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Titel: Joseph Hume
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 334–336
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Joseph Hume.

Die Gartenlaube machte ihre Leser unlängst mit dem Portrait und den Verdiensten Richard Cobden’s bekannt. Folgerichtigerweise darf nun auch Joseph Hume (sprich Hjuhm) nicht fehlen. Wer jemals in den englischen Artikeln deutscher Zeitungen las, wird diesem Namen öfter und öfter begegnet sein und sich erinnern, daß er immer etwas Derbes, Tüchtiges, Praktisches, Oekonomisches sagte und unnöthige Staatsausgaben [335] und kostspielige, unsinnige Gebräuche angriff. Er hat dies ununterbrochen seit mehr als 40 Jahren im Unterhause des englischen Parlaments gethan und so viel Reformen durchgesetzt, wie niemals ein Staatsmann, obgleich er immer noch gegen ein Heer von Mißbräuchen mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit und Jugendkraft kämpfen muß.

Joseph Hume ist einer der gesundesten populären Namen Englands. Seine Persönlichkeit, sein Lieben und seine Thätigkeit machen ihn zu einem practischen Muster für alles wirkliche Verdienst und alle wirkliche Mannesgröße. Deshalb und weil es immer angenehm ist, bekannte, beliebte, große Männer näher kennen zu lernen, stellen wir Joseph Hume hiermit den Lesern vor.

Die Gartenlaube (1853) b 335.jpg

Joseph Hume.

Er ward im Jahre 1777 zu Montrose im Norden Schottlands von einer tüchtigen, klugen, zärtlichen Mutter einem armen Küstenfischer geboren, der es jedoch mit der berühmten schottischen Klugheit und Ausdauer bald dahin brachte, daß er in eigener Schaluppe einen Fischhandel nach London treiben konnte. Freilich nicht lange, denn der alte Fischer starb schon 1782 und hinterließ den 5jährigen Joseph seiner energischen, zärtlichen Mutter zu alleiniger Erziehung. Es war ihr Stolz, recht viel Geld zu sparen, um Joseph Medizin studiren zu lassen. So kam er nach tüchtigen Vorstudien auf dem Gymnasium zu Montrose bei dem Doctor und Wundarzt Dr. John Bole in derselben Stadt „in die Lehre,“ wie das in England so Mode ist; doch blieb er bei der Mutter in Kost und Wohnung, in seinem alterthümlichen, solid und derb ausgestatteten Geburtshause in der Ferry-Straße, die ziemlich weit im Norden der Stadt sich nach dem Freien ausdehnt, welches freilich weit und breit noch den düstern Charakter einer der düstersten unter den schottischen Städten trägt. Lange, nachdem sich die dunkle Stadt in Nacht und Schlaf begraben, glitzerte noch das Lämpchen des studirenden Joseph aus dem Dachstübchen in die Nacht hinaus. Das Licht blickte so einsam und ohnmächtig in die allmächtige Finsterniß hinaus, als müßt’ es jeden Augenblick erlöschen, aber es erlosch nicht; es wurde größer und größer und heller und heller und leuchtet jetzt sogar noch mitten am hellen lichten Tage durch jeden wichtigen Parlamentsbericht und ernährt sich aus den dankbaren Herzen von Millionen, die in ihm ihren alten, treuen, unerschütterlichen Vater und Führer verehren und lieben.

Die nächtliche Lampe schien bis zu seinem 19ten Jahre, als das dämonische Feuer, das aus Frankreich herüberloderte, und das magische Licht, welches aus Indien (wie jetzt Australien) herüberlockte, die damalige gebildete Jugend beunruhigte. Hume, der es stets [336] mit dem Lichte der Reform, und nicht mit dem Feuer der Revolution hielt, beschloß, nach Indien zu gehen. Mit seinem Wundarzt-Diplom kam er nach London und ging auf Schiffe der ostindischen Compagnie in Dienste, auf welchen er mehrere Reisen nach Indien und China machte. Im Jahre 1799 wurde er Wundarzt in der Armee der ostindischen Compagnie, dazu auch persischer Dolmetscher während des Mahrattakrieges und (1802–1808) Kriegszahl- und Postmeister der ostindischen Regierung, welche damals noch nicht so entsittlicht war, wie jetzt, und die Hume’sche Ehrlichkeit und Ausdauer öffentlich belobte, während ihr diese Eigenschaften neuerdings oft unbequem geworden sein sollen.

Ein so ausgeprägter schottischer Charakter konnte dabei natürlich dem nationalen Triebe für kluges Berechnen und Arbeiten, dem Glücke ein dauerndes Lächeln abzugewinnen, nicht widerstehen. Doch nicht, wer das Glück hat, führt die Braut heim, sondern wer die Ausdauer und den Geist hat, in ununterbrochener Thätigkeit mit Benutzung aller Gelegenheiten, ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Er wollte Geld verdienen, um davon sorgenlos einst dem Vaterlande leben zu können. Er wollte es, wie eben ein Hume nur „wollen kann,“ und so hatte er 1808 schon so viel erworben, daß er bis heute sehr anständig davon leben konnte. Er hatte nebenbei kaufmännische Geschäfte zwischen England, Ostindien und China gemacht und so nebenher in 12 Jahren etwa 25,000 Pfd. Sterl., über 170,000 Thaler verdient. Er hatte „Glück,“ d. h. den klugen, weiten, schottischen Blick, das Glück überall zu sehen, wo es sich aufhielt und es so zu behandeln, daß es willig „herausrückte.“ Mit dem Gelde machte er rasch mehr Geld, besuchte dann Spanien, Egypten, die Türkei u. s. w. und kehrte mit dem Entschlusse zurück, in der gesetzgebenden Versammlung Englands dem Staate Oekonomie und Sparsamkeit beizubringen und das Volk von ganzen Ladungen unerträglicher Lasten zu befreien. So trat er 1811 in Weymouth als Candidat für’s Unterhaus auf und wurde gewählt. Und wurde seitdem immer wieder gewählt (mit Ausnahme des einzigen Jahres 1841), beinahe ein halbes Jahrhundert hindurch, seit 1842 ununterbrochen als Vertreter von Montrose. In dem klikenreichen, kastenartigen, aristokratisirenden England wurde der arme Fischerknabe „ohne Geburt,“ ohne Geld (d. h. nach den Begriffen der „guten Gesellschaft“), ohne Familie, ohne Verbindungen, ohne Rednergabe, ohne irgend eine Gelehrsamkeit als die des Adam Riese der mächtigste, segenreichste Reformer und Volksvertreter des ganzen Jahrhunderts. Er hat dem Volke die Parke geöffnet, die ungeheuersten Verschwendungen im Gehalte der Hofbeamten beschränkt (obgleich von den Bettmacherinnen der Königin zweiten Ranges jede immer noch 5000 Pfund bekömmt und die, welche die Betten wirklich machen, extra bezahlt werden), Legionen von Steuern und Abgaben wirklich abgeschafft und – was die Hauptsache ist – eine Menge aristokratische und russische Pläne im Ober- und Unterhause zurückgeschlagen. Die Verdienste Cobden’s sind nur ein kleiner Bruchtheil der Hume’s. Ein noch viel größeres Verdienst sind die von ihm angebahnten ökonomischen und finanziellen Grundsätze und der arithmetische Scharfblick, mit welchem seine (die Manchester-) Schule alle Handlungen und Ausgaben der Regierung prüft. Dagegen kommt keine ritterliche Romantik mehr auf. So liegt sein 40jähriges Verdienst doch noch mehr in der Zukunft, der es vorbehalten bleibt, die von ihm begonnenen und 40 Jahre lang fortgeführten Kämpfe siegreich durchzusetzen. Es ist nicht Partei, nicht Räsonnement, nicht Meinung, womit er die Aristokratie und deren Pläne angreift, sondern es sind meist Zahlen, herausgerechnet aus dicken, dichten blauen Büchern des Parlaments, über welchen der alte 76jährige, dicke, ungebeugte Held Tage und Nächte lang sitzt und arbeitet, um dann in den langen Nächten der Parlamentssitzungen, wo er nie fehlt, von den Ergebnissen seiner Rechnungen denselben Gebrauch zu machen, wie er es seit 40 Jahren that. Der Widerstand ist oft wie von Stein, aber er klopft seit 40 Jahren Steine mit dem eisernen Hammer seines Willens, seines Wohlwollens, seiner unerschütterlichen Arithmetik. Und was er nicht zerklopft, betröpfelt er. Und es ist solch ein Tropfen, der Steine aushöhlt und aufweicht, daß sie endlich mürbe und morsch von selbst zerbröckeln.