jeder für sich, die durch die Traditionen überlieferten epischen Gesänge gerade auf dieselbe Weise wie Lönnrot erweitert und entwickelt durch Zuthaten aus gleichartigen Quellen. Darüber kann man sich leicht vergewissern durch Vergleichung der Handschriften untereinander. Lönnrot unterscheidet sich von seinen Vorgängern in den Urwäldern hauptsächlich nur dadurch, dass er alle Schätze des Volksgesanges in unvergleichlich höherem Masse kannte, als irgend einer von diesen und somit eine viel reichlichere Quelle besass, aus der er schöpfen konnte.

Dazu kommt noch gewiss ein durch litterarische Bildung verfeinertes poetisches Gefühl bei der Wahl der Zuthaten. Andererseits jedoch steht Lönnrot dennoch auch hierbei, was die Unbewusstheit des Schaffens betrifft, seinen Vorgängern ganz nahe.

Selten ist einer von diesen im Stande, selbst auch nur ein mittelmässiges reines Gedicht zu verfassen, obgleich sie bei der Ausbildung des Gesanges durch kleinere Zusätze, die teils aus anderen alten Gesängen, teils aus eigener Vorratskammer genommen sind, oft einen bewundernswerten poetischen Instinkt zeigen. Ebenso hat auch Lönnrot in seinen unbedeutenden und vollständig prosaischen eigenen dichterischen Versuchen einen totalen Mangel an poetischem Schaffungsvermögen an den Tag gelegt; aber bei der Zusammensetzung der Kalevala hat er demungeachtet, zufolge seiner genauen Bekanntschaft mit dem Volksgesange und dadurch, dass er sich vollständig in den Geist desselben einlebte, beinahe überall auf eine meisterliche Art, die für einen Uneingeweihten sehr heterogen [121] erscheinenden Elemente zu einer bewundernswerten poetischen Einheit ver- bunden. Es kann nicht anders als ein Glück bezeichnet werden, dass Lönnrot so deutlich, wie in den oben genannten Gedichten, seinen Mangel an dichterischer Begabung gezeigt hat. Diese seine eigenen Gedichte sind wertvolle Dokumente, welche beweisen, dass auch die Zusammensetzung der Kalevala ein Werk ist, nicht nach einem bewussten Plane eines Kunstpoeten ausgearbeitet, sondern aus dem Volksgeiste im allgemeinen, welcher hier, sowie auch sonst bei der Ausbildung des Volksgesanges in seinem Dienste unbewusste Werkzeuge gebraucht.

2. Wo sind die Kalevala-Gesänge entstanden?


In seinem Vorworte zur Kalevala nimmt Lönnrot an, dass die finnischen epischen Gesänge zuerst an den Ufern der Dwina gedichtet worden sind.

Dort in dem warenreichen Bjarmenlande entwickelte sich, so meinte er, eine höhere finnische Kultur; da begann auch die Blume der Dichtkunst früher zu blühen als an anderen Stellen innerhalb der Wohnplätze des finnischen Volkes. Auch Professor Ahlquist hat dieselbe Ansicht. Aber diese Autoritäten, obwohl unter den ersten auf dem Gebiete finnischer Sprachwissenschaft und Litteratur, können uns doch nicht hindern, gewisse Umstände in Betracht zu ziehen, welche diese Hypothese unmöglich machen.

Zuvörderst müsste doch wohl ein Volksgedicht sich an die Natur halten, in welcher seine Dichter selbst leben; ihr enger Gesichtskreis erlaubt es ihnen nicht, den Schauplatz in ein entfernteres Land zu verlegen, welches sie niemals gesehen haben. Aber ein recht grosser Teil der Naturgegenstände, welche in der Kalevala vorkommen, passt nicht zu einer so nördlichen Gegend wie die Küste des Eismeeres. In unseren epischen Gedichten ist niemals die Rede von den öden kahlen Tundren in der Nähe besagter Gegenden, niemals von den Eisbären, welche an diesen Küsten nicht so selten sind; niemals vom Lärchenbaume und der Cembrafichte, die so eigentümlich für den Urwald zwischen dem Dwinafluss und den Uralbergen sind. Dagegen kommen allgemein vor die Eiche, der Ahorn, die Linde und der Apfelbaum, deren nördlichste Grenze sich weit mehr nach Süden hinab erstreckt. Unter Tieren sind der Igel und das als Haustier auftretende Schwein ebenso sichere Kennzeichen. Der Walfisch und das Walross werden wohl manchmal erwähnt, doch nur selten, offenbar als Fremdlinge; andererseits wieder, im scharfen Gegensatz hierzu, das Kameel.

Ebenso wichtig ist der Umstand, dass von den zum Kalevala-Cyklus gehörenden Stoffen jede Spur in den spärlichen Gesängen und Sagen der nicht allzuweit von der Nähe der Dwina noch wohnenden Syrjänen, sowie der etwas mehr entlegenen übrigen Permier vermisst wird. Wenn, wie behauptet wird, die Kalevala in Permien das Tageslicht erblickt hat. so hätten ohne Zweifel diese nächsten Nachbarn der finnischen Sänger es nicht unterlassen können, aus derselben reichen Quelle zu schöpfen.

[122] Schliesslich würde es schwer fallen, den Überschuss der von der skandinavischen und litauischen Mythenwelt entliehenen Stücke, welche in der Kalevala vorkommen, mit der Hypothese zu vereinigen, das finnische Epos sei am Dwinafluss weiter ausgebildet worden. Der Einfluss der letzt genannten Nachbarn konnte sich natürlich auf keine Weise soweit erstrecken. Mit den Skandinaviern hatten die Bewohner Permiens gewiss einigermassen Berührung, die aber gleichwohl nicht derart war, dass ein Austausch von Traditionen in grösserem Masse hätte stattfinden können. Die Züge nach dem Bjarmenlande scheinen sehr selten gewesen zu sein, und ausserdem wurde die Zeit der Vikingar während ihres Aufenthaltes an den Ufern der „Vina“ offenbar so durch Krämerei und Plünderei in Anspruch genommen, dass ihnen kaum noch etwas von ihr übrig blieb zur Verbreitung von Gesängen oder Sagen. Die Aufnahme von fremdem Stoffe in der unglaublichen Menge, wie sie uns eine Prüfung der Kalevala aufweist, setzt einen längeren täglichen Verkehr mit dem Volke voraus, bei welchem die Anleihe gemacht worden ist.

Wir können, wie hieraus hervorgeht, ruhig die Hypothese beiseite liegen lassen, und uns zu einer anderen sehr allgemeinen wenden, dass nämlich das russische Karelien, wo die meisten und vollständigsten Kalevalagesänge entdeckt wurden, auch deren Wiege gewesen sei.[2]

Aber hiergegen spricht der wichtige Umstand, dass der Runengesang den Einwohnern des grössten Teiles von Russisch-Karelien vollständig unbekannt ist. Unter den Wepsern, deren Wohnsitze in Form eines schmalen Gürtels das westliche Ufer des Onegasees umgeben, ist nur ein oder das andere verirrte unbedeutende Fragment angetroffen worden. Bei dem Liwwistamme, welcher zwischen den Wepsern und dem Ladogasee wohnt, sowie bei den eigentlichen Kareliern im nördlichen Teile des Gouvernements Olonetz, trifft man die Gesänge in etwas reichlicherem Masse an, doch einzig und allein in den der finnischen Grenze am allernächsten liegenden Kirchspielen, und dort versichern oft die Sänger, dass sie ihre Kunst von der finnischen Seite her haben, wobei die ganze Form der Gesänge beweist, dass diese Behauptung daselbst sehr allgemeine Giltigkeit hat.

Nur im nordwestlichen Winkel des Gouvernements Archangel ist der Gesangsgürtel viel breiter im Osten, und dort ist auch der Hauptbestand des jetzigen Inhaltes der Kalevala entdeckt worden. Merkwürdigerweise wird gerade in derselben Gegend ein Gesang vom „Aufkommen des Gesanges“ gesungen. Er fängt mit einer Frage an:

Wo ist des Gesanges Wort entsprungen,
Wo hat der Sänger wohl erblickt des Tages Licht?

Und diese Frage wird folgendermassen beantwortet:

[123]

Da ist des Gesanges Wort entsprungen,
Wo Kareliens beide Teile sich begegnen, Mitten im Herzen von Russland,
Auf der Grenzmark, um die lange
Zwei grosse Reiche gekämpft.

Dürfte man der eigenen Angabe der Sänger glauben, so würde die gesuchte Urheimat des Gesanges demnach gefunden sein. Doch unglücklicherweise ist es nicht das erste wie auch nicht das letzte Mal, dass die prosaische Wissenschaft gezwungen ist, unbarmherzig die schimmernden Gewebe der Dichtung zu zerreissen.

Die hochnordische Natur der fraglichen Gegend passt nämlich kaum besser als die an den Ufern der Dwina mit den Schilderungen der Kalevala zusammen. Ein noch schwerer wiegender Einwurf ist der, dass die Kirchspiele, in welchen gegenwärtig der Gesang in Blüte steht, vor noch nicht gar zu langer Zeit eine volksleere Wildnis waren. Wie bekannt, erhielten die nördlichen Teile von Satakunda, Tavastland und Savolaks sowie die Kajanagegend nicht eher als in der Mitte des 16. Jahrhunderts ständige Bevölkerung in grösserer Menge.

Im Jahre 1500 war, nach den Aussagen russischer Grundbücher, das jetzige finnische obere Karelien, der nördliche Teil des damaligen Lehns von Kexholm, beinahe öde. Es ist undenkbar, dass um diese Zeit die mit Sumpf- und Heideland angefüllten östlichen Abhänge unserer Grenzberge, ganz ungeschützt, wie sie gegen die Winde des Eismeeres sind, früher bevölkert worden wären als die oben genannten weit glücklicher gelegenen finnischen Landschaften. Diese Annahme gewinnt auch durch ein historisches Zeugnis volle Gewissheit. Im Jahre 1581 unternahm Hermann Fleming einen Plünderungszug nach Russisch-Karelien. Nachdem er an den Ufern des Ladogasees geplündert und gebrandschatzt hatte, zog er direkt nach Norden, um eine Pallisadenburg zu zerstören, welche die Russen in Jyskyjärwi, in der nordwestlichen Ecke des Gouvernements Archangel, an der äussersten östlichen Grenze des jetzigen karelischen Sanggebietes, gebaut hatten. Da jedoch nach einigen Tagemärschen die Nachricht einlief, dass die Burg von den Russen selbst zerstört worden sei, beschloss er, nicht auf demselben Wege zurückzukehren, sondern direkt nach Kajana zu ziehen und von da innerhalb des eigenen Landes nach seiner Burg Nyslott. Aber alle, welche das Land kannten, erklärten einen solchen Marsch für unmöglich, weil auf der ganzen Strecke kein einziger Hof wäre, wo man Unterhalt für Menschen und Pferde hätte erhalten können. Der beabsichtigte Zug nach Kajana hätte nun gewiss etwas südlicher durch Repola gehen können; aber da die Russen später beim Friedensschlusse unter keiner Bedingung auf die Abtretung dieses Kirchspiels eingehen wollten, kann dasselbe wohl kaum eine Wildnis gewesen sein. Daher bleibt keine andere Annahme übrig, als dass Fleming etwas nördlicher seinen Weg genommen haben wird, mitten durch das jetzige Gesangsgebiet, welches somit zu der Zeit noch vollständig unbewohnt war.

Längs der Küste des Weissen Meeres gab cs freilich damals cine karelische Bevölkerung, die nunmehr russificiert ist, und es könnte möglich erscheinen, [124] dass sie die Gesänge hervorgebracht hat, welche sich dann allmählich nach Westen verbreitet hätten. Aber hiergegen sprechen alle Angaben, welche man von den Sängern über die Richtung der Ausbreitung der Runen erhielt. Ausserdem ist zwischen den Kalevalasängern und den nunmehr russischen Küstenbewohnern ein ziemlich breiter Keil von Kareliern eingeschoben, welche keinen einzigen Vers unseres Gesanges kennen. Dieser Umstand könnte vielleicht so erklärt werden, dass der russische Einfluss dort die nationalen Gesänge schon in Vergessenheit gebracht hätte. Doch ein ähnlicher Keil von den Gesang nicht pflegenden Kareliern findet sich auch nördlich vom Gesangsgebiete, wo der russische Einfluss ziemlich schwach ist und wo die einzigen Nachbarn, die armseligen, spärlich verstreuten Lappen, unmöglich einen wesentlichen Einfluss auf die Kunst des Gesanges haben ausführen können.

Die wirkliche Ursache zu dieser merkwürdigen Thatsache wurde erst vom Magister Borenius entdeckt. Er richtete nämlich seine Aufmerksamkeit auf den Umstand, dass die Sprache der den Gesang pflegenden Karelier im Gouvernement Archangel sowie der Sänger selbst wesentlich von der der übrigen russischen Karelier abweicht. Die letzteren sprechen nämlich die Konsonanten k, p, t weich aus. (z. B. pugu, vibu, kodi), während die Aussprache der ersteren dagegen mit den in Finnland gesprochenen Dialekten übereinstimmt. Ebenso kommen in den Gesängen und teilweise auch in der Sprache der Sänger eine grosse Menge aus dem Schwedischen entliehener Worte vor, welche für die eigentlichen russischen Karelier vollständig unbekannt sind. Die Sache erhält ihre völlige Erklärung, da wir durch übereinstimmende Traditionen, die noch in der Bevölkerung fortleben und von Castren, Lönnrot und Borenius aufgezeichnet sind, erfahren, dass die Runengesänge und somit unzweifelhaft auch die Gesänge aus Finnland vor 5 oder 6 Menschenaltern herübergekommen sind, wahrscheinlich zur Zeit des „Grossen Unfriedens“, da die Finnen in grosser Zahl, wie bekannt, sich auch in den nördlichen Finnmarken eine Zuflucht gesucht haben.

Ausserdem haben sich in den Gesängen viele Kennzeichen erhalten, welche die Ansicht von ihrem Ursprunge aus Finnland bestätigen Sie enthalten nämlich oft Worte und Formen, welche der Mehrzahl der russischen Karelier vollkommen fremd sind, ja manchmal sogar den Sängern selbst. Ein solches Wort ist z. B. vaimo, das Weib, welchem im russischen Karelien nainen entspricht. Deshalb wird dort einige Male im Gesange von der Brautfahrt Lemminkäinens, in dem Verse, wo er seine Mutter um passende Kleider bittet: Emoseni, vaimo vanha (Meine Mutter, altes Weib), das unbekannte finnische Wort in vaino, Hass, verdreht, sodass der Satz allen verständlichen Sinn verliert. In den Gesängen kommt sehr oft die kürzere westfinnische Form des Genitivus pluralis vor, z. B. miesten, naisten, der für die Sänger so vollständig unbekannt ist, dass sie zuweilen mieste für den Stamm ansehen und in den Runen einen Nominativ Pluralis miestet anstatt miehet (die Männer) gebrauchen.

Ferner kommen in den Gesängen, besonders in den Zauberrunen, ziemlich oft Namen von Heiligen vor, die in Russisch-Karelien alle ohne Ausnahme römisch-katholisch sind, während dagegen von einer [125] ähnlichen Anwendung auf die heiligen Männer und Frauen der griechischen Kirche ein paar einzelne Beispiele nur in dem Kirchspiel Suistama (Pedri) in der Nähe von Sordawala und in Ingermanland (Ilja) aufzuweisen sind. Dieser Umstand scheint daher ein klarer Beweis dafür zu sein, dass nicht nur die fraglichen Gesänge von Westen zu den griechischen Kareliern gekommen sind, sondern auch erst nach der Einführung der katholischen Lehre in Finnland.

Noch ein weiterer Umstand. Man würde es für annehmbar halten, dass die Gesänge, im Falle, dass sie wirklich im russischen Karelien aufgekommen wären, eine grössere Menge von Ortsnamen, welche dieser Landschaft eigentümlich sind, enthalten würden. Aber von diesen finden sich nur ein paar vor, und zwar nur in wenigen Exemplaren, die daher offenbar zufällige spätere Zuthaten sind. In den Varianten auf finnischer Seite kommen diese niemals vor. Dagegen wimmeln die in Finnland, Ingermanland und Esthland entdeckten Gesänge von Ortsnamen, welche diesen Ländern angehören, und, was noch wichtiger ist, dieselben kommen auch in Menge in den Gesängen von der russischen Seite vor. Hier einige Beispiele für die letztgenannten: auch hier wird der grosse Ochse in Tavastland geboren, seinen Kopf schwingt er in Kemi, seinen Schwanz in Tornea, Wäinämöinen setzt sich auf das Hinterdeck seines Fahrzeuges, wie ein Salzsack aus Finnland, wie sein Tabaksbeutel aus Stockholm. — Die Jungfrau Pohjolas wird vom halben Österbotten gepriesen, von den jungen Männern ganz Finnlands. Oft wird auch Schweden (Stockholm), Esthland mit Tanikan linna (zweifelsohne das Tanlinna der Esthen = Reval) u. dergl. erwähnt.

Schliesslich vermisst man in Russisch-Karelien eine ganze Menge epischer und magischer Gesänge, welche in Finnland vorkommen, besonders solche, welche sich auf ältere, rein mythische Vorstellungen beziehen. Solche sind zum Beispiel die Gesänge von der Saat des Sampsa Pellervoinen und der Geburt Wäinämöinens sowie der Zaubergesang bei der Kindesgeburt.

Aus all’ diesem scheint man keinen anderen Schluss ziehen zu können, als dass die Gesänge nicht ihren Ursprung in Russisch-Karelien haben, sondern von Westen hergekommen sind, wahrscheinlich erst nachdem schon das Christentum in Finnland eingeführt worden war. Damit ist freilich noch nicht die Frage gelöst, wo die Urheimat der Kalevala zu suchen sei. Ist unser Gesang, wie gewöhnlich angenommen wird, eine Schöpfung nur des östlichen, karelischen Zweiges des finnischen Volkes, wobei dann jetzt nur der innerhalb Finnlands und Ingermanlands wohnende Teil desselben in Betracht kommen könnte, oder haben auch die Westfinnen in Tavastland und im eigentlichen Finnland sowie die Bewohner Esthlands Teil daran? Für die erstere Ansicht sprechen wiederum zwei hochberühmte Namen: Lönnrot und Ahlquist. Der erstere bezeichnete das von ihm ausgegebene Epos auf dem Titelblatte zur ersten Auflage: Kalevala oder die alten Gesänge Kareliens, wozu er noch in einem besonderen Aufsatze die wenigen im westlichen Finnland entdeckten Gesänge als aus Karelien entliehen bezeichnete. Dieselbe Hypothese hat Ahlquist später mit sprachlichen Beweisen weiter [126] zu erhärten versucht. Nachdem er erst gleicherweise auf die Gesangesarmut bei allen zum westfinnischen Zweige gehörenden Stämmen hingewiesen hat, will er auch zeigen, dass die Dialekte derselben, mehr konsonantisch und weniger vokalisch wie sie sind, sich nicht vollständig für das Metrum der Runen eignen. Die zweite Alternative dagegen hat auch für sich eine nicht geringere Autorität, nämlich Castren, der schon die Aufmerksamkeit darauf richtete, dass man gleichwohl in Westfinnland verschiedene Kalevalastoffe vorgefunden habe, wenigstens in ungebundener Form. Und zu Gunsten dieser Ansicht wird die Wagschale durch eine in unserer kritischen, autoritätslosen Zeit noch wichtigere Sache gesenkt, nämlich durch eine Menge freilich kleiner, doch insgesamt bindender Beweise.

Zuvörderst ist jetzt die Behauptung von der allgemeinen Gesangesarmut der Westfinnen unhaltbar, seitdem man in den letzten paar Jahrzehnten in Esthland alte Gesänge zu Tausenden[3] aufgezeichnet hat. Auch in Westfinnland ist es geglückt, recht vielen Zuwachs zu dem früher bekannten Vorrate zu erhalten, teils in gebundener Form (lyrische und magische Gesänge, selten epische Fragmente), teils in ungebundener (epische Remiscenzen). Unter den ersteren können genannt werden Fragmente des Gesanges von dem vom Jäger Lemminkäinen verfolgten Elentiere, die grosse Eiche, von Lemminkäinens zweitem Besuche in Pohjola, vom Raube des Sampo; unter den letzteren Erinnerungen von der Goldbraut, von dem Raube des Sampo, und besonders zahlreich von den Riesenarbeiten und der Rache des Kalevala Sohnes (Kullervo). Dazu kommt noch, dass verschiedene in epischen Gesängen vorkommende Namen, wie besonders Kaleva, Untamo und Sampo, recht häufig als Ortsnamen gerade im westlichen Finnland angetroffen worden sind, meistens schon in Dokumenten aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Schliesslich darf nicht unerwähnt bleiben, dass nach Agricolas Meinung Wäinämöinen und Ilmarinen, die hervorragendsten Helden in unserem Epos, als die Götter der Tawasten, nicht der Karelier bezeichnet werden. Die jetzt herrschende relative Gesangesarmut ist offenbar nur bewirkt durch die moderne, hier tiefer eingedrungene Civilisation. Dieselbe Erscheinung hat man auch schon beinahe ebenso deutlich in den Küstenkirchspielen des Lehns von Uleaborg und in Savolaks. In diesen beiden Landschaften floss die Quelle des Gesanges im Anfange dieses Jahrhunderts noch recht reichlich; jetzt ist dort die Epik versiegt, und auch die Lyrik und die Zauberrune sind im Aussterben begriffen. Zweitens zeigen diese Gesänge der Westfinnen keineswegs eine Unbeuglichkeit der Dialekte für das altfinnische Versmass, sondern deren konsonantenreiche Formen fügen sich, wenn sie nur von einer geschickten Hand behandelt werden, ebenso leicht und gefällig darein.

Einen guten Fingerzeig beim Nachspüren nach den Wegen des alten Gesanges kann uns die Richtung geben, in welcher neuere Dichtungen gewandert sind. Diese geht zum grössten Teile immer von Süden [127] nach Norden und von Westen nach Osten. Das erhärtet, was den erstgenannten Weg betrifft, in vielen Fällen aus den in die Gesänge eingeflochtenen Ortsnamen, welche für die Ursprungsorte Zeugnis ablegen. So trifft man allgemeine ingermanländische Gesänge, welche die ingermanländischen Namen Kelttu, Tunteri, Narva enthalten, auch in Savolaks und Karelien an, ja bisweilen sogar in der Gegend von Kajana. Ebenso sind die Namen Jääski, Vuoksi und Imatra aus der Wiborger Gegend bis hoch hinauf in den Norden verbreitet worden. So sieht man auch kieinere Stücke oder einzelne Verse von westfinnischen Legenden und Balladen aus dem Mittelalter, vom Tode des Bischofs Henrik, von der kleinen Elin und dem Ritter Kurek, sowie die Gesänge, welche beim Helkafeste in Sääksmäki in Tavastland gesungen werden, zahlreich eingeflochten in verschiedenartigen Runen, aufgezeichnet in Ingermanland und sowohl im finnischen wie im russischen Karelien. Zum Beispiel wird von Wäinämöinen erzählt, dass er auf seiner Reise nach Pohjola zuweilen nach „priesterlosen, ungetauften Gegenden“ fährt, was für den Bischof Henrik, den Apostel der Finnen, natürlich ist, hier aber sofort eine entliehene Stelle verrät. Ebenso kommt die Warnung Elins an ihren Gemahl: Trinke du den Becher nur zur Hälfte, lasse die schlechtere Hälfte dem Schlechteren u. s. w. oft wörtlich in dem Gesange von der zweiten Fahrt Lemminkäinens nach Pohjola vor. Beide hier angeführten Beispiele sind aus Varianten aus dem Gouvernement Archangel genommen; so weit sind daher die Splitter des Gesanges verstreut worden.

Schliesslich ist noch bemerkenswert, dass die Gesänge wohl, wie es natürlich ist, in der Hauptsache dem ostfinnischen Dialekte folgen, in dessen Gebiete sie nun zum grössten Teile aufgezeichnet sind, doch gleichwohl eine nicht geringe Anzahl Worte und Formen enthalten, welche unzweifelhaft westfinnisch sind und nicht von Ostfinnen haben eingesetzt werden können. Diese Beweise erhalten noch mehr Kraft durch einige in den Gesängen erwähnte, ausschliesslich westfinnische Sitten und Gebräuche. Kein Karelier ist jemals noch auf den Gedanken gekommen, einen Ochsen vor seinen Pflug zu spannen; in Westfinnland ist das daegen sehr gewöhnlich, und auch in der Kalevala werden Samposwurzeln mit Hülfe dieser Tiere locker gepflügt. Das Brauen von Bier bei Festen, besonders zu Weihnachten, ist nur in Westfinnland gebräuchlich ; dennoch geschieht dieses auch für die Hochzeit in Pohjola, und in Russisch-Karelien wird oft ausdrücklich versichert, dass dieser Gesang gesungen werden müsse, damit das Bier wohl gelingen möchte, obgleich das Volk daselbst niemals die erwähnte Zubereitung gesehen hat.

In Esthland ist eine Einwirkung des finnischen Gesanges zu merken, wahrscheinlich vermittelt durch Soldaten, welche daselbst im 16. und 17. Jahrhundert in Garnison gelegen haben. Aber in gleichem Masse hat ihrerseits die esthnische Poesie die finnische ausgebildet und bereichert. Wäainämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen zum Beispiel scheinen alle ursprünglich fremd für die Esthen gewesen zu sein, obwohl sie jetzt. wenn auch selten, auch in ihren Gesängen auftreten. Ein deutlicher Beweis hierfür ist, dass der Name des Erstgenannten auf eine wunderliche Weise verkehrt ist. Wäinämöinen kommt von Wäina, die ruhige Mündung [128] eines grossen Flusses; aber die Esthen nennen ihn Wanamuine, das ist „alt ehemals“, wo der letztere Teil der Zusammensetzung als ein Adverbium betrachtet wird. Infolgedessen ist auch die Beugung des Namens immer sehr merkwürdig und unnatürlich. „Von (über) Wäinämöinen“ heisst nämlich in den esthnischen Gesängen Wanamuinest, nicht Wanamuisest, wie es nach der Regel für alle Nomina auf —ne heissen müsste, in Übereinstimmung mit dem finnischen Wäinämöisestä.

Andererseits finden wir wiederum Ausdrücke und Personen, welche zweifelsohne esthnisch sind, in finnische, ja in russisch-karelische Gesänge eingeflochten. Die Esthen singen mit Vorliebe vom Soome sild, „die Brücke der Finnen“, und meinen damit den Regenbogen, der sich über das Meer wölbt und gleichsam die beiden Ufer des finnischen Meerbusens sowie die so nah verwandten Bewohner derselben vereint. Hier ist die ursprüngliche Bedeutung dieses Ausdruckes leicht verständlich. Aber in einem Gesange von der Nordküste des Ladoga oder vom Gouvernement Archangel würde er ein Nonsens sein, wenn anders er nicht ein Fremdling von fernher wäre. Ein gleicher Beweis ist das Auftreten des esthnischen Helden Sullerwoinen in einer Dichtung aus dem Gouvernement Olonetz.

Auf Grund der angeführten Dinge kann wohl eine unparteiische, von jedem Lokalpatriotismus freie Beurteilung zu keinem anderen Schlusssatz kommen, als dass die Quelle des finnischen epischen Gesanges entsprungen ist inmitten des in poetischer Hinsicht so verkannten westfinnischen Volkszweiges. Aber andererseits zeigt eine nähere Untersuchung der Entwickelung der Gesänge, dass diese zum grössten Teile in dem Gebiete des östlichen Zweiges vor sich gegangen ist, ja, dass die Zusammenschmelzung der einzelnen Gesänge zu grösseren Cyklen sowie schliesslich zu einem zusammenhängenden Epos erst dann vor sich gegangen ist, nachdem die epische Poesie sich nach Russisch-Karelien verbreitet hatte, wo sie eine ruhige Freistatt fand, auf der sie sich ungestört entwickeln konnte. Daher ist die Kalevala nicht ein Zankapfel zwischen den Westfinnen und den Kareliern, sondern ein Werk, an dessen Gestaltung das ganze finnische Volk sich rühmen kann, teilgenommen zu haben.

3. Wie ist das Kalevala-Epos entstanden?

Für den ersten Augenblick scheint diese Frage unmöglich zu beantworten zu sein, da, soviel wir wissen, die frühesten vollständig fragmentarischen Aufzeichnungen unserer epischen Gesänge nicht vor Ende des letzten Jahrhunderts geschehen sind. Wie sollen wir da Bescheid erhalten von den Veränderungen, welche die Dichtung in älteren Zeiten erfahren hat? Zum Glück haben wir für diese Untersuchung ein ungeheuer reiches Material zur Hand, welches unabhängig von der Zeit ist, wo die mündliche Tradition aufgezeichnet wurde. Von jedem epischen Gesange giebt es eine Menge Varianten, von einem Teile sogar 100—200, die in weit von einander entfernten Gegenden aufgezeichnet sind. Diesen Unterschied im Raume müssen wir nun gleichfalls als einen Unterschied in der Zeit betrachten; dazu giebt uns die nächst vorhergehende Untersuchung [129] des Verbreitungsweges der Gesänge volles Recht. Wir wissen mit Gewissheit, dass die Runen nach Russisch-Karelien aus Finnland gekommen sind: wir können es als höchst wahrscheinlich annehmen, dass ein grosser Teil derselben nach dem östlichen Finnland aus den westlichen Landschaften gekommen ist; einige Kennzeichen in einem Teile der Gesänge geben uns Gewissheit darüber, dass die ursprüngliche Heimat derselben Ingermanland oder Esthland ist. Eine offenbare Folge hiervon ist, dass die Formen, welche wir im Westen oder Süden finden, älter sein müssen als die östlichen. In der That sehen wir auch zwischen ihnen einen merkbaren Unterschied; nach Norden und Osten zu sind sie mehr entwickelt, zusammengesetzt, im Westen und Süden sind sie einfacher und primitiver, eine Thatsache, die ein neuer starker Beweis für die oben entwickelte Ansicht von dem Wege der Verbreitung des Gesanges ist.

Nur im Gouvernement Archangel finden wir einen Ansatz zu einem wirklich einheitlichen Epos. Hier liess sich Lönnrot von einem alten Manne, Waassila Kieleväinen in Wuonninen, in einem Zusammenhange, ineinander eingeflochten, Teile aus der Beschwörung des Feuers, den Sampogesang, das Wettfreien zwischen Wäinämöinen und Ilmarinen, die Auffischung der Seejungfrau (Aino), das Schmieden der Goldbraut, den Gesang vom Sohne Kojos, und Kullervo vorsingen. Etwas öfter trifft man mit dem Sampogesang vereinigt: Die Entstehung der Kantele und das Spiel Wäinämöinens, die Fahrt nach Tuonela, das Wettfreien, die Goldbraut, sowie der Sängerwettkampf zwischen Wäinämöinen und Joukahainen. Doch auch in Russisch-Karelien ist nur die (höchstens 4—500 Verse enthaltende) Zusammensetzung gewöhnlich, welche dort der Gesang von Wäinämöinen genannt wird, für die jedoch der Name Sampogesang passender wäre. Der Inhalt desselben ist in Kürze folgender: Wäinämöinen reitet auf dem Meere auf dem Wege, sich nach Pohjola zu begeben der Lappe mit den blinzenden Augen, der schon längst gegen ihn einen bitteren Hass genährt hat, schiesst auf ihn, trifft jedoch nur das Pferd — während Wäinämöinen auf den weiten Fluten umherirrt, legt eine Wildente (oder irgend ein anderer Vogel) einige Eier auf sein Knie — er zuckt zusammen, als er die Wärme empfindet, die Eier rollen hinab auf den Meeresgrund, wo sie zerbrechen, und aus ihren verschiedenen Teilen entstehen der Himmel mit Sonne, Mond und Sterne, sowie die Erde — durch seine Bewegungen im Wasser formt Wäinämöinen Buchten und Landzungen, Klippen und Inseln, sowie die tiefen, fischreichen Abgründe des Meeres — inzwischen treibt ihn der Wind nach Pohjola, woselbst die Herrin ihn nach Hause zu senden und noch dazu ihm ihre schöne Tochter zur Frau zu geben verspricht, falls er ihr das Wunderding Sampo schmieden wolle. — Wäinämöinen sagt, dass er selbst diese Bedingung nicht erfüllen könne, verspricht aber, seinen schmiedekundigen Bruder Ilmarinen zu schicken — nach seiner Heimkunft schaftt er mit Hülfe des Windes den widerstrebenden Schmied dorthin, nachdem er ihn auf die wolkenhohe Tanne genarrt hat, um das dort herumhüpfende Eichhörnchen zu fangen. Ilmarinen schmiedet den Sampo in Pohjola und erzählt bei seiner Rückkehr Wäinämöinen von dem glücklichen Leben, welches der neue Talisman dort hervorgerufen hat — dadurch wird Wäinämöinens [130] Lust geweckt und die Brüder begeben sich auf die Raubfahrt; in Pohjola angekommen, unterhandelt Wäinämöinen über die Teilung Sampos; als dieser Vorschlag ihm abgewiesen wird, schläfert er das Volk von Pohjola ein, raubt den Sampo aus dem Berge und beginnt die Rückfahrt; — nachdem er mehrere Male vergebens aufgefordert ist, zu singen, was er nun doch für gefährlich ansieht, da sie noch nicht weiter von Pohjola entfernt sind, erhebt einer von den Kameraden seine Stimme und scheucht dadurch einen Kranich auf, dessen geller Schrei die Leute von Pohjola wieder aufweckt. Die Wirtin verfolgt die Räuber zuerst mit einem Schiffe, vollbesetzt mit bewaffneten Männern, und als dieses an einer von Wäinämöinen hervorgezauberten Klippe gescheitert ist, setzt sie ihre Verfolgung in Adlergestalt fort — ein Streit entsteht, in welchem Sampo in das Meer fallt und zerbricht — die Herrin von Pohjola bringt nur den bunten Deckel nach Hause, und infolgedessen ist nun das Leben in Lappland brotlos — Wäinämöinen fischt einige Trümmer des Sampo auf und gewinnt dadurch für sein Land die Urbarmachung, Saat und allerlei Getreide — die Herrin von Pohjola droht mit ihrer Rache, aber Wäinämöinen erklärt stolz, dass er sie nicht fürchte.

Vergleicht man nun diesen Gesang mit seinen westlichen Varianten, so steht uns sein Entstehen überraschend deutlich vor Augen. Auf der finnischen Seite wird er nämlich niemals in dieser umfassenden und zusammengesetzten Form gesungen. Hier finden wir anstatt dessen zwei gesonderte Gesänge, der eine den Anfall gegen Wäinämöinen und die Erschaffung der Welt, der andere die Schilderung vom Raube des Sampo enthaltend. Das mittlere Stück, der Besuch Wäinämöinens in Pohjola, sowie das Schmieden des Sampo mit allen dazu gehörigen Details, ist den finnländischen Sängern vollkommen unbekannt.

Nun könnte freilich behauptet werden, die beiden finnländischen Gesänge seien Fragmente, welche sich von dem ursprünglichen, vollständigen Sampoliede getrennt hätten. In diesem Falle müsste wohl doch irgend eine geringe Spur des vergessenen mittleren Teiles an einer der westlichen Varianten wenigstens haften. Es ist ja nicht denkbar, dass die Ausscheidung an allen Stellen auf eine so vollständig gleiche Art vor sich gegangen sei. Aber alle finnischen Varianten beobachten darin ein ebenso konsequentes wie offenbar beweisendes Stillschweigen, welches allein schon uns genügen könnte, auch wenn wir nicht den allgemeinen Gang der Ausbreitung der Gesänge kennen würden. Was speciell das hier in Betracht kommende Lied betrifft, sprechen ausserdem ein paar sprachliche Eigenheiten ebenso für einen Ursprung aus Finnland, und auf dieselbe Thatsache weist auch der Umstand hin, dass im Gouvernement Archangel immer von mehreren Eiern (drei bis acht) gesungen wird, in Finnland, Ingermanland und Esthland dagegen niemals von mehr als einem Ei, was auch ohne Zweifel das Natürlichere und Ursprünglichere ist, da es ja das Weltei ist, welches hier in Betracht kommt,

Eine nähere Untersuchung eines Teiles der Details in dem Mittelstücke zeigt ebenso, dass der Hauptbestand darin eine Variante des als besonderer Gesang existierenden Wettfreiens zwischen Wäinämöinen und Ilmarinen ist, und als solcher später durch verschiedene Zuthaten erweitert [131] worden ist. Wir müssen gleichwohl jetzt an dieser Stelle auf einen näheren Beweis für diese Thatsache verzichten, da er zuviel Raum erfordern würde, und begnügen uns nur mit dem Faktum, dass die ganze genannte Episode eine spätere, in Russisch-Karelien zugekommene Zuthat ist. Betrachten wir nun erst für sich gesondert den Anfang des Sampogesanges.

Hier ist, um damit zu beginnen, ein kleiner Nebenumstand zu beachten. In der neuen Ausgabe der Kalevala heisst der Feind Wäinämöinens Joukahainen, in der älteren wird er nur der „Lappe mit den blinzenden Augen“ genannt. Beide Lesarten stützen sich auf wirkliche Volkslieder. Der Unterschied beruht nur darin, dass die letztere die allgemeine und die offenbar ursprüngliche ist; die erstere kommt nur in wenigen Exemplaren vor und zeigt, wie das Volk schon angefangen hat, den ursprünglich vollständig freistehenden Gesang von dem Sängerwettkampf zwischen Wäinämöinen und Joukahainen in den grossen Cyklus hineinzuziehen, dessen Mittelpunkt vom Schmieden und Rauben des Sampo gebildet wird.

In der neueren Kalevala-Auflage ist es ausserdem die Tochter der Luft, nicht Wäinämöinen, welche die Welt erschafft. Zu dieser Änderung, wozu wenigstens die vorhandenen Volksgesänge nicht den geringsten Anlass geben, ist Lönnrot dadurch bestimmt worden, dass vom Lappen mit den blinzenden Augen erzählt wird, er habe einen langdauernden Hass gegen Wäinämöinen gehegt. Dass ein derartiger Hass vor der Erschafflung der Welt und dem Anfang der Zeit gewesen wäre, sah er mit Recht für wenig logisch an. Aber wenn sein Verfahren auch in ästhetischer Hinsicht gebilligt werden kann, muss doch die Wissenschaft die oben erwähnte Schwierigkeit auf eine andere, weniger willkürliche Weise zu lösen suchen. Und eine solche vollständig natürliche geben auch die Varianten beim ersten Blick zur Hand. Der Anfall gegen Wäinämöinen und die Erschaffung der Welt werden nämlich im nördlichen finnischen Karelien im Zusammenhange miteinander gesungen. Dagegen ist in Savalaks, im südlichen Teile des Wiborger Kreises, in Ingermanland und Esthland der Gesang von der Erschaffung der Welt aus dem Ei sehr verbreitet, aber er wird ausnahmslos immer für sich gesondert gesungen, und von dem Anfalle gegen Wäinämöinen hat man in den genannten Gegenden nicht die geringste Ahnung. Mit der Kenntnis des Verbreitungsweges der Gesänge müssen wir nun unbedingt zu dem Schlusssatze kommen, dass der nordkarelische Gesang eine spätere Zusammensetzung ist, und dass seine erste Hälfte eine relativ neuere Bildung ist. Das Unlogische in dem lange gehegten Hasse des Lappen gegen Wäinämöinen vor der Erschaffung der Welt rührt daher von der zufälligen Verschmelzung zweier besonderen Gesänge her. Untersucht man zuerst den ersteren Teil, um zu ergründen, woher er seinen Ursprung hat, so weisen schon die gedruckten Varianten für den aufmerksameren Beobachter einige in das Auge fallende Gleichheiten auf zwischen dem Attentat gegen Wäinämöinen und dem Gesange vom Tode Lemminkäinens. In beiden ist der Meuchelmörder ein weniger gut sehender (blinzelnder, blinder) Lappe, in beiden fällt der Geschossene ins Wasser. In den Handschriften findet man ausserdem mehrere andere Übereinstimmungen. In einer Variante stürzt Wäinämöinen hinab in Tuonelas Fluss, in einer anderen wird er durchs Herz [132] geschossen, sowie Lemminkäinen. In einigen lässt die Herrin von Pohjola einen Rechen verfertigen, mit dem sie, ebenso wie die Mutter Lemminkäinens, den Ertrunkenen auffischt.

Unterschiede sind freilich zwischen beiden Gesängen vorhanden, und zwar einige recht wesentliche, doch einzelne verschwinden bei einem Vergleiche der russisch-karelischen Varianten mit den finnländischen: Lemminkäinen selbst wird erschossen, dagegen in der allgemein bekannten, der gedruckten Kalevala verwandten archangelschen Variante nur das Pferd Wäinämöinens. Aber auf finnischer Seite trifft der Schuss immer den greisen Sänger selbst, und es wird mit keinem Worte das Pferd oder überhaupt das Reiten erwähnt. Wie diese Veränderung vor sich gegangen ist und woher diese Zuthaten ihren Ursprung herleiten, ist nicht unmöglich nachzuweisen, doch würde es mehr Raum erfordern, als hier statthaft ist. Die Hauptsache ist wohl die, dass der fragliche Gesang offen- bar eine Umformung des Gesanges vom Tode Jemminkäinens ist.

Wäinämöinen war der hervorragendste Held des finnischen Gesanges geworden; kein Wunder daher, wenn viele Thaten und Ereignisse, welche eigentlich anderen Personen zugehört haben, in einigen Fällen auf ihn übertragen worden sind. In dem Liede vom Entstehen des Eisens nimmt er in einem Teile der Varianten Ilmarinens Stelle als der erste Schmied ein. Auch andere Abenteuer Lemmirkäinens werden manchmal auf ihn übertragen. In einer Variante von den grossen Hiebwunden und dem schrecklichen Blutergusse Wäinämöinens wird er von der Pohjolaherrin geheilt, welche gleichwohl erst vorgiebt, die Beschwörung des Wasserschösslings nicht zu kennen, dieselbe, welche auch Lemminkäinen fehlte. Die Mehrzahl solcher Ansätze zu Neubildungen sind natürlich auf eine einzelne Variante beschränkt, aber ein Teil hat sich, wie wir gesehen haben, eingebürgert und verbreitet und auf diese Weise dem epischen Gesange neue, vorher unbekannte Richtungen gegeben.

Wenn somit der erste Teil des Gesanges sich als ziemlich modern erwiesen hat, so gehört dagegen die spätere Hälfte zu den allerältesten Bestandteilen der Kalevala. Überall, wo der finnische Volksstamm noch irgend eine uralte Tradition beibehalten hat, sowohl bei den Tscheremissen wie bei den Mordwinen an der Wolga, bei den Wotjacken, den einzigen Heiden in dem permischen Volkszweige, bei den Wogulen in dem ugrischen, ja sogar ausserhalb des finnischen Stammes, bei den in entfernterem Grade verwandten heidnischen Tataren am Fusse des Altaigebirges und den Mongolen hinter dem Baikalsee, finden wir mit unbedeutenden Variationen eine und dieselbe uralte Schöpfungssage. Im Anfange gab es nichts als ein Urmeer, auf welchem der Obergott herumgetrieben wurde. Dieser begann Langeweile zu empfinden und schuf sich einen Mithelfer, der in der Gestalt einer Taucherente oder eines anderen Seevogels hinter ihm auf der öden, weiten Wasserfläche herschwamm. Auf den Befehl des Gottes tauchte der Vogel dreimal hinab auf den Grund des Meeres und holte von dort ebensoviele Schlammklumpen herauf. Diese breitete der Gott auf der Oberfläche des Wassers aus, und daraus entstand die Erde.[4][133] Überall sehen wir somit die Erschaffung mit Hilfe eines Seevogels vor sich gehen. In den finnischen Gesängen scheint wohl die Auffassung in einem wesentlichen Umstande verändert zu sein: hier fällt das Tauchen nach dem Schlamme weg und anstatt dessen findet sich die Entstehung der Welt aus dem Ei. Aber der erste Umstand ist dennoch auch nicht unbekannt für den finnischen Gesang, obwohl er in einer etwas veränderten Gestalt einer andern Stelle angepasst ist. Am Schlusse des Gesanges von der Entstehung der Kantele (Harfe) taucht nämlich, nach einem Teile der Varianten, ein Vogel hinab in die Tiefe des Meeres, um auf den Befehl Wäinämöinens die Thränen heraufzuholen, welche das Entzücken über die lieblichen Töne des Saitenspieles den eigenen Augen des greisen Sängers entlockt hatte. Die Übertragung dieses Zuges war eine natürliche Folge davon, dass derselbe in der Schöpfungssage der Ostseefinnen durch einen neuen, für sie ursprünglich fremden Zug ersetzt worden.

Die Vorstellung vom Entstehen des Himmels und der Erde aus den beiden Hälften eines Eies war unter den Völkern der Vorzeit allgemein ziemlich verbreitet. Zuerst mag sie wohl bei den Ägyptern aufgekommen sein, dann finden wir sie auch bei den Babyloniern und Assyriern, bei den Phöniziern, Griechen und Indern. Alle diese Völker sind vom finnischen so weit in Raum und Zeit geschieden, dass eine direkte Entlehnung gewiss eine Unmöglichkeit zu sein scheint. Aber von Griechenland aus mag doch allmählich diese Mythe zu den im Norden wohnenden barbarischen Völkern gedrungen sein, denn wir finden sie heutzutage noch bei den Litauern, [5] den nächsten Nachbarn der Finnen im Süden. Bei ihnen tritt sie noch in der uralten südländischen Form auf, ohne Verbindung mit einem bei der Erschaffung der Welt mitwirkenden Vogel, was zugleich ein Beweis dafür ist, dass die Finnen diese Mythe von den Litauern erhalten haben und nicht umgekehrt.

Die bei den Finnen und ihren Stammesverwandten so weit verbreitete Schöpfungssage wird auch ziemlich oft bei den Russen angetroffen, ja sogar nach Westen und Süden zu bei anderen slavischen Völkern, sowie den Russinen in den Karpathen, selbst bei den Serben sind noch Varianten aufgezeichnet worden. Aber hier stammt offenbar die Mythe von den Finnen her. Die Sage zeigt sich am allerreinsten und deutlichsten in den russischen Gegenden, welche am nächsten an die finnischen Stämme grenzen, sie wird immer undeutlicher, je weiter sie sich entfernt, bis endlich bei den Serben die Ähnlichkeit nur unbedeutend ist.

Wir können uns jetzt zu dem im Schlussteile des archangelschen Sampocyklus vorkommenden Gesange vom Raube des Sampo wenden, Über den Sampo, den wunderbaren, Glück bringenden Talisman, den Zankapfel zwischen Pohjola und Kalevala, haben die Forscher die verschiedensten Meinungen ausgesprochen. Der eine hat darin einen Tempel sehen wollen, der andere eine Zaubertrommel, der dritte die Sonne u. s. w. Alle diese Erklärungen sind gleichwohl auf Schwierigkeiten gestossen, weil die Beschreibung des Sampo im Gesange so sonderbar und voller Widersprüche ist. Einmal wird er dargestellt als ein Ding, welches Mehl, Salz [134] und Geld mahlt, also als eine Mühle, ein anderes Mal wieder als ein Ding, welches Urbarmachung, Saat und alle Arten von Getreide mit sich bringt ohne Mahlen. Bei einer näheren Untersuchung der Handschriften sehen wir gleichwohl, dass diese beiden Auffassungen sich gewöhnlich in verschiedenen Varianten vorfinden, und das kann uns zu der Annahme bringen, dass hier zwei verschiedene Mythen zusammengeschmolzen sind. Dieser Knoten ist daher ein solcher, welcher gleich dem gordischen nur durch das Durchhauen gelöst werden kann. Die eine Auffassung des Sampo, als einer alles Mögliche durch Mahlen hervorbringenden Mühle, hat ausser allem Zweifel ihren Ursprung in der skandinavischen Grottesage. In ihr wird vom dänischen König Frode erzählt, in dessen Besitz sich eine Handmühle befand, welche alles mahlte, was der Besitzer sich nur wünschte, und er liess sie Gold, Frieden und Glück mahlen. Der König, habgierig wie er war, gab den Riesensklavinnen, welche beauftragt waren, die Grottemühle in Gang zu halten, kaum jemals Ruhe. Hierüber ergrimmt, sangen sie einmal Frode mit seiner ganzen Kriegerschar in den Schlaf. Inzwischen kam ein fremder Seekönig an das Land, tötete ohne Schwierigkeit Frode und raubte den Schatz. Auf dem Heimwege liess er die Riesenweiber unaufhörlich Salz mahlen. Um Mitternacht baten sie, ein wenig ruhen zu dürfen, aber der Viking verweigerte es. Da mahlten sie, während das Schiffsvolk schlief, in solcher Menge Salz, dass das Schiff versank mit allen Schätzen. Dort in der Tiefe mahlt Grotte fortgesetzt immer noch Salz, und daher hat das ganze Meer seinen Salzgehalt. In dem Gesange, welcher der prosaischen Grottesage beigefügt ist, kommt ausserdem noch die etwas abweichende Angabe vor, dass die Sklavinnen, nachdem sie ihren Schlummergesang beendet hatten, im Zorne so heftig mahlten, dass der Handgriff abbrach und der Mühlstein entzwei ging.

Die Ähnlichkeit mit dem Gesange vom Raube des Sampo ist unverkennbar: auch der Sampo ist eine Wundermühle, welche Mehl, Salz und Geld mahlt; Wäinämoinen kommt über das Meer in Pohjola an und schläfert hier das feindliche Volk mit seinem Gesange ein; der Schatz wird auf einem Schiffe weggebracht; auf dem Wege versinkt er (während des Streites mit Louhi) in die Tiefe des Meeres und zerbricht. Bemerkenswert ist auch das Schlusswort, welches die Sänger in Russisch-Karelien oft in ungebundener Form zusetzen; zuletzt mahlte der Sampo Salz, als er hinabsank, das thut er unten immer noch; deswegen ist das Meerwasser salzig, so dass es nicht mehr getrunken werden kann.

Was wiederum die andere Auffassung vom Sampo betrifft, so scheint es, meiner Meinung nach, mehr als wahrscheinlich zu sein, dass sie unter der Einwirkung des Gesanges von Sampsa Pellervoinen aufgekommen ist. Diese mythische Persönlichkeit pflügt im Beginne alles Land und besäet es mit mancherlei Samen, so dass alle Arten von Bäumen und Gewächsen, schliesslich auch das erste Getreide, das Korn, zu wachsen beginnen. Beim Pflügen benutzt er nach einem Teile der Varianten einen ungeheuren Ochsen. Hier kommen dieselben Dinge vor, das Pflügen, die Saat und alle Arten von Getreide, welche als vom Sampo hervorgebracht dargestellt werden; hier hat auch das Aufpflügen der Wurzeln des Sampo mit einem [135] gewaltigen, in einem Teile der Varianten hunderthörnigen Ochsen, sein Gegenstück. Ja auch der Name vom Wunderdinge könnte eine kleine Veränderung desjenigen vom Weltenpflüger sein. Dazu kommen noch verschiedene kleine Züge, welche sich in einigen Varianten vorfinden. In manchen schleudert Wäinämöinen im Streite mit Louhi einen Teil der Stücke des Sampo nach Osten, einen andern nach Westen, das grösste Stück nach Süden; in der vollständigsten Variante von dem Pflügen der Welt wird erst der Süden besäet (der somit unzweifelhaft das beste Los erhielt), dann der Osten und zum Schluss der Norden.

Ein Sänger in Russisch-Karelien erklärte, der Sampogesang beziehe sich auf die Urzeiten, wo die Erde gepflügt und besäet wurde. Ein anderer setzte im Schlusse hinzu: „wenn der Sampo in vollkommenem Zustande ans Land gekommen wäre, so wäre die Erde wer weiss wie reich geworden!“ In der ältesten Variante (erhalten in Wermland bei Savolaksern, welche um 1600 dort eingewandert waren) heisst es auch, dass eine von den Krallen (der Sampo wird hier, infolge einer Vermengung mit dem verfolgenden Louhi, als ein Vogel aufgefasst) in das Meer fiel, eine andere auf das Land. Von der letzteren hat das Gras seine Fähigkeit zu wachsen erhalten. Hätte man alle Krallen in das Land bekommen, so würde auch das Getreide, ohne vorher ausgesäet zu sein, gewachsen sein. Der letztgenannte Umstand ist besonders ein guter Beweis. Die Mythe von dem Pflügen und Besäen der Welt ist sehr allgemein unter den Slaven, und die Finnen haben sie auf eine Weise, die hier nicht näher geschildert werden kann, von ihnen entliehen. Aber in einer slavischen Variante heisst es, dass der Pflüger von seiner Arbeit weggerufen wurde, als er sie noch nicht vollendet hatte. Hätte er Zeit gehabt, das ganze Land aufzupflügen, so hätten die Menschen niemals mehr Misswachs zu befürchten gehabt. Die Gleichheit ist zu auffallend, um zufällig sein zu können. Ferner hat man aus Russisch-Karelien die Angabe erhalten, dass der Sampogesang als eine Art Zauberlied, sowohl bei der Frühlings- als bei der Herbstsaat, gesungen wird, genau so wie der Gesang von Sampsa Pellervoinen in Ingermanland beim Frühlingsfeste. Schliesslich giebt es eine Variante, welche geradezu die Namen Sampo und Pellervoinen identificiert:

Eher fehlten der Erde wohl die Felder
Wie dem Sampo die Samen
Und dem Pellervo zur Aussaat Stoffe.

Aus all diesem möchte wohl einigermassen deutlich hervorgehen, dass der Gesang von der Besäung der Welt auf die Ausbildung des Sampoliedes eingewirkt hat. Man könnte sich möglicherweise daran haben stossen können, dass Sampsa eine Person und Sampo ein Ding ist; aber in der Mythologie des finnischen Stammes haben wir ein anderes vollkommen unbestreitbares ähnliches Faktum. Bei den Wolgafinnen wird jetzt unter anderen Göttern einer mit Namen Keremet angebetet. Aber dieses Wort, das dem Tatarischen entlehnt ist und, wie angenommen wird, eine Umbildung des arabischen haram oder harem ist, wird auch in einer ursprünglicheren Bedeutung für die heilige Umzäunung gebraucht, wo die Opfer den Göttern verrichtet werden.

[136] Die Verwechselung konnte um so viel leichter vor sich gehen, als beide Gesänge ursprünglich verschiedenen Stämmen des finnischen Volkes angehört zu haben scheinen. Pellervoinen wird von Agricola ein Gott der Karelier genannt; der Sampogesang dagegen scheint ohne Zweifel seine erste finnische Form in Westfinnland erhalten zu haben, wo, wie wir früher gesehen haben, deutliche Spuren schon in sehr alten Zeiten angetroffen werden, da wenigstens die gesangesreichen Gegenden in Russisch-Karelien noch unbewohnt waren. Doch hier in Westen war der Gesang von Sampsa Pellervoinen wohl nur als ein schwaches, undeutliches Echo gekannt, und nichts stand daher im Wege, dass der Saaten verleihende Sampsa mit der Glück bringenden Mühle vermengt wurde.

Bei unseren östlichen Stammverwandten hat man nicht die geringste Ahnung vom Sampo; sogar bei den so nahe wohnenden Ingrern und Esthen werden nur höchst unbedeutende Spuren dieser Mythe angetroffen, die so undeutlich und dunkel und so vermischt mit anderen Gesängen sind, dass sie nicht anders als ein Echo aus Finnland erklärt werden können. Hieraus kann die Folgerung gezogen werden, dass die Annahme vom Ursprung der Sage als einer Entlehnung ausser allen Zweifel gestellt ist.

Aber hiermit sind noch lange nicht alle Details im Sampogesange erklärt. Wenn wir auch natürlicherweise von denen absehen, welche in der gedruckten Kalevala durch Lönnrots Ausgabe hinzugekommen sind (z. B. der Sturm und der Streit mit Tursas aus einem besonderen Gesange genommen), ebenso von denen, welche nur in mehr ausgebildeten, neueren Formationen bei den Volkssängern vorkommen (z.B. die Entstehung der Kantele und das Spiel Wäinämoinens, das Hinzukommen des dritten Kameraden u. s. w.), so bleiben doch einige allgemeine, für beinahe alle Varianten gemeinsame Züge übrig. Einige, so z. B. wie Sampo in einem Berge verwahrt wird, wie Wäinämöinen sich in Gestalt einer Schlange in das Schloss einschleicht (nur in einem Teile der Handschriften) und wie die verfolgende Louhi Adlergestalt anlegt, erinnern stark an die Erzählung der Edda von dem Raube des Odhrönir durch Odin, eine Sage, von der beinahe alle übrigen Züge den Grundbestandteil eines anderen finnischen epischen Gesanges gebildet haben. Nichts ist nämlich gewöhnlicher, wenn Sagen durch Entlehnung auf ein anderes Volk übergehen, als dass sie sich bisweilen in mehrere neue Sagen teilen, bisweilen zwei oder mehrere sich zu einer neuen Form vereinigen.

Die Kriegslist Wäinämöinens, einen Stein hinter sich zu werfen, wodurch die Klippe entsteht, auf welcher das verfolgende Pohjolaschiff strandet, ist wieder ein allgemeiner Zug in den Volksmärchen und offenbar aus diesen entnommen.

Hier müssen wir abschliessen; eine noch weiter in die Details gehende Untersuchung würde wahrscheinlich ein Teil der Leser allzu ermüdend finden. Ebenso verbietet der Raum, andere Episoden aus der Kalevala zur Untersuchung heranzuziehen, obwohl ein Teil recht interessant sein würde, indem sie nachweisen, wie das Volk vollständig verschiedene Gesänge in einen einzigen grösseren verschmilzt (z. B. die Kullervolieder), oder indem sie skandinavische Mythen auf eine eigentümliche Weise mit Zügen aus den russischen kleinen epischen Dichtungen vermengt enthalten, (z. B. die zweite Fahrt Lemminkäinens nach Pohjola).

[209]
4. Wann entstand die Kalevala?

Man könnte hierauf antworten, dass sie fortgesetzt in jeder Stunde verändert und aufs neue gebildet wird. Niemals singt ein und derselbe Sänger einen längeren Gesang zweimal auf vollständig gleiche Art. Hier und da vergisst er etwas, an anderen Stellen fügt er etwas hinzu, was er das erste Mal ausgelassen hat; er verwandelt die grammatikalischen Formen eines Teiles der Worte (z. B. den Singular in den Plural), oder setzt irgend ein anderes Wort, ja sogar einen ganz neuen Vers an Stelle der erst gesungenen ein. Sänger von unstätem Charakter nehmen noch grössere und wichtigere Veränderungen vor, besonders wenn zwischen zwei Aufzeichnungen eine längere Reihe von Jahren verstrichen ist. Auf Grund dessen sehen wir in der Kalevala, neben dem Uralten, vieles vollständig Moderne. Das letztere würde in noch viel grösserem Masse zur Erscheinung kommen, wenn nicht Lönnrot aus leicht begreiflichen Gründen die Ausdrucksweisen vermieden hätte, welche zu sehr an unsere jetzige Zeit erinnern. In einer Variante z. B. späht Joukahainen (der in den Handschriften meistens der dritte Kamerad Wäinämöinens und Ilmarinens auf der Sampofahrt ist) mit einem Fernrohre nach dem herannahenden Pohjolafahrzeuge aus. In einem der Verse, in welchen die Herrin von Pohjola dem Bier begehrenden Lemminkäinen antwortet, gibt sie in einem Teile der Varianten zu wissen, dass der Kaffee schon kannenweise ausgetrunken worden ist. Anstatt dieses Lieblingsgetränkes der Neuzeit sicht man an dieser Stelle gewöhnlich kalja, Dünnbier, und in ein paar Varianten hat sich das Wort kalja erhalten, welches jetzt im Finnischen ungebräuchlich ist, aber auf esthnisch noch Opfertrank bedeutet. Hieraus geht hervor, wie vorsichtig man sein muss, wenn man auf den Gesängen, besonders der gedruckten Redaktion entnommenen Angaben ethnographische oder historische Hypothesen aufbaut,

[210] Neben diesen kleinen Veränderungen gehen auch die grossen Umgestaltungen in Inhalt, Bau und der Zusammensetzung der Gesänge vor sich. Diese, welche natürlich längere Zeiträume beanspruchen, können Anhaltspunkte für historische Bestimmungsversuche werden. Ein solcher ist auch mit diesen Zeilen beabsichtigt.

Wenn es wahr ist, was auf Grund des in einem vorhergehenden Kapitel Angeführten kaum einem Zweifel unterworfen sein kann, dass die Lieder singende Bevölkerung im nordwestlichen Winkel des Gouvernements Archangel erst ungefähr zur Zeit des nordischen Krieges in ihre jetzigen Wohnstätten eingewandert ist, so müssen wohl alle ausschliesslich hier vorgefundenen Formen nach Anfang des 18. Jahrhunderts aufgekommen sein. Dazu gehören nun alle Versuche, mehrere epische Gesänge zu einem einzigen, ganzen Epos zu verschmelzen. An erster Stelle, wenn auch nicht der grösste unter diesen, steht der Sampocyklus, von dessen Inhalt vorher die Rede gewesen ist. Hier vereinigte sich gleicherweise der Gesang von den Riesenarbeiten des Kalevalasohnes und von seiner Rache als Hirt mit der düsteren Geschichte von der Verführung der Schwester und dem darauf folgenden Selbstmorde. Hier vereinigten sich die meisten Gesänge, welche wir unter Lemminkäinens Namen kennen, in der Weise, dass er den Kaukomieli verdrängte, der zuerst der Held in der Fahrt nach Päivölä (Pohjola) war. Hier bekamen der Besuch bei Wipunen und der Ainogesang zum grossen Teile ihre jetzige Form und so weiter.

Da wir wissen, welche ausserordentliche Schwierigkeiten die politische Trennung und der durch unaufhörliche Plünderungszüge erzeugte Hass zwischen der beiderseitigen Bevölkerung der Verbreitung der Gesänge über die jetzige Grenze, nach Russisch-Karelien, in den Weg stellte, so ist man versucht, eine gleich grosse Schwierigkeit in Hinsicht auf die ältere Reichsgrenze anzunehmen, welche das jetzige finnische Karelien oder den damaligen Kreis von Keseholm von Savolaks und dem viborger Küstenlande trennte. Wenigstens kann wohl ein grosser Teil der Zaubergesänge, in welchen römisch-katholische Heilige vorkommen, sowie ein Teil vom Ainogesange, der einer schwedischen mittelalterlichen Ballade entnommen ist, kaum so weit nach Osten gekommen sein vor dem Frieden von Stollbova im Jahre 1617.

Aber mehrere kleine Umstände scheinen darauf hinzuweisen, dass dasselbe Verhältnis auch in weiterem Masse stattgefunden hat. In den Gouvernements Twer, Nowgorod und Jaroslaw gibt es nämlich eine zahlreiche karelische Bevölkerung, deren Vorfahren dorthin aus dem Kreise von Keseholm gewandert sind nach dem Kriege Karls X. gegen Russland, während welchem sie einen Aufruhr gegen die schwedische Regierung gemacht hatten. Von dieser Bevölkerung hat man nun, ausser ein paar Balladen und einigen wenigen Zaubergesängen, keine Lieder erhalten können, wogegen die nach Wermland schon um 1600 ausgewanderten Savolakser, obwohl recht gering an Zahl, eine Menge Gesänge, darunter mehrere epische Fragmente, bewahrt haben. Vergleicht man diese Thatsachen miteinander, so kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass die aus dem Kreise von Keseholm ausgewanderte karelische Bevölkerung sehr wenig poetische [211] Schätze mit sich zu führen gehabt habe. Dazu kommt, dass die Einwohner des Bezirks Salmis am Ladoga (innerhalb der Grenzen des Kreises Keseholm), wo die alte Bevölkerung geblieben ist und sich nicht viel mit den aus Westen eingewanderten lutherischen Finnen vermischt hat, gleichfalls beinahe gänzlich arm an Gesängen sind, ausser in den Dörfern, in welche sich eine aus Russisch-Karelien in Mitte des letzten Jahrhunderts eingewanderte sangeskundige Familie verzweigt hat. Etwas weiter nach Norden, in Ilomants, findet man bei den dortigen griechischen Kareliern viele Gesänge; aber die Einwohner dieses Kirchspiels bestehen auch zu zwei Drittel aus eingewanderten Lutheranern, von denen die Griechen wahrscheinlich die Gesänge gelernt haben. Dass die letzteren jetzt sangeskundiger sind, kommt ohne Zweifel nur daher, dass unter den Lutheranern die Zivilisation und tiefe religiöse Bewegungen die alten halbheidnischen Traditionen zerstört haben. Bemerkt zu werden verdient schliesslich der Umstand, dass Agricola, als er die für beide Stämme Finnlands eigentümlichen Gottheiten aufzählt, Wäinämöinen und Ilmaninen, die beiden hervorragendsten Helden des finnischen Epos, als nur von den Tawastern oder Westfinnen verehrt bezeichnet.

In vielen finnischen epischen Liedern sehen wir ziemlich bedeutende, aus den russischen epischen Gesängen entliehene Stücke eingeflickt, welche unter dem Namen byilinyi bekannt sind. Diese Stoffe scheinen sich in Finnland nicht gerade weiter als bis in den früheren Kreis von Keseholm und nach Ingermanland verbreitet zu haben. Natürlich muss dieser Einfluss zu der Zeit stattgefunden haben, als die besagten Gegenden unter russischer Oberherrschaft standen. Da gab es damals zahlreiche russische Bojaren mit ihrem Gefolge von Kriegern, da gab es zu der Zeit in Ingermanland und ebenso im südlichsten Teile des Kreises von Keseholm eine ziemlich beträchtliche rein russische Bauernbevölkerung, welche die Gesänge mitteilen konnten. Die ersteren verschwanden inzwischen schon gleich nach 1617, die letztere zu einem grossen Teile gleichzeitig und zuletzt wenigstens nach dem Kriege Karls X. Nach 1660 war daher ein ferneres Zuströmen von russischen Sagen und Gesängen ziemlich unmöglich. Was wiederum den frühesten Zeitabschnitt dieses Einflusses betrifft, so werden in den russischen Gesängen mehrere Personen genannt, welche erwiesenermassen um das Jahr 1200 gelebt haben. Die Fehden, welche in ihnen geschildert werden, sind beinahe ohne Ausnahme gegen die Tataren gerichtet, und weisen daher frühestens auf das 13. Jahrhundert hin. Aber da die Russen meistens Sieger bleiben, müssen wir wohl den Zeitpunkt für die Ausbildung, wenigstens der jetzigen Form der Gesänge, noch in das folgende Jahrhundert verlegen. Nehmen wir nun an, dass einige Zeit vergehen musste, bis die Gesänge allgemeiner wurden und unter die Finnen eindringen konnten, so würden die Jahrhunderte 1400—1600 den wahrscheinlichsten Zeitpunkt für die Verbreitung der russischen epischen Stoffe unter den Kareliern bilden. Diese Stoffe finden sich fast alle in den Lemminkäinen- und Kullervo-Episoden vor, z. B. in vielen Details in der zweiten Pohjolafahrt des ersteren, speziell sein Auftreten als Friedensstörer im Hochzeitshause, die Warnungen der Mutter, der Zauberwettkampf mit dem Pohjolahern und anderes — ebenso, dass Tiera in den Streit auszieht, obwohl neu vermählt, und anderes [212] mehr, Kullervos tragisches Zusammentreffen mit der Schwester — schliesslich das Entstehen der Kantele aus einem Hechte, und mehrere andere Züge. Meistens scheint die Entleihung in Ingermanland vor sich gegangen zu sein.

Viel weiter zurück in der Zeit fuhren uns die vielen skandinavischen Stoffe, welche in der Kalevala vorkommen.

Sollte sich Professor Bugges Theorie von der Entstehung der Edda bewahrheiten, welche, ich muss es gestehen, für einen, der mit der Entwickelungsweise der finnischen und russischen epischen Gesänge vertraut ist, in der Hauptsache grosse Wahrscheinlichkeit enthält, so müsste die Grenze für die früheste Beeinflussung von dieser Seite her in den Zeitraum zwischen 900—1000 verlegt werden.

In diesem Falle würde die Aufnahme der skandinavischen Stoffe möglicherweise erst geschehen sein, nachdem das westliche Finnland unter schwedische und das nördliche Esthland unter dänische Oberhoheit gekommen war. Wir könnnen auch mit einiger Sicherheit annehmen, dass der Grundstoff zum Gesange vom Wettfreien Wäinämöinens und Ilmarinens (Velintsage) durch die Dänen nach Esthland gekommen ist; ganz sicher gilt dieses von der abenteuerlichen Fahrt des esthnischen Kalevipoeg nach dem äussersten Norden (Gormos Reise bei Saxo Grammaticus). Aber gegen die Annahme einer allgemeinen Aufnahme von Mythen und Sagen erst an einem so späten Zeitpunkte spricht unter anderem das historische Faktum, dass das Schloss von Reval 1223 von den Russen den Namen Kolyivan erhält. Hierdurch ist bewiesen, dass die besagte Stelle schon damals von den Esthen für einen heiligen Platz angesehen wurde, wo der Vater ihres gefeierten mythischen Helden seinen Grabhügel hatte. Aber um auf diese Weise lokalisiert zu werden, musste die Sage schon sehr lange bekannt gewesen sein. Und der Grundstoff zu einem grossen Teile der Thaten des Kalevalasohnes ist unzweifelhaft skandinavischen Mythen entnommen (Odins und Thors Abenteuer), ebenso scheint auch der Name von einem der Beinamen Odins hergeleitet zu sein.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die Wäringer, nachdem das russische Reich unter den Slaven und Finnen gestiftet worden war, ihre Traditionen nach den neuen Ländern mitgeführt haben, welche sie in so grosser Menge besuchten. Dann würde die Verbreitung der Gesangsstoffe unter den Finnen zu gleicher Zeit vor sich gegangen sein, als die neuen Mythen sich unter den Skandinaviern entwickelten.

Die Sache ist an und für sich keineswegs unmöglich, denn man kann annehmen, dass das Neue auch für die Wikinger ein so hohes Interesse hatte, dass sie es gern anderen mitteilten. Aber auch hier begegnen uns sehr schwer wiegende Einwände. Nowgorod würde ohne Zweifel einer der mächtigsten Mittelpunkte für diese Beeinflussung der Finnen gewesen sein; wie soll man da erklären, dass der dieser Stadt zunächst wohnende finnische Stamm, die Wepser, gar keinen Anteil erhalten haben? In Ingermanland, durch welches die Heerstrasse der Wäringer nach Nowgorod gegangen ist, gibt es eine ganze Menge Gesänge mit aus Skandinavien gelichenen Stoffen; aber manche von ihnen enthalten sprachliche oder andere Kennzeichen, welche auf ihren Ursprung aus Westfinnland hinweisen, und ausserdem sind die in ihnen enthaltenen skandinavischen Stoffe, mit nur einer einzigen Ausnahme, [213] ganz andere als die, welche in den byilinyi der Russen offenbar durch Einfluss derselben Wäringer eingedrungen sind.

Es gibt noch eine dritte Art, auf welche skandinavische Traditionen zu den Finnen und Esthen herübergekommen sein können. Sowohl an der südwestlichen Küste unseres Landes, wie auf manchen esthnischen Inseln gibt es eine schwedische Bevölkerung, die früher viel mehr verbreitet war als jetzt. Von der ersteren gibt Agricola ausdrücklich an, dass sie schon zu heidnischer Zeit aus Gottland herübergekommen sei, und die alte Gautasage lässt die frühere schwedische Bevölkerung von Dagö von derselben Gegend abstammen. Diese Schweden lebten jahrhundertelang mit den Finnen und Esthen im selben Lande als ihre nächsten Nachbarn, und die Verbreitung ihrer Traditionen konnte daher leicht vor sich gehen. Auch gibt es, soviel ich weiss, keinen bestimmten Grund, ihre Übersiedelung in eine so frühe Periode zu verlegen, dass sie nicht zusammenpassen würde mit Bugges oben angeführter Hypothese. Zu dieser Zeit, möglicherweise von 900—1000, gehören somit wahrscheinlich die sechs Stoffe in der Kalevala, welche genommen sind aus den Gesängen von den Niflungen, von Völunder, Grotte, vom Odhrönir-Meth, vom Kesselholen Thors, vom Gastmahle Ägirs, vom Tode Balders, vom Yggdrasilbaume, vom Sährimnereber, nicht zu reden von manchen anderen Abenteuern Odins und Thors.

Aber ausser diesen gibt es mehrere germanische Stoffe, welche in der Edda teils nicht vorkommen, teils dort ihre ursprüngliche Natur verloren haben. Zu diesen würde ich die Stoffe in der Kalevala rechnen, welche auf eine Bekanntschaft mit dem Mythus von der Fruchtbarkeit bringenden jährlichen Ankunft der Nerthus von einer Insel, von der Befreiung der Sonne vom Wolkengefängisse, von der Verfolgung des Sonnenhirsches (der ewige Jäger) und vom Zerbrechen des Rades des Sonnenwagens. Man wäre versucht, hier einen gothischen Einfluss anzunehmen von der Zeit vor der Völkerwanderung; aber der Umstand, dass die eben genannten Stoffe sich fast alle nur in Finnland vorfinden, die meisten nicht einmal bei den Esthen, noch weniger bei anderen östlicheren Zweigen des finnischen Volkes, weist darauf hin, dass sie von der skandinavischen Bevölkerung erhalten worden sind, welche bei der Ankunft der Finnen, in ihr jetziges Land, das südwestliche Finnland (ganz Tawastland darin inbegriffen), eingenommen zu haben scheinen.

Und da die Einwanderung der Finnen, nach Aspelin, in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts vor sich gegangen sein mag, so haben wir dazu die möglichst frühe Grenze für diese Entleihungen und für allen skandinavischen Einfluss überhaupt bestimmt.

Auch litauische Mythen und Sagen haben im wesentlichen, wenn auch im Vergleich mit dem skandinavischen Einflusse in bedeutend geringerem Grade, zum Entstehen des finnischen epischen Gesanges beigetragen. Was den Zeitpunkt für diese Einwirkung betrifft, so lehren uns die zahlreichen, dem Litauischen entliehenen Worte zwischen drei verschiedenen Perioden litauischen Kultureinflusses zu unterscheiden.

Ein bedeutender Teil der genannten entliehenen Worte findet sich bei allen oder fast allen Zweigen des finnischen Volkes wieder (bei den Finnen, Esthen, Liven, Woten, Kareliern und Wepsern), ebenso viele, ausschliesslich [214] bei den westlichen Zweigen desselben und schliesslich ein Teil ausschliesslich bei den Esthen und Liven. Die erste Beeinflussung geschah unzweifelhaft gleichzeitig mit der gothischen, welche sich in anderen zahleichen entliehenen Worten verrät (die Zeit vor der Völkerwanderung); die zweite traf offenbar die schon geschiedenen und teilweise auf dem Zuge nach Westen begriffenen finnischen Stämme, die letztere muss nach dem Jahre 400 stattgefunden haben, wo wohl ungefähr auch die Esthen ihr jetziges Land eingenommen haben.

Zu dieser spätesten Periode scheinen nun auch die meisten Mythenentleihungen zu gehören, denn von einem grossen Teile kann es bewiesen werden, dass sie erst ihre finnische Form in Esthland erhalten und von da aus sich nach Ingermanland und Karelien verbreitet haben. Nach Westfinnland dagegen ist nur ein schwaches Echo gedrungen. Ebenso sind viele unbekannt für die russischen Karelier. Aus allem diesen scheint hervorzugehen, dass das Aufnehmen der Mythen nicht gleich nach der Einwanderung der Esthen vor sich gegangen ist, sondern wahrscheinlich bedeutend später, denn sonst hätte sich die Verbreitung noch weiter ausgedehnt. Hierher würden wir die Mythe vom Weltei, vom Schmieden des Himmelsgewölbes, von der Weltaussaat (wenn nicht eher slavisch), den gegenseitigen Liebesverhältnissen der Himmelskörper und anderes rechnen. Zur ältesten Periode dagegen gehören, da auch Spuren von ihnen bei den Mordwinen sich finden, die Vorstellung von den Wolkenjungfrauen, welche alles Lebende hervorbringen (wenn nicht vielleicht gothischen Ursprungs), und in den Zaubergesängen gehört z. B. das Auftreten des Panu (ein litauischer Name für Feuer), der das Feuer buttert, offenbar zu der ältesten Periode.

Von uraltem asiatischen Ursprung ist schliesslich die Grundidee der Schöpfungsmythe, die sich somit jeder auch nur annähernden Zeitbestimmung entzieht.

Wie aus dem oben Genannten hervorgeht, sind die Kalevalagesänge, was den Hauptstamm ihrer Bestandteile betrifft, wohl bei weitem nicht so uralt, wie man bisher sich gewöhnlich vorgestellt hat. Ebenso ist hier, wenn auch nur andeutungsweise, darauf hingewiesen worden, dass ein bedeutender, ja der grösste Teil des Stoffes aus Mythen und Sagen anderer Völker genommen ist. Besonders diese letzte Behauptung hat ohne Zweifel auf vielen Seiten schmerzliche Gefühle geweckt, da man so gern in der Kalevala ein durch und durch eigenartiges Produkt des finnischen Volksgeistes hat sehen wollen. Andrerseits ist auch vorauszusehen, dass sie neue Nahrung für die Unterschätzung der geistigen Fähigkeit des finnischen Volkes darbieten wird, welche man oft bei den mehr zivilisierten, höher stehenden Völkern wahrgenommen hat. Etwas Derartiges scheint auch Castren gefürchtet zu haben, als er zuerst in einer grösseren Menge skandinavische Entlehnungen in unserem Epos entdeckte. „Vielleicht“, sagte er, „ist der finnischen Nationalität nicht damit gedient, dass dieser Gedanke ausgesprochen wird; aber die Wissenschaft fordert es, dass er zur Sprache gebracht wird. Nichts sollte mich mehr freuen, als wenn eine gerechte Kritik die Ansichten. widerlegen würde, welche ich jetzt darlege.“

Diese ganze Furcht ist jedoch grundlos. Denn wenn auch die Finnen den grössten Teil des Stoffes zu ihren epischen Dichtungen von aussenher [215] geliehen haben, so haben sie damit nur gethan, was alle anderen Völker mehr oder weniger zu allen Zeiten gethan zu haben scheinen. Nach einer genauen Untersuchung der Byilinyi der Russen hat Stasow nachzuweisen versucht, dass beinahe ihr ganzer Stoff, ja sogar ihre poetische Ausdrucksweise eine Nachahmung tatarischer, persischer und indischer Dichtungen ist. Was die Edda betrifft, so sucht jetzt der Norweger Bugge, freilich nicht ohne auf grossen Widerstand zu stossen, die Ansicht zu erweisen, dass die Mythen derselben zum grössten Teile Paraphrasen biblischer Erzählungen und mittelalterlicher Legenden oder auch griechisch-römische Mythen und Dichtungen sind. Die bei allen Völkern bekannten Volksmärchen sind, wie die Forschung unserer Zeit gezeigt hat, meistens Fremdlinge, welche von den Ebenen Irans oder von den Ufern des Ganges eingewandert sind. Was war auch die römische Kunstpoesie anderes, als ein neuer, selten verbesserter Aufguss der Werke griechischer Dichter? Und die so selbständigen Griechen, wieviel ihrer Mythe, Sage und Kunst haben sie nicht aus Ägypten und Westasien geholt, obwohl sie freilich das erhaltene Erbe wesentlich bereicherten und verbesserten? Überall, wohin wir auch blicken, sehen wir Entlehnungen und immer nur Entlehnungen. Eine vollkommene Selbständigkeit in bezug auf den Stoff scheint für die Volkspoesie überhaupt kaum möglich und auch für die Kunstpoesie in älteren Zeiten schwer gewesen zu sein. Wieviel kauten nicht die französischen tragischen Dichter des 17. Jahrhunderts noch die klassischen Stoffe wieder?

Immer und immer wieder macht sich das Scherwort Tegnérs geltend:

Alle Bildung steht schliesslich auf ausländischem Grunde; Nur die Barbarei war immer vaterländisch !

Auch kann ich darin gar nicht etwas so Erniedrigendes sehen. Grossartig wäre freilich der Gedanke, dass das eigene Volk im stande gewesen ist, aus der Tiefe seines Geistes alles zu schaffen, was alsdann seinen Stolz ausmacht. Aber noch erhebender ist doch der Anblick des einen grossen Kulturstromes, der, entsprungen fern unter den Palmen Indiens und in den fruchtbaren Ebenen Ägyptens, seine gewaltigen Wogen nach Westen wälzt, das südliche Europa befruchtet, um sich dann wieder nach Osten zu wen- den und auch ihrerseits Europas nördliche Hälfte fruchtbar zu machen. Das eine Volk nach dem andern empfängt ihn, entwickelt sich unter seinem Einflusse und schickt ihn vergrössert und vermehrt zum Nachbar. Sinnlos ist es, hierbei zu mäkeln über die grössere oder geringere Bildungsfähigkeit des einen oder des andern Volkes; das ist ganz einfach eine Zeitfrage. Die Völker, welche infolge ihrer geographischen Lage später vom Strome berührt werden, müssen natürlich später der Bildung teilhaftig werden und erscheinen alsdann weniger reich an Originalität, weil das ihnen zufallende Erbe schon um so viel grösser ist. Aber nichts hindert sie, später durch ihre Arbeit es in gleichhohem Masse zu vergrössern wie ihre Vorgänger.

In bezug auf die Dichtungen, um die es sich hier an erster Stelle handelt, ist es ausserdem nicht der Stoff, welcher am wertvollsten ist, sondern die künstlerische Umformung desselben. Schiller fand den Stoff zu seinem Wilhelm Tell fertig vor, ebenso Shakespeare zu seinem König [216] Lear; aber sie drückten darauf das Siegel ihres Geistes, und die Dramen mit den oben genannten Namen sind ihre Werke und keines andern. Ebenso verhält es sich mit der Kalevala: wenn auch der Stoff zum grössten Teile den Nachbarn entliehen ist, so ist er doch so selbständig umgeschmolzen, hat ein so eigenartig finnisches Gepräge erhalten und schliesslich, „last, not least“, er hat eine so menschlich wahre, fein poetische Form erhalten, dass das finnische Volk mit Stolz dieses Epos sein eigen nennen kann, welches an Schönheit nur den unsterblichen Meisterwerken der Griechen nachsteht, sich aber hoch über alle Dichtungen erhebt, welche von Völkern hervorgebracht werden konnten.

  1. Recht oft sind Lönnrots eigene Interpolationen an sprachlichen Incorrectheiten wiederzuerkennen, wie Professor Ahlquist es neulich in einer verdienstwollen Abhandlung nachgewiesen hat.
  2. Bei Lönnrot und Ahlquist fallen diese beiden Hypothesen insofern zusammen, als sie sich die vormaligen Wohnsitze der Kareler bis an die Dwina sich erstreckend gedacht haben.
  3. Die gegenwärtige Anzahl der gesammelten esthnischen Lieder beträgt ungefähr 10000, wovon mehr denn die Hälfte auf Antrieb Pastor J. Hurts in Petersburg, eines geborenen Esthen, aufgezeichnet sind.
  4. Daher kommt es, dass luoda, schaffen, die ältere Bedeutung „werfen“ hat.
  5. Veckenstedt, die Mythen, Sagen und Legenden der Zamaiten (Litauer). 1. Bd, S. 216.