Hermann Sudermanns „Johannes“

Textdaten
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Autor: Rudolf Stratz
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Titel: Hermann Sudermanns „Johannes“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 116–117
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1898
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Hermann Sudermanns Johannes
Von Rudolf Stratz.
(Mit den Bildern S. 117 und 120 und 121.)

Aus der Messias-Stimmung ist diese Tragödie geboren, aus einem brünstigen Sehnen und Bangen nach der Erlösung, nach dem großen Wunder, das da kommen muß, weil, was da ist, nicht länger bestehen kann.

In die Zeit vor Sonnenaufgang führt uns der „Johannes“, in eine Wüstennacht voll Schwüle und Beklemmung, in der zwischen totem Gestein die Winde klagen und hoch oben kalt und stumm die Sternenpracht sich über Palästina wölbt. Fern am Horizont loht der Flammendunst des großen Brandopferaltars zu Jerusalem, ein blutiger Wiederschein der Vergangenheit, die dort noch lebendig ist. Aufrecht stehen dort im Schein der von Priesterhand geschürten Feuersäulen die starren Tafeln des Gesetzes, das, wie es die Schriftgelehrten auslegen, härter noch als die Faust des römischen Zwingherrn auf dem auserwählten Volke lastet. Aber nicht allen, die da zu Boden getreten auf den Messias harren, will noch genügen, was von ihm die alten Propheten verheißen. Durch die Nacht gleiten schattenhafte, flüsternde Gestalten dahin, Mühsame und Beladene, die es aus dem Feuerkreis des Altars hinaustreibt in die Schauer der Oede zu dem einsamen Büßer mit Pilgerstab und härenem Gewand, zu dem Prediger in der Wüste, zu Johannes dem Täufer. Er ist ihre Hoffnung, wie er den Pharisäern und Tempelpriestern ein Greuel ist, – er wird, wenn die Zeit sich erfüllt, den Messias erkennen und ihm den Weg bereiten, denn seine Augen haben schon einmal den Heiland geschaut.....

Im Jordan hat ihn Johannes mit bebender Hand getauft – so verkündet er den ihn umlagernden Jüngern und Jüngerinnen – und hat den Geist Gottes über ihn kommen gesehen gleich einer weißen Taube und die Stimme des Herrn gehört: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ Seitdem glaubt und hofft er es, wenn auch in immer wieder sich aufbäumenden Zweifeln: Der Erlöser ist da! Er wandelt schon auf Erden in der Gestalt jenes Jünglings aus Galiläa, den er nie wieder gesehen, dessen Namen über die Lippen zu bringen dem Täufer und Büßer halb die Ehrfurcht, halb die innere Unsicherheit verbietet.

Denn das Bild jenes milde lächelnden Zimmermannssohnes aus Galiläa war anders als er, Johannes, sich den Befreier Israels, den neuen König der Juden denkt. Vom Buchstaben des Gesetzes hat sich der Wüstentäufer wohl getrennt, aber der Geist des Gesetzes lebt noch in ihm. Johannes kann sich seinen himmlischen König nur als einen finstern Gott des Zornes und der Rache vorstellen, der an den Lauen in Israel und allen Feinden Israels ihre Sünden eifrig heimsucht bis ins dritte und vierte Glied.

Eben jetzt – und damit treten wir in die äußere Handlung der Tragödie ein – ist eine Missethat, ein Verbrechen gegen das Gesetz geschehen, das zum Himmel schreit: Herodes, der Vierfürst von Galiläa, will mit Herodias, seines leiblichen Bruders entlaufener Frau, am ersten Passahtage den Tempel zu Jerusalem betreten und dort von den Priestern die Ehebrecherin zu seinem Weibe segnen lassen! Die Priester scheinen dazu bereit. Das Letzte, woran sich Israel in Not und Fremdherrschaft klammert, das Gesetz, ist im Wanken, alles umher bricht in Schmach und Schuld zusammen – da richtet sich der Prediger in der Wüste auf. Von seinen Jüngern begleitet, steigt er hernieder aus der Wildnis in die menschenwimmelnden Gassen, wie Donner grollt seine Stimme im Ohr des schlafenden Volkes, Feuer geht aus seinem Munde und läßt ganz Jerusalem in einem einzigen Zorn wider Herodes, wider Herodias und die Priester aufflammen. Alle glauben dem grimmen Täufer. Nur er glaubt nicht mehr an sich selbst. Ihm ist plötzlich, unversehens und gewaltig, ein Hauch aus einer andern Welt entgegen geschlagen – ein paar arme Worte nur – rasch hingeworfen im Streit zwischen einem Pharisäer und einem Pilger aus Galiläa – und doch ihn erschütternd bis in die Tiefen seiner Brust.

„Höher denn Gesetz und Opfer ist die Liebe“ hatte der Mann aus Galiläa gesagt und mitleidigen Herzens die Bettlerin getränkt, die jener Pharisäer als „unrein“ von sich stieß. Und immer stärker klingt in Johannes das geheimnisvolle Wort, die erste Kunde aus Galiläa, der erste Wiederhall aus dem Munde jenes, den er einst getauft im Jordan. Vor diesem erschütternden Rätsel wird ihm alles andere klein. Der Vierfürst Herodes mit seinen Weiberhändeln kümmert ihn kaum mehr. Er sucht nur eines noch: den im Volksgedränge verschwundenen Galiläer, und da er ihn als Leiche wiederfindet – getroffen vom Dolch eines Wüstenzeloten, der das beleidigte Gesetz an ihm rächte –, sucht er andere Galiläer und findet endlich im Morgengrauen vor dem großen Tempel ihrer zwei, die dort mit anderem Volk auf die Zeit zum Frühgebet warten. Arme, flache Köpfe sind es, stumpfsinnige Fischer von den Ufern des großen Sees, aber auch aus ihrem Munde klingt, als der Täufer sie fiebernd ausforscht, unverstanden, in kindischem Lallen die welterschütternde Mahnung: „Liebet eure Feinde! – Segnet, die euch fluchen! Thut wohl denen, die euch hassen!“

Noch versteht der Täufer das Gebot seines Herrn nicht. Aber ihm bleibt kein Zweifel mehr: Es ist kein Gott des Zornes, dem er den Weg bereitet, sondern ein Gott der Liebe, kein goldgepanzerter Rachekönig, sondern ein weißgekleideter Fürst des Friedens, und nicht im Hasse wird die Erlösung kommen, sondern im Verzeihen.

Da beugt sich Johannes stumm dem Geheiß des Größeren, dem er bangenden Herzens dient. Und als nun Herodes an der Seite der Ehebrecherin zum Tempel schreitet, den Segen der Priester zu empfangen, und der Täufer, von zürnendem Volk umringt, als sein Rächer und Richter erhobenen Armes vor ihm steht, um das verbrecherische Paar zu steinigen – da läßt Johannes aus der niedersinkenden Faust den Stein zu Boden rollen und schont das Leben des Feindes „– im Namen dessen, der – mich – dich – lieben heißt....“

Die Lehre der reinen Liebe, zu der er nicht gerüstet war, bringt Johannes den inneren Zusammenbruch, den seelischen Tod. Sein äußeres Ende führt die sündige Liebe herbei, die ihm verlockend aus Herodias’ heißen Blicken und aus Salomes, ihrer Tochter, noch kindlich hellen Lasteraugen entgegenfunkelt. Der nach ihm kommt, der Größere, verzeiht der Ehebrecherin und fragt, wer den ersten Stein wider sie erhebe. Johannes aber hat des Philippus entlaufenes Weib mit den Feuerwellen seines Zelotenzorns überschüttet und weist in eisiger Verachtung die junge Salome ab, die sich ihm, dem Gefangenen im Turm des Herodes, schmeichelnd nähert. Damit erfüllen sich seine irdischen Tage. Die beiden Weiber, Tigerin und Tigerkatze, sinnen auf seinen Untergang und – getreu der Ueberlieferung – fordert Salome als Preis des Tanzes, den sie beim Gelage ihres Stiefvaters und seines Gastes, des römischen Legaten, ausgeführt: „auf goldener Schüssel das Haupt Johannes des Täufers ...!“

Dieses Verlangen wird ihr von dem schwachen Herodes, wenn auch zögernd, gewährt. Johannes wird herbeigeführt und vernimmt, daß sein Tod beschlossen. Er hängt nicht am Leben. Nur das Eine möchte er noch wissen, ehe er scheidet – ob wirklich dies Leben ein einziger großer Irrtum war, ob das Gesetz, von dem er sich losgerungen, um dem kommenden König den Pfad zu ebnen, – ob dies Gesetz sich in der Liebe erfüllt, die er überall von sich gestoßen, wo sie gläubig und vertrauend, verlockend und sündhaft die Hände zu ihm hob. Seine beiden letzten Jünger hat er ausgesendet dahin, wo Jesus von Nazareth weilt – und jetzt eben, in letzter Stunde, bringen sie ihm die Antwort des Erlösers: „Selig ist. der sich nicht an mir ä6rgert!“ Die Jünger des Täufers haben das Wort geheimnisvoller Weisheit nicht verstanden. Johannes aber begreift es. Er weiß jetzt: das Heil ist in der Welt! und geht lächelnd sterben. Jesus aber kommt. Draußen auf den Straßen braust das Hosiannah! – über den Häuptern der Tausende, die Gassen und Dächer übersäet halten, neigen sich zum Jubelgruß die Palmenzweige, und während hinter der Scene Salome in halbem Wahnsinn tanzt mit dem Haupt des Täufers auf der Schüssel – während die [117] Römer unbekümmert schmausen und des Herodes zitternder Hand der Becher entfällt, mit dem er zum Hohn dem neuen König der Juden zutrinken will, hält unten der König der weltüberwindenden Liebe seinen Einzug – ein Schlußbild von reinster Erhabenheit,

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Josef Kaint als Johannes.

Weihe und Kraft, in denen das gewaltige Drama ausklingt.

Sudermanns „Johannes“ ist also kein Theaterstück im gewöhnlichen Sinn des Wortes. Es ist ein Dichterwerk, das weit über den Spannkreis unseres alltäglichen Empfindens hinaus das umfaßt, was ewig in der Menschheit ist. An Werke von solchen Dimensionen gewöhnt man sich nicht auf den ersten Blick. Ihr volles Verständnis will errungen sein und lohnt dem Unbefangenen und Einsichtigen reichlich alle Mühen. Denn was in dieser Dichtung dem „Johannes“ in der Seele ringt, das bewegt noch heute die Herzen überall, wo Menschen ringen und streben und nach einem neuen Heile fiebernd spähen. Und welche Zeit wäre wohl reicher an solchem Dürsten und Sehnen als unsere Gegenwart? Wo ließe sich ein sittlich reinerer und erhabenerer Vorwurf finden als diese Tragödie des Einsamen, der nach Erlösung bangt und zu spät erkennt, daß die Erlösung längst in der Welt ist, daß sie Menschenliebe heißt und daß er blind und fühllos durch diese Welt voll Liebe gegangen?

Die reine Wirkung der ersten Aufführung des Werks in Berlin wurde zweifellos durch den Umstand beeinträchtigt, daß der Behörde, die sich Berliner Theatercensur nennt, diese Quintessenz christlicher Weltauffassung irreligiös und unmoralisch schien, so daß sie den „Johannes“ verbot. So geschehen im August des Jahres des Heils 1897 in der Reichshauptstadt Berlin, in der – nebenbei bemerkt – die anrüchigsten Pariser Schwanke allabendlich an zwei, drei Bühnen unbeanstandet gespielt werden. Anderswo aber dachte man zum Glück anders und höher. Der Intendant Baron Putlitz nahm das Stück für das Stuttgarter Hoftheater an, sein Amtsgenosse Graf Seebach in Dresden folgte alsbald seinem dankenswerten Beispiel – und wir hätten beinahe das seltsame, aber für die gegenwärtigen Verhältnisse kennzeichnende Schauspiel erleben können, daß ein Werk auf zwei unserer größten Hoftheater im Reiche gespielt, von einer Privatbühne in der Reichshauptstadt aber ferngehalten wurde! Doch ehe es dazu kam, gab der preußische Minister des Innern den „Johannes“ unter einigen ganz unwesentlichen Kürzungen frei, und nun fand am 15. Januar im „Deutschen Theater“ die Erstausführung mit einem Erfolge statt, der bei den Wiederholungen sich noch steigerte und gewiß ebenso auf jeder anderen Bühne und bei jedem anderen für ernsten Kunstgenuß empfänglichen Publikum sich einstellen wird. Es war ein Ehrenabend für das „Deutsche Theater“, nicht nur, was das Werk, sondern auch was die Darstellung betrifft. Die ersten Künstler, wie Agnes Sorma (Salome), Josef Kainz (Johannes), Luise Dumont (Herodias), Emanuel Reicher (Herodes), Hermann Müller (Pharisäer), Hermann Nissen, Hermann Leffler u. a. schienen, getragen von der Kraft ihrer Rollen, ihr eigenes Können überbieten zu wollen, und die ganze große Schar der Mitwirkenden eiferte ihnen getreulich nach.




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Die Gartenlaube (1898) b 0120.jpg

Salome tanzt vor Herodes
Scene aus der Sundermanntragödie „Johannes“.
Nach der Aufführung im „Deutschen Theater zu Berlin“ gezeichnet von E. Thiel.