Haenel Kostbare Waffen/Tafel 1

Kostbare Waffen aus der Dresdner Rüstkammer Kostbare Waffen aus der Dresdner Rüstkammer (1923) von Erich Haenel
Tafel 1
Tafel 2
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TAFEL 1
FELDHARNISCH
HERZOG HEINRICHS DES FROMMEN VON SACHSEN
(1473–1541)
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[2] Blank und glatt, nur die breiten Schuhe vorn geriffelt. Kragen 4mal geschoben, Brust rund, Rücken leicht eingedrückt, je 4 Bauch- und Gesäßreifen. Achseln 7mal geschoben, an dem zweiten Geschübe Brechränder, links breiter Vorderflug, an beiden Seiten sehr weit ausgreifende Hinterflüge, Henzen, kurze Beintaschen. Diechlinge 2mal, Kniee 4mal, Schuhe (Kuhmäuler) 10mal geschoben, die Schübe mit leichtem Zackenrand. Helm, im Kragen eingehend, mit aufschlägigem, absteckbaren Visier, weit vorgetriebner Gesichtsteil (Affenvisier), an den Ohren blütenförmige Messingrosetten. – Messingnieten.

Der steile Kürißsattel mit geätztem Rand (Blattornament), am Vorderbogen in gotisierenden Typen die Inschrift: Czu Godtt mein hofnūg.

Das Roßzeug (Caperation) durchweg schräg geriffelt, mit Rosetten und muschelförmigen Platten. Steigbügel, mit Messingeinlagen, die Schutzkästen der Riemenösen und die breiten Endungen der Seitenstangen mit maßwerkartig durchbrochenen Messingauflagen.

Um den Hals eine eiserne Kette, die sogenannte Friesenkette: eine Erinnerung an den Kriegszug gegen die Friesen des 1500 als Stellvertreter seines Vaters Albrecht in Franeker belagerten Herzogs. Vor dem Schicksal, an dieser Kette gehangen zu werden, bewahrte ihn sein Vater, der die Stadt entsetzte und ihn befreite.

Zuerst im Hauptinventar der Dresdner Rüstkammer von 1606, S. 141: „Ein blancker glatter Küriß, auf einen grauen Pferde sitzendt, Welcher Herzogk Heinrichenn zu Sachßen Hochloblicher seliger gedechtnus gewesenn. Darzu ist Rücken, brust, Kragen, Spangeröl, Armzeugk, Handschuch, ein geschloßen Helmlin mit einem schwarzen Federbusche, Kurtze Beintäschlin, lange Kniebuckeln, ganze beinschienen seit Sporen, schwarzen Bügeln gestreifft mit Messing … ein Sattel mit Blech beschlagen.“

Die Kette war damals noch für sich aufbewahrt (S. 907: „eine eiserne Ketten“). Bis 1821 (Inventar der Paillenkammer Nr. 138) war der Harnisch mit dem großen, reichgeätzten Gelieger verbunden, das die Devise „Semper suave“ trägt und heute dem Feldharnisch des Kurfürst August (Führer E 3, jetzt Saal 5; Tafel 5) beigegeben ist. Die Kette wurde erst bei der Neuaufstellung der Rüstkammer im Zwinger (Inventar des Schlachtsaales, 2. Galerie, 1836–38, S. 43) dem Harnisch umgehängt; das Roßzeug, früher, das heißt bis 1836, bei dem schwarzen halben Feldharnisch des Kurfürst Johann Friedrich, den er in der Schlacht bei Mühlberg trug (Führer G 60, jetzt Saal 5) wurde erst später beigefügt.

C. Gurlitt (Deutsche Turniere, Rüstungen und Plattner, S. 98) hält den Harnisch für ein Werk des Adrian Treytz von Innsbruck, der für die Herzöge Albrecht und Georg den Bärtigen von Sachsen gearbeitet hat. Boeheim (Meister der Waffenschmiedekunst vom 14. bis 18. Jahrhundert, S. 220) macht sich diese Vermutung nicht zu eigen; sie entbehrt auch der Begründung. Der Bau des Harnischs weist vielmehr auf das zweite Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts hin; der Sattel dürfte, dem Stil der Ätzung nach, etwas jünger sein; die Inschrift paßt gut zu dem Charakter des Fürsten.