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Textdaten
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Autor: Ludwig Ganghofer
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Titel: Jägerfrühling
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 246–248
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Jägerfrühling.

Föhnwetter im Februar, schmelzender Schnee und brausender Regen – das nennen sie in der Stadt eine „greuliche Zeit“, bei der man sich nasse Füße und rote Nasen holt. Aber draußen auf dem Lande, im Herdwinkel des Hegerhäuschens und in der Försterstube schmunzelt so manch’ ein alter Graubart vergnügt und träumend vor sich hin, wenn er mit dampfendem Pfeiflein bei der trübe brennenden Lampe sitzt, während es draußen saust und klatscht um alle Mauern und an jedem Fenster die Läden rasseln. Und bevor sich der Alte, wenn der Krug geleert ist, zum schnarchenden Bärenschlafe niederlegt aufs Ohr, tritt er wohl noch für einige Minuten vor den Gewehrrechen, holt die alte Schrotspritze vom Nagel, öffnet die Läufe und beginnt mit dem Wischer ein Fegen und Scheuern, daß ihm die Schweißperlen von der Stirn über die buschigen Brauen tropfen. Der langhaarige Vorstehhund, den der Winter dick und faul gemacht, ist hinter dem Ofen hervorgekrochen; er schüttelt das verstaubte Fell, zuckt in Neugier mit den Ohrlappen, und unter sachtem Schweifwedeln studiert er die Miene seines Herrn, der ihm lächelnd zublinzelt.

„Ja, Mannderl, jetzt geht’s bald los!“

Bald! Es stehen ja schon die „lateinischen Sonntage“ vor der im Frühlingssturm rasselnden Thür – nur acht Tage noch bis zum wichtigsten, der sich „Oculi“ nennt! Und dann kommen sie, die heiß Erwarteten, die Langgeschnäbelten, die dem Weidmann die Erstlingsfreude des neuen Jägerjahres bescheren.

In diesen Tagen sammeln sich trotz Sturm und Regengüssen allabendlich die Jäger von weiten Dörfern her in einer Wirtsstube zum „Schnepfen-Tratsch“, Und während die Krüge fleißig zwischen Tisch und Keller wandern, setzt es um den Langschnabel ein Reden ohne Ende, mit Geschichten, deutsch und „lateinisch“, mit heißen Debatten. Da wird immer wieder von neuem die alte Streitfrage aufgeworfen: über den großen „Eulenkopf“ und die kleine „Dornschnepfe“, Das wären zwei verschiedene Arten, behaupten die einen; und die anderen sagen: Nein, es giebt nur eine Art; die kleine Dornschnepfe ist nur ein Nestling vom letzten Jahr und wächst sich erst mit dem zweiten Sommer zum „Eulenkopf“ aus, denn … Und da werden mit der Pfeifenspitze alle Gründe für diese Meinung an den Fingern hergezählt. Ist man des Streites müde geworden, so beginnt das unvermeidliche Lob der „guten, alten, schnepfenreichen Zeit“ und die trauernde Klage über die jährlich fühlbare Abnahme der Schnepfen. Die Pessimisten prophezeien mit trübseliger Meine, daß „die schnepfenlose, die schreckliche Zeit“ nicht mehr allzufern sei – die Optimisten aber trösten sich mit der Erfahrung, daß jedes magere Schnepfenjahr noch immer ein gutes im Gefolge hatte. Und jene Mitglieder der Tafelrunde, die sich das Abonnement einer Jagdzeitung vergönnen, kramen breit die aus dem Blättchen gesammelte Weisheit aus: die Verminderung des langschnäbligen Wildes wäre statistisch festgestellt und durchaus kein Wunder; denn mit den veränderten Kulturverhältnissen, die der Schnepfe allmählich den Boden entziehen, den sie liebt, verbände sich feindlich die Ausbildung der Feuerwaffen; dazu käme noch der bequeme Weltverkehr, der es passionierten Sportsleuten ermögliche, die besten Strichgegenden in Kroatien und Slavonien, auf den Inseln des Quarnero und in Griechenland aufzusuchen, um den Massenmord der Schnepfe als amüsantes „Schießtraining“ zu betreiben; so hätten einmal in der peloponnesischen Ebene drei englische Sportsmen während weniger Tage über tausend Schnepfen erlegt; aber das könnte man noch verschmerzen – denn schließlich waren das doch Jäger mit der Flinte in der Hand – wäre nur nicht das alljährliche Massacre des armen Langschnabels in seinen Winterquartieren, in Sardinien und Sizilien, in Algier und Tunis, in Aegypten und Kleinasien! So wären eines Winters in der Umgebung von Smyrna in drei Tagen über 20 000 Schnepfen gefangen und erschlagen worden.[1]

Bei solcher Hiobspost geht in der Tafelrunde ein verzeihliches Stöhnen und Seufzen von Herz zu Herz. Was bleibt da noch für den braven deutschen Jäger übrig!

Wer an solch melancholische Stimmung schließt sich gleich wieder das Erwachen fröhlicher Hoffnungen an. Noch giebt es ja Schnepfen, Gott sei Dank – nur ein paar Tage noch, und sie kommen! Lachend hebt man die frisch gefüllten Krüge und trinkt die Gesundheit des noch unbekannten Glücklichen, der von Hubertus’ Gnaden zum Schnepfenkönig dieses Frühlings geboren ist. Und man witzelt auch schon über den Pechvogel, der sich den „Heringskopf“ verdienen wird – wer beim Schnepfenstriche leer ausgeht, hat zum Schaden noch den Spott zu leiden, denn in zierlicher Verpackung erhält er durch die Post einen Heringskopf mit leeren Gräten zugesandt, „unbekannt von wem“! Und wer wohl der Beneidete sein wird, der die „Erste“ nach Hause bringt?

Sie wird nicht leicht verdient, diese „Erste“, sondern muß [247] in Mühsal und Strapazen errungen werden, und die Huld der grünen Göttin beschert sie immer nur dem eifrigsten Jäger. Beginnend mit den letzten Tagen des Februar, muß er an jedem Morgen und Abend seinen Auszug halten, muß der Kälte und aller Unbill des Wetters trotzen, muß sich vom Regen baden und von den Graupen auf der Nase trommeln lassen, um mit unverwüstlicher Geduld den Augenblick zu erharren, in dem die „Erste“ endlich heranzieht mit ihrem Falzgesang, der, so unmusikalisch er sich anhört, für Jägerohren so süß und verlockend tönt.

Doch sie erscheint nicht unvermutet, diese Erste! Unser Langschnabel ist ein Wild von Geblüt und meldet sich durch geschwätzige Lakaien an, gleich einem vornehmen Herrn. Wenn die ersten Märztage milden Himmel brachten und aus dem Gestrüpp der schüchtern knospenden Hecken der Duft eines verfrühten Veilchens quillt, dann verkündet das Getriller der heimgekehrten Feldlerche über den kahlen Fluren, das Gurren der Hohltaube im Wald, der Schrei des Kiebitz und das heimliche Geplauder des Stars: „Sie kommt! Sie, kommt!“ Und erklingt nun gar im Birkendickicht der schmelzende Schlag der Drossel, so ist das dem Jäger sichere Botschaft, daß die erste Schnepfe nicht lange mehr auf sich warten läßt.

Warmer Südwind wehte bei leichtem Regen die letzte Nacht hindurch. Zu solchen Nächten kommen sie gerne! Und jetzt ein Morgen, frisch und ackerduftig, ein Tag, wie ihn der Frühling schöner dem Jäger nicht schenken kann! In brennender Ungeduld will sich der Abend kaum erleben lassen. Alles ist schon parat, der spiegelblanke Lancaster, die Patronentasche, sogar „Mylord“, der schwarze Setter, ist schon an die Leine gelegt, damit er nicht etwa ausreißt und recht zur Unzeit eine Feldpirsche auf eigene Faust unternimmt.

Vier Uhr erst! Wie träge doch der Zeiger schleicht! Fünf Uhr … endlich! Zwei Stunden noch bis zum Einbruch der Dämmerung – aber es duldet den Jäger nicht länger mehr unter Dach! Begleitet von Mylord, welcher unruhig und in Vorahnung eines großen Ereignisses neben seinem Herrn einhertrippelt, steuert er mit eilfertigen Schritten einem gemischten Jungholz zu, das sich, von Schluchten und Wassergräben durchrissen, mit mannshohem Buschwerk über einen sanft geneigten Hügel emporzieht. Der Stand wird eingenommen, der sich seit Jahren beim Schnepfenstrich als der günstigste bewährte; dann brennt sich der Jäger sein Pfeiflein an, und von der schlimmsten Ungeduld erlöst, läßt er sich zur Ruhe auf einen halbvermoderten Baumstock nieder, um die Dämmerung heranzuwarten.

Noch ist der Himmel blau und Tageshelle liegt über dem tiefen Grün der jungen Fichten und über dem wirren Netzwerk der kahlen Buchen- und Birkenzweige. Wie dunkle, blaugrüne Bänder ziehen sich die Nadelwälder ferner Hügelketten am Horizont entlang, leicht verschleiert von dem zarten Nebel, der aus unsichtbaren Wiesengründen aufdampft. Rings um den Jäger her ist der Jungwald einsam und still. Nur eine Ringeltaube kichert im nahen Hochwald, und in Zwischenräumen lockt und flötet eine Drossel, der die Einsamkeit nicht gefallen will.

Tiefer mit jeder Minute sinkt die Sonne den fernen Hügeln zu, und ihr Glanz verändert sich. Ein breiter Glutstreif überfließt den westlichen Horizont, draußen in der Ebene leuchten ein Bachlauf und der Spiegel eines Weihers gleich feuerflüssigem Erz, goldiger Schimmer gießt sich in alle Lüfte aus und umflimmert jeden kahlen Zweig und Wipfel; die silberweißen Rinden der Birken strahlen wie in metallischem Glanz, und auf der Höhe des Hügels glimmen die Stämme der Föhren, als wäre ihr Holz in rote Glut verwandelt. So glüht und leuchtet dieses Wunder des schönen Abends eine Weile – dann schwindet es langsam, und an Erde und Himmel dämpfen sich alle Farben.

Aufatmend erhebt sich der Jäger und winkt dem Hunde noch einmal zu mit einem mahnenden Schweigezeichen. Dann spannt er die Flinte und steht bewegungslos. Drunten im Waldthal, auf einer nahen Straße, poltert ein Leiterwagen vorüber, und dazu pfeifen die Schleifbäume eines heimkehrenden Pfluges. Verschwommene Stimmen lassen sich hören, sie kommen näher und entfernen sich wieder. Noch ein leiser Drosselschlag, ein letztes Pispern der kleineren Vögel, dann lautlose Stille im weiten Wald. Nur eine Quelle murmelt, so leise, daß sie kaum noch zu hören ist.

Jetzt muß sie kommen, die erste – oder es heißt wieder, Geduld haben einen neuen, langen Tag! In gespannter Erwartung klopft dem Jäger das Herz so laut, daß er, von dem pochenden Hall in der eigenen Brust getäuscht, sich unwillig ein paarmal umblickt, als fürchte er, einen Störenfried durch das Dickicht einhertappen zu sehen. Aber der Wald ist still, wie ausgestorben. Die Täuschung erkennend und über die grundlose Sorge lächelnd, späht der Jäger zum Himmel auf, ob wohl „sein Stern“ schon leuchtet? Lange sucht sein Blick in dem matt getönten Blau – und endlich sieht er’s aufblitzen, gleich der funkelnden Spitze einer Goldnadel. Mit jeder Sekunde wächst dieser Glanz, und ehe die Helle des Himmels noch ganz geschwunden ist, erstrahlt der Sirius in voller Pracht, der „Schnepfenstern“, dessen Aufleuchten den Anbruch der „besten Zeit“ verkündet.

Fester schließen sich die Hände des Jägers um die Waffe und unter geschärftem Lauschen späht er über die vom ersten Schleier der Dämmerung umflossenen Wipfel der Schonung hinweg gegen Osten und Süden. Dort beginnt schon der Himmel zu dunkeln, ein zweites und drittes Sternlein funkelt auf – rings um den weiten Wald her, von allen Dörfern erklingt mit sanft verschwommenem Hall das Geläut der Abendglocken, eine Weile währt dieses träumerische Klingen und Singen in den dunkelnden Lüften – dann wieder lautlose Stille. Auf den spärlichen Blößen der Schonung verliert sich alle Zeichnung in trübes Grau, immer schwärzer färben sich die jungen Fichten, während die zarten Spitzen der kahlen Buchen- und Birkenzweige in der Dämmerung zerfließen; im Westen schwindet der letzte Nachglanz der gesunkenen Sonne, und die Nacht will kommen. Da tönt von fernher ein seltsam leises Gezwitscher durch die Stille – zwei schnarchende Laute folgen, „quohg, quohg“, als hätte sich eine windschiefe Thür in den losen Angeln sacht bewegt – nun wieder klingt dieses sonderbarste aller Frühlingslieder, es nähert sich, ein kleiner Schatten flattert im Grau, und gaukelnden Fluges, wie im Spiel auf dem lauen Winde sich wiegend, kommt die falzende Schnepfe herangeschwommen durch die Abendlust.

Ein Blitz in der Dämmerung, und während der Wiederhall des Schusses noch hinrollt über die dunklen Wälder, tänzelt Mylord schon eifrig und stolz aus dem Dickicht hervor und legt seinem Herrn die „Erste“ zu Füßen.

Das geht nun freilich nicht immer so schön und glatt von statten. Denn für manch einen heißblütigen Schnepfenjäger scheint die „Erste“ gepanzert und unverwundbar zu sein – und da giebt es dann unter Flüchen und Stolpern einen verdrießlichen Heimgang in der finsteren Nacht, besonders verdrießlich, wenn der unglückliche Schütze noch zur Mehrung seiner Bitternis den Schuß und Jauchzer seines glücklicheren Nachbars hören mußte! Da bleibt ihm kein anderer Trost als die Hoffnung auf den nächsten Abend. Aber auch diese Hoffnung erfüllt sich nicht immer. Wenn die Erste kam, läßt oft die Zweite noch lange Tage auf sich warten. Häufig auch, wenn der Strich schon im besten Gange war, fallen kalte nördliche Winde ein, welche klatschenden Regen oder gar einen neuen Schneefall bringen. Dann stockt der Wandertrieb der Schnepfen entweder völlig, oder die vereinzelt streichenden Langschnäbel treiben, vom Sturm getragen, hoch in den Lüften, unerreichbar für den Schuß. Fällt solch ein Umschlag des Wetters in die letzten Märzwochen, so ist der ganze Strich für dieses Frühjahr verdorben. Bringen aber die letzten Märztage klaren Himmel und feuchtwarme Föhnluft, so entwickelt sich der Strich so günstig, daß der Jäger oft an einem Abend ein halbdutzendmal und darüber zu Schuß kommt, daß er auf allen umliegenden Waldhöhen der Nachbarreviere die Flinten lustig krachen hört und selbst zwischen Schuß und Schuß kaum die Zeit findet, um einer erlegten Schnepfe die kleinen lanzettförmigen Schmuckfederchen, die „Granen“, auszuziehen und sie als Trophäe hinter sein Hutband zu stecken. An solch’ günstigen Abenden kommen die Schnepfen oft zu dreien und fünfen herangestrichen – entweder spielende Männchen, die mit ihren langen Schnäbeln ein Turnier in den Lüften halten und mit drolligem Eifer aufeinander „stechen“, oder mehrere Männchen, die in Eifersucht einem Weibchen folgen und sich gegenseitig heiß bekämpfen. Da gelingt dem glücklichen Schützen häufig eine Dublette, und manch ein besonders Glücklicher hat schon mit einem Doppelschuß drei Schnepfen aus der Luft heruntergeholt. Die Liebessehnsucht und Kampflust der Langschnäbel wird von erfahrenen Jägern auch benutzt, um eine außer [248] Schußbereich vorüberziehende Schnepfe heranzulocken – sie werfen den Hut oder einen Handschuh in die Luft, und wenn der getäuschte Langschnabel in heißem Eifer herbeischwenkt, bekommt erstatt süßer Minne eine Ladung Schrot zu kosten. Aber auch der Jäger selbst ist auf dem Schnepfenstrich vor Täuschungen nicht sicher – er sieht im Feuer die „Schnepfe“ fallen, Mylord aber bringt ihm einen Sperber apportiert oder hebt im Dickicht ein greuliches Gewinsel und Heulen an, und wenn der Jäger in Verblüffung hinzuspringt, findet er statt der Schnepfe eine große Fledermaus, die sich Mylord verzeihlicherweise zu apportieren, weigert.

Die beste Strichzeit dauert immer nur wenige Tage. Aber die Jagd auf Einzelne Nachzügler hält den eifrigen Jäger noch bis in die Mitte April auf den Beinen. Ueberhauchen sich aber die Birkenwipfel mit lichtem Grün, singt in den knospenden Buchenbüschen das kleine Schwarzplättchen seine stille, zierliche Weise, blühen auf den smaragdenen Wiesen die goldgelben Butterblumen und zwitschert die nestbauende Schwalbe auf den Dächern des Dorfes, so hat’s ein Ende mit der Schnepfenfreude. Dann heißt es: „Hahn in Ruh’!“ und Schonung für die brütenden Langschnäbel – und der Jäger, der sich nicht den gefürchteten „Heringskopf“ verdiente, mag ohne Kümmernis das alte Liedlein summen:

„Palmarum,
Tralarum!“

Ludwig Ganghofer.
  1. Mitgeteilt in Dr. J. Hoffmanns trefflicher Monographie „Die Waldschnepfe“.