Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Robert Keil
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ilmenauer Goethe-Erinnerungen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 854
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[854] Ilmenauer Goethe-Erinnerungen. Von den Reliquien, welche in der Umgegend Ilmenaus an Goethe und die frohen Tage der Genie-Periode erinnern, ist bekanntlich die interessanteste, das Goethe-Häuschen auf dem Kickelhahn, durch Unvorsichtigkeit von Beerensuchern, die darin übernachtet hatten, am 12. August 1870 vom Brande vernichtet worden. Am Morgen nach der Katastrophe stand ich an den wüsten, rauchenden Trümmern des Häuschens und suchte das Holz, auf welches Goethe am 7. September 1783 sein innig wehmüthiges Lied „Ueber allen Gipfeln ist Ruh’ etc.“ geschrieben hatte, zu retten. Leider war es mit vernichtet worden. Aber ein Bild des alten Bretterhäuschens, sowie eine Photographie des Goethe’schen Gedichtes existirte noch, und nach diesen Bildern ist auf Betrieb und unter Mitwirkung zahlreicher Goethe-Verehrer, vor Allem unseres hierfür begeisterten Ernst Keil, auf der alten Grundmauer das neue Häuschen als getreue Nachbildung des alten entstanden. Wenn auch das ringsum aufgewachsene Holz die Fernsicht über die Gipfel des Thüringer Waldes unmöglich macht, bietet doch der Aufenthalt in dem bescheiden kleinen Raume noch jetzt jene Stimmung, wie das am ursprünglichen Platze neben einem Fenster wieder angebrachte Gedicht unseres großen Dichters sie athmet.

Unfern davon, an dem Wege nach dem schönen Manebacher Grunde, ragt, aus üppig grüner Fichtenwaldung sich imposant erhebend, der große Hermannstein, eine zweite Erinnerung an Goethe. Schon im ersten Sommer seines weimarischen Lebens, am 19. Juli 1776, weilte er, von Manebach kommend, am Hermannstein. Am 22. Juli bestieg er ihn abermals und erklomm auch die kleine, in dem mächtigen Porphyrfelsen befindliche Höhle. In ihrer romantischen Waldeinsamkeit gefiel sie ihm ausnehmend; sie war „sein geliebter Aufenthalt, wo er wohnen und bleiben möchte“, und von dieser Höhle aus schrieb er an Frau von Stein:

„Wenn Du nur einmal hier sein könntest! Es ist über alle Beschreibung und Zeichnung. – Es bleibt ewig wahr: sich zu beschränken, einen Gegenstand, wenige Gegenstände recht bedürfen, sie auch recht lieben, an ihnen hängen, sie auf alle Seiten wenden, mit ihnen vereinigt werden, das macht den Dichter, den Künstler – den Menschen.“

Am 5. August traf dann auch Frau von Stein in Ilmenau ein, und schon am folgenden Tage führte er sie an seinen Lieblingsplatz, zum Hermannstein und in die Höhle. Ueber ihren Aufenthalt dort schrieb er am 8. August: „Wenn ich so denke, daß sie mit in meiner Höhle war, daß ich ihre Hand hielt, indeß sie sich bückte und ein Zeichen in den Staub schrieb – es ist wie in der Geisterwelt.“

Nach ihrer Abreise war er am 8. August wieder auf dem Hermannstein; er zeichnete die Höhle und grub zur Erinnerung an die Stunde vom 6. August ein S in den Felsen. An der Wand, dem Eingänge gegenüber, war dieses S als eine interessante Goethe-Erinnerung noch vor Kurzem zu sehen. Neuerdings ist dasselbe aber von frevelhafter Hand (die nicht bedachte, daß solche Reliquie eben nur an diesem Orte und in dieser Umgebung eine Bedeutung haben kann) abgestemmt und entwendet worden. Doch die alte Bank in der jetzt durch Stufen bequem zugänglich gemachten Höhle ist noch geblieben, und am Eingang zu letzterer ist (dem Vernehmen nach auf Anregung des Herrn Bergmeisters Mahr in Ilmenau) eine Erztafel angebracht, mit den schönen Goethe’schen Versen:

„Was ich leugnend gestehe und offenbarend verberge,
Ist mir das einzige Wohl, bleibt mir ein reichlicher Schatz.
Ich vertrau es dem Felsen, damit der Einsame rathe,
Was in der Einsamkeit mich, was in der Welt mich beglückt.“

So ehrte Ilmenau unsern großen Dichter, es hat ihm aber nicht nur da oben aus der waldigen Höhe an „seiner“ Höhle ein Erinnerungszeichen, sondern jetzt auch in nächster Nähe der Stadt ein einfach-schönes Denkmal gestiftet. Es ist das Werk des Ilmenauer Verschönerungsvereins und vor Allem des Herrn Oberamtsrichters Schwanitz in Ilmenau, der – als Vorsitzender des genannten Vereins – um die Verschönerung der Ilmenauer Umgegend sich hohe Verdienste erworben hat. Der Ertrag einer sinnigen Gedächtnißfeier, welche in Ilmenau zu Ehren der großen Künstlerin Corona Schröter an dem Tage stattfand, als an der Stätte ihrer Wohnung und ihres Todes eine Gedenktafel angebracht wurde, ist zu dem Denkmal für den Dichter mit verwendet worden. Am Eingänge zum idyllischen Manebacher Grunde, rechts oberhalb des „Pindar-Brunnens“, wurde ein „Goethe-Platz“ angelegt; aus dem Felsen rauscht ein frischer Brunnen, und über diesem Brunnen ist ein nach der Rauch’schen Büste meisterhaft gefertigtes, großes bronzenes Portraitmedaillon Goethe’s in den Felsen eingefügt. Ruhebänke gegenüber, links und rechts, laden zur stillen Betrachtung ein. Es war ein schöner, heller Tag, als ich den von duftigem Grün umgebenen Platz betrat und mich dem Eindrücke hingab, den das ebenso schöne wie einfache Denkmal auf jedes Herz üben muß. Medaillon und Brunnen waren mit frischen Kränzen geschmückt; in den Büschen und Bäumen rauschte es; von dem Felsen schauten die markigen, genialen Züge Goethe’s, und durch die Seele gingen mir Schiller’s köstliche Verse:

„Selig, welchen die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schon
Liebten, welchen als Kind Venus im Arme gewiegt,
Welchem Phöbus die Augen, die Lippen Hermes gelöset,
Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirne gedrückt!“

Robert Keil.