Textdaten
<<< >>>
Autor: Brüder Grimm
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Hildegard
Untertitel:
aus: Deutsche Sagen, Band 2, S. 102-104
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Nicolai
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons,Google
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: [1]
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[102]
437.
Hildegard.
Annales campidonenses.

Nic. Frischlini comoedia: Hildegardis magna.
Vergl. Vinc. bellovac. sp. hist. VII. c. 90-92. und das altd. Gedicht Crescentia.


Kaiser Carl war im Heereszug, und hatte die schöne Hildegard seine Gemahlin zu Hause gelassen. Während der Zeit muthete ihr Taland, Carls Stiefbruder an, daß sie zu seinem Willen seyn möchte. Aber die tugendhafte Frau wollte lieber den Tod leiden, als ihrem Herrn Treue brechen; doch verstellte sie sich, und gelobte dem Bösewicht in sein Begehren zu willigen, so bald er ihr dazu eine schöne Brautkammer würde haben bauen lassen. Alsbald baute Taland ein kostbares Frauengemach, ließ es mit drei Thüren verwahren, und bat die Königin, hinein zu kommen und ihn zu besuchen. Hildegard that als ob sie ihm nachfolgte, und bat ihn voraus zu gehen; als er fröhlich durch die dritte Thüre gesprungen war, warf sie schnell zu und legte einen schweren Riegel vor. In diesem Gefängniß blieb Taland eine Zeit lang eingeschlossen, bis Carl siegreich aus Sachsen heimkehrte; da ließ sie ihn aus Mitleiden und auf vielfältiges erheucheltes Flehen und Bitten los, und dachte, er wäre genug gestraft. Carl aber, als er [103] ihn zuerst erblickte, fragte: „warum er so mager und bleich aussähe? Daran ist eure gottlose, unzüchtige Hausfrau Schuld – antwortete Taland; die habe bald gemerkt, wie er sie sorgsam gehütet, daß sie keine Sünde begehen dürfen, und darum einen neuen Thurm gebaut und ihn darin gefangen gehalten.“ Der König betrübte sich heftig über diese Nachricht, und befahl im Zorn seinen Dienern, Hildegard zu ertränken. Sie floh und barg sich heimlich bei einer ihrer Freundinnen; aber sobald der König ihren Aufenthalt erfuhr, verordnete er aufs Neue: sie in einen Wald zu führen? da zu blenden, und so beider Augen beraubt, Landes zu verweisen. Was geschah? Als sie die Diener ausführten, begegnete ihnen ein Edelmann, des Geschlechts von Freudenberg; den hatte gerade Gräfin Adelgund ihre Schwester mit einer Botschaft zu Hildegarden abgesandt. Als dieser die Gefahr und Noth der Königin sah, entriß er sie den Henkersknechten und gab ihnen seinen mit laufenden Hund. Dem Hunde stachen sie die Augen aus, und hinterbrachten sie dem König, zum Zeichen, daß sein Befehl geschehen wäre. Hildegard aber, als sie mit Gottes Hülfe gerettet war, zog in Begleitung einer Edelfrau, Namens Rosina von Bodmer nach Rom, und übte die Heilkunst, die sie ihr Lebtag gelernt und getrieben hatte, so glücklich aus, daß sie bald in großen Ruhm kam. Mittlerweile strafte Gott den gottlosen Taland mit Blindheit und Aussatz. Niemand vermochte ihn zu heilen, und endlich hörte er, zu Rom lebe eine berühmte

[104] Heilfrau, die diesem Siechthum abhelfen könne. Als Carl nun nach Rom zog, war Taland auch im Gefolg, erkundigte der Frauen Wohnung, nannte ihr seinen Namen, und begehrte Arzenei und Hülfe für seine Krankheit; er wußte aber nicht, daß sie die Königin wäre. Hildegard gab ihm auf, daß er seine Sünden dem Priester beichten und Buße und Besserung geloben müsse; dann wollte sie ihre Kunst erweisen. Taland that es und beichtete; darauf kam er wieder zur Frauen hin, die ihn frisch und gesund machte. Ueber diese Heilung wunderten sich Pabst und König aus der Maßen, und wünschten die Aerztin zu sehen und besandten sie. Allein sie erbot sich, daß sie Tags darauf in das Münster St. Petri gehen wollte. Da kam sie hin, und berichtete dem König ihrem Herrn alsbald die ganze Geschichte, wie man sie verrathen hatte. Carl erkannte sie mit Freuden, und nahm sie wieder zu seiner Gemahlin; aber seinen Stiefbruder verurtheilte er Todes. Doch bat die Königin sich sein Leben aus, und er wurde blos in das Elend verwiesen.