Haenel Kostbare Waffen/Tafel 15

Tafel 14 Kostbare Waffen aus der Dresdner Rüstkammer (1923) von Erich Haenel
Tafel 15
Tafel 16
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TAFEL 15
PRUNKHARNISCH DES
KURFÜRST CHRISTIAN II. VON SACHSEN
(1583–1611)
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[30] Eisen, gegraut und getrieben; mit Beschlägen aus vergoldetem Kupfer. – Kragen 3mal geschoben, Brust mit Grat und Gansbauch, einem Bauchreifen, Rücken mit kurzem Gesäßreifen, Achseln mit großen, je 3mal geschobenen Flügen, Armkacheln mit ganzen Muscheln, Handschuhe; Beintaschen 5mal geschoben; Beinzeug mit Ober- und Unterdiechlingen, 4mal geschobenen Kniebuckeln mit Muscheln, Beinröhren und Schuhen. Geschloßner Helm mit Kamm, Stirnstulp, spitz vorgetriebnem Visier und Kinnreff, Hals- und Nackenreifen 3mal geschoben. – Dazu Kürißsattel mit geschnittenen Blechen, Steigbügel, Roßstirn, und eine Sturmhaube. – Der ganze Harnisch, aus grauem Eisen, völlig getrieben und nachziseliert, zeigt eine Dekoration von Rollwerk, Ranken, Armaturen, dazwischen Früchte und Vögel. Die Verzierungen, aus gegossenem, vergoldetem Kupfer, mit Messingnieten über gepunztem Grund befestigt, enthalten hauptsächlich Reiterkämpfe zwischen römischen und orientalischen Kriegern, bei denen Lanzen, Schwerter, oft Krummschwerter, auch Pfeil und Bogen gebraucht werden, ferner Löwenkämpfe, Tiermasken, allerhand Ungeheuer, an den Rändern Blätter und sehr frei behandeltes Rollwerk. – Auf der linken Fußsohle, ins Ornament eingraviert, die Zahl 1599.

Ges. Inventar 1606, S. 175: Ein schoner Küriß mit getriebener Arbeit und zum Theil verguldet, … weichen mein gn. H. der Churfürst Christian der Andere gebraucht, sambt einer Schlagkhaube, Rücken, Brust, Kragen, Spangerol, armzeugk, handschuch, Beinteschlein, Kniebuckeln, ganze Beinschienen, Roßstirn, Sattelbeschlege und ein bahr Bügel, Ist von einem Augspurger den 23. Septembris Ao 1602 uff die Cammer erkaufft, und ao 1603 ufs Pferdt gesetzt … dabey ein schwarz sammeter schurz mit guldenen Posamen borten Verbremt ao 1612 gemacht.

Hettner-Büttner (a. a. O. Blatt 31, 111, 112) sprechen von der „altüberlieferten Annahme“, daß der Harnisch von dem Augsburger Plattner Desiderius Colman, gen. Helmschmied (erwähnt 1534–1575) stamme, den auch schon Frenzel (Der Führer durch das Hist. Mus. zu Dresden, 1850, S. 89) als Meister nennt, während die Inventare bis 1836 nur den Augsburger als Verkäufer erwähnen. Der von Gurlitt (a. a. O. S. 95) erwähnte Harnisch Karls V. (Leitner, Waffensammlung, Tafel LVI, jetzt Waffensammlung Wien, Nr. 368) ist technisch dem Dresdner Stück verwandt: er hat „vergoldete, getriebene, durchbrochene Kupferauflagen auf gebläutem (nach Boeheim: schwarz angelaufenem) Eisen“; doch ist er um etwa fünfzig Jahre älter. Stilistisch steht der Dresdner Harnisch dem Sebastians von Portugal (Real Armeria A 290), der nach Conde de Valencia eine Arbeit Pfeffenhausers ist, sowie der Sturmhaube Karls V. (Wien, Nr. 351, Boeheim, Album II, T. 16, Leitner, Arsenal-Museum, T. XIX) sehr nahe. Der von Boeheim, Augsb. Waffenschmiede S. 215 genannte, von Rockstuhl-Gille (Musée de Tsarskoe-Selo, T. 86) abgebildete, dem Schild Philipps II. (bez. und datiert 1552, Armeria A 241) verwandte Petersburger Rundschild aus Kupfer (Lenz-Katalog H 122) ist zwar 1556 datiert, gehört aber nach Gilles Text dem Ende des 16. oder Anfang des 17. Jahrhunderts an: auch er ist getrieben und vergoldet und trotz der Inschrift „Roma“, die nicht den Herstellungsort, sondern den der Darstellung bezeichnet, deutsche, d. h. Augsburger Arbeit: liest ja auch Boeheim (Repertorium VIII, 196) die Buchstaben des Schildes D. C. (nicht B. C., wie Gille und später Boeheim selbst in dem gen. Aufsatz des A. H. Jahrbuches), also Desiderius Colman. Seine Vermutung eines gleichnamigen Sohnes wäre danach nicht nötig; dagegen darf man nunmehr unsern Harnisch, sowie den sehr verwandten kupfervergoldeten Helm E 348, ein Weihnachtsgeschenk von 1589, sowie die dazugehörigen Sättel (K, VII, jetzt Saal 12, Schrank 129) als Arbeiten aus der Schule des Meisters bezeichnen, der, um 1515 bis 1520 geboren, zu dieser Zeit 70–75 Jahr alt war und wohl noch als Meister tätig gewesen sein kann. Die Tatsache, daß der bezeichnete Schild Philipps II. gebläut und getrieben ist, unterstützt diese Zuschreibung. – An der Grenze der Spätrenaissance zum Barock stehend, bietet der Harnisch in der Überfülle seiner rein dekorativ behandelten Verzierung ein Bild der Verwilderung des Geschmackes, der unter dem Einfluß der weitverbreiteten Ornamentstiche dem Reichtum der Gesamterscheinung die Straffheit des organischen Aufbaus opfert. – (FHM. E 8.)