Textdaten
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Autor: Friedrich Wilhelm Beneke
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Titel: Körperwägungsstuben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 40
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[40] Körperwägungsstuben. Es ist im hohen Grade auffallend, wie wenig sich die Menschen noch im Allgemeinen um die eigene Körperentwickelung bekümmern und wie sehr sie die einfachsten Mittel vernachlässigen, welche ihnen zu Gebote stehen, um sich über einen Rückgang oder Fortschritt ihrer Körperbeschaffenheit zeitig Gewißheit zu verschaffen. Bei neugeborenen Kindern und im Verlauf des ersten Lebensjahres werden Wägungen des Körpers gegenwärtig schon häufiger vorgenommen. Man weiß, daß kein zweiter so zuverlässiger Maßstab für das gute Gedeihen des Kindes, für die Richtigkeit seiner Ernährung, für seine Gesundheit existirt, wie das Gewicht seines Körpers und dessen regelmäßiger Fortschritt. Solche Wägungen der Kinder von acht zu acht Tagen werden deshalb auch mit Recht von vielen Aerzten den Eltern empfohlen. Ist aber das erste Lebensjahr vollendet, so hören die Wägungen meistens auf, und man bekümmert sich nicht viel mehr weder um das Wachsthum des Kindes in die Länge, noch um die Zunahme seines Gewichtes. Und doch sind diese Dinge für ein richtiges und namentlich frühzeitiges Urtheil über einen Rück- oder Fortschritt in dem Gesundheitszustande des Kindes und der Jugend bis zum einundzwanzigsten Lebensjahre hin von durchaus gleich großer Bedeutung, wie für das Kind im ersten Lebensjahre. – Jede etwas ernstere Gesundheitsstörung, welche sich vielleicht noch gar nicht durch andere Erscheinungen verräth, giebt sich alsbald durch mangelhafte Zunahme des Körpergewichtes oder durch mangelhaftes Wachsthum kund, und ein zu rasches Wachsthum des Körpers, wie es der Mutter vielleicht gefällt, aber der Gesundheit doch nicht entspricht, soll ebenfalls die Aufmerksamkeit der Eltern in Anspruch nehmen und dieselben auf wahrscheinliche Fehler in der Ernährung des Kindes aufmerksam machen. – Man muß sich doch wahrlich darüber wundern, daß trotz der Millionen von Menschen, welche schon vor uns in’s Grab gegangen sind oder noch heute die Erde bewohnen, ein Wachsthumsgesetz für den Menschen von Jahr zu Jahr nach Länge und Gewicht seines Körpers noch nicht mit Sicherheit festgestellt ist, und es kommt dies lediglich daher, daß kaum für einen Menschen sein fortschreitendes Wachsthum von Jahr zu Jahr, oder von sechs zu sechs Monaten regelmäßig durch Maß und Gewicht bestimmt ist.

Solcher Bestimmungen bedarf aber die Wissenschaft zu Tausenden, und zwar genauester Bestimmungen, um daraus ein Wachsthumsgesetz abzuleiten, und erst wenn ein solches Gesetz festgestellt worden ist, wird sich von einem jeden Kinde sagen lassen, ob es das normale Körpergewicht und normale Längenmaß für sein Alter besitzt oder nicht, um daraus dann weitere Schlußfolgerungen abzuleiten. Für das vorgeschrittene Jugendalter sind die Bestimmungen des Körpergewichts und der Körperlänge von ganz besonderem Werthe. Eine der gefährlichsten Krankheiten, die Lungenschwindsucht des jugendlichen Alters, kündigt sich in der Regel, noch bevor die Lunge selbst erkrankt ist, durch Abnahme des Körpergewichtes an, und da diesem weitverbreiteten Leiden nur in der ersten Zeit seiner Entwickelung durch geeignete Behandlung abgeholfen werden kann, so ist schon in dieser einen Beziehung für viele Menschen die fortgesetzte genaue Controlle des Körpergewichts und der Körperlänge von größter Bedeutung.

Es bedarf wohl nur dieser Hindeutungen, um Viele mit dem Wunsche oder Entschluß zu erfüllen, an sich selbst oder an ihren Kindern regelmäßige Wägungen des Körpers und Messungen der Körperlänge vorzunehmen. Um sicher zu gehen und vergleichbare Resultate zu erlangen, ist es erforderlich, daß die Wägungen und Messungen an ganz bestimmten Tagen vorgenommen werden, und es empfiehlt sich für Kinder, welche älter als ein Jahr sind, dieselben regelmäßig an dem Geburtstage des Kindes und nach jedem Ablauf von genau sechs Monaten, also jährlich wenigstens zwei Mal, vorzunehmen. Auch müssen die Kleider jedesmal genau zurückgewogen und in Abzug gebracht werden. Die Messung der Körperlänge ist ohne jede Fußbekleidung vorzunehmen. Weiter ist zu bemerken, daß Wägungen und Messungen am besten Morgens früh, jedenfalls aber vor dem Mittagessen auszuführen sind; denn durch das Mittagessen kann das Körpergewicht in erheblicher Weise verändert werden, und wer den ganzen Tag umhergelaufen, ist Abends oft in Folge der leichten Abflachung der Zwischenwirbelscheiben um ein bis einundeinhalb Centimeter kleiner, als am frühen Morgen.

Aber wo findet man eine genaue Wage zu Wägungen des Körpers? In manchen Bade-Orten sind solche Wagen in neuerer Zeit eingeführt. Die Aerzte an diesen Orten haben es in vielen Fällen für erforderlich gehalten, sich durch Bestimmungen des Körpergewichtes von den Resultaten der Curen zu überzeugen, und die Patienten selbst verfolgen mit Interesse diese Resultate. Sie zahlen gern dafür dem Wagebesitzer ein Wägegeld. – Aber in fast allen Städten sucht man noch immer vergebens nach recht genauen für diese Zwecke geeigneten Wagen. Wird Jemandem einmal die Wägung zum Bedürfniß, so bedient er sich der groben Wagen, wie man sie auf Eisenbahnstationen, in Materialwaarenhandlungen etc. findet. In dem Mangel von guten Körpergewichtswagen liegt, wie es scheint, der Hauptgrund, daß die Wägungen, von denen hier die Rede, so sehr vernachlässigt werden, und doch ist dem Mangel leicht abzuhelfen.

Sollte es denn nicht möglich sein, daß sich in jeder Stadt eine, und in größeren Städten mehrere Personen fänden, welche sich aus der genauen Körpergewichtsbestimmung und Längenmessung von Kindern und Erwachsenen ein Nebengeschäft machten?

Sollten sich nicht Heilgehülfen, invalide Militärpersonen, städtische Unterbeamte, Badebesitzer etc. bereit finden, „Körperwägungsstuben“ einzurichten? Als die vorzüglichsten Wagen dürfen zu solchem Zwecke unter anderen die Decimalwagen der Herren Kuhtz u. Comp. in Brandenburg an der Havel empfohlen werden, und wenn die Anschaffung derselben mit Gewichten auch eine erste größere Auslage erfordert, so wird der Betrag bald durch die Wägungsgebühren eingebracht werden können. Es giebt aber auch eine Anzahl anderer trefflicher Wagenfabriken, deren Adresse leicht zu erfahren ist. Die Wagen müssen nur so genau sein, daß sie bei einer Belastung mit hundert Pfund oder fünfzig Kilogramm noch fünf Gramm mehr oder weniger deutlich angeben. In dem Raume, in welchem die Wägungen vorgenommen werden, sollte sich dann stets auch ein Gestell mit Centimetermaß befinden, damit man neben der Gewichtsbestimmung gleichzeitig die Längenmessung des Körpers vornehmen könne. Von größter Wichtigkeit ist, wie gesagt, die richtige Rückwägung der Kleider, mit welchen die gewogene Person bei der Wägung bekleidet war. Die Bestimmung des Gewichtes dieser Kleider kann aber füglich auf einer kleinen Wage zu Haus vorgenommen werden, falls der Betreffende es nicht vorzieht, die Kleider nachträglich zu dem Wagenbesitzer zu schicken und sie dort wiegen zu lassen.

Es ist selbstverständlich, daß die Ergebnisse der Wägungen und Messungen stets genau aufgezeichnet und die Aufzeichnungen aufbewahrt werden müssen. Die erste Aufzeichnung ist sofort nach geschehener Wägung und Messung von demjenigen zu machen, welcher dieselben ausführte. Jede Aufzeichnung dieser Art muß enthalten: Namen und Alter der gewogenen Person, Tag und Stunde der Wägung und Messung, Angabe des Körpergewichts mit Kleidung und nach Abzug der Kleidung. Die Körperlänge versteht sich stets ohne Fußbekleidung und ist in Centimeter anzugeben.

Möchten diese Andeutungen auf fruchtbaren Boden fallen! Der daraus für den Einzelnen, sowie für die Bevölkerung im Allgemeinen und nicht minder für die Wissenschaft zu erzielende Gewinn ist ein sehr großer und liegt auf der Hand. Die Aerzte insonderheit werden nicht länger in Verlegenheit sein, wo und wie sie das Körpergewicht eines Kranken in Fällen ermitteln sollen, wo die genaue Kenntniß und fortgesetzte Controle dieses Gewichtes von größtem Werthe sowohl für sie selbst, wie für den Kranken ist. – Der verschiedene Gang des Wachsthums bei verschiedenen Nationen, beim männlichen und weiblichen Geschlechte, wie solcher nach bisherigen Untersuchungen wahrscheinlich ist, wird sich nur auf dem Wege sehr zahlreicher und überall herbeizuführender Gelegenheiten zu genauen Wägungen und Messungen feststellen lassen.

Professor Beneke.