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Textdaten
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Autor: P. L–g
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Titel: Königin Luise und Prinz Wilhelm
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 52
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
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[52] Königin Luise mit Prinz Wilhelm. (Zu unserer Kunstbeilage.) Einen der schönsten und würdigsten Gedenktage wird uns der 22. März bringen, den hundertsten Geburtstag Kaiser Wilhelms I., der mit freudiger Begeisterung überall, wo Deutsche leben, begangen werden wird. Auch die holde Kinderzeit des ersten Kaisers unseres neugeeinten Vaterlands wird dieser Gedenktag aufs neue beleben, jene unvergeßlich schönen Jahre, in denen der kleine Wilhelm unter der treuen Obhut der geliebten Mutter, die ihm so früh entrissen wurde, heranwuchs, während sie in seine junge Seele die Empfindungen für alles Große, Edle und Schöne senkte, welche später unserm ganzen Volke zum Wohle gereichen sollten. In jene Jahre versetzt uns das anmutreiche Bild Professor G. Biermanns zurück, das uns die Königin Luise in vollerblühter Schönheit und Weiblichkeit mit ihrem zweiten Sohn, dem Prinzen Wilhelm, vor Augen führt. Wir sehen die schlanke Mutter mit dem zarten, blondgelockten Knaben in einem der königlichen Gärten lustwandeln, die hohe Gestalt in weißen Musselin gehüllt, das edle Haupt leicht zur Seite geneigt, die leuchtenden blauen Augen suchend in die Ferne gerichtet, ob nicht aus dem lauschigen Grün plötzlich der König auftauche, denn dieser pflegte oft die Arbeit zu verlassen, um seiner Gemahlin auf ihren Spaziergängen zu folgen und in ihrer Gesellschaft und Unterhaltung Erholung zu finden. Jene Jahre, die in den Beginn unseres Jahrhunderts fallen, waren auch die glücklichsten für die Königin; noch zogen nicht am politischen Horizont die dunklen Kriegswolken herauf. Nach der wenig zufriedenstellenden Regierungszeit Friedrich Wilhelm II. war ganz Preußen dem jungen Königspaare in innigster Verehrung zugethan. Überall wußte die Königin Gutes und Segensreiches zu vollbringen, und wenn der Frühling lachend ins Land gezogen war, so verließ die königliche Familie Berlin und ihr dortiges schlichtes Heim, das Kronprinzen-Palais, wie es noch immer genannt wurde, und siedelte nach Potsdam oder Charlottenburg oder der Pfaueninsel über, dorthin, wo die Bäume rauschten und die Vögel sangen und die Sonne frei auf Wiesen und Felder niederschien.

„Den Saiten meines Gemüts muß ich jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen, muß sie dadurch gleichsam von neuem aufziehen damit sie den rechten Klang behalten. Am besten gelingt mir dies in der Einsamkeit, aber nicht im Zimmer, sondern in dem stillen Schatten der freien schönen Natur. Unterlasse ich das, dann fühle ich mich verstimmt, und das wird nur noch ärger im Geräusche der Welt. So hatte einst die Königin zum Bischof Eylert gesprochen, mit der gleichen tiefen Liebe zur Natur erfüllte sie auch von früh auf ihre Kinder und man weiß, wie dies beim Kaiser Wilhelm bis zum spätesten Greisenalter nachgewirkt hat und wie es ihm zu danken ist, wenn wir in den Parkanlagen Berlins und auf dessen Straßen und Plätzen noch heute vielen schönen, alten Bäumen begegnen. Prinz Wilhelm war ein stilles und sinniges Kind, er hatte nichts von dem lebhaft sprudelnden Wesen seines älteren Bruders, des späteren Königs Friedrich Wilhelm IV., aber gerade wegen seines schlichten und treuen Charakters liebte ihn seine Mutter aufs zärtlichste und war betrübt, wenn man die Zurückhaltung des Kindes falsch auffaßte. Einst fand die Gräfin Boß, die betagte Oberhofmarschallin, die Königin in tiefer Verstimmung und erkundigte sich nach deren Ursache. „Aller Aufmerksamkeit wendet sich meinem ältesten Sohne zu, gestand die Königin endlich, „um den Prinzen Wilhelm bekümmern sie sich viel weniger, sie kennen nicht sein tiefes und gutes Gemüt, wie ernst und gewissenhaft er alles auffaßt. O, ich bin überzeugt, wenn er dereinst vor große Aufgaben gestellt werden sollte, er wird sie in schönster und pflichttreuester Weise lösen! Wie Kaiser Wilhelm die Voraussagung seiner Mutter wahr gemacht, wir wissen’s und danken’s ihm in alle Zukunft!

P. L–g.