Textdaten
<<< >>>
Autor: S.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Heinrich Findelkind
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 98
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1898
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[98] Heinrich Findelkind. Man ist leicht zu der Annahme geneigt, daß die „Humanität“ und der soziale Wohlthätigkeitssinn Errungenschaften der aufgeklärteren Neuzeit seien, und übersieht, welche umfänglichen Wohlfahrtseinrichtungen bereits das Mittelalter geschaffen hat, hauptsächlich durch die Thätigkeit einiger großer Ordensgesellschaften. Zu der Zeit, als die Kreuzes- und St. Valentinsbrüder und der Johanniter- und Deutschorden eine Reihe von Rettungs-, Kranken- und Pilgrimhäusern auf mehreren Alpenstraßen unterhielten, war die von solchen Anstalten entblößte Arlbergstraße fast verödet. Da sah einst ein junger Schweinehirt, ein Findling, als er seinem Brotherrn Jäcklein über Rhein das Schwert zur Kirche nachtrug, wie man eine Anzahl auf dem Arlberg im Schnee umgekommener Reisenden daherbrachte. Dieser jammervolle Anblick griff dem armen Heinrich Findelkind so ans Herz, daß er seinen ganzen Reichtum, in zehn Jahren mühselig ersparte fünfzehn Gulden, sogleich den Umstehenden anbot, damit jemand unter ihnen, wie er in seiner Lebensgeschichte erzählt, „einen Anfang wollt anheben auf den Arlperg, das die Leut also nicht verdürben“. Man mag über den anscheinend überspannten jungen Menschen wohl die Achseln gezuckt und gelächelt haben; er aber vertraute in seiner reinen, kindlichen Herzenseinfalt auf Gottes Hilfe, übernahm mutig die Rolle eines Schutzengels für die Alpenreisenden und rettete, seine fünfzehn Gulden freudig dabei opfernd, schon im ersten Winter sieben Menschen das Leben. Unterstützt von „Gott und ehrbare Leut“, setzte er sieben Jahre lang sein Werk christlicher Nächstenliebe fort und rettete weitere fünfzig Menschen vor dem Tode. Dann gedachte er auf dem Arlberg ein Hospiz zu bauen. Herzog Leopold von Oesterreich erteilte ihm 1386 einen Geleitsbrief, in welchem er den „arm Knecht Hainrich von Kempten“ nachdrücklich dem Schutz aller Beamten empfahl, denn er, der Herzog, habe Heinrichs guten Vorsatz erkannt und bedacht, daß viele guten Dinge von „ainfeltigen“ Leuten angefangen worden seien.

Nun zog Heinrich fast drei Jahrzehnte, von 1386 bis 1414, unter Entbehrungen und Gefahren seine frommen Beiträge sammelnd rastlos durch die deutschen Lande, durch Ungarn und Polen, Böhmen und die adriatischen Küstenländer, bis der Traum seiner Jugend, der Traum seines erbarmenden Herzens erfüllt wurde und er das rettende Hospiz auf dem Arlberg erbauen, die St. Christophsbruderschaft zur Pflege der Reisenden gründen und in das Haus einsetzen konnte. Noch sind das Bruderschaftsbuch und die Bruderschaftsordnung im Wiener Staatsarchiv aufbewahrt. Als erstes Mitglied steht im Buch Herzog Leopold (der Stolze) eigenhändig verzeichnet. – Reichen Segen hat das Werk des armen Schweinehirten gestiftet; unzählige Wanderer haben in dem Hospiz Erholung gefunden, zahlreiche Reisende sind vor dem sicheren Verderben in den Schrecknissen der wilden Alpenwelt gerettet worden. Später, in Zeiten der Unruhen und Kriege, zerfiel die ehrwürdige Rettungsbruderschaft, und selbst den rastlosen Bemühungen des Pfarrers Jakob Feuerstein zu Zambs gelang es in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts nur, eine kurze, neue Blüte hervorzurufen. Der Dreißigjährige Krieg hat sie bald wieder vernichtet. Bloß ein Kirchlein und Wirtshaus zu St. Christoph erinnert durch seinen Namen noch an die alte Stiftung. Aber auch der Name Heinrich Findelkind möge in unserer Zeit der „sozialen Wohlthätigkeit“ wieder einmal genannt werden. S.